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G – Die Wikinger

1. Wer waren die Wikinger?

Ein Name, der ein falsches Bild erzeugen kann

Beim Wort „Wikinger“ entsteht schnell ein vertrautes Bild: Männer mit Waffen steigen aus langen Schiffen, überfallen eine Küste und verschwinden wieder auf dem Meer. Dieses Bild ist nicht vollständig falsch. Es zeigt aber nur einen kleinen und besonders auffälligen Teil einer wesentlich größeren Lebenswelt.

Die Menschen, die heute gewöhnlich als Wikinger bezeichnet werden, bildeten weder ein einzelnes Volk noch eine geschlossene Nation. Sie lebten vor allem im Gebiet des heutigen Dänemarks, Norwegens und Schwedens. Dort gehörten sie zu unterschiedlichen regionalen Gemeinschaften, Herrschaftsgebieten und Familienverbänden. Sie hatten verwandte Sprachen, ähnliche handwerkliche Traditionen und teilweise gemeinsame religiöse Vorstellungen. Daraus entstand jedoch kein einheitliches „Wikingerreich“.

Auch sie selbst bezeichneten nicht grundsätzlich jeden Menschen aus Skandinavien als Wikinger. Der Begriff beschrieb ursprünglich eher eine Tätigkeit oder eine besondere Form der Fahrt. Auf einigen Runensteinen erscheint er im Zusammenhang mit Menschen, die sich auf einer Handels-, Kriegs- oder Beutefahrt befanden. Man konnte also gewissermaßen „auf Wikingerfahrt“ sein, ohne deshalb sein gesamtes Leben lang ein Wikinger gewesen zu sein.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Ein Mann konnte zu Hause einen Hof bewirtschaften, Tiere versorgen und seine Familie ernähren. Zu einem anderen Zeitpunkt konnte er sich einer Schiffsbesatzung anschließen und für einige Monate oder Jahre Händler, Krieger oder Entdeckungsfahrer sein. Nach seiner Rückkehr begann wieder das alltägliche Leben auf dem Hof.

Der Begriff „Wikinger“ bezeichnete deshalb ursprünglich nicht einfach die gesamte Bevölkerung Skandinaviens. Heute wird er jedoch häufig als verständlicher Sammelbegriff für die Menschen und die Kultur der Wikingerzeit verwendet. Auch auf dieser Webseite geschieht das. Dabei bleibt jedoch wichtig, dass nicht alle Menschen jener Zeit auf Reisen gingen und schon gar nicht alle an Raubzügen oder Kriegen beteiligt waren.

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Woher stammt das Wort „Wikinger“?

Die genaue Herkunft des Wortes ist bis heute nicht abschließend geklärt. Es könnte mit dem altnordischen Wort für eine Bucht oder einen Küstenabschnitt zusammenhängen. Eine andere Erklärung stellt einen Bezug zur Landschaft Viken im Bereich des Oslofjords her. Daneben gibt es weitere sprachwissenschaftliche Deutungen.

Keine dieser Erklärungen ist so eindeutig bewiesen, dass sie allein als endgültige Lösung gelten könnte. Sicherer ist die Beobachtung, wie der Begriff in zeitgenössischen oder annähernd zeitgenössischen Zusammenhängen verwendet wurde: Er bezeichnete häufig eine Fahrt oder die Menschen, die an einer solchen Fahrt teilnahmen.

Das heutige Bild hat den Begriff stark erweitert. Wenn heute von „den Wikingern“ gesprochen wird, sind damit häufig alle Menschen gemeint, die während der Wikingerzeit in den nordischen Gesellschaften lebten. Historisch genauer wäre es jedoch, zwischen der gesamten Bevölkerung und den Menschen zu unterscheiden, die tatsächlich auf Fahrt gingen.

Diese Unterscheidung nimmt den Wikingern nichts von ihren außergewöhnlichen Leistungen. Im Gegenteil: Sie macht deutlicher, auf welcher Grundlage diese Leistungen möglich wurden. Hinter jedem Schiff, das zu einer langen Reise aufbrach, standen Höfe, Handwerker, Familien, Nahrungsmittelvorräte und eine Gesellschaft, die ein solches Unternehmen überhaupt erst ermöglichen konnte.

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Wann war die Wikingerzeit?

Auch die Wikingerzeit begann nicht an einem einzigen Tag und endete nicht überall gleichzeitig. Historiker und Archäologen setzen ihre zeitlichen Grenzen deshalb unterschiedlich.

Häufig wird sie ungefähr vom späten 8. Jahrhundert bis zur Mitte oder zum Ende des 11. Jahrhunderts eingeordnet. Das Schwedische Historische Museum verwendet für seine Darstellung beispielsweise den Zeitraum von etwa 750 bis 1100. In anderen Einteilungen reicht die Wikingerzeit ungefähr von 800 bis 1050. Die Unterschiede entstehen unter anderem dadurch, dass Entwicklungen in Dänemark, Norwegen und Schweden nicht vollkommen gleichzeitig verliefen.

Die Bezeichnung „Wikingerzeit“ wurde zudem erst viel später als wissenschaftlicher Name für diese Epoche gebräuchlich. Die Menschen selbst wachten also nicht eines Morgens auf und stellten fest, dass nun die Wikingerzeit begonnen hatte. Für sie veränderte sich ihre Welt Schritt für Schritt.

Neue Schiffstypen ermöglichten längere Reisen. Handelsverbindungen wurden ausgebaut. Herrschaftsgebiete entstanden, wuchsen oder zerfielen wieder. Das Christentum breitete sich aus und traf auf ältere religiöse Traditionen. Aus kleineren regionalen Machtbereichen entwickelten sich allmählich größere Königreiche.

Für „Zurück in Vinland“ ist vor allem die Zeit um das Jahr 1000 von Bedeutung. Die Wikingerzeit hatte damals bereits eine lange Entwicklung hinter sich. Island war besiedelt, auf Grönland bestanden nordische Höfe, und Seefahrer verfügten über Erfahrungen mit langen Reisen durch den Nordatlantik. Die Fahrt nach Vinland war deshalb kein völlig isoliertes Wunder, sondern der nächste außergewöhnliche Schritt innerhalb einer bereits weit ausgedehnten nordischen Welt.

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Keine einheitliche Nation

Die Bezeichnung „die Wikinger“ kann leicht den Eindruck erwecken, als habe es sich um eine klar abgegrenzte Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Regierung und einem gemeinsamen Ziel gehandelt. Die tatsächlichen Verhältnisse waren wesentlich vielfältiger.

Die Menschen lebten in unterschiedlichen Landschaften und unter unterschiedlichen Bedingungen. Ein Bauer an einer dänischen Küste führte ein anderes Leben als eine Familie in einem norwegischen Fjord oder ein Händler an einem schwedischen Handelsplatz. Regionale Traditionen, wirtschaftliche Möglichkeiten und politische Bindungen unterschieden sich.

Auch die heutigen Staaten Dänemark, Norwegen und Schweden existierten zu Beginn der Wikingerzeit noch nicht in ihrer späteren Form. Es gab Häuptlinge, regionale Herrscher, einflussreiche Familien und sich wandelnde Bündnisse. Manche Herrscher gewannen über größere Gebiete Macht, verloren sie jedoch möglicherweise schon in der nächsten Generation wieder.

Die Menschen verbanden dennoch viele kulturelle Gemeinsamkeiten. In weiten Teilen Skandinaviens wurden eng verwandte Formen des Altnordischen gesprochen. Ähnliche Bauweisen, Kunstformen, Werkzeuge, Schiffe und Bestattungsbräuche finden sich in verschiedenen Regionen. Handelswege und familiäre Verbindungen sorgten dafür, dass Menschen, Waren und Vorstellungen über große Entfernungen weitergegeben wurden.

Man kann deshalb von einer nordischen Kulturwelt sprechen. Diese Kulturwelt war eng miteinander verbunden, aber nicht einheitlich organisiert.

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Das Leben spielte sich meistens an Land ab

Die eindrucksvollsten Zeugnisse der Wikingerzeit sind häufig Schiffe, Waffen, Runensteine und Berichte über weite Reisen. Dadurch kann leicht der Eindruck entstehen, das Leben habe sich vor allem auf dem Meer oder im Kampf abgespielt.

Für die meisten Menschen war jedoch der Hof der Mittelpunkt ihres Lebens. Ein großer Teil der Bevölkerung arbeitete in der Landwirtschaft. Felder mussten bestellt, Tiere versorgt, Gebäude instand gehalten und Vorräte für den Winter angelegt werden. Hinzu kamen Fischfang, Jagd, Textilherstellung, Holzverarbeitung, Schmiedearbeiten und zahlreiche weitere Tätigkeiten.

Auch Männer, die gelegentlich an einer Reise teilnahmen, verbrachten den größten Teil ihres Lebens nicht auf einem Kriegsschiff. Archäologische Funde zeigen, dass Waffen und besonders kostbare Ausrüstungsgegenstände nur in einem Teil der Gräber vorkommen. Die meisten Männer führten wahrscheinlich ein gewöhnliches Leben als Bauern, Handwerker und Versorger ihrer Familien.

Das Wort „gewöhnlich“ darf dabei nicht mit „einfach“ verwechselt werden. Das Leben stellte hohe Anforderungen. Eine schlechte Ernte, ein langer Winter, Krankheiten oder der Verlust von Nutztieren konnten die Existenz eines Hofes gefährden. Viele Arbeiten erforderten große Erfahrung und handwerkliches Können.

Wer ein hochseetaugliches Schiff bauen, ein Segel weben, Eisen verarbeiten, Nahrung über Monate haltbar machen oder sich in unbekannten Gewässern orientieren konnte, verfügte über ein Wissen, das über Generationen weitergegeben worden war.

Die berühmten Reisen der Wikinger waren deshalb keine von ihrem Alltag getrennten Leistungen. Sie bauten auf genau diesem Wissen auf.

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Bauern, Fischer, Handwerker und Händler

Die nordischen Gesellschaften lebten von sehr unterschiedlichen Tätigkeiten. Welche davon besonders wichtig waren, hing stark von der jeweiligen Region ab.

Wo fruchtbare Böden vorhanden waren, wurden Getreide und andere Nutzpflanzen angebaut. Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine lieferten Fleisch, Milch, Wolle, Leder und weitere Rohstoffe. In Küstengebieten und an Flüssen spielte der Fischfang eine große Rolle. Jagd und das Sammeln wild wachsender Pflanzen ergänzten die Ernährung.

Handwerker stellten Werkzeuge, Waffen, Schmuck, Gefäße, Kleidung und Bauteile für Häuser und Schiffe her. Manche Arbeiten wurden auf den Höfen ausgeführt, andere von Menschen, die sich auf bestimmte Tätigkeiten spezialisiert hatten.

Der Handel verband die nordischen Regionen miteinander und reichte weit über Skandinavien hinaus. An Handelsplätzen trafen Kaufleute, Handwerker und Reisende aufeinander. Aus dem Ausland gelangten unter anderem Silber, Glas, Schmuck, Stoffe und weitere begehrte Waren in den Norden. Aus den nordischen Gebieten wurden beispielsweise Pelze, Eisen, Bernstein und andere Rohstoffe ausgeführt. Der Handel war ebenso charakteristisch für die Wikingerzeit wie die gewaltsamen Unternehmungen, die in späteren Berichten wesentlich stärker hervorgehoben wurden.

Zur historischen Wirklichkeit gehörte allerdings auch die Sklaverei. Menschen wurden bei Überfällen gefangen genommen, verkauft und zur Arbeit gezwungen. Unfreie Menschen waren ein Bestandteil der damaligen Gesellschaft und des überregionalen Handels. Dieser Teil der Wikingerzeit darf nicht ausgeblendet werden, auch wenn er nicht dem romantischen Bild mutiger Entdeckungsfahrer entspricht.

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Seefahrer, Krieger und Entdeckungsreisende

Nur ein Teil der Bevölkerung ging auf lange Fahrt. Dieser Teil hinterließ jedoch besonders deutliche Spuren.

Manche Besatzungen fuhren los, um Handel zu treiben. Andere suchten Beute, kämpften für einen Herrscher oder wollten in einem anderen Gebiet Land gewinnen. Wieder andere verbanden mehrere Ziele miteinander. Eine zunächst friedliche Handelsreise konnte sich verändern, wenn sich eine Gelegenheit zur Plünderung ergab. Umgekehrt entstanden aus militärischen Unternehmungen manchmal dauerhafte Niederlassungen.

Die Menschen auf den Schiffen waren deshalb nicht ausschließlich Händler, Krieger oder Entdecker. Diese Rollen konnten ineinander übergehen. Entscheidend waren das Ziel einer Fahrt, die Zusammensetzung der Besatzung und die Möglichkeiten, die sich unterwegs ergaben.

Die Fahrten verlangten Mut, aber Mut allein hätte nicht ausgereicht. Erforderlich waren geeignete Schiffe, Kenntnisse über Wind und Wetter, ausreichende Vorräte, seemännische Erfahrung und eine Besatzung, die über lange Zeit zusammenarbeiten konnte.

Einzelne Menschen unternahmen Fahrten, die sie über Tausende Kilometer führten. Nordische Seefahrer erreichten die Britischen Inseln, den europäischen Kontinent, Gebiete im Osten, das Mittelmeer, Island, Grönland und schließlich Nordamerika. Die genauere Ausdehnung ihrer Siedlungsgebiete und Fahrtrouten wird in den folgenden Abschnitten behandelt.

Die große historische Leistung der Wikingerzeit bestand deshalb nicht allein darin, dass Menschen weit reisten. Sie bestand darin, dass eine überwiegend bäuerlich und handwerklich geprägte Gesellschaft Schiffe, Kenntnisse und Organisationsformen hervorbrachte, mit denen solche Reisen überhaupt möglich wurden.

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Ein genauerer Blick auf den Begriff

Auf dieser Webseite wird der Begriff „Wikinger“ weiterhin verwendet. Er ist vertraut, verständlich und eng mit der Geschichte von „Zurück in Vinland“ verbunden.

Gemeint sind damit jedoch nicht nur bewaffnete Männer auf Schiffen. Gemeint ist die gesamte nordische Lebenswelt der Wikingerzeit: Bauern und Fischer, Frauen und Kinder, Handwerker und Händler, freie und unfreie Menschen, regionale Herrscher, Seeleute, Krieger und jene Entdeckungsfahrer, die den Nordatlantik überquerten.

Erst wenn all diese Menschen gemeinsam betrachtet werden, wird verständlich, wie die Reise nach Vinland möglich war.

Die Schiffe, die nach Westen aufbrachen, kamen nicht aus einer Welt, die ausschließlich aus Kriegern bestand. Sie kamen aus einer Welt von Höfen, Werkstätten, Familien, Handelswegen und über Generationen gesammeltem Wissen.

Und diese Welt war erheblich größer, als der Blick auf Skandinavien zunächst vermuten lässt.

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2. Herkunft und Siedlungsräume

Eine Welt, die viel größer war als Skandinavien

Wer an die Wikinger denkt, denkt gewöhnlich zuerst an Dänemark, Norwegen und Schweden. Das ist richtig, aber nur der Anfang.

Skandinavien war der ursprüngliche Kernraum der nordischen Gesellschaften. Während der Wikingerzeit entstanden jedoch dauerhafte Siedlungen weit außerhalb dieses Gebietes. Nordische Menschen ließen sich auf den Inseln des Nordatlantiks, auf den Britischen Inseln, in Irland, in Teilen des heutigen Frankreichs und in verschiedenen Regionen entlang der Ostsee und der osteuropäischen Flusssysteme nieder.

Um das Jahr 1000 reichte die nordische Siedlungswelt damit von den Küsten Skandinaviens über Island bis nach Grönland. Im Westen bestanden nordisch geprägte Gemeinschaften auf den Britischen Inseln und in Irland. Im Osten lebten Menschen skandinavischer Herkunft an Handelsplätzen und Flusswegen, die bis weit in das Gebiet des heutigen Russlands, der Ukraine und anderer osteuropäischer Staaten führten.

Das bedeutet allerdings nicht, dass all diese Regionen zu einem gemeinsamen Wikingerreich gehörten. Ein solches Reich hat es nie gegeben. Die einzelnen Siedlungsgebiete unterschieden sich erheblich voneinander. Manche bestanden aus nahezu vollständig neu angelegten Höfen in zuvor nur dünn oder gar nicht dauerhaft besiedelten Landschaften. Anderswo kamen nordische Einwanderer in bereits seit Jahrhunderten bewohnte Regionen und lebten neben, mit oder gegen die dortige Bevölkerung.

Nicht jede Küste, die ein Wikingerschiff erreichte, wurde deshalb zu einem nordischen Siedlungsgebiet. Nicht jeder Handelsplatz war eine Kolonie, nicht jede eroberte Stadt blieb dauerhaft unter nordischer Kontrolle, und nicht jeder Überwinterungsplatz wurde zu einer neuen Heimat.

Gerade diese Unterschiede machen die nordische Welt der Wikingerzeit so interessant.

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Die historischen Wurzeln der nordgermanischen Bevölkerung

Die Menschen der Wikingerzeit erschienen nicht plötzlich im späten 8. Jahrhundert in Skandinavien. Ihre Gesellschaften gingen aus einer langen Entwicklung hervor, die weit in die nordische Bronze- und Eisenzeit zurückreichte.

Schon Jahrhunderte vor der Wikingerzeit bestanden in Skandinavien bäuerliche Gemeinschaften, regionale Herrschaftsbereiche und weitreichende Handelskontakte. Die Menschen bauten Getreide an, hielten Tiere, verarbeiteten Eisen, betrieben Fischfang und bewegten sich mit Booten entlang der Küsten, Seen und Flüsse. Schmuckformen, Bestattungsbräuche und archäologische Funde zeigen, dass sie mit anderen Regionen Europas verbunden waren.

Während der nordischen Eisenzeit veränderten sich diese Gesellschaften weiter. Einzelne Familien und regionale Herrscher gewannen an Einfluss. Handelsplätze entstanden, handwerkliche Fähigkeiten entwickelten sich, und der Schiffbau wurde immer leistungsfähiger. Als gegen Ende des 8. Jahrhunderts die ersten weithin bekannten Überfälle nordischer Gruppen in Westeuropa begannen, standen dahinter daher keine plötzlich erwachten Seeräuber. Sie kamen aus Gesellschaften, die bereits über hoch entwickelte handwerkliche, wirtschaftliche und seemännische Kenntnisse verfügten.

Die Bevölkerung Skandinaviens wird sprachgeschichtlich den nordgermanischen Gruppen zugerechnet. Aus den damals gesprochenen verwandten Sprachformen entwickelte sich das Altnordische. Auch hier bestand keine völlige Einheit. Sprache veränderte sich von Region zu Region, und im Laufe der Zeit bildeten sich unterschiedliche west- und ostnordische Ausprägungen heraus.

Ebenso wenig gab es eine einheitliche ethnische Grenze, die sich sauber um ganz Skandinavien ziehen ließe. Menschen wanderten, heirateten über regionale Grenzen hinweg, wurden versklavt oder freigelassen und brachten Kenntnisse, Gegenstände und Vorstellungen aus anderen Gebieten mit. Besonders an Handelsplätzen trafen Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinander.

Die skandinavische Welt war daher bereits vor den großen Fahrten keine abgeschlossene Welt. Sie war Teil eines weitreichenden europäischen und eurasischen Beziehungsnetzes. Archäologische Funde belegen Kontakte von den Britischen Inseln über das europäische Festland bis in das Byzantinische Reich und in den islamisch geprägten Nahen Osten.

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Skandinavien als ursprünglicher Kernraum

Der Kernraum der nordischen Bevölkerung umfasste das heutige Dänemark, Norwegen und Schweden. Diese modernen Staatsnamen sind für die Orientierung hilfreich. Sie dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die politische Landkarte der Wikingerzeit anders aussah.

Zu Beginn dieser Epoche bestanden zahlreiche regionale Herrschaftsgebiete. Mächtige Familien, lokale Häuptlinge und Könige konkurrierten miteinander. Bündnisse konnten geschlossen und wieder aufgelöst werden. Herrschaft beruhte nicht allein auf klar eingezeichneten Grenzen, sondern auf Gefolgschaft, Besitz, familiären Verbindungen und der Fähigkeit, Macht tatsächlich durchzusetzen.

Die Menschen lebten zudem keineswegs gleichmäßig über das gesamte Gebiet verteilt. Siedlungen entstanden dort, wo Landwirtschaft, Viehhaltung, Fischfang oder Handel möglich waren. Fruchtbare Ebenen, geschützte Buchten, Flusstäler und gut erreichbare Küstenräume waren besonders wichtig. Gebirge, dichte Wälder und klimatisch ungünstige Regionen waren wesentlich dünner besiedelt.

Das Meer trennte diese Gebiete nicht nur voneinander. Es verband sie. Küsten und Wasserwege waren die wichtigsten Verkehrsachsen einer Zeit, in der Reisen über Land langsam und beschwerlich sein konnten. Mit einem Schiff ließen sich Menschen, Tiere, Holz, Getreide und Handelswaren über Entfernungen transportieren, die auf schlechten Landwegen nur mit erheblichem Aufwand zu bewältigen gewesen wären.

Daher lagen viele bedeutende Siedlungen und Handelsplätze in unmittelbarer Nähe zum Wasser. Zu den bekannten Handelszentren gehörten Ribe im heutigen Dänemark, Kaupang im heutigen Norwegen, Birka im heutigen Schweden und Haithabu im heutigen Schleswig-Holstein. Sie waren keine modernen Großstädte, aber wichtige Orte für Handel, Handwerk, Nachrichten und Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Regionen. Das Handelsnetz dieser Plätze reichte von den Inseln des Nordatlantiks über das europäische Festland bis nach Osteuropa, Byzanz und in den islamischen Raum.

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Dänemark, Norwegen und Schweden

Die Einteilung in dänische, norwegische und schwedische Wikinger ist für einen ersten Überblick nützlich. Sie darf jedoch nicht zu starr verstanden werden. Die Grenzen der heutigen Staaten bestanden noch nicht in ihrer modernen Form, und Menschen hielten sich nicht zuverlässig an die Kategorien späterer Historiker.

Dennoch entwickelten sich aus den verschiedenen geografischen Lagen erkennbare Schwerpunkte.

Dänemark lag besonders günstig zwischen Nordsee, Ostsee und dem europäischen Festland. Von dort führten kurze Seewege zu den Küsten des Frankenreiches, nach England und in andere Teile Westeuropas. Zugleich verliefen wichtige Handelswege durch das Gebiet. Die dänischen Inseln, Jütland und die angrenzenden Regionen bildeten einen bedeutenden Verbindungsraum zwischen verschiedenen Meeren und Ländern.

Im Verlauf der Wikingerzeit wurden größere Teile dieses Gebietes unter königlicher Herrschaft zusammengeführt. Die tatsächliche Macht einzelner Könige schwankte jedoch. Zeitweise kontrollierten dänische Herrscher auch große Teile Englands und Norwegens. Solche Herrschaftsgebiete konnten beeindruckend groß sein, waren aber nicht zwangsläufig dauerhaft stabil.

Norwegen war durch seine lange Küste, zahlreiche Fjorde, hohe Gebirge und vergleichsweise begrenzte landwirtschaftlich nutzbare Flächen geprägt. Viele Siedlungen lagen an geschützten Küstenabschnitten oder in Tälern, in denen Landwirtschaft und Viehhaltung möglich waren.

Das Meer gehörte dort unmittelbar zum Lebensraum. Fischfang, Küstenschifffahrt und die Verbindung zwischen weit auseinanderliegenden Siedlungen waren von großer Bedeutung. Von den westnorwegischen Küsten war der Weg zu den Inselgruppen im Nordatlantik vergleichsweise direkt. Deshalb spielten Menschen aus norwegischen Regionen eine besonders wichtige Rolle bei der Besiedlung der Färöer, Islands, Teilen der schottischen Inselwelt und später Grönlands.

Schweden umfasste während der Wikingerzeit ebenfalls keine einheitliche politische Gemeinschaft. Wichtige Landschaften waren unter anderem Svealand und Götaland. Die Insel Gotland besaß aufgrund ihrer Lage in der Ostsee besondere Bedeutung für den Handel.

Viele Menschen aus den östlichen Teilen Skandinaviens orientierten sich über die Ostsee hinweg. Von dort führten Wasserwege durch die baltischen Gebiete und entlang großer osteuropäischer Flüsse nach Süden. Handelskontakte reichten bis zum Schwarzen und Kaspischen Meer, nach Byzanz und in den islamischen Raum.

Die bekannten westlichen und östlichen Fahrtrichtungen waren jedoch keine festen nationalen Aufgabenverteilungen. Nicht jeder Norweger fuhr nach Westen, nicht jeder Schwede nach Osten und nicht jeder Däne nach England. Menschen, Schiffe und Besatzungen konnten aus verschiedenen Regionen stammen. Die geografische Lage beeinflusste die bevorzugten Routen, bestimmte sie aber nicht vollständig. Die historische Forschung betont heute außerdem die Vielfalt Skandinaviens mit wechselnden Grenzen, gemischten Kulturen und intensiven Kontakten über die Ostsee hinweg.

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Die Färöer, Island und Grönland

Die Besiedlung der nordatlantischen Inseln gehört zu den außergewöhnlichsten Entwicklungen der Wikingerzeit.

Hier entstanden nicht nur zeitweilige Lager oder Handelsplätze. Menschen brachten Familien, Tiere, Werkzeuge und ihre gesamte Lebensweise mit. Sie errichteten Höfe, bestellten Land, hielten Vieh und passten ihre vertrauten Wirtschaftsformen an neue Umweltbedingungen an.

Die Färöer bildeten einen wichtigen Schritt auf dem Weg über den Nordatlantik. Wann genau die ersten Menschen dort lebten und wer sie waren, wird weiterhin erforscht. Sicher ist, dass sich während der Wikingerzeit nordische Siedler auf den Inseln niederließen. Ihre Nachfahren entwickelten dort eine dauerhaft bestehende Gesellschaft, deren Sprache und Kultur bis heute deutlich nordisch geprägt sind.

Die Inselgruppe bot Weideland, Fischgründe und Seevögel, aber nur begrenzte Möglichkeiten für Ackerbau. Die Menschen mussten ihre Lebensweise daher an ein windreiches, feuchtes und weitgehend baumloses Gebiet anpassen. Holz war knapp und musste sparsam verwendet oder eingeführt werden. Schafe spielten für die Versorgung eine zentrale Rolle.

Island war bei der Ankunft der nordischen Siedler nicht von einer größeren dauerhaft ansässigen Bevölkerung bewohnt. Einzelne irische Mönche könnten sich zuvor zeitweilig auf der Insel aufgehalten haben, doch die dauerhafte Besiedlung begann im späten 9. Jahrhundert.

Sie erfolgte erstaunlich schnell. Nach der traditionellen und archäologisch weitgehend gestützten Einordnung begann die sogenannte Landnahmezeit um 870. Bis etwa 930 waren die für Landwirtschaft geeigneten Gebiete der Insel weitgehend in Besitz genommen. Die Einwanderer kamen nicht ausschließlich direkt aus Norwegen. Unter ihnen befanden sich auch Menschen aus den nordisch geprägten Gebieten der Britischen Inseln und Irlands. Manche kamen freiwillig, andere möglicherweise als unfreie Menschen. Die neue isländische Gesellschaft vereinte daher unterschiedliche nordatlantische Einflüsse.

Die Siedler gründeten vor allem einzelne Höfe. Große geschlossene Städte entstanden nicht. Das gesellschaftliche und politische Leben wurde durch regionale Versammlungen und schließlich durch das Althing geprägt, das im 10. Jahrhundert als überregionale Versammlung eingerichtet wurde.

Die Besiedlung Islands veränderte die Umwelt erheblich. Die Menschen benötigten Holz als Brenn- und Baumaterial, hielten Weidetiere und nutzten die vorhandenen Böden. Rodungen und Überweidung trugen dazu bei, dass große Teile der ursprünglich vorhandenen Vegetation verloren gingen und Böden anfälliger für Erosion wurden. Die nordische Lebensweise konnte also nicht einfach unverändert in eine neue Landschaft übertragen werden. Sie musste angepasst werden, und manche Folgen dieser Anpassung wurden erst über längere Zeit sichtbar.

Von Island aus wurde im späten 10. Jahrhundert Grönland besiedelt. Nordische Familien ließen sich vor allem an geschützten Fjorden im Südwesten der riesigen Insel nieder. Der Name „Ostsiedlung“ kann dabei leicht täuschen: Sie lag nicht an der Ostküste Grönlands, sondern im südlichen Teil der Westküste. Weiter nördlich bestand die sogenannte Westsiedlung im Gebiet des heutigen Nuuk.

Die Bewohner Grönlands lebten auf verstreuten Höfen. Sie hielten unter anderem Rinder, Schafe und Ziegen, gewannen Heu für den Winter und ergänzten ihre Versorgung durch Jagd und Fischfang. Besonders wichtig war die Nutzung von Robben und anderen Meerestieren. Walrosselfenbein, Häute und Felle konnten ausgeführt werden, während verschiedene benötigte Waren, darunter Eisen und Holz, eingeführt werden mussten.

Diese Gesellschaft bestand nicht nur für wenige Jahre. Die nordischen Siedlungen auf Grönland hielten sich vom späten 10. Jahrhundert bis in das 15. Jahrhundert. Sie bildeten über mehrere Generationen eine dauerhafte bäuerliche und christliche Gemeinschaft am äußersten Rand der europäischen Siedlungswelt. UNESCO beschreibt die grönländischen Nordleute ausdrücklich als Bauern und Jäger, die Landwirtschaft, Weidewirtschaft und die Jagd auf Meeressäuger miteinander verbanden.

Gerade von Grönland aus wird verständlich, warum die Weiterfahrt nach Nordamerika möglich wurde. Wer dort lebte, befand sich bereits weit westlich von Island. Die Entfernung zu den nächsten Küsten Nordamerikas war noch immer beträchtlich, aber sie lag innerhalb einer Welt, in der Menschen seit Generationen zwischen weit auseinanderliegenden nordatlantischen Siedlungen unterwegs waren.

Die konkrete Fahrt nach Vinland wird später ausführlich behandelt. Für die Betrachtung der Siedlungsräume ist zunächst entscheidend: Island und Grönland waren keine kurzen Zwischenstationen einzelner Abenteurer. Dort entstanden dauerhafte Gesellschaften mit Familien, Höfen, politischen Strukturen und Verbindungen zu anderen Teilen der nordischen Welt.

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Nordische Siedlungen auf den Britischen Inseln und in Irland

Auf den Britischen Inseln trafen die nordischen Einwanderer auf alte, dicht besiedelte und politisch gegliederte Gesellschaften. Sie betraten also keine leeren Landschaften. Hier entwickelten sich nordische Siedlungsräume durch eine Mischung aus Gewalt, Landnahme, politischer Herrschaft, Handel, Heirat und allmählicher kultureller Verbindung.

Besonders stark war der nordische Einfluss in Teilen Nord- und Ostenglands, in Schottland, auf den Orkney- und Shetlandinseln, auf den Hebriden, auf der Isle of Man und in verschiedenen Küstenregionen Irlands.

Die Orkney- und Shetlandinseln wurden so stark nordisch geprägt, dass Sprache, Ortsnamen und politische Verbindungen noch lange nach dem Ende der eigentlichen Wikingerzeit bestanden. Auch auf den Hebriden und in Teilen der schottischen Küstenregionen vermischten sich nordische und gälische Traditionen.

Dabei entstanden keine unveränderten Außenstellen Norwegens. Menschen unterschiedlicher Herkunft lebten zusammen, gründeten Familien und entwickelten neue regionale Kulturen. Archäologische Funde, Ortsnamen, sprachliche Spuren und genetische Untersuchungen zeigen, dass sich nordische Einwanderer und einheimische Bevölkerungsgruppen miteinander verbanden. Die daraus entstandenen Gesellschaften waren weder rein skandinavisch noch unverändert einheimisch.

In England entstand ein großes Gebiet, das später als Danelaw bezeichnet wurde. Dort galten über längere Zeit nordisch beeinflusste Rechts- und Herrschaftsstrukturen. Die Bezeichnung darf nicht als Name eines völlig einheitlichen Staates verstanden werden. Sie beschreibt verschiedene Gebiete Nord- und Ostenglands, in denen skandinavische Siedler und Herrscher einen starken Einfluss ausübten.

Ein bekanntes Zentrum war York, das unter nordischer Herrschaft zu einem bedeutenden Handels- und Handwerksplatz wurde. In ländlichen Gebieten entstanden oder veränderten sich Siedlungen, und zahlreiche Ortsnamen mit nordischen Bestandteilen erinnern bis heute an diese Zeit.

Die nordischen Siedler lebten dort nicht dauerhaft als isolierte Fremde. Im Laufe der Generationen vermischten sich Sprachen, Bräuche und Familien. Viele Menschen nahmen das Christentum an. Die Unterschiede zwischen den Einwanderern und der ansässigen Bevölkerung wurden allmählich geringer, ohne dass die nordischen Einflüsse vollständig verschwanden.

In Irland begann die nordische Anwesenheit zunächst mit Überfällen. Später entstanden befestigte Stützpunkte, die sich teilweise zu dauerhaften Siedlungen und Städten entwickelten. Dublin wurde im 9. Jahrhundert zu einem besonders wichtigen nordischen Zentrum. Auch Waterford, Wexford, Limerick und Cork waren mit nordischen Siedlungs- und Handelsaktivitäten verbunden.

Dublin war nicht nur ein militärischer Stützpunkt. Ausgrabungen von mehr als zweihundert Gebäuden belegen eine dicht bebaute Siedlung mit Handel und handwerklicher Produktion. Der Ort verband Irland mit Handelsnetzen, die über die Britischen Inseln hinaus bis nach Skandinavien und auf den europäischen Kontinent reichten.

Die Zahl der nordischen Einwanderer blieb im Verhältnis zur gesamten irischen Bevölkerung begrenzt. Ihr wirtschaftlicher und politischer Einfluss war dennoch erheblich. Bis zum 10. Jahrhundert hatten sich viele von ihnen mit der irischen Bevölkerung verbunden. Historiker sprechen bei diesen gemischten Gemeinschaften häufig von einer hiberno-nordischen oder hiberno-skandinavischen Kultur.

Das klingt zunächst nach einer wissenschaftlichen Spezialbezeichnung. Dahinter steht jedoch etwas sehr Menschliches: Menschen, deren Eltern oder Großeltern aus unterschiedlichen Kulturen kamen, lebten nicht mehr ausschließlich nach den Traditionen einer einzigen Herkunft. Sie sprachen möglicherweise mehrere Sprachen, nutzten verschiedene Kunstformen, handelten über weite Entfernungen und gehörten zugleich zur irischen und zur nordischen Welt. Das National Museum of Ireland beschreibt diese gemischten Gemeinschaften als wirtschaftlich und kulturell besonders einflussreich.

Die Britischen Inseln und Irland zeigen deshalb besonders deutlich, warum „Siedlung“ nicht einfach bedeutet, dass eine Bevölkerungsgruppe eine andere vollständig verdrängt. Häufig entstanden neue Gesellschaften, die nur verstanden werden können, wenn man beide Seiten ihrer Geschichte betrachtet.

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Weitere Siedlungsräume in West-, Nord- und Osteuropa

Ein weiteres bedeutendes Siedlungsgebiet entstand an der Küste des heutigen Nordfrankreichs.

Nordische Gruppen hatten über längere Zeit die Flüsse und Küsten des Frankenreiches angegriffen. Im frühen 10. Jahrhundert erhielt der nordische Anführer Rollo durch eine Vereinbarung mit dem westfränkischen König ein Herrschaftsgebiet an der unteren Seine. Daraus entwickelte sich die Normandie – das Land der „Nordmänner“.

Die dortigen Siedler passten sich vergleichsweise schnell an ihre neue Umgebung an. Sie übernahmen die französische Sprache, das Christentum und viele politische und gesellschaftliche Strukturen des westfränkischen Reiches. Gleichzeitig bewahrten sie das Bewusstsein ihrer nordischen Herkunft.

Innerhalb weniger Generationen waren aus den ursprünglichen nordischen Siedlern die Normannen geworden. Sie waren keine Wikinger im engeren Sinn mehr, entwickelten jedoch eine neue politische und militärische Kultur, deren Ursprung in der nordischen Ansiedlung lag. Diese Entwicklung zeigt, wie schnell sich eine eingewanderte Gruppe verändern konnte, wenn sie dauerhaft in einer bereits bestehenden Gesellschaft lebte.

Auch entlang der südlichen Ostseeküste und im Baltikum bestanden skandinavisch geprägte Handels- und Siedlungsplätze. Menschen aus Skandinavien lebten dort nicht allein, sondern trafen auf baltische, finnische, slawische und andere Bevölkerungsgruppen.

Ein Beispiel ist Grobiņa im heutigen Lettland, wo bereits vor und während der frühen Wikingerzeit skandinavische Siedlungs- und Bestattungsspuren nachgewiesen wurden. Solche Orte zeigen, dass die Bewegung über die Ostsee nicht erst begann, als die großen westlichen Wikingerfahrten in den schriftlichen Quellen auftauchten.

Noch weiter nach Osten nutzten vor allem Gruppen aus dem Gebiet des heutigen Schweden die großen Flusswege. Über Ladogasee, Wolchow, Dnepr, Wolga und andere Wasserstraßen gelangten Menschen und Waren tief in das osteuropäische Binnenland.

An Orten wie Staraja Ladoga und Nowgorod lebten und handelten Menschen unterschiedlicher Herkunft. Skandinavier waren Teil dieser Gemeinschaften, aber nicht deren einzige Bevölkerung. Sie trafen auf slawische, finno-ugrische, baltische und weitere Gruppen.

Aus diesen Verbindungen entwickelten sich politische und wirtschaftliche Strukturen, die mit der Geschichte der Rus verbunden sind. Über die genaue Rolle der skandinavischen Gruppen bei der Entstehung dieser Herrschaftsgebiete wurde lange und teilweise sehr politisch gestritten. Heute gilt als gut belegt, dass Menschen skandinavischer Herkunft beteiligt waren. Ebenso klar ist jedoch, dass die Rus keine einfache skandinavische Kolonie war.

Sie entstand in einem vielsprachigen und kulturell gemischten Raum. Skandinavische Krieger, Händler und Herrscher verbanden sich mit den ansässigen Bevölkerungen. Mit der Zeit übernahmen ihre Nachkommen Sprachen, Religionen und gesellschaftliche Formen ihrer Umgebung. Die osteuropäische Expansion war damit ebenso von Austausch und Anpassung geprägt wie die nordische Ansiedlung im Westen. Neuere Forschung hebt hervor, dass der skandinavische Einfluss im östlichen Ostseeraum und entlang der osteuropäischen Wege mindestens ebenso bedeutsam war wie die bekannteren Fahrten nach Westen.

Die östlichen Wasserwege führten schließlich bis nach Byzanz und in die islamisch geprägten Gebiete rund um das Kaspische Meer. Dort gab es jedoch nicht überall dauerhafte nordische Siedlungsräume. Händler und Krieger konnten sich zeitweilig aufhalten, in fremde Dienste treten oder kleine Gemeinschaften bilden, ohne dass daraus eine großflächige nordische Besiedlung entstand.

Auch hier ist deshalb Vorsicht nötig: Eine gefundene skandinavische Waffe, eine Münze aus dem Nahen Osten in einem schwedischen Grab oder ein Bericht über nordische Krieger in Konstantinopel beweist eine Verbindung. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass das gesamte Gebiet nordisch besiedelt war.

Die nordische Welt war weit gespannt. Sie bestand jedoch aus Verbindungen unterschiedlicher Stärke: aus alten Kerngebieten, dauerhaften neuen Siedlungen, gemischten Städten, Handelsplätzen, militärischen Herrschaftsräumen und zeitweiligen Aufenthaltsorten.

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Die Ausdehnung der nordischen Siedlungsgebiete um das Jahr 1000

Um das Jahr 1000 befand sich die nordische Welt auf dem Höhepunkt ihrer geografischen Ausdehnung.

Ihr Kernraum lag weiterhin in Skandinavien. Dort lebte die große Mehrheit der nordischen Bevölkerung. Dänemark, Norwegen und Schweden waren die Ausgangsgebiete der Sprache, Kultur und politischen Entwicklungen, die mit der Wikingerzeit verbunden werden.

Westlich davon bestanden dauerhafte nordische oder stark nordisch geprägte Gemeinschaften auf den Färöern, auf Island, in Grönland, auf zahlreichen schottischen Inseln, in Teilen Englands, auf der Isle of Man und in irischen Städten. In der Normandie hatten sich die Nachfahren nordischer Siedler bereits weitgehend in eine neue, französischsprachige Gesellschaft verwandelt.

Östlich von Skandinavien lebten Menschen nordischer Herkunft in Handels- und Siedlungszentren des Ostseeraumes und entlang der großen osteuropäischen Flusswege. Dort waren sie Teil gemischter Gemeinschaften und neu entstehender Herrschaftsgebiete.

Von Grönland aus erreichten nordische Seefahrer schließlich Nordamerika. L’Anse aux Meadows auf Neufundland beweist, dass sie dort im 11. Jahrhundert Gebäude errichteten und sich zumindest zeitweise aufhielten. Die Fundstätte war jedoch keine große, über viele Generationen bestehende Kolonie wie Island oder die grönländischen Siedlungen. Sie war wahrscheinlich ein Stützpunkt für Erkundungen, Reparaturen und weitere Unternehmungen.

Auf einer Karte entsteht dadurch ein eindrucksvolles Bild. Nordische Menschen lebten oder siedelten zwischen Nordamerika im Westen und den Flusssystemen Osteuropas im Osten. Ihre Handels- und Reiseverbindungen reichten noch erheblich weiter.

Doch diese Karte darf nicht wie die Karte eines modernen Staates gelesen werden. Die Flächen zwischen den einzelnen Orten waren nicht überall nordisch kontrolliert. Die Siedlungsgebiete bildeten kein geschlossenes Territorium. Sie ähnelten eher einem weit verzweigten Netz aus Küstenregionen, Inseln, Höfen, Städten, Handelsplätzen und Flusswegen.

Manche Verbindungen waren eng und regelmäßig. Zwischen Norwegen, den Färöern, Island und Grönland fuhren Schiffe, die Menschen, Nachrichten und Waren transportierten. Andere Strecken wurden seltener zurückgelegt oder waren nur für bestimmte Handelsgruppen und Besatzungen von Bedeutung.

Auch die einzelnen Siedlungsräume waren nicht alle gleich dauerhaft. Island entwickelte sich zu einer eigenständigen Gesellschaft, die bis heute besteht. Die nordischen Siedlungen Grönlands verschwanden im späten Mittelalter. In England, Irland und der Normandie gingen die Einwanderer allmählich in neuen gemischten Gesellschaften auf. In Osteuropa wurden skandinavische Gruppen Bestandteil größerer politischer und kultureller Entwicklungen.

Gerade deshalb ist die Frage „Wo siedelten die Wikinger?“ nicht mit einer einzigen farbigen Fläche auf einer Karte zu beantworten.

Man muss unterscheiden zwischen:

dem skandinavischen Kernraum,

dauerhaft neu besiedelten Inseln und Landschaften,

nordisch beherrschten oder stark beeinflussten Regionen,

gemischten Siedlungen innerhalb bereits bestehender Gesellschaften,

Handelsplätzen mit skandinavischer Beteiligung,

zeitweiligen Stützpunkten

und Gebieten, die lediglich bereist, angegriffen oder durchquert wurden.

Diese Unterscheidung wird im späteren Abschnitt über Fahrten, Handel und Expansion noch genauer behandelt.

Für den Augenblick bleibt die wichtigste Erkenntnis:

Die Menschen der Wikingerzeit lebten keineswegs nur „irgendwo oben im Norden“. Um das Jahr 1000 gehörten ihre Siedlungen und Gemeinschaften zu einer Welt, die sich über mehrere Tausend Kilometer erstreckte.

Und am äußersten westlichen Rand dieser Welt lag Grönland – der Ausgangspunkt für die Fahrt nach Vinland.

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3. Alltag, Familie und Gemeinschaft

Der Alltag der Wikingerzeit sah erheblich anders aus als das Bild, das viele Filme und Erzählungen vermitteln. Die meisten Menschen verbrachten ihr Leben nicht auf einem Schiff und schon gar nicht ständig im Kampf. Sie lebten auf Höfen, arbeiteten auf Feldern, versorgten Tiere, stellten Kleidung und Werkzeuge her und versuchten, ihre Familie durch den nächsten Winter zu bringen.

Das klingt zunächst wenig spektakulär. Tatsächlich erforderte dieses Leben jedoch ein enormes Wissen. Fast alles, was ein Haushalt benötigte, musste selbst hergestellt, angebaut, gesammelt, getauscht oder über größere Entfernungen beschafft werden. Eine beschädigte Hauswand, eine schlechte Heuernte oder ein verendetes Nutztier konnten Folgen haben, die weit über einen kleinen vorübergehenden Ärger hinausgingen.

Dabei gab es nicht den einen Alltag der Wikinger. Das Leben auf einem wohlhabenden dänischen Herrenhof unterschied sich vom Leben einer kleinen Bauernfamilie in einem norwegischen Fjord. Ein Haushalt in Island musste mit anderen natürlichen Bedingungen umgehen als ein Hof in Südschweden oder eine Familie in einer nordischen Siedlung auf Grönland.

Trotz dieser regionalen Unterschiede gab es gemeinsame Grundlagen: den Hof als wirtschaftlichen Mittelpunkt, die Abhängigkeit von den Jahreszeiten, eine enge Verbindung von Familie und Arbeit sowie die Notwendigkeit, Wissen innerhalb der Gemeinschaft weiterzugeben.

Der Hof, die Häuser und das Langhaus

Der Hof bildete für den größten Teil der Bevölkerung den Mittelpunkt des Lebens.

Er war nicht nur ein Wohnort. Er war zugleich Arbeitsplatz, Vorratslager, Stall, Werkstatt und wirtschaftliche Grundlage einer Familie. Zu einem größeren Hof konnten mehrere Gebäude gehören: ein Wohnhaus, Ställe, Scheunen, Vorratshäuser, Werkstätten und kleinere Nebengebäude. Auf einfacheren Höfen befanden sich mehrere dieser Funktionen unter einem gemeinsamen Dach.

Die Bezeichnung „Langhaus“ wird heute häufig für unterschiedliche längliche Gebäudeformen der nordischen Eisen- und Wikingerzeit verwendet. Diese Häuser sahen nicht überall gleich aus. Ihre Größe, Bauweise und innere Aufteilung unterschieden sich nach Region, Zeit, gesellschaftlicher Stellung und verfügbaren Baumaterialien.

In waldreichen Gebieten konnten Wände und tragende Konstruktionen weitgehend aus Holz bestehen. Anderswo wurden Flechtwerk, Lehm, Steine oder Torf verwendet. Auf Island und Grönland, wo geeignetes Bauholz knapp war, spielte Torf eine besonders wichtige Rolle. Die Häuser waren daher keine überall identischen Standardbauten, sondern an die jeweilige Landschaft angepasst.

Viele Langhäuser besaßen einen länglichen Innenraum, in dessen Mitte sich eine Feuerstelle befand. Das Feuer lieferte Wärme und Licht und wurde zum Kochen genutzt. An den Längsseiten konnten sich erhöhte Bänke oder Plattformen befinden, auf denen Menschen saßen, arbeiteten und schliefen. Truhen, Felle, Decken, Werkzeuge und Vorräte mussten so untergebracht werden, dass der ohnehin begrenzte Raum nutzbar blieb.

Einen modernen Schornstein gab es nicht. Der Rauch zog durch Öffnungen im Dach oder durch andere Abzüge ab. Ein erheblicher Teil blieb dennoch im Gebäude. Wer sich lange in einem solchen Haus aufhielt, lebte in einer Atmosphäre, die nach Feuer, Holz, Wolle, Nahrung, Menschen und möglicherweise auch Tieren roch. Untersuchungen rekonstruierter Häuser zeigen, dass die Rauchbelastung besonders für Menschen problematisch gewesen sein dürfte, die viel Zeit im Inneren verbrachten.

In manchen Häusern waren Wohn- und Stallbereiche miteinander verbunden. Die Tiere lieferten Wärme, bedeuteten aber zugleich zusätzlichen Schmutz, Geruch und Arbeit. Nicht jedes Langhaus besaß einen integrierten Stall, und auch hier unterschieden sich die regionalen Bauweisen erheblich.

Ein wohlhabender Hof konnte über eine große Halle verfügen. Dort fanden Versammlungen, gemeinsame Mahlzeiten, religiöse Handlungen und Feste statt. Die Größe eines solchen Gebäudes war nicht nur praktisch. Sie zeigte auch, dass der Besitzer genügend Land, Arbeitskräfte und Rohstoffe besaß, um es errichten und unterhalten zu können.

Der Sitzplatz innerhalb der Halle konnte ebenfalls Bedeutung haben. Der Hausherr oder ein einflussreicher Gast saß nicht zufällig irgendwo. Sitzordnung, Bewirtung und die Reihenfolge, in der Menschen begrüßt oder bedient wurden, konnten gesellschaftliche Rangordnungen sichtbar machen.

Auf einem kleinen Hof sah das Leben bescheidener aus. Dort drängten sich möglicherweise mehrere Generationen, Arbeitskräfte und zeitweise Gäste in einem einzigen größeren Raum. Privatsphäre im heutigen Sinn gab es kaum. Wer schlafen, essen, arbeiten oder sich unterhalten wollte, tat dies häufig in Gegenwart anderer Menschen.

Das Haus war deshalb nicht nur eine Unterkunft. Es war der Ort, an dem Gemeinschaft täglich stattfand. Man hörte die Gespräche der anderen, erlebte Streitigkeiten, Krankheiten, Geburten und Todesfälle aus unmittelbarer Nähe und konnte sich nur begrenzt aus dem gemeinsamen Leben zurückziehen.

Auch ein Reisender, der einen Hof erreichte, trat in diesen sozialen Raum ein. Gastfreundschaft war wichtig, aber sie folgte Regeln. Ein unbekannter Besucher konnte Nachrichten mitbringen, Handel anbieten oder um Schutz bitten. Er konnte jedoch ebenso eine Gefahr darstellen. Bevor man entspannt miteinander am Feuer saß, musste daher zunächst geklärt werden, wer gekommen war und mit welchen Absichten.

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Arbeit und Leben im Rhythmus der Jahreszeiten

Eine Uhr konnte den Tagesablauf ordnen. Über das Überleben eines Hofes entschied sie nicht. Entscheidend waren Licht, Wetter und Jahreszeiten.

Welche Arbeiten gerade Vorrang hatten, richtete sich danach, was die Natur erlaubte und was nicht aufgeschoben werden konnte. Ein Tier musste versorgt werden, unabhängig davon, ob jemand müde war. Heu musste eingebracht werden, wenn es trocken war. Ein beschädigtes Dach musste vor dem nächsten starken Regen geschlossen werden. Getreide durfte nicht so lange auf dem Feld bleiben, bis alle anderen Arbeiten erledigt waren.

Im Frühjahr begann die besonders arbeitsreiche Zeit. Felder mussten vorbereitet und bestellt, Zäune repariert und Tiere wieder stärker ins Freie geführt werden. Gebäude, Boote und Werkzeuge hatten möglicherweise unter dem Winter gelitten und mussten ausgebessert werden.

Auch die Vorräte wurden im Frühjahr knapp. Der Winter war überstanden, doch die neue Ernte lag noch Monate entfernt. Diese Zeit konnte schwierig werden, wenn die Vorratshaltung zu knapp berechnet worden war oder der Winter länger dauerte als erwartet.

Der Sommer brachte längere Tage und damit viele Arbeitsstunden. Vieh wurde gehütet, Milch verarbeitet, Fisch gefangen, Gebäude instand gesetzt und Brennmaterial gesammelt. In vielen Regionen war die Heuernte besonders wichtig. Ohne ausreichendes Futter konnten die Tiere den Winter nicht überstehen.

Heu war daher keine nebensächliche Reserve. Es entschied darüber, wie viele Tiere ein Hof durch die kalte Jahreszeit bringen konnte. Eine schlechte Heuernte zwang möglicherweise dazu, Tiere früher zu schlachten, die man eigentlich zur Zucht oder für Milch und Wolle behalten wollte.

Der Sommer war zugleich die günstigste Zeit für längere Reisen. Wer handeln, andere Siedlungen besuchen oder an einer größeren Seefahrt teilnehmen wollte, musste dies mit den Arbeiten auf dem Hof abstimmen. Eine Fahrt bedeutete deshalb nicht nur, dass eine Person abreiste. Die Zurückbleibenden mussten deren Aufgaben übernehmen.

Im Herbst wurden Getreide und andere Feldfrüchte eingebracht. Nahrung musste getrocknet, geräuchert, gesalzen oder auf andere Weise haltbar gemacht werden. Tiere, die nicht durch den Winter gebracht werden konnten, wurden geschlachtet. Fleisch, Häute, Sehnen, Knochen und Horn wurden möglichst vollständig genutzt.

Der bevorstehende Winter zwang die Menschen zu Entscheidungen. Wie viele Tiere konnten versorgt werden? Reichten Heu und Getreide? Welche Lebensmittel mussten zuerst verbraucht werden? Was durfte für Saatgut, Zucht oder Notfälle nicht angerührt werden?

Der Winter bedeutete nicht, dass die Arbeit ruhte. Viele Tätigkeiten verlagerten sich lediglich stärker in das Haus oder in geschützte Werkstätten. Wolle wurde verarbeitet, Garn gesponnen, Stoff gewebt und Kleidung ausgebessert. Werkzeuge, Netze, Seile, Holzgefäße und andere Gegenstände konnten repariert oder neu hergestellt werden.

An kurzen Wintertagen war das verfügbare Licht begrenzt. Das Feuer spendete Helligkeit, doch viele feine Arbeiten mussten nahe an der Feuerstelle oder bei zusätzlichem Lampenlicht ausgeführt werden. Fettlampen konnten helfen, waren aber ebenfalls auf Brennstoff angewiesen.

Der Winter bot zugleich mehr Gelegenheit für längere Gespräche, Erzählungen und gemeinsame Tätigkeiten. Das bedeutet nicht, dass die Menschen monatelang gemütlich um das Feuer saßen. Auch in dieser Jahreszeit mussten Tiere versorgt, Wasser beschafft, Schnee geräumt, Brennmaterial herangeschafft und Schäden an Gebäuden behoben werden.

Das Leben im Rhythmus der Jahreszeiten verlangte Planung und Erfahrung. Niemand konnte das Wetter kontrollieren. Man konnte jedoch lernen, Anzeichen zu deuten, Vorräte anzulegen und Arbeiten so zu verteilen, dass der Hof möglichst gut vorbereitet war.

Diese Erfahrung war auch für die großen Seefahrten von Bedeutung. Wer wusste, wann Stürme wahrscheinlicher wurden, wann Weideflächen genutzt werden konnten oder wann Lebensmittel verarbeitet werden mussten, verfügte über genau jene praktischen Kenntnisse, die auch das Überleben an entfernten Küsten ermöglichten.

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Familie, Aufgabenverteilung und soziale Ordnung

Eine Familie der Wikingerzeit bestand nicht zwangsläufig nur aus Eltern und ihren Kindern.

Zum Haushalt konnten Großeltern, unverheiratete Geschwister, weitere Verwandte, Pflegekinder, Knechte, Mägde, zeitweilige Arbeitskräfte und unfreie Menschen gehören. Auf wohlhabenden Höfen lebten möglicherweise erheblich mehr Personen, als wir heute mit dem Wort Familie verbinden würden.

Verwandtschaft hatte große Bedeutung. Sie bot Schutz, wirtschaftliche Unterstützung und gesellschaftliche Zugehörigkeit. Gleichzeitig brachte sie Verpflichtungen mit sich. Das Verhalten eines Menschen konnte den Ruf seiner gesamten Familie beeinflussen. Streitigkeiten zwischen Einzelpersonen entwickelten sich daher leicht zu Konflikten zwischen Verwandtschaftsgruppen.

Ehre war dabei mehr als persönlicher Stolz. Der Ruf entschied darüber, ob andere Menschen Vertrauen schenkten, ein Bündnis eingingen oder eine Heirat für sinnvoll hielten. Wer als unzuverlässig, feige oder ehrlos galt, verlor nicht nur Ansehen. Er konnte seine gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung gefährden.

Die nordischen Gesellschaften waren deutlich hierarchisch gegliedert. Besonders grundlegend war die Unterscheidung zwischen freien und unfreien Menschen. Daneben bestanden große Unterschiede zwischen armen Haushalten, selbstständigen Bauern, wohlhabenden Grundbesitzern, regionalen Machthabern und Königen.

Freie Bauern konnten Land besitzen oder bewirtschaften, an Versammlungen teilnehmen und innerhalb der geltenden Regeln Rechte beanspruchen. Ihre tatsächliche Macht hing jedoch stark von Besitz, Verwandtschaft und Beziehungen ab. Ein wohlhabender Hofbesitzer verfügte über wesentlich größeren Einfluss als ein armer freier Mann ohne umfangreichen Landbesitz.

Unfreie Menschen standen am unteren Ende der gesellschaftlichen Ordnung. Sie konnten bei Überfällen gefangen, gehandelt, vererbt oder in einem Haushalt geboren worden sein. Sie verrichteten Arbeiten auf Höfen, in Häusern und Werkstätten und besaßen nicht dieselben Rechte wie freie Menschen.

Die Existenz der Sklaverei gehört zur historischen Wirklichkeit der Wikingerzeit. Sie darf nicht dadurch verharmlost werden, dass einzelne unfreie Menschen möglicherweise freigelassen werden konnten oder innerhalb eines Haushalts verantwortungsvolle Tätigkeiten übernahmen. Ihre Abhängigkeit beruhte darauf, dass andere Menschen über ihre Arbeitskraft und vielfach über ihr Leben verfügten. Das dänische Nationalmuseum bezeichnet die Trennung zwischen freien und unfreien Menschen ausdrücklich als eine der grundlegenden gesellschaftlichen Grenzen.

Auch zwischen Männern und Frauen bestanden Unterschiede in Rechten, Aufgaben und politischem Einfluss. Die älteren Darstellungen, nach denen Männer ausschließlich für die Außenwelt und Frauen ausschließlich für das Haus zuständig gewesen seien, greifen jedoch zu kurz.

Auf einem Hof musste zunächst getan werden, was notwendig war. Wenn Tiere ausbrachen, ein Sturm das Dach beschädigte oder die Ernte eingebracht werden musste, konnte eine starre Aufgabenliste wenig helfen. Wahrscheinlich beteiligten sich viele Mitglieder des Haushalts entsprechend ihren Fähigkeiten an unterschiedlichen Arbeiten.

Dennoch gab es erkennbare Schwerpunkte. Frauen waren häufig für die Organisation des Haushalts, die Zubereitung von Nahrung, die Versorgung von Kindern und älteren Menschen sowie große Teile der Textilherstellung verantwortlich. Männer übernahmen häufiger schwere landwirtschaftliche Arbeiten, Holzverarbeitung, Metallarbeiten, Handel, politische Aufgaben und längere Reisen.

Diese Einteilung war weder überall identisch noch vollständig undurchlässig. Archäologische Funde zeigen regionale Unterschiede und einzelne Lebenswege, die nicht in ein einfaches Schema passen. Das dänische Nationalmuseum weist zugleich darauf hin, dass zwar alle Haushaltsmitglieder bei den täglichen Arbeiten halfen, Textilproduktion aber überwiegend mit Frauen und Metall- sowie Holzarbeiten stärker mit Männern verbunden war.

Die Stellung einer Frau hing erheblich von ihrer Herkunft, ihrem Besitz, ihrer Familie und ihrer Position innerhalb des Haushalts ab. Eine wohlhabende Hofherrin konnte große Verantwortung tragen, Vorräte und Arbeitsabläufe organisieren und während der Abwesenheit ihres Mannes den gesamten Hof führen.

Schlüssel, die in einigen Frauengräbern gefunden wurden, werden häufig als Zeichen dieser Haushaltsverantwortung gedeutet. Sie konnten den Zugang zu Truhen, Vorräten und wertvollen Gegenständen symbolisieren. Ein Schlüssel machte eine Frau jedoch nicht automatisch politisch gleichberechtigt. Gesellschaftliche Autorität und rechtliche Gleichstellung sind nicht dasselbe.

Ehen waren nicht nur private Liebesbeziehungen. Sie verbanden Familien, Besitz und politische Interessen. Gefühle konnten eine Rolle spielen, doch die Entscheidung über eine Heirat wurde häufig durch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen der beteiligten Familien geprägt.

Auch Trennung und Scheidung waren unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Die genauen Rechte unterschieden sich nach Ort, Zeit und gesellschaftlicher Stellung. Aus den überlieferten Rechtsordnungen und Sagas entsteht das Bild, dass Frauen in manchen Bereichen mehr Handlungsmöglichkeiten besaßen als in verschiedenen anderen europäischen Gesellschaften derselben Zeit. Daraus darf jedoch nicht der moderne Eindruck vollständiger Gleichberechtigung entstehen.

Zum Haushalt gehörten auch ältere und kranke Menschen. Ihre Erfahrung konnte wertvoll sein, selbst wenn sie körperlich weniger leisten konnten. Gleichzeitig bedeutete ihre Versorgung zusätzliche Arbeit. In einer Gesellschaft ohne moderne Pflegeeinrichtungen blieb diese Aufgabe bei Familie und Haushalt.

Gemeinschaft entstand deshalb nicht nur aus Zuneigung. Sie entstand auch aus gegenseitiger Abhängigkeit. Jeder Mensch war auf die Arbeit, Erfahrung und Unterstützung anderer angewiesen.

Ein einzelner Mensch konnte einen Hof nicht dauerhaft allein betreiben. Er konnte kein großes Schiff bauen, kein Feld rechtzeitig bestellen, sämtliche Tiere versorgen, Kleidung herstellen, Nahrung haltbar machen und zugleich über Monate auf Fahrt gehen. Die Leistungen der Wikingerzeit waren immer auch Gemeinschaftsleistungen.

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Handwerk und häusliche Tätigkeiten

Fast jeder Gegenstand des täglichen Lebens musste mit erheblichem Aufwand hergestellt werden.

Eine Schale kam nicht aus einem Geschäft. Jemand musste geeignetes Holz auswählen, es spalten, trocknen und bearbeiten. Ein Messer erforderte Erz oder bereits gewonnenes Eisen, Brennstoff, einen Ofen, Erfahrung im Schmieden und anschließend einen passenden Griff. Für ein Kleidungsstück mussten Pflanzen angebaut oder Tiere gehalten, Fasern gewonnen, Garn gesponnen, Stoff gewebt und die einzelnen Teile zusammengenäht werden.

Handwerk war deshalb kein abgegrenzter Bereich neben dem eigentlichen Alltag. Handwerk war Alltag.

Viele Arbeiten fanden direkt auf dem Hof statt. Menschen reparierten Zäune, Dächer, Schlitten, Wagen, Boote und Werkzeuge. Sie stellten Seile, Netze, Körbe, Truhen, Löffel, Schalen und einfache Möbel her. Kleidung wurde gepflegt und ausgebessert, weil ihre Herstellung viel Zeit und Material erforderte.

Daneben gab es spezialisierte Handwerker. Schmiede, Bronzegießer, Goldschmiede, Schiffbauer, Kammhersteller und andere Fachleute verfügten über Kenntnisse, die nicht jeder Haushalt in gleicher Qualität besaß. An großen Höfen und Handelsplätzen konnten sie dauerhaft oder zeitweilig arbeiten.

Archäologische Funde aus Tissø in Dänemark zeigen Spuren von Schmieden, Bronze- und Goldverarbeitung, Glasperlenherstellung, Kammproduktion und Textilarbeit. Werkstätten konnten sich in kleinen Nebengebäuden, Grubenhäusern, Zelten oder sogar an offenen Feuerstellen befinden. Halbfertige Gegenstände, Produktionsabfälle, Werkzeuge und misslungene Gussstücke verraten heute, welche Arbeiten dort ausgeführt wurden.

Der Schmied nahm eine besondere Stellung ein. Er stellte nicht nur Waffen her. Der größte Teil seiner Arbeit dürfte wesentlich alltäglicher gewesen sein: Messer, Nägel, Beschläge, Werkzeuge, Haken und andere Gegenstände, die auf einem Hof oder Schiff ständig benötigt wurden.

Eisen war wertvoll. Ein beschädigter Gegenstand wurde daher nicht sofort weggeworfen. Er konnte repariert, umgearbeitet oder als Rohmaterial für etwas Neues verwendet werden. Selbst kleine Metallstücke waren nutzbar.

Auch Holz war ein unverzichtbarer Rohstoff. Es wurde für Häuser, Schiffe, Werkzeuge, Gefäße, Möbel, Schilde, Wagen und Brennmaterial gebraucht. Ein erfahrener Holzhandwerker musste wissen, welche Holzart sich für welchen Zweck eignete. Elastisches Holz war für andere Aufgaben geeignet als hartes, widerstandsfähiges Holz.

Textilherstellung gehörte zu den arbeitsintensivsten Bereichen des Haushalts. Wolle musste gewaschen, sortiert, gekämmt und versponnen werden. Das Garn wurde anschließend gewebt, möglicherweise gefärbt und schließlich zu Kleidung, Decken, Taschen oder Segeln verarbeitet.

Auch Flachs wurde angebaut und zu Leinen verarbeitet. Der Weg von der Pflanze bis zum fertigen Stoff war lang. Nach Einschätzung des dänischen Nationalmuseums konnten für das Material einer einzigen Leinentunika mehr als zwanzig Kilogramm Flachspflanzen und insgesamt annähernd vierhundert Arbeitsstunden erforderlich sein. Solche Angaben machen verständlich, warum Kleidung einen erheblichen Wert besaß und nicht beiläufig ersetzt wurde.

Besonders aufwendig war die Herstellung eines großen Wollsegels. Es erforderte enorme Mengen an Wolle und Arbeitszeit. Hinter einem Schiff, das mit einem solchen Segel über den Atlantik fuhr, standen daher nicht nur Schiffbauer und Seeleute, sondern auch viele Menschen, die Schafe hielten, Wolle vorbereiteten, Garn spannen und Stoffbahnen webten.

Die häuslichen Arbeiten waren ebenso unverzichtbar. Feuer musste erhalten oder neu entfacht, Wasser geholt, Nahrung vorbereitet und Geschirr gereinigt werden. Getreide wurde gemahlen, Milch verarbeitet und Fleisch oder Fisch für den späteren Verbrauch vorbereitet.

Viele dieser Tätigkeiten hinterlassen archäologisch nur unscheinbare Spuren. Ein Schwert fällt in einer Ausstellung sofort auf. Ein Spinnwirtel, ein Schleifstein oder ein angebrannter Kochtopf wirkt weniger spektakulär. Für das tägliche Leben waren solche Gegenstände jedoch oft wichtiger.

Auch Sauberkeit spielte eine Rolle. Kämme gehören zu den häufigen Fundstücken der Wikingerzeit. Menschen pflegten Haare und Bärte, wuschen sich und reinigten Kleidung, soweit Wasser, Wetter und Arbeitsbedingungen dies erlaubten. Das spätere Klischee des grundsätzlich ungepflegten, schmutzigen Wikingers lässt sich mit den archäologischen Funden nicht vereinbaren.

Das bedeutet nicht, dass ein Hof nach modernen Maßstäben hygienisch war. Rauch, Tiere, Abfälle, offene Feuerstellen und begrenzte Möglichkeiten zur Reinigung gehörten zum Alltag. Dennoch versuchten die Menschen, Körper, Kleidung, Geräte und Wohnbereiche zu pflegen.

Die Herstellung und Erhaltung all dieser Dinge erforderte ein breites Wissen. Manche Fähigkeiten waren allgemein verbreitet, andere wurden von Spezialisten beherrscht. Zusammen bildeten sie die technische Grundlage der nordischen Gesellschaften.

Ohne dieses Handwerk hätte es keine langen Seefahrten gegeben. Ein Schiff allein genügte nicht. Es brauchte Segel, Seile, Nägel, Werkzeuge, Kleidung, Vorratsbehälter und unzählige kleine Gegenstände, die nur deshalb vorhanden waren, weil Menschen sie auf Höfen und in Werkstätten hergestellt hatten.

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Kinder, Erziehung und Weitergabe von Wissen

Kinder gehörten von Anfang an zum Leben und zur Arbeit eines Haushalts.

Ihre Kindheit darf weder als ununterbrochene schwere Arbeit noch als lange geschützte Lebensphase nach heutigen Vorstellungen beschrieben werden. Sie spielten, beobachteten Erwachsene, lernten und übernahmen mit zunehmendem Alter immer mehr Aufgaben.

Die ersten Lebensjahre waren gefährlich. Krankheiten, Infektionen, Unfälle und Mangelernährung konnten kaum wirksam behandelt werden. Die Kindersterblichkeit war entsprechend hoch. Sorgfältig angelegte Kindergräber zeigen jedoch, dass verstorbene Kinder nicht als bedeutungslos betrachtet wurden. Sie gehörten zu ihrer Familie und Gemeinschaft und konnten mit Schmuck, Kleidung oder anderen Beigaben bestattet werden.

Über systematische Schulen für die breite Bevölkerung ist nichts bekannt. Kinder lernten vor allem durch Teilnahme am täglichen Leben.

Ein kleines Kind konnte zunächst einfache Dinge tragen, Tiere beobachten oder Material sammeln. Später half es beim Hüten, bei der Verarbeitung von Wolle, beim Fischfang, beim Sammeln von Brennmaterial oder bei anderen Arbeiten. Welche Aufgaben es übernahm, hing von Alter, Kraft, Geschick, Geschlecht, gesellschaftlicher Stellung und den Bedürfnissen des Haushalts ab.

Lernen bedeutete dabei nicht, dass ein Erwachsener stundenlang theoretisch erklärte, wie etwas funktionierte. Das Kind sah zu, probierte, machte Fehler und wurde korrigiert. Es lernte, indem es mitarbeitete.

Wie erkennt man, ob ein Tier krank ist? Welche Wolken kündigen einen Wetterwechsel an? Welches Holz eignet sich für einen Werkzeugstiel? Wie viel Futter muss für den Winter zurückgelegt werden? Wann ist ein Fisch ausreichend getrocknet? Solches Wissen konnte kaum allein durch Worte vermittelt werden. Es musste erlebt und wiederholt angewendet werden.

Auch Gefahren wurden auf diese Weise kennengelernt. Feuer, scharfe Werkzeuge, Tiere, Wasser und Wetter gehörten selbstverständlich zur Umgebung. Erwachsene konnten Kinder schützen, aber sie konnten nicht jede Gefahr vollständig von ihnen fernhalten.

Spiel und Lernen waren dabei nicht klar voneinander getrennt. Archäologische Funde und spätere Überlieferungen weisen auf kleine Boote, Tiere, Waffenmodelle, Bälle, Brettspiele und andere Spielgegenstände hin. Ein Kind, das mit einem kleinen Boot spielte, konnte zugleich Formen und Bewegungen kennenlernen, die in der Welt der Erwachsenen wichtig waren.

Kinder auf dem Land begleiteten Erwachsene bei täglichen Aufgaben und erwarben dadurch schrittweise die Fähigkeiten, die später von ihnen erwartet wurden. Das schwedische Historische Museum beschreibt diese Verbindung von Spiel, Beobachtung und praktischer Mitarbeit auch für spätere mittelalterliche Gesellschaften, deren Lernformen in vielen Punkten an ältere ländliche Traditionen anschlossen.

Mit zunehmendem Alter wurden die Aufgaben ernster. Ein Jugendlicher konnte bereits einen erheblichen Beitrag zum Haushalt leisten. In einer Gesellschaft, in der viele Menschen jung starben und Arbeitskraft ständig benötigt wurde, begann die Übernahme erwachsener Tätigkeiten früher als heute.

Das bedeutete jedoch nicht, dass jedes Kind denselben Lebensweg vor sich hatte. Die Zukunft eines Kindes hing stark von seiner Geburt ab. Das Kind eines wohlhabenden Hofbesitzers erhielt andere Möglichkeiten als das Kind einer unfreien Frau. Besitz, Verwandtschaft und gesellschaftliche Stellung wurden zu einem erheblichen Teil weitervererbt.

Manche Kinder wuchsen nicht dauerhaft bei ihren leiblichen Eltern auf. Pflegeverhältnisse konnten Beziehungen zwischen Familien stärken. Ein Kind wurde dabei in einen anderen Haushalt aufgenommen und dort erzogen. Solche Verbindungen schufen zusätzliche Loyalitäten und konnten politische oder wirtschaftliche Bündnisse festigen.

Auch Adoption, Wiederverheiratung und der frühe Tod eines Elternteils führten dazu, dass Haushalte anders zusammengesetzt waren, als es ein einfaches Bild von Vater, Mutter und gemeinsamen Kindern erwarten lässt.

Neben den praktischen Fähigkeiten mussten Kinder die Regeln ihrer Gesellschaft lernen. Sie erfuhren, wie Gäste begrüßt wurden, wem Respekt zustand, welche Verpflichtungen Verwandtschaft mit sich brachte und welches Verhalten als ehrenhaft oder beschämend galt.

Sie lernten Namen, Abstammungslinien und Geschichten der eigenen Familie. In einer weitgehend mündlich geprägten Kultur war die Erinnerung an Vorfahren nicht nur Unterhaltung. Sie konnte erklären, wem Land gehörte, welche Familien miteinander verbunden waren und warum ein alter Konflikt noch immer Bedeutung hatte.

Auch religiöse Vorstellungen wurden innerhalb der Gemeinschaft vermittelt. Kinder hörten Erzählungen über Götter, Wesen und außergewöhnliche Ereignisse. Sie erlebten Feste, Bestattungen und andere Rituale. Während sich das Christentum ausbreitete, konnten sie in Haushalten aufwachsen, in denen ältere und neue Glaubensvorstellungen nebeneinander bestanden.

Die Weitergabe von Wissen war eine Voraussetzung für das Fortbestehen jedes Hofes. Wenn eine Generation nicht lernte, Nahrung zu erzeugen, Tiere zu versorgen, Werkzeuge zu benutzen oder sich in der Landschaft zu orientieren, ging nicht nur theoretisches Wissen verloren. Die Versorgung der gesamten Gemeinschaft geriet in Gefahr.

Die Menschen, die später nach Island, Grönland und Vinland fuhren, nahmen deshalb mehr mit als Werkzeuge und Vorräte. Sie nahmen das Wissen mit, das ihnen seit ihrer Kindheit vermittelt worden war.

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Geschichten, Geselligkeit und Humor

Das Leben der Wikingerzeit bestand nicht nur aus Arbeit, Hunger, Kälte und Konflikten.

Menschen kamen zu gemeinsamen Mahlzeiten zusammen, besuchten einander, feierten Hochzeiten, religiöse Feste und politische Erfolge. Sie hörten Musik, spielten Spiele, erzählten Geschichten und machten Witze.

Die direkte Stimme eines gewöhnlichen Menschen aus der Zeit um das Jahr 1000 ist nur selten erhalten. Die meisten längeren Erzählungen wurden erst später aufgeschrieben. Dennoch zeigen Dichtungen, Sagas, Runeninschriften und archäologische Funde, dass Sprache, Erzählkunst und gemeinschaftliche Unterhaltung eine große Rolle spielten.

Ein guter Erzähler konnte die Aufmerksamkeit eines ganzen Raumes halten. In einer langen Winternacht, in der viele Menschen gemeinsam im Haus arbeiteten oder am Feuer saßen, bot eine Geschichte Unterhaltung. Zugleich vermittelte sie Wissen über Familien, Reisen, Konflikte, Götter und außergewöhnliche Ereignisse.

Nicht jede Erzählung musste vollständig wahr sein. Eine Begebenheit konnte ausgeschmückt, zugespitzt und bei jeder Wiederholung etwas verändert werden. Entscheidend war nicht allein, ob jedes Detail exakt so geschehen war. Eine gute Geschichte musste verständlich, erinnerbar und spannend sein.

Bestimmte Inhalte wurden jedoch in festen Formen bewahrt. Gedichte mit einem strengen Rhythmus und wiederkehrenden Lautmustern ließen sich leichter merken als freie Rede. Skalden entwickelten anspruchsvolle Verse, in denen Personen, Kämpfe, Reisen und Herrscher beschrieben wurden.

Die Bildsprache solcher Gedichte konnte sehr kunstvoll sein. Ein Schiff wurde beispielsweise als Pferd der Wellen umschrieben. Gold konnte durch Bilder bezeichnet werden, die eine ganze Geschichte voraussetzten. Wer solche Verse verstand, gehörte zu einem Publikum, das mit den verwendeten Bildern und Überlieferungen vertraut war. Das Wikingerschiffsmuseum weist darauf hin, dass die strengen Formen skaldischer Dichtung dazu beigetragen haben könnten, Verse vergleichsweise zuverlässig bis zu ihrer späteren Niederschrift zu bewahren.

Auch Musik gehörte zum gemeinschaftlichen Leben. Gesang konnte Arbeit begleiten, eine Geschichte tragen oder Teil eines Festes sein. Archäologisch nachgewiesene Instrumente und bildliche Darstellungen zeigen, dass unterschiedliche Formen musikalischer Unterhaltung bekannt waren.

Bei größeren Mahlzeiten wurde nicht nur gegessen. Menschen tauschten Nachrichten aus, schlossen Absprachen und beobachteten genau, wie andere behandelt wurden. Wer wo saß, wer zuerst bedient wurde und welche Geschenke verteilt wurden, konnte politische Bedeutung haben.

Gastfreundschaft war deshalb großzügig und berechnend zugleich. Ein Hausherr zeigte durch Speisen, Getränke und Unterbringung, dass er über Mittel verfügte. Ein Gast nahm die Bewirtung an und erkannte damit zumindest vorübergehend die Ordnung des Hauses an.

Das Hávamál, eine Sammlung altnordischer Lehr- und Spruchdichtung, enthält zahlreiche Hinweise auf Gastfreundschaft, Vorsicht, maßvolles Verhalten und kluge Rede. Der Text wurde zwar erst in einer mittelalterlichen Handschrift überliefert, bewahrt aber ältere Vorstellungen darüber, wie sich ein Mensch unter anderen verhalten sollte.

Dabei durfte selbstverständlich gelacht werden.

Der Humor, der in den später niedergeschriebenen Sagas begegnet, ist häufig trocken, knapp und manchmal ausgesprochen düster. Eine Figur kommentiert eine gefährliche Lage mit wenigen Worten, macht sich über den Gegner lustig oder antwortet auf eine Drohung so gelassen, dass gerade daraus die Komik entsteht.

Auch Übertreibungen, Wortspiele, Spottverse und ungewöhnliche Beinamen konnten unterhalten. Manche Beinamen beschrieben auffällige Eigenschaften, körperliche Merkmale, Herkunft oder ein bekanntes Ereignis. Sie konnten ehrend, praktisch, spöttisch oder beleidigend sein.

Ein Witz war jedoch nicht immer harmlos. In einer Gesellschaft, in der Ehre und öffentlicher Ruf großen Wert besaßen, konnte Spott als Angriff verstanden werden. Wer einen anderen vor Zeugen lächerlich machte, riskierte, dass dieser reagieren musste, um seinen Ruf zu schützen.

Humor und Gefahr konnten deshalb eng beieinanderliegen. Ein scharf formulierter Satz brachte möglicherweise einen ganzen Raum zum Lachen. Für den Betroffenen konnte genau dieses Lachen jedoch zur Demütigung werden.

Die Sagas berichten immer wieder von Wortwechseln, in denen Menschen einander prüfen. Wer schnell, klug und selbstbeherrscht antwortete, gewann Ansehen. Wer sich provozieren ließ oder keine Antwort fand, verlor möglicherweise die Kontrolle über die Situation.

Solche Szenen dürfen nicht als wörtliche Protokolle aus der Wikingerzeit gelesen werden. Die Sagas wurden später von Autoren gestaltet, die ihre eigene Zeit und ihre literarischen Absichten mit einbrachten. Sie zeigen aber, welche Formen von Rede, Selbstbeherrschung und trockenem Humor in der nordischen Erzähltradition geschätzt wurden.

Geselligkeit zeigte sich auch in Spielen. Brettspiele wie Hnefatafl verlangten Planung und strategisches Denken. Würfelspiele konnten dem Zeitvertreib dienen, aber auch mit Einsätzen verbunden sein. Körperliche Wettkämpfe, Ringen, Kraftproben und Geschicklichkeitsspiele boten Gelegenheit, sich zu messen.

Auch hier ging es nicht nur um Unterhaltung. Wer gewann, konnte Ansehen gewinnen. Wer verlor und damit schlecht umging, verriet möglicherweise mehr über seinen Charakter, als ihm lieb war.

Geschichten, Spiele und Humor halfen den Menschen, Gemeinschaft herzustellen. Sie vermittelten Regeln, erinnerten an gemeinsame Erfahrungen und boten einen Ausgleich zu harter Arbeit.

Sie konnten aber ebenso Grenzen markieren. Wer eine Anspielung verstand, gehörte dazu. Wer die Namen, Geschichten und Verwandtschaftsbeziehungen nicht kannte, blieb zunächst ein Außenstehender.

Damit schließt sich der Kreis zum Hof und zum Langhaus. Dort wurde gearbeitet, gegessen, gestritten, gelernt, erzählt und gelacht. Die Gemeinschaft war kein eigener Bereich neben dem Alltag. Sie entstand im Alltag.

Auch die Fahrten nach Westen begannen in solchen Gemeinschaften.

Bevor ein Schiff nach Grönland oder Vinland aufbrechen konnte, mussten Menschen gemeinsam Vorräte beschaffen, Ausrüstung herstellen und Aufgaben verteilen. Familien mussten entscheiden, wer mitfuhr und wer zurückblieb. Wissen musste weitergegeben, Vertrauen aufgebaut und eine Besatzung zusammengestellt werden, die über lange Zeit auf engem Raum miteinander auskam.

Die Geschichte der großen Fahrten beginnt deshalb nicht erst am Ufer.

Sie beginnt auf den Höfen, in den Werkstätten und in den Häusern, in denen die Menschen der Wikingerzeit ihr tägliches Leben miteinander teilten.

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4. Nahrung, Jagd und Vorratshaltung

Wer heute Hunger bekommt, öffnet einen Kühlschrank, geht in ein Geschäft oder bestellt sich etwas zu essen. Für die Menschen der Wikingerzeit hätte sich diese Form der Versorgung beinahe wie Zauberei angefühlt.

Nahrung war für sie nicht ständig und in beliebiger Menge verfügbar. Sie musste angebaut, aufgezogen, gefangen, gejagt, gesammelt, verarbeitet und gelagert werden. Dabei genügte es nicht, den Bedarf eines einzelnen Tages zu decken. Ein Hof musste bereits im Sommer an den Winter denken und im Herbst möglichst genau einschätzen, wie lange seine Vorräte reichen würden.

Auch das Futter für die Tiere gehörte zu dieser Rechnung. Ein Haushalt konnte genügend Nahrung für die Menschen besitzen und trotzdem in Schwierigkeiten geraten, wenn das Heu für Rinder, Schafe und Ziegen nicht ausreichte. Dann mussten Tiere geschlachtet werden, die eigentlich Milch, Wolle, Nachwuchs oder Arbeitskraft liefern sollten.

Die Versorgung beruhte deshalb nicht auf einer einzigen Nahrungsquelle. Landwirtschaft, Viehhaltung, Fischfang, Jagd und Sammeln ergänzten einander. Wie stark die einzelnen Bereiche ins Gewicht fielen, hing von der Landschaft, dem Klima, den vorhandenen Tieren und den Fähigkeiten eines Haushalts ab.

Ein Hof im fruchtbaren Dänemark konnte mehr Getreide anbauen als eine Siedlung an einem norwegischen Fjord. Eine Familie auf Island lebte unter anderen Bedingungen als die nordischen Bewohner Grönlands. Was an einem Ort alltäglich war, konnte anderswo selten, teuer oder überhaupt nicht vorhanden sein.

Von einer einheitlichen „Wikingerküche“ kann deshalb kaum gesprochen werden. Es gab vielmehr viele regionale Formen der Ernährung, die durch eine gemeinsame Notwendigkeit verbunden waren:

Die Menschen mussten aus dem, was ihre Umgebung hergab, möglichst lange und möglichst zuverlässig leben.

Regionale Ernährungsgrundlagen in Skandinavien, Island und Grönland

Skandinavien umfasste sehr unterschiedliche Landschaften.

In Dänemark und Teilen Südschwedens standen vergleichsweise fruchtbare Böden zur Verfügung. Dort konnten Getreidebau und Viehhaltung eine breite Grundlage der Ernährung bilden. Weiter nördlich und in den gebirgigen Regionen Norwegens waren die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen kleiner und stärker voneinander getrennt. Fischfang, Viehhaltung und die Nutzung wild lebender Tiere gewannen dort häufig größere Bedeutung.

Schon innerhalb einer einzigen Region konnten sich benachbarte Höfe unterscheiden. Ein Hof mit guten Ackerflächen erzeugte vielleicht einen Überschuss an Getreide. Ein anderer verfügte über besonders gute Weiden. Eine Küstensiedlung konnte Fisch liefern, während Menschen in einem waldreichen Binnenland leichter Zugang zu Wild, Beeren, Nüssen und Holz hatten.

Der Austausch zwischen den Höfen war daher wichtig. Selbst ein weitgehend selbstständiger Haushalt stellte nicht zwangsläufig alles her, was er benötigte. Überschüsse konnten getauscht oder auf Märkten verkauft werden. Das dänische Nationalmuseum weist darauf hin, dass neben Getreide, Gemüse und Nutztieren auch andere Erzeugnisse der Höfe in die Handelsplätze gelangten.

In den südlicheren Teilen Skandinaviens bildeten Getreidebreie und Brot wichtige Grundnahrungsmittel. Gerste und Roggen gehörten zu den bedeutendsten Getreidearten. Daneben wurden Hafer, Hirse und in begrenzterem Umfang Weizen angebaut. Weizen war anspruchsvoller und dürfte vielerorts eher den wohlhabenderen Haushalten zur Verfügung gestanden haben. Getreide wurde nicht nur zu Brot verarbeitet, sondern auch für Brei und Bier verwendet.

In Norwegen war die Ernährung stärker von den jeweiligen Küsten- und Tallandschaften abhängig. Wo Ackerbau möglich war, wurde auch dort Getreide angebaut. An vielen Orten blieben jedoch Viehhaltung, Fischfang und die Nutzung des Meeres unverzichtbar. Besonders der getrocknete Fisch ließ sich lagern, transportieren und später auch über größere Entfernungen handeln. Forschungen zur nordatlantischen Fischwirtschaft zeigen, dass intensive Fischerei und konservierter Fisch bereits in der Eisen- und Wikingerzeit eine wichtige wirtschaftliche Rolle spielten.

Island stellte die nordischen Siedler vor andere Herausforderungen.

Sie brachten Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine und Pferde mit. Ihre Landwirtschaft beruhte vor allem auf Viehhaltung und der Gewinnung von Winterfutter. Getreideanbau war in günstigen Lagen möglich, blieb jedoch stärker von Wetter, Böden und der kurzen Wachstumszeit abhängig als in vielen Teilen Skandinaviens.

Die wichtigste landwirtschaftliche Aufgabe bestand häufig nicht darin, möglichst große Getreidefelder anzulegen. Entscheidend war, genügend Gras und Heu für die Tiere zu gewinnen. Rinder und Schafe konnten im Sommer weiden. Im Winter mussten sie jedoch versorgt werden, und der isländische Winter ließ sich nicht durch Optimismus verkürzen.

Fischfang ergänzte die Versorgung. Archäologische Untersuchungen zeigen, dass Küstenfisch und der Austausch zwischen Küsten- und Binnenhöfen bereits in frühen Siedlungsphasen Bedeutung besaßen. Die wirtschaftliche Bedeutung der Fischerei veränderte sich später weiter, doch sie war keineswegs erst eine Erfindung des späten Mittelalters.

Island besaß vor der Besiedlung nur eine sehr begrenzte heimische Landtierwelt. Der Polarfuchs war das einzige einheimische Landsäugetier. Rentiere, Elche, Hirsche und Wildschweine, die in Teilen Skandinaviens gejagt werden konnten, gab es dort während der Wikingerzeit nicht. Die heute auf Island lebenden Rentiere wurden erst viele Jahrhunderte später eingeführt.

Jagd bedeutete auf Island daher vor allem die Nutzung von Seevögeln, Eiern, Fischen, Robben und anderen Küstenressourcen. Hinzu kamen gestrandete oder küstennah erbeutete Meeressäuger. Auch Wale konnten eine große Menge an Fleisch, Fett und Rohstoffen liefern. Ob ein Wal jedoch regelmäßig und gezielt erlegt oder als gestrandetes Tier genutzt wurde, war ein erheblicher Unterschied.

Grönland lag noch weiter am Rand dessen, was mit nordischer Landwirtschaft möglich war.

Die Siedler errichteten ihre Höfe in geschützten Fjordlandschaften im Südwesten. Dort konnten Rinder, Schafe und Ziegen gehalten und auf geeigneten Flächen Heu gewonnen werden. Der Spielraum war jedoch klein. Landwirtschaft allein hätte die Menschen nicht zuverlässig ernähren können.

Die nordischen Grönländer verbanden deshalb Viehhaltung und Weidewirtschaft mit der Jagd auf Meeressäuger. UNESCO beschreibt diese Gesellschaft ausdrücklich als eine Kultur von Bauern und Jägern, die Landwirtschaft, Beweidung und die Nutzung mariner Säugetiere miteinander kombinierte.

Robben waren besonders wichtig. Sie lieferten Fleisch, Fett und Häute. Karibus, also die nordamerikanische Form des Rentiers, wurden im Landesinneren gejagt. Vögel, Fische und gestrandete oder erlegte Meeressäuger ergänzten die Nahrung.

Walrosse spielten zusätzlich eine wirtschaftliche Rolle. Ihr Elfenbein konnte nach Europa ausgeführt werden. Die Jagd auf Walrosse führte die grönländischen Nordleute teilweise weit nach Norden und war daher nicht einfach ein kurzer Ausflug vor die Haustür. Sie erforderte Boote, Erfahrung, geeignete Ausrüstung und eine Mannschaft.

Die Ernährung der grönländischen Siedlungen veränderte sich im Laufe ihrer Geschichte. Untersuchungen menschlicher Knochen deuten darauf hin, dass der Anteil mariner Nahrung später zunahm. Die Bewohner reagierten also auf veränderte Bedingungen, statt über Jahrhunderte unbeirrt an einer einzigen Wirtschaftsweise festzuhalten.

Damit ergaben sich drei deutlich verschiedene Lebensräume:

In vielen Teilen Skandinaviens bildeten Ackerbau und Viehhaltung die Grundlage, ergänzt durch Fischfang, Jagd und Sammeln.

Auf Island standen Viehhaltung, Heugewinnung, Fischfang und Küstenressourcen im Mittelpunkt.

In Grönland mussten Viehhaltung und Landwirtschaft noch stärker durch die Jagd auf Robben, Karibus und andere arktische Tiere ergänzt werden.

Die Menschen brachten ihre Erfahrungen aus Skandinavien mit. Sie konnten jedoch nicht einfach überall dasselbe tun. Jede neue Landschaft zwang sie, ihre Lebensweise anzupassen.

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Landwirtschaft, Viehhaltung, Fischfang und Sammeln

Die meisten Menschen der Wikingerzeit lebten auf oder in enger Verbindung mit einem Hof. Für sie begann die Ernährung nicht mit dem Kochen, sondern mit der Erde, den Tieren und dem Wetter.

Der Getreideanbau verlangte viele Arbeitsschritte. Der Boden musste vorbereitet, das Saatgut ausgewählt und ausgebracht, das Feld gepflegt und die Ernte zum richtigen Zeitpunkt eingebracht werden. Danach war das Getreide noch lange kein fertiges Essen.

Die Körner mussten gedroschen, von unerwünschten Bestandteilen getrennt und trocken gelagert werden. Vor der Verwendung wurden sie auf Handmühlen gemahlen. Das Mahlen war eine wiederkehrende, körperlich anstrengende Arbeit. Erst danach konnte aus dem Mehl Brei, Brot oder ein anderes Gericht entstehen.

Brei war praktisch. Er benötigte keinen aufwendigen Backofen, ließ sich mit unterschiedlichen Getreidearten herstellen und durch Milch, Fett, Kräuter, Früchte oder Fleisch ergänzen. Das klingt vielleicht nicht nach einem Festmahl. Wer jedoch nach einem langen Arbeitstag hungrig am Feuer saß, dürfte eine warme Schale Brei anders beurteilt haben als ein heutiger Besucher eines Frühstücksbuffets.

Brot wurde in verschiedenen Formen gebacken. Flache Brote konnten auf erhitzten Platten, Pfannen oder unmittelbar in der Nähe des Feuers zubereitet werden. Größere Backöfen waren nicht auf jedem Hof vorhanden. Roggen, Gerste, Hafer und andere Getreidearten ergaben dunklere und gröbere Brote als das heute verbreitete helle Weizenbrot.

Neben Getreide wurden Erbsen, Bohnen und verschiedene Gemüse- und Kräuterpflanzen genutzt. Zwiebelartige Pflanzen, Kohl, Lauch und Wildkräuter konnten Gerichte ergänzen. Welche Pflanzen tatsächlich auf einem bestimmten Hof angebaut wurden, lässt sich nicht überall gleichermaßen nachweisen. Pflanzliche Reste erhalten sich schlechter als Knochen, Keramik oder Metall.

Archäologen gewinnen Informationen über die Ernährung daher oft aus verkohlten Samen, Pollen, Ablagerungen in Gefäßen, Abfallgruben und den Resten menschlicher und tierischer Knochen. Was in einem Text über ein Festmahl erwähnt wird, muss nicht dem täglichen Speiseplan entsprechen. Ein angebrannter Breirest kann für den Alltag manchmal aussagekräftiger sein als eine besonders eindrucksvolle Saga.

Die Viehhaltung lieferte weit mehr als Fleisch.

Rinder konnten als Zugtiere dienen und Milch liefern. Schafe lieferten Wolle, Milch und Fleisch. Ziegen kamen auch mit kargeren Weideflächen zurecht und lieferten ebenfalls Milch, Fleisch und Häute. Schweine wurden vor allem wegen ihres Fleisches gehalten. Pferde dienten dem Transport, der Arbeit, dem Ansehen und in bestimmten Zusammenhängen auch als Nahrung oder Opfertier.

Hinzu kamen Hühner, Gänse und Enten. Sie lieferten Eier, Fleisch und Federn. Welche Tiere ein Haushalt besaß, hing von seinem Wohlstand, den verfügbaren Flächen und den regionalen Bedingungen ab. Ein typischer landwirtschaftlicher Haushalt konnte Rinder, Pferde, Schweine, Schafe und Ziegen halten; hinzu kamen verschiedene Geflügelarten.

Ein Tier wurde möglichst lange und umfassend genutzt. Eine Kuh konnte zunächst Kälber bekommen, Milch liefern und Arbeit leisten. Erst später wurde sie geschlachtet. Das Fleisch eines alten Arbeitstieres war vielleicht weniger zart, aber es blieb Nahrung. Ein Schwein lieferte dagegen vor allem Fleisch und Fett.

Milch war nur begrenzt frisch haltbar. Sie wurde deshalb weiterverarbeitet. Butter, Käse, Sauermilch und andere gesäuerte Milchprodukte ermöglichten es, Nährstoffe länger zu bewahren. Stark gesalzene Butter konnte über einen längeren Zeitraum gelagert werden und lieferte im Winter wertvolles Fett. Das dänische Nationalmuseum nennt Butter und Käse ausdrücklich als wichtige konservierte Milchprodukte der Wikingerzeit.

Die heute bekannten Namen nordischer Milchprodukte dürfen allerdings nicht ohne Weiteres auf jede Region und jedes Jahrhundert übertragen werden. Es gab gesäuerte und eingedickte Milchprodukte, doch ihre genaue Herstellung konnte von Hof zu Hof unterschiedlich sein. Eine moderne Packung Skyr aus dem Supermarkt ist kein unverändertes Lebensmittel aus einem Wikingerhaus.

Der Fischfang konnte an Küsten, Flüssen und Seen stattfinden. Verwendet wurden Netze, Leinen mit Haken, Reusen, Speere und andere Geräte. Archäologische Funde von Angelhaken, Netzgewichten, Fischspeeren und Fischknochen belegen die große Bedeutung dieser Tätigkeit.

Zu den gefangenen Arten gehörten je nach Region Hering, Kabeljau, Schellfisch, Lachs, Forelle, Aal und zahlreiche weitere Fische. Hering konnte in großen Schwärmen auftreten und dann in beträchtlicher Menge gefangen werden. Kabeljau eignete sich besonders gut zum Trocknen.

Fisch war nicht nur eine Ergänzung für arme Küstenbewohner. Er konnte ein wichtiges Handelsgut sein. Sobald Fisch haltbar gemacht wurde, ließ er sich von den Fangplätzen ins Binnenland oder zu weiter entfernten Märkten transportieren.

Das Sammeln ergänzte den Speiseplan.

In Wäldern und offenen Landschaften konnten Beeren, Wildäpfel, Pflaumen, Haselnüsse und verschiedene essbare Pflanzen gefunden werden. Himbeeren, Heidelbeeren und andere Beeren lieferten Geschmack und Nährstoffe. Honig war die wichtigste verfügbare konzentrierte Süße, aber keineswegs unbegrenzt vorhanden.

Auch Pilze wurden vermutlich genutzt. Ihr Nachweis ist jedoch schwierig, weil sie archäologisch kaum Spuren hinterlassen. Dass Menschen essbare Pilze kannten, ist plausibel; welche Arten sie regelmäßig sammelten und wie sie diese verwendeten, lässt sich jedoch nicht für jede Region sicher rekonstruieren.

Wildpflanzen konnten als Nahrung, Gewürz oder Heilmittel dienen. Dabei war genaue Kenntnis notwendig. Eine Pflanze konnte nützlich, wirkungslos oder giftig sein. Dieses Wissen wurde nicht aus einem gedruckten Pflanzenführer erworben, sondern durch Beobachtung und Weitergabe innerhalb der Gemeinschaft.

Die verschiedenen Nahrungsquellen ergänzten einander. Fiel eine Ernte schlecht aus, konnten Fischfang oder Viehhaltung einen Teil des Verlustes ausgleichen. Blieben Fischschwärme aus oder gingen Tiere ein, wurde Getreide umso wichtiger.

Vollständig sicher war diese Versorgung nie.

Ein einzelner Hof mochte sorgfältig geplant haben. Gegen eine längere Folge schlechter Ernten, Tierkrankheiten, Stürme oder ungewöhnlich harter Winter half jedoch irgendwann auch die beste Vorratskammer nicht mehr.

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Jagdtiere, Jagdmethoden und Fährtenlesen

Die Jagd gehörte zur Lebenswelt der Wikinger, aber sie hatte nicht überall dieselbe Bedeutung.

In landwirtschaftlich gut nutzbaren Regionen war sie meist eine Ergänzung der Versorgung. In waldreichen, gebirgigen oder nördlichen Gebieten konnte sie wesentlich wichtiger werden. In Grönland war sie für das Überleben der nordischen Siedlungen unverzichtbar.

Auch die gejagten Tiere unterschieden sich regional erheblich.

In den Wäldern und offenen Landschaften Skandinaviens konnten Elche, Rothirsche, Rehe und Wildschweine vorkommen. Weiter nördlich lebten wilde Rentiere. Hinzu kamen Hasen, Biber, Otter, Füchse und verschiedene Vogelarten. Braunbären waren in Teilen Skandinaviens vorhanden, jedoch kein gewöhnliches Jagdtier, dem man beiläufig auf dem Heimweg nachstellte.

Ein Bär war kräftig, schnell und gefährlich. Wer einen Bären jagte, brauchte Erfahrung, geeignete Waffen und möglichst weitere Jäger oder Hunde. Bären wurden wegen ihres Fells, ihres Fleisches, ihres Fettes und wahrscheinlich auch wegen des mit der Jagd verbundenen Ansehens verfolgt.

Dabei darf die historische Bärenjagd nicht mit den Geschichten über Berserker vermischt werden. Bärenfelle und symbolische Vorstellungen vom Bären gehörten zur nordischen Kultur. Ob und in welcher Form einzelne Krieger tatsächlich Bärenfelle im Kampf trugen, ist jedoch eine andere und wesentlich schwieriger zu beantwortende Frage.

Elche und Rentiere konnten Fleisch, Häute, Sehnen, Knochen und Geweih liefern. In geeigneten Landschaften wurden sie mit Bögen, Speeren, Hunden, Fallgruben und gemeinschaftlichen Treibjagden verfolgt.

Fallgruben waren besonders bei größeren Tieren wirksam. Sie wurden an bekannten Wechseln oder in Geländepassagen angelegt, durch die Tiere regelmäßig zogen. Eine einzelne Grube konnte nützlich sein; ganze Systeme von Gruben und Leitvorrichtungen konnten Tiergruppen gezielt in bestimmte Bereiche lenken.

Kleinere Tiere wurden mit Schlingen, Fallen, Netzen oder Wurfgeräten erbeutet. Vögel konnten nicht nur Fleisch, sondern auch Eier, Federn und Daunen liefern. An Klippen und auf Inseln war das Sammeln von Eiern und Jungvögeln möglich, konnte aber gefährliche Kletterarbeit erfordern.

Auf Island war die Jagd auf große Landtiere ausgeschlossen, weil diese Tiere dort nicht lebten. Gejagt wurden vor allem Polarfüchse, Robben und Seevögel. Fischfang und das Sammeln von Eiern waren wesentlich wichtiger als die Vorstellung eines isländischen Jägers, der einem Hirsch durch den Wald folgte.

In Grönland standen Robben und Karibus im Mittelpunkt. Walrosse wurden wegen Fleisch, Haut und insbesondere ihrer Stoßzähne gejagt. Arktische Hasen, Füchse und Vögel konnten ebenfalls genutzt werden.

Eisbären erreichten die südwestlichen Siedlungsgebiete gelegentlich mit dem Treibeis oder wurden weiter nördlich angetroffen. Sie waren jedoch keine berechenbare Grundlage der Ernährung. Eine Begegnung mit einem Eisbären war eher ein gefährliches Ereignis als ein zuverlässig eingeplanter Punkt auf dem Speiseplan.

Die Jagdwaffen unterschieden sich danach, welches Tier verfolgt wurde.

Bogen und Pfeil erlaubten einen Angriff aus größerer Entfernung. Der Speer konnte geworfen oder im direkten Kontakt eingesetzt werden. Ein schwerer Speer, der für einen Bären oder ein großes Huftier geeignet war, stellte andere Anforderungen als ein leichter Jagdpfeil für Vögel oder kleines Wild.

Hunde konnten Spuren verfolgen, Tiere stellen, aus der Deckung treiben oder angeschossenes Wild auffinden. Welche Hunderassen im modernen Sinn verwendet wurden, lässt sich nicht immer bestimmen. Sicher ist jedoch, dass Hunde in den nordischen Gesellschaften unterschiedliche Aufgaben erfüllten und auch bei der Jagd eingesetzt werden konnten.

Der Erfolg begann lange vor dem Einsatz einer Waffe.

Jäger mussten wissen, wo sich Tiere aufhielten, wann sie wanderten, wo sie tranken und wie sie auf Wetter oder menschliche Annäherung reagierten. Sie mussten frische von alten Spuren unterscheiden und erkennen, ob ein Tier ruhig gegangen, geflohen oder verwundet war.

Direkte schriftliche Anleitungen zum Fährtenlesen aus der Wikingerzeit sind nicht überliefert. Niemand hinterließ ein Handbuch mit dem Titel „So finden Sie Ihren Elch in zehn einfachen Schritten“.

Dass erfahrene Jäger Fährten lesen konnten, ergibt sich jedoch zwingend aus der Art der Jagd. Fußabdrücke, abgebrochene Zweige, Haare, Losung, Fraßstellen, Liegeplätze und Wechsel verrieten die Anwesenheit von Tieren. Auch die Richtung des Windes war entscheidend, weil viele Tiere einen Menschen riechen konnten, bevor sie ihn sahen.

Schnee erleichterte das Erkennen von Spuren, machte die Jagd aber körperlich anstrengender. Auf hartem Untergrund waren Abdrücke schwieriger zu sehen. Dann gewannen kleinere Hinweise an Bedeutung.

Jäger mussten außerdem vermeiden, eine Spur falsch zu deuten. Ein einzelner Abdruck sagte wenig darüber aus, wie alt er war oder ob das Tier noch in der Nähe blieb. Erfahrung bestand nicht darin, irgendeine Spur zu entdecken, sondern aus vielen unvollständigen Zeichen ein wahrscheinliches Gesamtbild zu bilden.

Diese Fähigkeit war nicht allein für die Jagd wichtig. Wer Tiere lesen konnte, bemerkte möglicherweise auch Gefahren, fremde Hunde, entlaufene Nutztiere oder die Spuren anderer Menschen.

Die Jagd war damit eine Verbindung aus körperlicher Ausdauer, Waffenbeherrschung, Landschaftskenntnis und genauer Beobachtung. Das Tier wurde nicht deshalb erbeutet, weil der Jäger stärker war. Meist musste der Mensch klüger vorgehen, lange bevor er nahe genug kam, seine Stärke überhaupt zu erproben.

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Nutzung von Fleisch, Fellen, Häuten, Knochen und Geweihen

Ein erlegtes oder geschlachtetes Tier lieferte weit mehr als eine Mahlzeit.

Fleisch war wertvoll, aber ebenso wichtig waren Fett, Haut, Fell, Sehnen, Knochen, Horn und Geweih. In einer Welt, in der Rohstoffe mit viel Aufwand beschafft und verarbeitet werden mussten, wäre es verschwenderisch gewesen, nur die besten Fleischstücke zu nehmen und den Rest liegen zu lassen.

Nach der Schlachtung wurde das Tier zerlegt. Ein Teil des Fleisches konnte sofort gegessen werden. Größere Mengen mussten konserviert werden. Innere Organe waren ebenfalls nutzbar. Blut und Innereien konnten zu Würsten oder anderen Gerichten verarbeitet werden. Das dänische Nationalmuseum verweist ausdrücklich auf die Herstellung von Würsten aus Blut und Innereien nach den herbstlichen Schlachtungen.

Fett lieferte dringend benötigte Energie. Es konnte zum Kochen, zur Konservierung und teilweise als Brennstoff verwendet werden. In kalten Regionen war eine fettreiche Ernährung besonders wertvoll.

Häute mussten gereinigt und haltbar gemacht werden. Aus gegerbtem Leder konnten Schuhe, Riemen, Gürtel, Taschen, Schutzhüllen, Teile der Kleidung und verschiedene Gebrauchsgegenstände entstehen. Dünne und geschmeidige Häute eigneten sich für andere Zwecke als dicke Rinderhaut.

Felle boten Wärme. Schaf-, Ziegen-, Fuchs- und andere Tierfelle konnten als Kleidung, Decken, Lagerunterlagen oder Handelsware dienen. Besonders wertvolle Pelze gelangten über weite Entfernungen in den Handel.

Sehnen ließen sich trocknen, aufspalten und als widerstandsfähiges Bindematerial verwenden. Sie konnten beim Nähen, bei Waffen, Werkzeugen und anderen Konstruktionen nützlich sein.

Knochen wurden zu Nadeln, Pfriemen, Griffen, Spielsteinen, Kämmen und zahlreichen anderen Gegenständen verarbeitet. Auch einfache Werkzeuge aus Knochen erfüllten ihren Zweck zuverlässig und sparten kostbares Metall.

Geweih war zäh und belastbar. Besonders Rentier- und Hirschgeweih eignete sich für Kämme, Werkzeugteile, Griffe und Schmuck. Geweih musste nicht immer von einem getöteten Tier stammen. Abgeworfene Geweihstangen konnten gesammelt werden.

Horn stammte dagegen von Tieren wie Rindern, Schafen und Ziegen und wurde nicht jährlich abgeworfen. Es ließ sich erhitzen, formen und zu Löffeln, Behältern, Beschlägen oder Trinkhörnern verarbeiten.

Diese Unterscheidung zwischen Horn und Geweih klingt zunächst nach einer kleinen sprachlichen Feinheit. Für einen Handwerker war sie jedoch praktisch wichtig. Die Materialien besitzen unterschiedliche Strukturen und Eigenschaften.

In Grönland kam Walrosselfenbein hinzu. Die Stoßzähne der Walrosse waren ein begehrter Exportrohstoff. Sie wurden in Europa zu religiösen Gegenständen, Spielsteinen, Griffen und kunstvollen Schnitzereien verarbeitet. Damit konnte ein Tier, das weit im arktischen Norden gejagt wurde, wirtschaftliche Verbindungen bis in europäische Handelszentren schaffen.

Auch Robbenhäute waren vielseitig nutzbar. Sie konnten Kleidung, Schuhe, Riemen und andere Gegenstände liefern. Robbenfett war als Nahrung und Brennstoff wertvoll.

Federn und Daunen dienten als Füllmaterial. Vogelknochen konnten für kleine Werkzeuge oder Röhrchen verwendet werden. Eier lieferten Nahrung, während die Vögel selbst Fleisch und weitere Rohstoffe boten.

Die vollständige Nutzung eines Tieres war nicht Ausdruck einer romantischen Harmonie mit der Natur. Sie war zunächst eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Ein Tier aufzuziehen oder zu jagen kostete Zeit, Futter, Kraft und möglicherweise Menschenleben. Wer anschließend große Teile ungenutzt ließ, verschwendete etwas, das sich nicht schnell ersetzen ließ.

Gleichzeitig bedeutete die Verarbeitung erhebliche Arbeit. Eine Haut wurde nicht allein dadurch zu Leder, dass man sie vom Tier abzog. Sie musste gereinigt, enthaart, gespannt, getrocknet, gegerbt oder mit Fett und anderen Stoffen behandelt werden. Knochen und Geweih mussten gesägt, gespalten, geschliffen und poliert werden.

Hinter jedem fertigen Gegenstand stand daher eine Kette von Kenntnissen.

Die Jagd endete nicht mit dem Tod des Tieres. In vieler Hinsicht begann die eigentliche Arbeit erst danach.

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Trocknen, Salzen, Räuchern und Fermentieren

Frische Nahrung verdirbt.

Diese einfache Tatsache bestimmte einen erheblichen Teil des Jahresablaufs. Ohne Kühlung mussten Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Beeren und andere Lebensmittel so verarbeitet werden, dass Mikroorganismen, Feuchtigkeit und Wärme ihre Zersetzung verlangsamten.

Die Menschen der Wikingerzeit kannten keine Bakterien im heutigen naturwissenschaftlichen Sinn. Sie besaßen jedoch praktische Erfahrung. Sie wussten, dass dünn geschnittenes Fleisch schneller trocknete, dass feuchte Vorräte verdarben und dass bestimmte Mengen Salz, Rauch oder Säure die Haltbarkeit verlängerten.

Trocknen war eine der einfachsten und wichtigsten Methoden.

Fisch oder Fleisch wurde so aufgehängt oder ausgelegt, dass Luft möglichst gut daran vorbeiströmen konnte. Dem Lebensmittel wurde Wasser entzogen. Dadurch verschlechterten sich die Bedingungen für viele Mikroorganismen.

Das funktionierte besonders gut bei kühlem, trockenem und windigem Wetter. Dauerregen, hohe Luftfeuchtigkeit oder zu milde Temperaturen konnten den Vorgang stören. Nahrung, die außen trocken und innen noch feucht war, konnte verderben, obwohl sie auf den ersten Blick haltbar wirkte.

Kabeljau und andere geeignete Fische ließen sich an Gestellen lufttrocknen. Aus ausreichend trockenem Fisch entstand ein leichtes und lange lagerfähiges Nahrungsmittel. Vor dem Essen musste es häufig geklopft, zerkleinert und eingeweicht werden.

Getrockneter Fisch eignete sich besonders für Reisen. Er benötigte keine schweren Salzlakefässer und verdarb nicht so schnell wie frischer Fisch. Gerade in Norwegen und später im nordatlantischen Handel gewann er deshalb große wirtschaftliche Bedeutung.

Auch Fleisch konnte in dünnen Streifen oder kleineren Stücken getrocknet werden. Bei größeren Stücken war die Gefahr größer, dass Feuchtigkeit im Inneren blieb.

Salz entzog dem Lebensmittel ebenfalls Wasser und erschwerte das Wachstum vieler Mikroorganismen.

Fisch oder Fleisch konnte trocken eingesalzen oder in Salzlake gelegt werden. Hering wurde wahrscheinlich häufig in Lake konserviert. Das dänische Nationalmuseum nennt Trocknen und Salzen ausdrücklich als Methoden, mit denen Fleisch und Fisch länger haltbar gemacht wurden.

Salz war jedoch nicht überall unbegrenzt vorhanden. Es musste gewonnen, gehandelt und transportiert werden. Seine Verfügbarkeit unterschied sich regional. Deshalb konnte ein wohlhabender Haushalt oder ein wichtiger Handelsplatz großzügiger salzen als eine abgelegene Familie mit begrenztem Zugang.

Stark gesalzene Lebensmittel mussten vor dem Essen möglicherweise gewässert werden. Salz erhöhte außerdem den Durst. Die Vorstellung einer ständig überquellenden mittelalterlichen Speisekammer voller perfekt gesalzener Lebensmittel unterschätzt daher den Aufwand und die Kosten.

Räuchern verband die Wirkung von Rauch mit einer mehr oder weniger starken Trocknung.

Fleisch oder Fisch wurde nicht einfach mitten in ein großes Feuer gehalten. Dort wäre es verbrannt oder gekocht worden. Benötigt wurde ein langsam brennendes, rauchendes Feuer, über dem oder neben dem die Nahrung aufgehängt werden konnte.

Ein einfacher Räucherplatz konnte aus einem niedrigen Feuer und einem Gestell aus Stangen bestehen. Ein Windschutz oder eine teilweise geschlossene Konstruktion hielt den Rauch länger am Lebensmittel. Auch der Rauch eines Hauses konnte zur Trocknung und Konservierung beitragen, wenn Fleisch oder Fisch in geeigneter Entfernung von der Feuerstelle aufgehängt wurde.

Ob es auf einem bestimmten Wikingerhof ein eigens gebautes Räucherhaus gab, lässt sich archäologisch oft schwer nachweisen. Holzgestelle und leichte Aufbauten hinterlassen wenig eindeutige Spuren. Es wäre deshalb falsch, ein einziges festes Modell zum „typischen Wikinger-Räucherofen“ zu erklären.

Die grundlegende Technik war dennoch einfach nachvollziehbar:

Das Feuer sollte Rauch erzeugen, aber das Lebensmittel nicht verbrennen.

Der Rauch musste die Oberfläche erreichen können.

Feuchtigkeit musste entweichen.

Das Lebensmittel durfte nicht so dicht hängen, dass die Luft kaum zirkulierte.

Verwendet wurden wahrscheinlich die verfügbaren geeigneten Holzarten. Harzreiches Holz konnte einen scharfen Geschmack und unerwünschte Ablagerungen erzeugen. Welche Hölzer bevorzugt wurden, hing von Region, Erfahrung und Verfügbarkeit ab.

Beim warmen Räuchern wirkte zusätzlich stärkere Wärme auf das Lebensmittel. Es wurde dabei teilweise gegart und verlor schneller Wasser. Beim kühleren Räuchern dauerte der Vorgang länger und eignete sich besser für eine längere Lagerung.

Die heutigen scharfen Fachbegriffe „Heißräuchern“, „Warmräuchern“ und „Kalträuchern“ stammen aus einer später systematisierten Lebensmitteltechnik. Die Menschen der Wikingerzeit kannten die praktischen Unterschiede von Wärme, Rauch und Dauer, auch wenn sie nicht mit modernen Temperaturtabellen neben dem Feuer standen.

Rauch enthält Stoffe, die das Wachstum bestimmter Mikroorganismen und die Oxidation von Fett verlangsamen können. Entscheidend blieb jedoch der Wasserentzug. Rauch allein machte ein noch feuchtes Stück Fleisch nicht zuverlässig über Monate haltbar.

Räuchern war daher besonders wirksam, wenn es mit vorherigem Salzen und ausreichendem Trocknen verbunden wurde.

Fermentation nutzte dagegen gezielt oder zumindest erfahrungsgemäß Veränderungen durch Mikroorganismen.

Milch konnte durch Säuerung länger nutzbar bleiben. Aus ihr entstanden Sauermilch, Käse und andere Produkte. Butter und Käse konzentrierten Fett und Eiweiß und ließen sich besser lagern als frische Milch.

Auch Fisch und Fleisch konnten in bestimmten Zusammenhängen fermentiert werden. Die Übergänge zwischen gewünschter Fermentation und Verderb waren jedoch gefährlich. Erfolgreiche Herstellung beruhte auf Erfahrung, passenden Temperaturen, ausreichender Salzmenge und sauberen Gefäßen.

Nicht jedes moderne nordische Fermentationsgericht darf einfach als unveränderte Wikingerspeise bezeichnet werden. Traditionen können sehr alt sein, sich aber über Jahrhunderte verändert haben. Besonders beim häufig genannten fermentierten Grönlandhai ist Vorsicht angebracht. Dass Menschen auf Island später Hákarl herstellten, beweist nicht automatisch, dass genau dieselbe Methode bereits jeder Haushalt der Wikingerzeit kannte.

Auch Getreide wurde fermentiert. Aus Gerste entstand Bier. Honig und Wasser konnten zu Met vergoren werden. Diese Getränke gehören ebenfalls zur Nutzung mikrobieller Prozesse, auch wenn die Menschen die beteiligten Hefen nicht naturwissenschaftlich erklären konnten.

Trocknen, Salzen, Räuchern und Fermentieren waren keine konkurrierenden Verfahren. Sie konnten miteinander kombiniert werden.

Ein Fisch konnte zunächst gesalzen und anschließend getrocknet werden.

Ein Stück Fleisch konnte gepökelt und danach geräuchert werden.

Milch konnte gesäuert und anschließend zu Käse verarbeitet werden.

Die beste Methode hing von der Nahrung, der Jahreszeit, dem Wetter, den verfügbaren Rohstoffen und dem geplanten Verwendungszweck ab.

Ein Haushalt musste wissen, was bis zum nächsten Monat halten sollte und was bis zum Ende des Winters reichen musste. Genau darin lag der Unterschied zwischen bloßem Kochen und wirklicher Vorratswirtschaft.

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Haltbarkeit, Vorratshaltung und Winterversorgung

Für Lebensmittel der Wikingerzeit gab es kein aufgedrucktes Mindesthaltbarkeitsdatum.

Die Menschen mussten Geruch, Aussehen, Geschmack, Konsistenz und ihre eigene Erfahrung nutzen. Das bedeutete nicht, dass sie jedes verdorbene Lebensmittel zuverlässig erkannten. Lebensmittelvergiftungen, Schimmel und Parasiten gehörten zu den realen Gefahren.

Auch heute lässt sich für ein historisch konserviertes Lebensmittel keine allgemein gültige Haltbarkeit angeben.

Ein vollständig luftgetrockneter Fisch konnte unter günstigen Bedingungen viele Monate und möglicherweise erheblich länger gelagert werden. Ein nur teilweise getrocknetes Stück verdarb dagegen schnell.

Gut gesalzenes und kühl gelagertes Fleisch hielt länger als schwach gesalzenes Fleisch in einem warmen, feuchten Raum.

Geräucherte Nahrung konnte Wochen oder Monate nutzbar bleiben, wenn sie zugleich ausreichend trocken war und vor neuer Feuchtigkeit geschützt wurde.

Käse und stark gesalzene Butter ließen sich wesentlich länger lagern als frische Milch.

Die Haltbarkeit hing daher von mehreren Faktoren ab:

Wie viel Feuchtigkeit war noch enthalten?

Wie stark war gesalzen worden?

Wie kalt und trocken war der Lagerort?

Kamen Insekten oder Nagetiere an die Nahrung?

Wurde ein Behälter häufig geöffnet?

War die Nahrung bereits beim Einlagern sauber und unverdorben?

Ein kleiner Fehler konnte einen großen Verlust verursachen.

Getreide musste trocken bleiben. Feuchtigkeit führte zu Schimmel oder Keimung. Mäuse und andere Tiere konnten sich durch Säcke, Körbe oder schlecht geschützte Lager arbeiten. Fleisch und Fisch mussten vor Fliegen, Insekten und Tieren geschützt werden.

Vorräte konnten in Truhen, Holzkisten, Fässern, Keramikgefäßen, Körben, Säcken oder besonderen Vorratsgebäuden aufbewahrt werden. Manche Lebensmittel benötigten Luftzirkulation, andere einen möglichst dichten Behälter.

Getrockneter Fisch durfte nicht wieder feucht werden. Gesalzener Fisch blieb in einem Fass oder Bottich besser geschützt. Getreide konnte in Behältern, Speichern oder geeigneten Gruben gelagert werden, sofern Feuchtigkeit und Schädlinge ferngehalten wurden.

Auch der Platz innerhalb eines Hauses wurde genutzt. Nahrung konnte unter dem Dach, an Balken oder in der Nähe des Rauchs hängen. Das schützte sie teilweise vor Tieren und unterstützte die weitere Trocknung.

Ein wohlhabender Hof besaß größere Vorräte und mehr Möglichkeiten, Verluste auszugleichen. Dennoch konnte auch dort eine schlechte Lagerung erhebliche Schäden verursachen. Reichtum half wenig, wenn ein undichtes Dach das eingelagerte Getreide durchnässte.

Die Winterversorgung begann lange vor dem ersten Schnee.

Im Frühjahr wurde ausgesät.

Im Sommer wurden Tiere auf die Weiden gebracht, Fisch gefangen, Beeren gesammelt und Heu gemacht.

Im Herbst folgten Ernte, Schlachtung und Konservierung.

Im Winter wurde verbraucht, was zuvor erzeugt und eingelagert worden war.

Dabei mussten Vorräte eingeteilt werden. Wer zu Beginn des Winters großzügig aß, konnte im Frühjahr vor leeren Behältern stehen. Besonders kritisch war die Zeit, in der die alten Vorräte zur Neige gingen, aber noch keine neue Ernte verfügbar war.

Ein Haushalt musste außerdem Saatgut zurückhalten. Getreide, das im Frühjahr ausgesät werden sollte, durfte im Winter nicht vollständig gegessen werden. In einer akuten Hungerkrise war die Versuchung groß, genau diese Reserve zu verbrauchen. Damit wurde jedoch die nächste Ernte gefährdet.

Auch die Tiere waren lebende Vorräte.

Sie lieferten Milch, Nachwuchs, Wolle und Arbeitskraft. Gleichzeitig benötigten sie Futter. Im Herbst musste daher entschieden werden, welche Tiere den Winter überstehen sollten und welche geschlachtet wurden.

Zu viele Tiere bedeuteten möglicherweise, dass das Heu nicht reichte.

Zu wenige Tiere bedeuteten im folgenden Jahr weniger Milch, Wolle und Nachwuchs.

Diese Entscheidung verlangte Erfahrung und konnte trotzdem durch einen ungewöhnlich langen Winter zunichtegemacht werden.

Die schwedische Forschung zum Hofleben betont, dass nicht nur Nahrung für die Menschen, sondern auch Futter für das Vieh über den Winter eingelagert werden musste. Der gesamte Jahreslauf des Hofes richtete sich nach Saat, Ernte, Weide und Vorratshaltung.

Zusätzlich konnten Nahrungsmittel für Reisen vorbereitet werden. Getrockneter Fisch, Brot, Mehl, Butter und andere haltbare Lebensmittel eigneten sich besser für ein Schiff als frisches Fleisch. Das Wikingerschiffsmuseum nennt für Seereisen unter anderem Brei, Mehl, getrockneten Fisch, Butter und Brot.

Die ausführliche Versorgung auf Schiffen wird später behandelt. An dieser Stelle ist jedoch wichtig, dass Reisevorräte nicht plötzlich am Tag der Abfahrt entstanden.

Sie mussten auf den Höfen erzeugt, verarbeitet und aus den Vorräten entnommen werden. Eine längere Fahrt konnte daher nur beginnen, wenn die Gemeinschaft genügend Überschüsse besaß oder beschaffen konnte.

Vorratshaltung bedeutete letztlich, Nahrung durch die Zeit zu bewegen.

Was im Sommer gefangen oder geerntet wurde, musste Monate später noch essbar sein.

Was im Herbst geschlachtet wurde, sollte im Winter Kraft geben.

Und was für eine Fahrt zurückgelegt wurde, durfte nicht bereits verderben, bevor das Schiff sein Ziel erreichte.

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Getränke, Gefäße, Fässer und Trinkschläuche

Wasser war das wichtigste Getränk des täglichen Lebens.

Es stammte aus Brunnen, Quellen, Bächen, Flüssen, Seen oder gesammeltem Regenwasser. Die Qualität unterschied sich von Ort zu Ort. Ein sauberer Quellbach war etwas anderes als ein verunreinigter Wasserlauf neben einer dicht genutzten Siedlung.

Die verbreitete Behauptung, Menschen der Wikingerzeit hätten grundsätzlich kein Wasser getrunken, weil es immer gefährlich gewesen sei, ist zu pauschal. Wasser wurde selbstverständlich getrunken. Auf Schiffen war es sogar das gewöhnlichste Getränk und wurde in Fässern oder großen Behältern mitgeführt.

Trotzdem konnte Wasser verunreinigt sein. Menschen und Tiere lebten eng beieinander, Abfälle wurden nicht nach modernen hygienischen Regeln entsorgt, und Brunnen konnten verschmutzen. Erfahrung half bei der Auswahl einer Wasserstelle, bot jedoch keinen vollständigen Schutz vor Krankheitserregern.

Milch wurde von Kühen, Schafen und Ziegen gewonnen. Frische Milch war saisonal und nur kurz haltbar. Ein großer Teil wurde deshalb zu Butter, Käse, Sauermilch oder Molke verarbeitet.

Molke und dünne Sauermilchgetränke konnten erfrischend sein und halfen dabei, die Bestandteile der Milch möglichst vollständig zu nutzen. Auch Buttermilch fiel bei der Butterherstellung an.

Bier war weit verbreitet. Es wurde vor allem aus Gerste hergestellt, wobei Stärke aus dem Getreide in vergärbaren Zucker umgewandelt werden musste. Das erforderte Erfahrung beim Mälzen, Maischen und Vergären.

Es gab nicht nur eine einzige Biersorte. Dünneres Bier eignete sich eher für den Alltag, stärkeres Bier für Feste und besondere Gelegenheiten. Die Qualität hing von Getreide, Wasser, Herstellung und Lagerung ab.

Die Vorstellung, jeder Mensch habe den gesamten Tag Bier getrunken, ist trotzdem übertrieben. Getreide war wertvoll und wurde auch als Nahrung, Saatgut und Tierfutter benötigt. Bierbrauen verbrauchte Ressourcen und Arbeitszeit.

Met entstand durch die Vergärung von Honig und Wasser. Honig war wesentlich begrenzter verfügbar als Getreide. Met dürfte deshalb nicht das gewöhnliche tägliche Getränk jedes armen Haushalts gewesen sein. Bei Festen und in wohlhabenden Kreisen konnte er jedoch eine besondere Rolle spielen.

Das dänische Nationalmuseum nennt Bier, Met und importierten Wein als bekannte Getränke, wobei Wein ein kostbares Produkt für wohlhabende Menschen war.

Wein musste aus südlicheren Regionen eingeführt werden. Wer Wein anbieten konnte, zeigte damit nicht nur Geschmack, sondern auch Zugang zu weitreichendem Handel und ausreichenden Wohlstand.

Getrunken wurde aus Gefäßen unterschiedlicher Art.

Für den Alltag eigneten sich Becher, Schalen und kleine Gefäße aus Holz. Holz war in vielen Regionen verfügbar und ließ sich bearbeiten. Da es im Boden häufig vergeht, sind hölzerne Gegenstände archäologisch jedoch schlechter erhalten als Metall oder Keramik.

Auch Keramikgefäße wurden verwendet. Sie dienten zum Kochen, Lagern, Ausschenken und Trinken. Ihre Formen unterschieden sich regional.

Trinkhörner sind besonders bekannt, weil sie eindrucksvoll aussehen und gut zum späteren Bild des Wikingerfestes passen. Sie wurden tatsächlich verwendet, waren aber nicht das einzige Trinkgefäß und wahrscheinlich nicht in jedem armen Haushalt reich verziert vorhanden.

Ein einfaches Rinderhorn konnte bearbeitet und als Gefäß genutzt werden. Kostbare Hörner besaßen Metallbeschläge und konnten bei Festen, Ritualen oder der Bewirtung hochrangiger Gäste eine besondere Bedeutung haben.

Glasbecher waren ebenfalls bekannt, aber wertvoll. Manche wurden importiert, andere in spezialisierten Werkstätten hergestellt. Ein zerbrochener Glasbecher ließ sich nicht so einfach ersetzen wie ein Holzgefäß.

Größere Mengen an Getränken und anderen Flüssigkeiten wurden in Bottichen, Eimern, Krügen und Fässern aufbewahrt.

Fässer waren besonders nützlich, weil sie sich vergleichsweise dicht verschließen, rollen und transportieren ließen. Sie konnten Wasser, Bier, Salzlake, Fisch, Fleisch oder andere Vorräte enthalten.

Die Herstellung eines guten Fasses verlangte spezialisiertes Können. Die einzelnen Dauben mussten so geformt werden, dass sie unter dem Druck der Reifen dicht aneinanderlagen. Ein schlecht gebautes Fass verlor genau das, was es bewahren sollte.

Auf Schiffen wurden Wasser und Vorräte in unterschiedlichen Fassgrößen mitgeführt. Große Behälter boten viel Inhalt, waren aber schwer und unhandlich. Kleinere Fässer ließen sich in einem schmalen Schiff leichter verteilen und bewegen. Funde und schriftliche Überlieferungen belegen Wasserbehälter von sehr unterschiedlicher Größe.

Trinkschläuche oder tragbare Flaschen aus Leder sind schwieriger zu beurteilen.

Leder eignet sich grundsätzlich für leichte, transportable Flüssigkeitsbehälter. Ein entsprechend geformtes, vernähtes und abgedichtetes Gefäß konnte Wasser oder andere Getränke aufnehmen. Organische Materialien vergehen jedoch meist, sodass nur wenige frühe mittelalterliche Lederflaschen erhalten geblieben sind.

Solche Behälter sind daher historisch plausibel und durch einzelne frühe mittelalterliche Funde gestützt. Sie dürfen aber nicht so dargestellt werden, als habe jeder Wikinger selbstverständlich einen genormten Trinkschlauch an seinem Gürtel getragen.

Auch der Begriff „Trinkschlauch“ kann verschiedene Dinge meinen:

eine kleine tragbare Lederflasche,

einen größeren Beutel aus Haut,

oder einen flexiblen Behälter, aus dem Flüssigkeit ausgeschenkt wurde.

Wie genau solche Gefäße in verschiedenen Teilen Skandinaviens aussahen, ist nicht vollständig bekannt. Holzgefäße, Keramik, Hörner, Eimer und Fässer sind vielfach besser belegt.

Für einen Jäger, Reisenden oder Menschen, der sich längere Zeit vom Hof entfernte, besaß ein kleiner tragbarer Behälter dennoch einen offensichtlichen Vorteil. Er war leichter als ein Keramikkrug und zerbrach nicht bei jedem Stoß.

Das Material musste jedoch sorgfältig verarbeitet werden. Nähte mussten dicht sein, und das Leder konnte mit Fett, Wachs, Harz oder anderen geeigneten Stoffen behandelt werden. Welche Abdichtungsmethoden für einen konkreten archäologischen Fund verwendet wurden, lässt sich nicht immer feststellen.

Ein Lederbehälter eignete sich außerdem nicht unbegrenzt für jede Flüssigkeit. Geschmack, Reinigung, Austrocknung und mikrobieller Verderb konnten Probleme verursachen.

Auch bei den Trinkgefäßen zeigt sich damit das gleiche Grundprinzip wie bei der Nahrung:

Es gab nicht den einen Gegenstand, den alle Menschen überall verwendeten.

Ein Hof nutzte, was verfügbar, bezahlbar und für den jeweiligen Zweck geeignet war. Ein einfacher Holzbecher erfüllte im Alltag seinen Zweck. Ein kostbares Trinkhorn konnte bei einem Fest Eindruck machen. Ein Fass versorgte eine Gruppe. Eine kleine Lederflasche half unterwegs.

Entscheidend war nicht, ob ein Gefäß später in einem Film besonders gut aussah.

Entscheidend war, ob es dicht hielt.

Nahrung, Jagd und Vorratshaltung bestimmten das tägliche Leben weit stärker als Kriegszüge und berühmte Entdeckungsfahrten.

Die Menschen mussten wissen, welche Böden etwas hervorbrachten, welche Tiere den Winter überstanden, wann Fische an die Küste kamen und wie lange Fleisch im Rauch hängen musste. Sie mussten Spuren lesen, Milch verarbeiten, Fässer herstellen und erkennen, wann ein Vorrat zu verderben begann.

Dieses Wissen war regional verschieden und wurde über Generationen weitergegeben. Die Siedler Islands und Grönlands brachten ihre Kenntnisse aus Skandinavien mit, mussten sie aber an neue Landschaften anpassen.

Auch die Fahrt nach Vinland wäre ohne diese Fähigkeiten nicht möglich gewesen.

Ein Schiff konnte Menschen über den Ozean tragen. Ob sie dort ankamen und weiterleben konnten, entschied jedoch nicht allein der Schiffbau.

Es entschied sich ebenso in den Vorratskammern, an den Fischgestellen, auf den Weiden und über den langsam rauchenden Feuern der Höfe.

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5. Waffen, Schutz und persönliche Ausrüstung

Waffen gehören zu den bekanntesten Hinterlassenschaften der Wikingerzeit. Schwerter, Äxte, Speere und Schilde prägen bis heute das Bild von den Wikingern. Das liegt nicht nur an Filmen, Romanen und späteren Erzählungen. Waffen wurden tatsächlich in Gräbern, Gewässern, Siedlungen und an anderen Fundorten entdeckt.

Trotzdem entsteht schnell ein falscher Eindruck.

Nicht jeder Mann der Wikingerzeit war ein ausgebildeter Krieger. Nicht jeder besaß ein Schwert, ein Kettenhemd und einen Helm. Die meisten Menschen lebten als Bauern, Handwerker, Fischer oder Händler. Selbst Männer, die an einer bewaffneten Fahrt teilnahmen, verbrachten wahrscheinlich den größten Teil ihres Lebens nicht im Kampf.

Hinzu kommt, dass Waffen nicht immer ausschließlich Waffen waren. Eine Axt konnte zum Bearbeiten von Holz dienen und im Ernstfall gegen einen Menschen eingesetzt werden. Ein Bogen wurde bei der Jagd gebraucht und konnte ebenso in einem Gefecht Verwendung finden. Ein Messer gehörte zum täglichen Leben, konnte aber auch zur Verteidigung dienen.

Der Speer nahm dabei eine besondere Stellung ein. Er war vergleichsweise einfach herzustellen, vielseitig einsetzbar und konnte sowohl bei der Jagd als auch im Kampf verwendet werden.

Anders sah es bei einem kunstvoll gefertigten Schwert oder einem Kettenhemd aus. Solche Gegenstände erforderten große Mengen wertvollen Eisens, hoch entwickeltes handwerkliches Können und viele Arbeitsstunden. Sie waren deshalb nicht nur Ausrüstung, sondern zugleich sichtbare Zeichen von Besitz, Rang und Beziehungen.

Wer die Waffen der Wikingerzeit verstehen möchte, muss daher mehrere Fragen gleichzeitig stellen:

Wie wurde ein Gegenstand verwendet?

Wie aufwendig war seine Herstellung?

Wer konnte ihn sich leisten?

Und handelt es sich bei einem Fund tatsächlich um die gewöhnliche Ausrüstung der Bevölkerung – oder um die besonders kostbare Ausstattung eines wohlhabenden Menschen, die gerade deshalb in einem Grab erhalten blieb?

Der Speer als Jagd- und Kampfwaffe

Der Speer war wahrscheinlich eine der vielseitigsten Waffen der Wikingerzeit.

Sein Aufbau war vergleichsweise einfach. An einem hölzernen Schaft wurde eine eiserne Spitze befestigt. Der Schaft ist in den meisten Fällen längst vergangen. Archäologisch erhalten bleiben deshalb vor allem die eisernen Speerspitzen.

Diese Spitzen besaßen unterschiedliche Formen und Größen. Manche waren lang und schmal, andere breiter. Einige eigneten sich besonders für einen kräftigen Stoß, andere konnten geworfen werden. Auch die Bezeichnungen „Speer“ und „Lanze“ lassen sich nicht immer eindeutig auf jeden einzelnen Fund übertragen. Die tatsächliche Verwendung hing nicht allein von der Spitze, sondern auch von Länge, Gewicht und Aufbau des nicht erhaltenen Schaftes ab.

Der Speer verband mehrere Vorteile.

Er benötigte erheblich weniger Eisen als ein Schwert. Der größte Teil bestand aus Holz, das in vielen Regionen leichter verfügbar war. Eine brauchbare Speerspitze musste dennoch von einem erfahrenen Schmied hergestellt werden, war aber wirtschaftlich für einen größeren Teil der Bevölkerung erreichbar. Das dänische Nationalmuseum ordnet Speere und Lanzen deshalb im Gegensatz zu den kostbaren Schwertern den Waffen zu, die auch für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich waren.

Gleichzeitig bot der lange Schaft Reichweite. Ein Mensch konnte einen Gegner oder ein Tier treffen, bevor dieses nahe genug war, selbst zuzuschlagen oder anzugreifen.

Dieser Abstand war bei der Jagd auf große Tiere besonders wichtig. Ein verwundeter Elch, ein Rentier oder gar ein Bär war nicht harmlos. Der Speer ermöglichte es, Kraft aus einer gewissen Entfernung einzusetzen. Er konnte geworfen oder mit beiden Händen geführt werden.

Die ausführliche Jagd und das Fährtenlesen wurden bereits im vorherigen Abschnitt behandelt. Für die Ausrüstung ist hier entscheidend, dass ein Jagdspeer nicht zwangsläufig genauso aufgebaut sein musste wie eine Waffe für den Kampf gegen Menschen. Die Form der Spitze, die Länge des Schaftes und das Gewicht konnten an den jeweiligen Zweck angepasst werden.

Eine schmale, tief eindringende Spitze stellte andere Anforderungen als eine breitere Spitze, die eine größere Wunde verursachen sollte. Manche Speere waren leicht genug, um sie über eine gewisse Entfernung zu werfen. Andere wurden wahrscheinlich hauptsächlich als Stoßwaffe geführt.

Im Kampf konnte der Speer ebenfalls auf unterschiedliche Weise eingesetzt werden.

Aus größerer Entfernung konnten Speere geworfen werden. Das dänische Nationalmuseum beschreibt für größere Auseinandersetzungen zunächst den Einsatz von Pfeilen und anschließend von Wurfspeeren, bevor es zum unmittelbaren Kampf mit Speeren, Äxten und Schwertern kam. Wie genau ein bestimmtes Gefecht ablief, lässt sich allerdings nur selten rekonstruieren. Die Menschen der Wikingerzeit hinterließen keine zeitgenössischen Lehrbücher, in denen ihre Kampftechniken Schritt für Schritt erklärt wurden.

Im Nahkampf konnte ein Speer über einen Schildrand hinweg oder an ihm vorbei geführt werden. Die Spitze erlaubte schnelle Stöße, während der Schaft Abstand hielt. Der Speer konnte aber auch beschädigt, im Schild eines Gegners festgehalten oder beim Gedränge unhandlich werden.

Dann brauchte der Träger möglicherweise eine zweite Waffe.

Dass Speere in großer Zahl zur Ausrüstung bewaffneter Gruppen gehörten, zeigen nicht nur archäologische Funde, sondern auch spätere nordische Rechtstexte. Nach den vom Wikingerschiffsmuseum ausgewerteten norwegischen Bestimmungen sollte ein freier Mann auf einem kleineren Kriegsschiff unter anderem Speer, Schild, Axt und Schwert mitbringen. Diese Gesetze wurden erst nach der eigentlichen Wikingerzeit schriftlich festgehalten und dürfen daher nicht wie eine vollständige Ausrüstungsliste für alle Regionen und alle Jahrhunderte behandelt werden. Sie zeigen aber, welche zentrale Bedeutung der Speer in der nordischen Kriegsausrüstung besaß.

Auch die archäologischen Funde zeigen eine große Vielfalt.

In Birka und anderen Fundorten wurden zahlreiche eiserne Speerspitzen entdeckt. Manche waren einfache Gebrauchsgegenstände. Andere besaßen Verzierungen aus Silber, Kupferlegierungen oder eingelegten Mustern. Ein verzierter Speer war damit nicht nur funktional. Er konnte gleichzeitig zeigen, dass sein Besitzer über Wohlstand oder eine besondere Stellung verfügte.

Die Qualität eines Speeres hing nicht allein von der Verzierung ab.

Eine schlichte, gut geschmiedete Spitze auf einem geeigneten Schaft konnte eine äußerst wirksame Waffe sein. Ein aufwendig dekorierter Speer konnte dagegen zusätzlich eine zeremonielle, gesellschaftliche oder repräsentative Bedeutung besitzen.

Auch der Schaft musste sorgfältig ausgewählt werden. Er sollte gerade, belastbar und dennoch nicht unnötig schwer sein. Ein schlecht gewachsenes oder fehlerhaftes Holz konnte beim Aufprall brechen. Der Übergang zwischen Spitze und Schaft musste fest sitzen. Dazu besaßen viele Speerspitzen eine Tülle, in die das Holz eingesetzt und mit einem Niet befestigt wurde.

Ein beschädigter Schaft bedeutete nicht unbedingt, dass die eiserne Spitze verloren war. Sie konnte entfernt und auf einen neuen Schaft gesetzt werden. Gerade darin lag ein wirtschaftlicher Vorteil: Der wertvolle eiserne Teil ließ sich weiterverwenden.

Der Speer war deshalb weder eine primitive Vorstufe des Schwertes noch die Notlösung eines Menschen, der sich nichts Besseres leisten konnte.

Er war eine eigenständige und sehr wirksame Waffe.

Er ließ sich vergleichsweise wirtschaftlich herstellen, konnte bei der Jagd und im Kampf dienen und bot durch seine Länge einen entscheidenden Vorteil.

Das Schwert war berühmter.

Der Speer war wahrscheinlich für sehr viel mehr Menschen erreichbar.

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Weitere Waffen und praktische Werkzeuge

Neben dem Speer nutzten die Menschen der Wikingerzeit Schwerter, Äxte, Bögen, Pfeile, Messer und weitere Waffen.

Doch auch hier gilt: Ein Gegenstand lässt sich nicht allein nach seinem Aussehen zuverlässig in die Kategorien „Werkzeug“ oder „Waffe“ einordnen.

Besonders deutlich wird dies bei der Axt.

Holz war einer der wichtigsten Rohstoffe der nordischen Welt. Häuser, Schiffe, Wagen, Truhen, Schalen, Werkzeuge und unzählige andere Gegenstände wurden daraus hergestellt. Entsprechend viele Formen von Äxten wurden benötigt.

Mit einer Axt konnten Bäume gefällt, Stämme gespalten und Balken oder Bretter bearbeitet werden. Kleine und große Äxte erfüllten unterschiedliche Aufgaben. Ein Schiffbauer benötigte andere Werkzeuge als jemand, der Brennholz zerkleinerte.

Viele dieser Äxte konnten im Notfall auch als Waffen eingesetzt werden.

Bei manchen Funden ist deshalb kaum sicher zu entscheiden, ob eine Axt hauptsächlich für die Holzarbeit oder für den Kampf gedacht war. Das dänische Nationalmuseum weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Unterscheidung bei zahlreichen Äxten schwierig ist.

Daneben gab es eindeutig als Waffen entwickelte Formen.

Die sogenannte Dänenaxt besaß einen großen, vergleichsweise dünnen Axtkopf und einen langen Schaft. Trotz ihrer Größe war sie dadurch nicht so schwer, wie ihr Anblick vermuten lässt. Sie wurde vermutlich mit beiden Händen geführt und konnte enorme Kraft entwickeln. Der Träger konnte dabei jedoch nicht gleichzeitig einen Schild in der üblichen Weise benutzen.

Eine solche Waffe erforderte Platz, Übung und Selbstvertrauen. In einem engen Gedränge oder auf einem dicht besetzten Schiff war ein langer Axtschaft schwieriger einzusetzen als auf freiem Raum.

Kleinere Äxte waren vielseitiger. Sie konnten mit einer Hand geführt und mit einem Schild kombiniert werden. Manche waren einfache, robuste Gegenstände. Andere wurden reich verziert und gehörten offensichtlich wohlhabenden Menschen.

Die Axt zeigt damit besonders deutlich, dass der finanzielle Wert einer Waffe nicht allein von ihrer Grundform abhing. Eine schlichte Gebrauchsaxt konnte auf einem einfachen Hof vorhanden sein. Eine mit Silber eingelegte Prunkaxt war ein Gegenstand aus einer völlig anderen gesellschaftlichen Welt.

Das Schwert war wesentlich kostspieliger.

Eine Klinge von ungefähr neunzig Zentimetern Länge erforderte viel hochwertiges Eisen, sorgfältige Bearbeitung und große Erfahrung. Manche Klingen wurden in Skandinavien hergestellt, andere aus dem Frankenreich eingeführt. Aufwendig gearbeitete Griffe konnten mit Silber, Gold, Knochen oder Geweih verziert sein.

Ein gutes Schwert musste scharf, belastbar und ausgewogen sein. Die Herstellung einer langen Klinge stellte wesentlich höhere Anforderungen als die Produktion einer kleinen Speer- oder Axtspitze.

Ein Schwert war deshalb nicht bloß ein weiteres Werkzeug im Haushalt.

Es konnte ein Erbstück sein, einen Namen tragen, als Geschenk zwischen mächtigen Menschen weitergegeben oder als Opfer in einem Gewässer niedergelegt werden. In Gräbern erscheint es besonders häufig bei Menschen von hohem Rang. Das dänische Nationalmuseum bezeichnet Schwerter ausdrücklich als Prestigegegenstände, die keineswegs jedem Krieger zur Verfügung standen.

Das bedeutet nicht, dass ein Schwert nur Schmuck war.

Eine gut gefertigte Klinge war eine wirksame Waffe. Ihre besondere gesellschaftliche Bedeutung entstand gerade daraus, dass Funktion, Materialwert und handwerkliche Qualität zusammenkamen.

Manche Schwerter wurden möglicherweise über Generationen weitergegeben. Ein älteres Schwert konnte repariert, mit einem neuen Griff versehen oder aus Teilen verschiedener Herkunft zusammengesetzt werden.

Nicht jede Klinge war gleich gut.

Besonders hochwertige fränkische Schwerter wurden weit gehandelt und später auch nachgeahmt. Äußerlich ähnliche Markierungen garantierten daher nicht zwangsläufig eine identische Qualität. Schon in der Wikingerzeit konnte ein bekannter Name auf einer Klinge etwas versprechen, das der Gegenstand nicht immer hielt.

Der Bogen besaß ebenfalls eine doppelte Funktion.

Er diente bei der Jagd und im Kampf. Mit ihm konnte ein Ziel erreicht werden, bevor Speer, Axt oder Schwert einsetzbar waren. Bei einem Angriff auf ein Schiff, eine Befestigung oder eine aufgestellte Gruppe konnten Pfeile erheblichen Druck erzeugen.

Aus Haithabu sind besonders lange Bögen bekannt. Rekonstruktionen lassen vermuten, dass solche Waffen große Reichweiten erreichen konnten. Wie treffsicher ein einzelner Schütze auf große Entfernung war, hing jedoch von Bogen, Pfeil, Wind, Ziel und Ausbildung ab. Eine theoretische Reichweite ist nicht dasselbe wie ein sicherer Treffer auf einen beweglichen Menschen.

Pfeilspitzen unterschieden sich nach Zweck und Herstellung. Schmale Spitzen konnten tief eindringen. Breitere Formen eigneten sich für andere Jagd- oder Kampfanwendungen. Manche Pfeile besaßen möglicherweise keine große eiserne Spitze, sondern einfachere gehärtete oder anders gefertigte Enden.

Der Bogen selbst bestand aus organischem Material und ist deshalb wesentlich seltener erhalten als eiserne Pfeilspitzen. Sehnen, Befiederung und Schäfte vergehen ebenfalls. Der archäologische Fundbestand zeigt daher auch hier nur einen Teil der damaligen Wirklichkeit.

Messer waren wahrscheinlich wesentlich weiter verbreitet als Schwerter.

Ein Messer wurde zum Schneiden von Nahrung, Bearbeiten von Holz, Zurichten von Leder, Durchtrennen von Schnüren und für zahlreiche andere Arbeiten gebraucht. Viele Männer trugen ein Messer am Gürtel. Auch Frauen besaßen und verwendeten Messer im Alltag.

Ein solches Messer konnte bei einem Angriff zur Verteidigung eingesetzt werden. Daraus folgt jedoch nicht, dass jedes Messer als eigentliche Kampfwaffe hergestellt wurde.

Auch längere einschneidige Klingen kamen vor. Ihre genaue Einordnung kann je nach Form und Region unterschiedlich sein. Zwischen einfachem Gebrauchsmesser, großem Arbeitsmesser und bewusst gefertigter Seitenwaffe bestand kein überall klar gezogener Übergang.

Hinzu kamen Steine und Schleudern.

Steine waren überall verfügbar, kosteten kein Eisen und konnten von einem Schiff, einer Befestigung oder erhöhten Position aus geworfen werden. Das Wikingerschiffsmuseum führt Schleudern und Wurfsteine in seiner Rekonstruktion der Ausrüstung größerer Kriegsschiffe auf.

Eine Waffe musste also nicht kostbar aussehen, um gefährlich zu sein.

Neben diesen eigentlichen Waffen blieben Werkzeuge unverzichtbar.

Eine Besatzung, die weit reiste, brauchte Äxte, Messer, Bohrer, Hämmer, Meißel und andere Geräte. Ein beschädigtes Schiff ließ sich nicht mit einem Schwert reparieren. Ein Schwert konnte beeindruckend sein, half aber wenig, wenn eine Planke riss, ein Niet ersetzt oder ein Lager aufgebaut werden musste.

Der berühmte Werkzeugfund von Mästermyr auf Gotland enthielt unter anderem mehrere Äxte, Hobel, einen Bohrer, einen Meißel, ein Messer, einen Hammer und Geräte zur Metallbearbeitung. Er gehörte wahrscheinlich einem spezialisierten Handwerker und darf nicht als gewöhnlicher Inhalt jeder Reisetasche verstanden werden. Er zeigt jedoch, wie vielfältig und hoch entwickelt die Werkzeuge der Zeit waren.

Für ein größeres Unternehmen konnten Waffen und Werkzeuge gleich wichtig sein.

Die Waffen schützten Menschen vor Angriffen.

Die Werkzeuge sorgten dafür, dass sie nicht wegen eines gebrochenen Ruders, einer beschädigten Planke oder eines unbrauchbaren Lagers scheiterten.

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Kettenhemden und andere Schutzkleidung

Ein Mensch, der in einen Kampf ging, brauchte nicht nur eine Waffe.

Er musste verhindern, selbst getroffen zu werden.

Der wichtigste Schutzgegenstand war wahrscheinlich der Schild. Er war wesentlich erschwinglicher als ein Kettenhemd, bedeckte einen großen Teil des Körpers und konnte aktiv gegen Pfeile, Speere, Schwerter und Äxte eingesetzt werden.

Die typischen Schilde der Wikingerzeit waren rund. Sie bestanden aus vergleichsweise dünnen Holzbrettern. In der Mitte befand sich eine Öffnung für die Hand, die von einer halbkugelförmigen eisernen Schildbuckel geschützt wurde.

Diese Schildbuckel gehören zu den häufigsten erhaltenen Teilen. Das Holz ist in den meisten Fällen vergangen. Ein seltener nahezu vollständig erhaltener Schild aus Trelleborg in Dänemark bestand aus Kiefernholz und hatte einen Durchmesser von ungefähr achtzig Zentimetern.

Die Schilde mussten leicht genug sein, um sie über längere Zeit zu tragen und schnell zu bewegen. Zu dünnes Holz konnte jedoch leicht spalten. Tierhaut oder Leder über der Oberfläche und an den Rändern konnte die Konstruktion verstärken. Für alle Schilde ist eine solche Bespannung nicht direkt nachgewiesen, sie gilt aufgrund von Funden und Rekonstruktionen aber als plausible und verbreitete Lösung.

Ein Schild war kein unbewegliches Brett, hinter dem sich der Träger einfach versteckte.

Er musste ihn führen, drehen und im richtigen Augenblick zwischen sich und die Waffe des Gegners bringen. Der Schild konnte einen Stoß ablenken, einen Schlag aufnehmen oder den Gegner behindern. Gleichzeitig durfte er die eigene Sicht und Beweglichkeit nicht vollständig blockieren.

Die genaue Kampftechnik lässt sich nur begrenzt rekonstruieren. Moderne Vorführungen und experimentelle Archäologie können zeigen, was mit rekonstruierten Schilden möglich ist. Sie beweisen jedoch nicht, dass jede Bewegung damals genauso ausgeführt wurde.

Auch Schilde konnten gesellschaftliche Unterschiede zeigen.

Ein einfacher Schild konnte unbemalt bleiben oder nur schlicht gestaltet sein. Andere Schilde waren farbig bemalt und möglicherweise mit Mustern versehen. Im Schiffsgrab von Gokstad lagen vierundsechzig runde Schilde, die gelb und blau bemalt waren.

Der Helm schützte den Kopf, gehörte aber offenbar nicht zur selbstverständlichen Ausstattung jedes Kämpfers.

Aus der Wikingerzeit sind nur sehr wenige Helme und Helmteile erhalten. Der bekannteste weitgehend erhaltene Fund stammt aus dem norwegischen Gjermundbu-Grab. Weitere Fragmente zeigen, dass auch andere Helmformen existierten.

Der geringe Fundbestand besitzt mehrere mögliche Ursachen. Eisen rostet, Helme wurden möglicherweise selten in Gräber gelegt, und kostbare Ausrüstung konnte weiterverwendet werden. Trotzdem spricht die Seltenheit der Funde dagegen, dass jeder bewaffnete Mann einen eisernen Helm besaß.

Und die berühmten Hörner?

Der erhaltene Helm aus Gjermundbu besitzt keine.

Zeitgenössische und ältere Darstellungen zeigen zwar vereinzelt Figuren mit hornartigen Kopfbedeckungen. Diese Bilder können mit Ritualen, Götterdarstellungen oder besonderer Repräsentation zusammenhängen. Für den gewöhnlichen Kampf waren seitlich abstehende Hörner unpraktisch. Es gibt keinen archäologischen Nachweis dafür, dass die üblichen Kampfhelme der Wikinger mit Hörnern ausgestattet waren.

Damit verschwindet eines der bekanntesten Bilder der Wikinger.

Es ist allerdings kein großer Verlust. Ein schlichter Eisenhelm war im Kampf wesentlich sinnvoller als eine Kopfbedeckung, mit der man im Gedränge an einem Tau, Schild oder Nebenmann hängen bleiben konnte.

Das Kettenhemd bot Schutz für den Oberkörper.

Es bestand aus einer großen Zahl miteinander verbundener Eisenringe. Die Herstellung erforderte sehr viel Material und Arbeit. Ringe mussten gefertigt, verbunden und in vielen Fällen einzeln vernietet werden. Das Ergebnis war beweglicher als eine starre Eisenplatte und verteilte sein Gewicht über den Körper.

Ein Kettenhemd konnte besonders gegen schneidende Hiebe schützen. Ein Schwert oder eine Axt traf dann nicht unmittelbar auf Stoff und Haut, sondern zunächst auf die Ringe.

Vollständig unverwundbar machte es seinen Träger nicht.

Ein kräftiger Stoß mit einer schmalen Speerspitze konnte Ringe beschädigen oder durch eine Lücke dringen. Auch wenn die Ringe hielten, übertrug sich die Kraft eines Schlages auf den Körper. Ein Mensch konnte unter dem Kettenhemd schwere Prellungen, Knochenbrüche oder innere Verletzungen erleiden.

Daher wurde das Metall wahrscheinlich über Kleidung getragen. Dicke Wolle oder andere textile Schichten konnten Reibung vermindern und einen Teil der Schlagenergie abfangen. Wie standardisiert solche Unterkleidung war, lässt sich für die Wikingerzeit jedoch nicht sicher bestimmen.

Der bekannteste weitgehend vollständige Kettenpanzer aus Skandinavien stammt ebenfalls aus dem Gjermundbu-Grab. Kleinere Fragmente wurden an anderen Orten gefunden. Kettenhemden waren also bekannt und wurden tatsächlich benutzt, doch sie waren offensichtlich keine gewöhnliche Ausstattung jedes Mannes. Das dänische Nationalmuseum betont sowohl die Seltenheit entsprechender Funde als auch die Verbindung von Kettenpanzer und wohlhabender Kriegsausrüstung.

Auch Leder konnte Schutz bieten.

Eine dicke Lederlage oder verstärkte Kleidung hielt einen direkten Speerstoß nicht zuverlässig auf. Sie konnte jedoch gegen leichte Schnitte, Schürfungen und einzelne Treffer helfen. Leder war außerdem leichter und vermutlich erheblich günstiger als ein Kettenhemd.

Das Problem liegt in der Überlieferung: Leder und Textilien vergehen meistens im Boden. Deshalb ist wesentlich schwieriger zu bestimmen, welche Formen gepolsterter oder lederner Schutzkleidung tatsächlich verbreitet waren.

Spätere norwegische Rechtstexte und darauf aufbauende Rekonstruktionen nennen neben Kettenhemden und Helmen auch Lederschutz, Lederhauben sowie Schutz für Unterarme und Schienbeine. Diese Texte sind wertvoll, stammen aber aus einer späteren Zeit und beschreiben vor allem die Ausrüstung organisierter Kriegsschiffe. Sie dürfen nicht ohne Einschränkung auf jeden Menschen der Wikingerzeit übertragen werden.

Auch gewöhnliche Kleidung bot einen begrenzten Schutz.

Mehrere Lagen Wolle konnten wärmen, Reibung abfangen und leichte Verletzungen vermindern. Ein dicker Umhang war kein Panzer, konnte aber besser sein als ein ungeschützter Arm. Kleidung musste zugleich Beweglichkeit erlauben und durfte sich nicht so stark mit Wasser vollsaugen, dass sie den Träger behinderte.

Schutz bedeutete daher immer einen Kompromiss.

Mehr Metall erhöhte die Widerstandsfähigkeit, aber auch Gewicht und Kosten.

Ein großer Schild deckte viel Fläche ab, war aber unhandlicher.

Ein leichter Kämpfer bewegte sich schneller, war jedoch schlechter geschützt.

Und selbst die beste verfügbare Ausrüstung konnte keine Sicherheit garantieren.

Waffen hinterlassen in Erzählungen häufig die eindrucksvolleren Namen.

Im tatsächlichen Kampf konnte der schlichte Schild darüber entscheiden, ob sein Träger die Gelegenheit bekam, sein berühmtes Schwert überhaupt einzusetzen.

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Besitz, Verbreitung und soziale Unterschiede

Ein reich ausgestattetes Kriegergrab wirkt unmittelbar.

Dort liegen ein Schwert, ein Speer, eine Axt, ein Schild, vielleicht Pferdegeschirr und kostbarer Schmuck. Aus solchen Funden entstand ein großer Teil unseres Bildes von den Wikingern.

Doch ein Grab ist keine statistische Erhebung über die gesamte Bevölkerung.

Menschen wurden sehr unterschiedlich bestattet. Manche erhielten zahlreiche Gegenstände, andere nur wenige oder gar keine. Bestattungsbräuche unterschieden sich nach Region, Zeit, Religion und gesellschaftlicher Stellung.

Eine Waffe im Grab konnte dem Verstorbenen tatsächlich gehört haben. Sie konnte aber zugleich eine symbolische Aussage der Hinterbliebenen sein: Dieser Mensch sollte als Krieger, Jäger, mächtiger Hofbesitzer oder Angehöriger einer angesehenen Familie erinnert werden.

Die schwedische Geschichtsforschung weist darauf hin, dass Waffen, Jagdausrüstung und Pferdegeschirr nur in einer Minderheit männlicher Gräber vorkommen. Die meisten Männer lebten wahrscheinlich hauptsächlich als Bauern und Familienversorger. Der bewaffnete Reiter und Krieger war ein gesellschaftliches Ideal, aber nicht die tägliche Wirklichkeit jedes Mannes.

Waffenbesitz war dennoch nicht ausschließlich auf eine kleine Berufsarmee beschränkt.

Freie Männer konnten verpflichtet sein, sich an der Verteidigung oder an militärischen Unternehmungen zu beteiligen. Spätere nordische Gesetze verlangten für den Dienst auf Kriegsschiffen bestimmte Waffen. Solche Vorschriften zeigen, dass Waffen innerhalb freier Haushalte verbreitet sein konnten.

Sie zeigen aber auch, dass die Ausrüstung nicht einfach von einem König an jeden Mann ausgegeben wurde. Familien und lokale Gemeinschaften mussten einen erheblichen Teil selbst bereitstellen. Wer fehlende Waffen nicht mitbrachte, konnte mit einer Geldstrafe belegt werden.

Nicht jeder geforderte Gegenstand gehörte dabei unbedingt dauerhaft derselben Person.

Ein Hof konnte Waffen besitzen, die bei Bedarf von einem Haushaltsmitglied getragen wurden. Eine Gemeinschaft konnte Ausrüstung für ein Schiff zusammenstellen. Ältere Waffen konnten vererbt, verliehen, repariert oder an neue Träger weitergegeben werden.

Die größte soziale Trennlinie lag in der Qualität und Vollständigkeit der Ausstattung.

Ein Mann mit Speer, einfacher Axt und Holzschild war bewaffnet.

Ein anderer besaß ein hochwertiges Schwert, Helm, Kettenhemd, mehrere Speere, ein Pferd und reich verziertes Geschirr.

Beide konnten an derselben Auseinandersetzung teilnehmen. Ihre Ausrüstung verriet jedoch, dass sie aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen kamen.

Das Schwert war ein besonders deutliches Statuszeichen. Es erforderte mehr Eisen und aufwendigere Schmiedearbeit als ein Speer. Verzierungen aus Silber oder Gold erhöhten seinen Wert weiter. Ein hochwertiges importiertes Schwert setzte außerdem Zugang zu Fernhandel, Beute oder mächtigen Geschenkgebern voraus.

Ein Schwert konnte deshalb politische Beziehungen sichtbar machen.

Ein Herrscher oder Anführer verschenkte kostbare Waffen nicht nur aus Großzügigkeit. Er belohnte Gefolgschaft und schuf Verpflichtungen. Wer ein wertvolles Schwert erhielt, gewann Ansehen, stand aber möglicherweise zugleich stärker in der Schuld des Gebers.

Das Kettenhemd war noch kostspieliger.

Eine vom dänischen Nationalmuseum wiedergegebene Wertrelation aus schriftlichen Quellen setzt ein Kettenhemd mit zwei Pferden oder vier versklavten Männern gleich. Solche Preisangaben dürfen nicht als überall gültiger Marktpreis gelesen werden. Angebot, Qualität und Region spielten auch damals eine Rolle. Die Relation zeigt aber eindrucksvoll, wie weit ein Kettenpanzer außerhalb der Möglichkeiten eines armen Haushalts liegen konnte.

Diese Wertangabe ist zugleich eine unangenehme Erinnerung daran, dass Menschen in der Wikingerzeit gehandelt und wie Besitz bewertet wurden.

Wohlstand entschied also nicht nur darüber, ob jemand besser geschützt war. Er beruhte teilweise auf gesellschaftlichen Strukturen, in denen unfreie Menschen für andere arbeiteten und selbst verkauft werden konnten.

Auch ein Helm war ein wertvoller Gegenstand. Er benötigte geeignetes Eisen, Erfahrung und viele Arbeitsschritte. Weil nur wenige Helme erhalten sind, lässt sich ihre genaue Verbreitung schwer bestimmen. Wahrscheinlich waren sie deutlich seltener als Schilde.

Der Schild war dagegen für einen größeren Teil bewaffneter Männer erreichbar. Er benötigte Holz, etwas Eisen für den Schildbuckel und möglicherweise Haut oder Leder. Auch er kostete Arbeit, war aber wesentlich einfacher herzustellen als ein Kettenhemd.

Äxte waren ebenfalls vergleichsweise weit verbreitet, weil sie ohnehin im täglichen Leben gebraucht wurden. Trotzdem bestand ein großer Unterschied zwischen einer schlichten Holzaxt und einer speziell gefertigten, reich verzierten Kampfaxt.

Speere lagen wirtschaftlich zwischen dem einfachen Alltagsgerät und der kostbaren Elitewaffe. Eine Speerspitze benötigte weniger Metall als ein Schwert und konnte auf einen neuen Schaft gesetzt werden. Aufwendig verzierte Spitzen zeigen jedoch, dass auch ein Speer zu einem hochrangigen Gegenstand werden konnte.

Nicht jede soziale Differenz war sofort sichtbar.

Zwei Männer konnten ähnlich aussehende Speere tragen, doch der eine besaß einen eigenen Hof, mehrere Tiere und familiäre Verbindungen zu einem lokalen Herrscher. Der andere war unfreier Begleiter, armer Dienstmann oder abhängig von der Ausrüstung seines Herrn.

Auch Ausbildung und Erfahrung waren ungleich verteilt.

Eine kostbare Waffe machte ihren Besitzer nicht automatisch zu einem fähigen Kämpfer. Menschen, die zur Gefolgschaft eines Herrschers gehörten, konnten häufiger üben und an mehreren Unternehmungen teilnehmen. Ein Bauer, der nur im Notfall bewaffnet wurde, besaß möglicherweise weniger Erfahrung.

Umgekehrt konnte ein erfahrener Mann mit einer einfachen Waffe gefährlicher sein als ein unerfahrener Besitzer eines prächtigen Schwertes.

Der archäologische Fundbestand bevorzugt außerdem bestimmte Materialien.

Eisen kann rosten, bleibt aber unter günstigen Bedingungen erhalten. Holz, Leder, Textilien und Sehnen verschwinden viel häufiger. Deshalb sehen wir heute besonders deutlich die metallenen Teile einer Ausrüstung, während einfache Taschen, Riemen, gepolsterte Kleidung und hölzerne Schäfte fehlen.

Auch die Seltenheit eines Fundes muss deshalb vorsichtig interpretiert werden.

Ein fehlender Lederpanzer kann vollständig vergangen sein.

Ein fehlendes Kettenhemd kann weiterverwendet oder eingeschmolzen worden sein.

Wenn aber aus einer ganzen Epoche nur sehr wenige Helme und Kettenpanzer erhalten sind, während sehr viele Speerspitzen, Äxte und Schildbuckel gefunden wurden, spricht das dennoch für erhebliche Unterschiede in ihrer Verbreitung.

Das Bild einer vollständig gerüsteten Wikingerarmee, in der jeder Mann Helm, Kettenhemd, Schwert und Schild trägt, ist daher nicht glaubwürdig.

Wahrscheinlicher ist ein sehr uneinheitliches Bild:

Einige wenige Menschen waren hervorragend ausgerüstet.

Andere besaßen Speer, Axt oder Bogen und einen Schild.

Manche mussten mit einem Werkzeug kämpfen, das sonst auf dem Hof verwendet wurde.

Und viele Menschen nahmen überhaupt nie an einer Schlacht teil.

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Ausrüstung für Reisen und längere Aufenthalte

Wer über große Entfernungen reiste, brauchte mehr als Waffen.

Ein Mensch konnte das beste Schwert Skandinaviens besitzen und trotzdem an Kälte, Nässe, Hunger oder einem kleinen technischen Problem scheitern.

Die persönliche Ausrüstung begann mit der Kleidung.

Männer trugen gewöhnlich Tunika, Hose und einen Mantel oder Umhang. Wolle und Leinen waren die wichtigsten Textilien. Schuhe und Stiefel bestanden aus Leder. Für kalte Witterung kamen Mützen, zusätzliche Wollschichten und Fellbesätze infrage. Lederne Kleidung konnte außerdem einen gewissen Schutz vor Regen bieten.

Für eine Reise musste Kleidung robust, beweglich und reparierbar sein.

Ein aufwendig verziertes Kleidungsstück konnte Ansehen zeigen. Auf einem offenen Schiff oder bei einem längeren Aufenthalt an einer fremden Küste war jedoch entscheidender, ob es warm hielt und nach einer Beschädigung ausgebessert werden konnte.

Wolle besaß den Vorteil, auch in feuchtem Zustand noch Wärme zu speichern. Sie konnte jedoch viel Wasser aufnehmen und schwer werden. Ein nasser Wollmantel war daher zugleich Schutz und Belastung.

Schuhe waren besonders gefährdet.

Nasse Böden, scharfkantige Steine, Salzwasser und tägliche Beanspruchung setzten dem Leder zu. Ersatzmaterial, Ahlen, Nadeln, Fäden und geeignete Riemen konnten wichtiger sein als ein zweites Schmuckstück.

Am Gürtel trugen Männer häufig ein Messer und eine kleine Tasche. Darin konnten sich ein Feuerstahl, ein Kamm, Münzen, kleine Spielsteine und andere persönliche Gegenstände befinden.

Der Feuerstahl gehörte zu den wichtigsten Geräten.

Mit ihm und einem geeigneten Stein konnten Funken erzeugt werden. Diese mussten trockenes, leicht entzündliches Material erreichen. Zunder, Birkenrinde, trockenes Gras, Holzspäne oder entsprechend vorbereitete Materialien konnten dabei helfen.

Feuer bedeutete Wärme, Licht, gekochte Nahrung, getrocknete Kleidung und Schutz. Ein Mensch, der eine Waffe verlor, war möglicherweise weiterhin handlungsfähig. Wer bei Kälte weder Feuer erzeugen noch trockene Kleidung finden konnte, geriet sehr schnell in Gefahr.

Auch ein Kamm gehörte zur praktischen Ausrüstung.

Haarpflege war nicht bloß Eitelkeit. Verfilztes Haar, Schmutz und Parasiten konnten auf einer längeren Reise zu einem ernsthaften Problem werden. In Gräbern finden sich außerdem Pinzetten, kleine Löffel für die Ohren und andere Pflegegeräte.

Sauberkeit blieb unter den Bedingungen einer langen Reise begrenzt. Dennoch versuchten die Menschen, Körper, Haare, Zähne und Kleidung zu pflegen. Ein gepflegter Eindruck konnte außerdem gesellschaftlich wichtig sein, besonders wenn ein Reisender an einem fremden Hof um Aufnahme, Handel oder Unterstützung bat.

Waffen mussten ebenfalls gepflegt werden.

Eisen rostete, besonders in feuchter und salzhaltiger Umgebung. Klingen und Spitzen mussten gereinigt, getrocknet, geschärft und bei Bedarf eingeölt oder eingefettet werden. Holzschäfte konnten reißen, sich verziehen oder brechen. Lederriemen und Scheiden mussten kontrolliert und ausgebessert werden.

Ein Schwert wurde gewöhnlich in einer Scheide getragen. Sie schützte die Klinge und den Menschen, der sich sonst bei jeder unvorsichtigen Bewegung selbst verletzen konnte. Die Scheide bestand vor allem aus organischen Materialien und ist deshalb selten vollständig erhalten.

Auch eine Axt brauchte einen festen Schaft. Eine lockere Axt war nicht nur unbrauchbar, sondern gefährlich für jeden in ihrer Nähe.

Bei längeren Fahrten wurden Kleidung, Waffen und persönliche Vorräte in Truhen, Säcken oder anderen Behältern aufbewahrt. Isländische Überlieferungen berichten, dass sich mehrere Männer auf einem Kriegsschiff eine Truhe für Kleidung, Waffen und Vorräte teilten. Solche Truhen konnten zugleich als Sitzbank dienen.

Persönlicher Platz war knapp.

Niemand konnte beliebig viele Gegenstände mitnehmen. Alles beanspruchte Raum und erhöhte das Gewicht. Eine Besatzung musste daher entscheiden, welche Ausrüstung wirklich benötigt wurde.

Ein zweites Schwert war beeindruckend.

Ein zusätzlicher Bohrer konnte das Schiff retten.

Für Reparaturen brauchte eine größere Reisegruppe Werkzeuge. Dazu konnten Äxte, Bohrer, Meißel, Hämmer, Messer und Geräte für kleinere Metallarbeiten gehören. Spätere nordische Texte nennen ausdrücklich Werkzeuge für Reparaturen an Bord.

Auch Seile, Riemen, Nägel, Niete, Holzstücke und Material zur Abdichtung waren wichtig. Ein Schaden ließ sich nur beheben, wenn nicht allein das Werkzeug, sondern auch geeignetes Ersatzmaterial vorhanden war.

Die genauere Schiffsausrüstung wird im folgenden Hauptpunkt behandelt. Für die persönliche Ausrüstung bleibt entscheidend, dass jeder Gegenstand begründet werden musste.

Wer an Land ging, brauchte möglicherweise eine Axt zum Beschaffen von Brenn- und Bauholz, ein Messer, einen Kochbehälter und Material für ein einfaches Lager. Für längere Aufenthalte kamen Werkzeuge für den Haus- oder Bootsbau, Fischfanggeräte und Jagdausrüstung hinzu.

Auch Decken, Felle oder andere Schlafunterlagen waren notwendig.

Isländische Quellen erwähnen einen großen zusammengenähten Schlafsack aus Haut, in dem zwei Menschen Platz fanden. Diese Überlieferung beweist nicht, dass jede Besatzung genau dieselbe Form verwendete. Sie zeigt jedoch, dass Schutz vor Kälte und Nässe als eigene Aufgabe gelöst werden musste. Auf einem offenen Schiff gab es keine beheizten Kabinen und keine festen Schlafräume.

Ein Fell konnte Wärme bieten und zugleich als Unterlage dienen. Wenn es vollständig durchnässt war, wurde es jedoch schwer und verlor einen Teil seines Nutzens. Schlafausrüstung musste deshalb möglichst trocken verstaut werden.

Für eine längere Erkundung an Land wurden wahrscheinlich kleinere Mengen Nahrung und Wasser mitgenommen. Tragbare Behälter, Taschen und möglicherweise Lederflaschen erleichterten den Transport. Die Vorräte selbst wurden bereits im vorherigen Abschnitt behandelt.

Orientierungsausrüstung im modernen Sinn war begrenzt.

Es gab keine gedruckte Landkarte im Rucksack, keinen Kompass, keine Taschenlampe und kein GPS. Menschen mussten Landschaft, Küstenlinie, Sonne, Sterne, Wind, Strömung und Berichte anderer Reisender nutzen.

Dafür war Erfahrung wichtiger als ein einzelner geheimnisvoller Gegenstand.

Ein ortskundiger Mensch konnte wertvoller sein als zusätzliche Ausrüstung. Das Wikingerschiffsmuseum berichtet anhand späterer Rechtsquellen, dass ein Schiffsführer in unbekannten Gewässern einen Lotsen mit lokaler Kenntnis anwerben konnte.

Für den Aufenthalt in einem unbekannten Gebiet kamen weitere Risiken hinzu.

Welche Pflanzen waren essbar?

Wo gab es sauberes Wasser?

Welche Tiere lebten dort?

Wie schnell änderte sich das Wetter?

Welche Menschen beanspruchten das Land?

Waffen konnten gegen einzelne Gefahren helfen. Sie ersetzten jedoch weder Beobachtung noch Vorsicht.

Auch Tausch- und Zahlungsmittel konnten Teil der persönlichen Ausrüstung sein.

Silbermünzen, zerteiltes Silber, kleine Wertgegenstände oder Waren ermöglichten Handel und Bezahlung. Ein Reisender musste nicht alles mit Gewalt beschaffen. Häufig war es einfacher und sicherer, Nahrung, Führung oder Unterstützung zu kaufen.

Geschenke konnten ebenfalls Türen öffnen. Ein wertvoller Gegenstand war nicht nur Ware, sondern konnte Beziehungen schaffen. Wer an einem fremden Hof ein gutes Messer, eine Fibel oder ein Stück Silber übergab, zeigte Respekt und wirtschaftliche Möglichkeiten.

Persönliche Ausrüstung erfüllte damit mehrere Aufgaben:

Sie schützte vor Wetter und Verletzungen.

Sie ermöglichte das Entzünden von Feuer und die Zubereitung von Nahrung.

Sie half bei Reparaturen.

Sie erlaubte Jagd, Fischfang und handwerkliche Arbeiten.

Sie diente dem Handel und der Aufnahme in fremde Gemeinschaften.

Und sie zeigte, welchen Rang ein Mensch beanspruchte.

Für die Fahrt nach Vinland war diese Verbindung besonders wichtig.

Die Menschen, die dort an Land gingen, brauchten Waffen. Sie wussten nicht, welchen Tieren oder Menschen sie begegnen würden.

Doch Waffen allein hätten keinen einzigen Winter überbrückt.

Sie brauchten warme Kleidung, Messer, Feuerzeug, Werkzeuge, Behälter, Felle, Ersatzteile und die Fähigkeit, aus allem, was vorhanden war, etwas Brauchbares herzustellen.

Ein Schwert konnte das Ansehen seines Trägers zeigen.

Ob eine Gruppe an einer unbekannten Küste überlebte, entschied sich möglicherweise an einer viel unscheinbareren Frage:

Hatte jemand daran gedacht, einen Bohrer mitzunehmen?

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6. Schiffe, Navigation und Leben an Bord

Ohne ihre Schiffe wären die Wikinger keine Wikinger geworden.

Sie hätten weiterhin Höfe bewirtschaftet, Handel über kürzere Entfernungen betrieben und entlang der Küsten gefischt. Die großen Reisen nach England, Irland, Island, Grönland und schließlich Nordamerika wären jedoch nicht möglich gewesen.

Dabei gab es nicht das eine Wikingerschiff.

Ein Fischer benötigte ein anderes Fahrzeug als ein Händler, der mehrere Tonnen Waren transportieren wollte. Ein Kriegsschiff musste viele Männer schnell befördern können. Ein hochseetaugliches Frachtschiff brauchte dagegen ausreichend Platz für Ladung, Vorräte und eine kleinere Besatzung.

Die nordischen Schiffbauer entwickelten deshalb unterschiedliche Schiffsformen für unterschiedliche Aufgaben. Gemeinsam war ihnen eine Bauweise, die über viele Generationen verfeinert worden war: leichte, starke und zugleich etwas flexible Rümpfe aus überlappenden Planken.

Diese Schiffe waren keine einfachen Holzschalen, die nur durch den Mut ihrer Besatzungen über das Meer gelangten. Sie gehörten zu den technisch anspruchsvollsten Erzeugnissen ihrer Zeit.

Trotzdem darf man das Leben an Bord nicht romantisieren.

Die meisten Schiffe waren offen. Es gab keine beheizten Kabinen, keine geschützten Schlafräume und keinen Ort, an den sich ein Mensch für einige Stunden zurückziehen konnte. Besatzung, Gepäck, Waffen, Werkzeuge, Wasser und Lebensmittel mussten sich den begrenzten Platz teilen.

Wind, Regen, Gischt und Kälte blieben nicht außerhalb des Schiffes.

Sie reisten mit.

Schiffstypen und ihre unterschiedlichen Aufgaben

Das bekannte Bild eines Wikingerschiffes zeigt gewöhnlich ein langes, schmales Fahrzeug mit vielen Rudern, einem großen Rahsegel und vielleicht einer Reihe von Schilden an der Bordwand.

Solche Langschiffe gab es tatsächlich. Sie bildeten jedoch nur einen Teil der nordischen Schifffahrt.

Die Funde von Skuldelev im Roskildefjord zeigen besonders deutlich, wie unterschiedlich Schiffe derselben Epoche sein konnten. Dort wurden fünf Schiffe entdeckt, die um das Jahr 1070 als Sperre in einer Fahrrinne versenkt worden waren. Zu ihnen gehörten ein großes hochseetaugliches Frachtschiff, zwei unterschiedlich große Kriegsschiffe, ein kleineres Handelsschiff und ein Fischer- beziehungsweise Transportboot. Die Schiffe stammten nicht einmal alle aus derselben Region, sondern waren unter anderem in Dänemark, Westnorwegen und im Raum Dublin gebaut worden.

Ein Kriegsschiff sollte möglichst schnell sein und viele Menschen befördern.

Dafür wurde der Rumpf lang und schmal gebaut. An den Seiten befanden sich zahlreiche Riemenplätze. Bei günstigem Wind trieb ein großes Rahsegel das Schiff an. Bei Windstille, in engen Gewässern oder während eines Angriffs konnte die Besatzung rudern.

Das große Langschiff Skuldelev 2 war ungefähr dreißig Meter lang und für eine Besatzung von etwa fünfundsechzig bis siebzig Menschen ausgelegt. Seine schlanke Form und die große Segelfläche ermöglichten hohe Geschwindigkeiten. Gleichzeitig blieb nur wenig Raum für umfangreiche Fracht. Das Schiff war in erster Linie dafür gebaut, Menschen schnell zu transportieren, nicht um einen Marktplatz mit Getreide, Holz oder Fässern zu versorgen.

Ein kleineres Kriegsschiff wie Skuldelev 5 erfüllte eine ähnliche Aufgabe in geringerem Maßstab. Es war etwa siebzehn Meter lang, besaß sechsundzwanzig Riemen und konnte rund dreißig Personen aufnehmen. Sein Tiefgang betrug nur ungefähr sechzig Zentimeter. Damit eignete es sich besonders für Küstengewässer, flache Buchten und die kurzen, steilen Wellen der Ostsee.

Ein solches Schiff konnte sich einer Küste schnell nähern, an einem flachen Ufer landen und ebenso schnell wieder ablegen.

Genau das war für Überfälle, militärische Transporte und überraschende Landungen von Vorteil.

Der geringe Tiefgang erlaubte außerdem die Fahrt in Flüssen. Dadurch waren nordische Besatzungen nicht auf Hafenanlagen angewiesen. Sie konnten an Stränden, Flussufern oder anderen geeigneten Stellen anlanden.

Doch die Eigenschaften, die ein Langschiff schnell machten, begrenzten zugleich seine Transportfähigkeit.

Viele Männer bedeuteten viele Ruderplätze, viele persönliche Ausrüstungsgegenstände und einen hohen Verbrauch an Wasser und Nahrung. Der schmale Rumpf bot nur begrenzten Stauraum. Das dänische Nationalmuseum weist darauf hin, dass auf spezialisierten Langschiffen häufig nur Vorräte für einen relativ kurzen Zeitraum untergebracht werden konnten. Größere Flotten waren daher auf häufige Landungen, Versorgungsschiffe oder die Beschaffung von Nahrung unterwegs angewiesen.

Für Handel und Besiedlung brauchte man andere Schiffe.

Ein großes Frachtschiff war breiter, tiefer und bauchiger. Es besaß weniger Ruderplätze und wurde überwiegend durch das Segel angetrieben. Im mittleren Teil befand sich ein offener Laderaum, während an Bug und Heck kleinere Decksflächen liegen konnten.

Solche hochseetauglichen Frachtschiffe werden häufig als Knorr oder Knarr bezeichnet. Der Begriff stammt aus den nordischen Schriftquellen, darf aber nicht so verstanden werden, als hätte jedes Frachtschiff exakt dieselbe genormte Form besessen.

Skuldelev 1 ist ein Beispiel für ein großes nordatlantisches Frachtschiff. Es wurde aus kräftigen Kiefernplanken gebaut und besaß einen gerundeten Rumpf mit hoher Tragfähigkeit. Das Schiff konnte auf der Nordsee, der Ostsee und im Nordatlantik eingesetzt werden. In der Mitte lag ein großer offener Frachtraum; kleinere Decks befanden sich vorn und hinten. Die Rekonstruktion des Schiffes kann ungefähr zwanzig Tonnen Ladung aufnehmen.

Ein solches Schiff eignete sich für Waren, Tiere und umfangreiche Vorräte.

Bei einer Siedlungsfahrt mussten nicht nur Menschen transportiert werden. Mit an Bord kamen Werkzeuge, Saatgut, Kleidung, Haushaltsgegenstände und möglicherweise Nutztiere. Eine Gruppe, die in Island oder Grönland einen neuen Hof errichten wollte, brauchte daher ein Schiff, das wesentlich mehr tragen konnte als ein schnelles Kriegsschiff.

Frachtschiffe benötigten dafür keine Besatzung von sechzig Ruderern. Die Rekonstruktion von Skuldelev 1 wird mit einer Besatzung von ungefähr sechs bis fünfzehn Menschen gesegelt. Weniger Menschen bedeuteten weniger Platzbedarf und einen geringeren täglichen Verbrauch an Wasser und Nahrung.

Daneben gab es kleinere Handelsschiffe für Küstenfahrten.

Skuldelev 3 war ungefähr vierzehn Meter lang und konnte rund vier bis fünf Tonnen Ladung aufnehmen. Sein Rumpf war stabiler und breiter als der eines Kriegsschiffes, aber kleiner und leichter zu handhaben als ein großer Hochseefrachter. Eine Besatzung von etwa fünf bis acht Menschen genügte. Der Wind war der wichtigste Antrieb; einige Riemen standen für kurze Strecken und zum Manövrieren zur Verfügung.

Mit einem solchen Schiff konnte eine Familie oder eine Gruppe von Händlern Waren zu einem Markt bringen, eine Versammlung besuchen oder Menschen und Tiere zwischen benachbarten Regionen transportieren.

Auch Fischerboote gehörten zur nordischen Schifffahrt.

Skuldelev 6 wurde ursprünglich als niedriges Fischerboot in Westnorwegen gebaut. Es besaß vierzehn Riemenplätze und konnte in den tiefen Fjorden eingesetzt werden. Später erhöhte man die Bordwand um eine zusätzliche Plankenreihe und veränderte damit seine Aufgabe. Aus dem Fischerboot wurde vermutlich ein geräumigeres Küstentransportfahrzeug.

Diese Veränderung ist besonders aufschlussreich.

Ein Schiff wurde nicht zwangsläufig für seine gesamte Lebensdauer unverändert genutzt. Es konnte repariert, umgebaut, erhöht oder mit wiederverwendetem Holz ergänzt werden. Skuldelev 5 bestand teilweise aus Planken eines älteren Schiffes. Das zeigt, dass auch bei einem wertvollen Fahrzeug Materialien weiterverwendet wurden, wenn sie noch brauchbar waren.

Die Übergänge zwischen den Schiffstypen waren daher fließender, als moderne Bezeichnungen vermuten lassen.

Ein kleines Schiff konnte zum Fischen, zum Küstenhandel und zum Transport von Personen genutzt werden.

Ein Frachtschiff konnte neben Waren auch Siedler oder Krieger befördern.

Ein Kriegsschiff konnte auf einer Reise Handelsgüter mitführen, solange der begrenzte Platz dies erlaubte.

Die Bauform verriet jedoch, für welche Aufgabe das Schiff besonders geeignet war.

Ein langer, schmaler Rumpf bedeutete Geschwindigkeit und viele Riemen, aber wenig Ladung.

Ein breiter, tiefer Frachtrumpf bedeutete Tragfähigkeit und Stabilität, aber geringere Geschwindigkeit unter Rudern.

Ein kleines Boot bedeutete Beweglichkeit und eine geringe Besatzung, aber auch begrenzten Schutz und Stauraum.

Die nordischen Schiffbauer versuchten deshalb nicht, ein einziges vollkommenes Schiff zu bauen.

Sie bauten das Schiff, das für die jeweilige Aufgabe gebraucht wurde.

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Klinkerbauweise, Abdichtung und geringer Tiefgang

Der Bau eines Schiffes begann mit der Auswahl der Bäume.

Nicht jeder Stamm eignete sich für jede Planke, jeden Spant oder jeden gekrümmten Bauteil. Ein Schiffbauer musste bereits im Wald erkennen, wie ein Baum gewachsen war und welche Form sich aus ihm gewinnen ließ.

Die Planken wurden in der Wikingerzeit gewöhnlich nicht aus dem Stamm gesägt. Der Stamm wurde gespalten. Dabei folgte das Holz seinen natürlichen Fasern. Die anschließend mit Äxten bearbeiteten Planken konnten deshalb vergleichsweise dünn und leicht sein, ohne unnötig an Festigkeit zu verlieren.

Ein gesägtes Brett durchtrennt zahlreiche Holzfasern.

Eine gespaltene und entsprechend bearbeitete Planke folgt ihnen.

Dieser Unterschied klingt zunächst unscheinbar. Für die Belastbarkeit eines leichten Schiffsrumpfes war er jedoch von großer Bedeutung.

Der Kiel bildete das Rückgrat des Schiffes.

An seinen Enden wurden die gekrümmten Steven für Bug und Heck angesetzt. Von dort aus bauten die Schiffbauer den Rumpf nach oben auf.

Bei der Klinkerbauweise überlappte die untere Kante einer Planke die Kante der darunterliegenden Planke. Die Reihen aus Planken werden als Plankengänge bezeichnet. Sie verliefen längs durch den Rumpf und wurden mit eisernen Nieten oder Nägeln miteinander verbunden.

Durch diese Überlappungen entstand nicht nur eine geschlossene Außenhaut.

Jeder überlappende Plankengang verstärkte den Rumpf in seiner Längsrichtung. Dadurch konnten die inneren Spanten in größeren Abständen gesetzt werden, als dies bei einer weniger selbsttragenden Außenhaut möglich gewesen wäre. Das Ergebnis war ein Rumpf, der leicht und zugleich widerstandsfähig blieb.

Erst nachdem ein großer Teil der äußeren Schiffsschale aufgebaut war, wurden Spanten, Bodenwrangen und Querbalken eingesetzt.

Auch diese Bauteile wurden möglichst aus Holzstücken gewonnen, deren natürlicher Wuchs bereits zur benötigten Form passte. Für einen stark gekrümmten Winkel suchte der Schiffbauer beispielsweise nach einem Stamm mit einem entsprechend gewachsenen Astansatz. So blieben die Fasern des Holzes innerhalb der Krümmung erhalten.

Der Rumpf war dadurch nicht vollkommen starr.

Kiel, Planken und Spanten konnten sich unter Belastung geringfügig bewegen. Diese Flexibilität war kein Zeichen schlechter Bauqualität. Sie gehörte zum Prinzip der nordischen Klinkerbauweise. Ein offenes Schiff konnte dadurch auf Wellen reagieren, anstatt jede Bewegung mit einem völlig unbeweglichen Rumpf aufnehmen zu müssen.

Zu viel Bewegung wäre gefährlich gewesen.

Zu große Steifigkeit konnte jedoch ebenfalls zu Brüchen führen.

Die Leistung der Schiffbauer bestand darin, zwischen beiden Extremen eine funktionierende Balance herzustellen.

Zwischen den überlappenden Planken mussten die Fugen abgedichtet werden.

Bei mehreren erhaltenen Schiffen wurden Reste geteerter Wolle als Dichtungsmaterial gefunden. Die Wolle wurde zu Strängen verarbeitet, mit Holzteer behandelt und zwischen die Planken gelegt. Beim Zusammenfügen und Vernieten der Planken wurde das Material zusammengedrückt und verschloss die Fuge. Auch an den Verbindungen zwischen Kiel und Steven konnte geteerde Wolle verwendet werden.

Die Bezeichnung „mit Moos und Teer abgedichtet“, die in vereinfachten Darstellungen häufig auftaucht, ist daher nicht für jedes Schiff gleichermaßen richtig.

Bei konkreten Skuldelev-Schiffen ist geteerter Wollfaden nachgewiesen. Andere organische Fasern und Dichtungsmaterialien konnten regional oder zu anderen Zeiten ebenfalls verwendet werden. Entscheidend ist, dass die Fugen mit einem nachgiebigen Material gefüllt und gegen eindringendes Wasser behandelt wurden.

Der Holzteer erfüllte mehrere Aufgaben.

Er schützte organische Fasern vor schneller Zersetzung, verringerte die Aufnahme von Wasser und konnte auch zur Behandlung der hölzernen Oberfläche verwendet werden. Rekonstruktionen werden deshalb mit Mischungen auf Holzteerbasis behandelt, wobei die genaue historische Zusammensetzung nicht für jedes Schiff sicher bekannt ist.

Vollkommen wasserdicht war ein Holzschiff trotzdem nicht.

Holz quillt im Wasser und schrumpft beim Trocknen. Die Planken arbeiteten. Fugen konnten sich verändern. Bewegungen im Seegang belasteten Nähte, Nieten und Dichtungsmaterial.

Eine gewisse Menge Wasser gelangte daher wahrscheinlich immer in den Rumpf.

Die Besatzung musste es ausschöpfen.

Zu den regelmäßigen Aufgaben an Bord gehörte deshalb nicht nur das Segeln, sondern auch das Lenzen. Wer erwartete, das Schiff müsse nur einmal gut abgedichtet werden und bleibe dann monatelang von selbst trocken, hätte das Prinzip eines offenen Holzfahrzeuges missverstanden.

Auch Beschädigungen konnten unterwegs auftreten.

Eine Planke konnte reißen. Eine Nietverbindung konnte sich lockern. Das Seitenruder konnte beschädigt werden. Deshalb gehörten Äxte, Bohrer, Hämmer und andere Werkzeuge zur Ausrüstung größerer Fahrten. Spätere Rechtstexte nennen ausdrücklich Werkzeuge für Reparaturen an Bord.

Der häufig erwähnte geringe Tiefgang hing mit der Form und dem vergleichsweise niedrigen Gewicht vieler Schiffe zusammen.

Allerdings besaß nicht jedes nordische Schiff denselben Tiefgang.

Ein kleines Fischerboot oder Kriegsschiff konnte mit ungefähr einem halben bis sechzig Zentimetern auskommen. Das Küstenhandelsschiff Skuldelev 3 lag bei ungefähr neunzig Zentimetern. Die Rekonstruktion des großen Frachtschiffes Skuldelev 1 erreicht beladen einen Tiefgang von ungefähr 1,20 Metern.

„Geringer Tiefgang“ ist deshalb eine zutreffende allgemeine Eigenschaft im Vergleich zu vielen späteren großen Segelschiffen.

Sie darf aber nicht so verstanden werden, als hätten sämtliche Wikingerschiffe nur wenige Handbreit Wasser benötigt.

Der geringe Tiefgang brachte große Vorteile.

Schiffe konnten flache Küstengewässer, Flussmündungen und Buchten befahren.

Sie benötigten keine tiefen künstlichen Häfen.

Kleinere Fahrzeuge konnten auf einen Strand gezogen oder über kürzere Landstrecken bewegt werden.

Bei Überfällen konnte eine Besatzung dort landen, wo ein Gegner nicht unbedingt mit einem größeren Schiff rechnete.

Auch beim Handel erleichterte die Nähe zum Ufer das Be- und Entladen.

Der Vorteil hatte jedoch eine Kehrseite.

Ein flacher, leichter Rumpf reagierte deutlich auf die Verteilung von Menschen und Ladung. Falsch gestapelte Fässer, ein zu hoch liegender Schwerpunkt oder eine einseitig versammelte Besatzung konnten die Segeleigenschaften verschlechtern.

Das Schiff war deshalb nicht nur eine hölzerne Konstruktion.

Besatzung und Ladung gehörten zu seinem Gleichgewicht.

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Stabilität und Hochseetauglichkeit

Ein offenes Schiff mit niedriger Bordwand sieht neben einem modernen Frachter zunächst erstaunlich verletzlich aus.

Trotzdem überquerten nordische Seefahrer die Nordsee und den Nordatlantik. Sie erreichten Island, Grönland und Nordamerika.

Diese Reisen waren möglich, weil die Schiffe nicht einfach nur leicht waren.

Sie waren für ihre jeweiligen Fahrtgebiete sorgfältig gebaut.

Ein hochseetaugliches Frachtschiff besaß einen breiteren und volleren Rumpf als ein Langschiff. Dadurch konnte es mehr Ladung aufnehmen und lag ruhiger im Wasser. Der hohe Freibord verringerte die Menge an überkommendem Wasser. Die schwere Ladung senkte den Schwerpunkt, sofern sie richtig gestaut wurde.

Skuldelev 1 besaß gerade diese Eigenschaften. Seine schweren Kiefernplanken und der gerundete Rumpf verbanden hohe Tragfähigkeit mit der Eignung für den Nordatlantik.

Ein Langschiff erreichte Hochseetauglichkeit auf andere Weise.

Es war schmaler, leichter und stärker von seiner großen Besatzung abhängig. Die Menschen saßen nicht einfach als Passagiere an Bord. Ihr Gewicht beeinflusste das Gleichgewicht. Bei schwierigen Kursen mussten sie ihre Position verändern und damit als beweglicher Ballast wirken.

Versuchsfahrten mit der Rekonstruktion von Skuldelev 2 zeigten, wie eng Schiff und Besatzung zusammenwirkten. Bei gleichmäßigem Wind konnte eine kleine Gruppe das Schiff führen. Beim Rudern oder beim Segeln gegen den Wind wurde jedoch ein erheblicher Teil der Besatzung benötigt. Die Versuche führten die Forscher zu der Einschätzung, dass das Langschiff seine große Mannschaft nicht nur zum Kampf und Rudern brauchte. Die Menschen waren zugleich Teil seiner Segeleigenschaften.

Die moderne experimentelle Archäologie kann nicht beweisen, dass jede historische Besatzung exakt dieselben Handgriffe ausführte.

Sie zeigt jedoch, was mit nachgebauten Schiffen möglich ist und welche Anforderungen die Konstruktion an Menschen stellt.

Die Rekonstruktion des Frachtschiffes Skuldelev 1 geriet während einer Versuchsfahrt in Wellen von drei bis vier Metern Höhe. Dabei erreichte sie zeitweise hohe Geschwindigkeiten. Zugleich zeigte die Fahrt, dass starke Belastungen nicht folgenlos blieben: Die Befestigung des Seitenruders verschliss und musste durch eine neue Birkenrute ersetzt werden.

Genau darin liegt eine wichtige Erkenntnis.

Hochseetauglichkeit bedeutet nicht Unzerstörbarkeit.

Ein Schiff konnte einen Sturm überstehen und trotzdem Reparaturen benötigen.

Es konnte schnell sein und dennoch bei ungünstigem Wind tagelang kaum vorankommen.

Es konnte große Wellen bewältigen und gleichzeitig durch eindringendes Wasser, beschädigte Taue oder erschöpfte Menschen gefährdet werden.

Die Sicherheit begann deshalb bereits bei der Wahl des Abfahrtstermins.

Eine Besatzung musste auf günstiges Wetter warten können. Sie durfte nicht an einem starren modernen Fahrplan hängen. Ein Rahsegler ohne Motor konnte einen günstigen Wind nicht bestellen. Kam er mitten in der Nacht, musste die Mannschaft möglicherweise sofort ablegen. Blieb er aus, konnte das Schiff Tage oder Wochen warten.

Mit dem Wind zu segeln war erheblich einfacher und schneller, als gegen ihn anzukreuzen.

Rahsegel erlaubten durchaus Kurse schräg gegen den Wind. Doch je ungünstiger der Kurs wurde, desto größer waren Aufwand, Materialbelastung und zurückzulegende Strecke. Versuchserfahrungen zeigen, dass der Weg gegen den Wind ein Mehrfaches der Zeit beanspruchen konnte, die bei achterlichem Wind nötig gewesen wäre.

Eine Besatzung, die ihre Möglichkeiten überschätzte, riskierte daher mehr als eine verspätete Ankunft.

Wasser und Nahrung konnten knapp werden.

Menschen wurden müde oder krank.

Ein angeschlagenes Schiff musste länger belastet werden.

Ein vernünftiger Schiffsführer wartete daher möglicherweise, obwohl die Mannschaft weiterfahren wollte.

Mut zeigte sich nicht nur darin, bei Sturm auszulaufen.

Manchmal zeigte er sich darin, es nicht zu tun.

Zur Hochseetauglichkeit gehörte auch das Verhalten bei sehr schlechtem Wetter.

Das Segel konnte verkleinert, vollständig geborgen oder anders eingestellt werden. Das Schiff konnte versuchen, vor Wind und Wellen abzulaufen oder seine Fahrt zu verlangsamen. Welche Verfahren historische Besatzungen im Einzelnen anwendeten, ist nur teilweise bekannt. Die Erfahrungen mit Rekonstruktionen zeigen jedoch, dass die Handhabung eines offenen Rahseglers im Sturm sehr genaue Abstimmung verlangte.

Fehler konnten unmittelbar gefährlich werden.

Ein falsch gesetztes Segel konnte das Schiff zu stark krängen lassen.

Eine überraschende Böe konnte Menschen und Ausrüstung über Bord werfen.

Lose Gegenstände konnten durch das Schiff geschleudert werden.

Ein gebrochenes Ruder oder eine beschädigte Rah musste unter Bedingungen repariert werden, unter denen bereits das sichere Stehen schwierig war.

Auch die Ladung musste gesichert sein.

Ein verrutschendes Fass veränderte das Gewicht und konnte Menschen verletzen. Tiere an Bord stellten eine zusätzliche Herausforderung dar. Sie mussten angebunden, gefüttert und möglichst ruhig gehalten werden. Ein in Panik geratenes Rind war auf einem kleinen Holzschiff kein nebensächliches Problem.

Die Schiffe waren also hochseetauglich.

Bequem waren sie nicht.

Sicher waren sie nur in dem Maß, in dem Konstruktion, Wartung, Beladung, Wetter und Erfahrung zusammenpassten.

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Segel, Ruder und Steuerung

Der große Fortschritt der nordischen Schifffahrt lag nicht allein in der Form des Rumpfes.

Das Segel machte weite Reisen möglich.

Ein gerudertes Schiff konnte sich unabhängig vom Wind bewegen. Die Menschen verbrauchten dabei jedoch enorme Kraft. Je länger die Strecke war, desto mehr Nahrung benötigte die Besatzung. Ein großes Schiff mit sechzig Ruderern konnte nicht über Wochen mit Muskelkraft über den offenen Atlantik bewegt werden.

Das Segel nutzte dagegen eine Kraft, die keine Nahrung an Bord verbrauchte.

Der Wind arbeitete allerdings nur dann für die Besatzung, wenn sie ihn verstand.

Die nordischen Schiffe trugen ein großes annähernd rechteckiges Rahsegel. Es hing an einer waagerechten Rah, die am Mast hochgezogen wurde. Taue hielten den Mast, bewegten die Rah und regulierten die unteren Ecken des Segels.

Das Verhältnis zwischen Rumpf, Mast, Segelfläche und Seitenruder musste genau stimmen. Ein zu breites oder falsch geformtes Segel konnte das Schiff vom Wind wegdrücken. Ein zu schmales Segel konnte dazu führen, dass der Bug ständig in den Wind drehte. Ein zu hoher Mast belastete den Rumpf und zwang die Besatzung, das Segel früh zu verkleinern.

Das Segel war daher kein beliebiges großes Stück Stoff.

Es musste für ein bestimmtes Schiff hergestellt und abgestimmt werden.

Über die Materialien der Segel ist weniger bekannt als über die hölzernen Rümpfe, weil Textilien nur selten erhalten bleiben. Wolle und Flachs gelten als die wichtigsten Materialien. Flachs ergab ein leichtes und festes Segel, konnte jedoch bei Feuchtigkeit leichter verrotten. Wolle war schwerer und elastischer, musste aber sehr dicht gewebt und behandelt werden, damit möglichst wenig Wind durch das Gewebe drang.

Die Herstellung eines großen Segels erforderte enorme Arbeit.

Schafe mussten gehalten und geschoren werden. Die Wolle musste sortiert, gereinigt, gesponnen und zu langen Stoffbahnen gewebt werden. Anschließend wurden die Bahnen zusammengenäht und behandelt.

Die Rekonstruktion des neunzig Quadratmeter großen Segels für das Frachtschiff Ottar wurde zu einem eigenen Forschungsprojekt. Das Gewebe musste außerordentlich dicht hergestellt und anschließend so behandelt werden, dass es wind- und wasserabweisender wurde.

Nicht jede historische Besatzung verwendete zwangsläufig dieselbe Mischung aus Fett, Farbe und anderen Stoffen wie eine moderne Rekonstruktion. Die Versuche zeigen jedoch, wie anspruchsvoll die Herstellung eines brauchbaren Wollsegels war.

Auch die Taue bestanden nicht aus einem einheitlichen Material.

Verwendet werden konnten Lindenbast und andere Pflanzenfasern, Tierhäute, Walross- oder Robbenhaut, Pferdehaar und weitere organische Materialien. Welche Seile an welchem Schiff eingesetzt wurden, hing von Region, Aufgabe und verfügbaren Rohstoffen ab. Archäologische Funde weisen besonders auf Bastfasern hin; spätere Gesetze nennen daneben Taue aus Haut und Haar.

Ein Tau musste zur Aufgabe passen.

Ein stehendes Tau, das den Mast stützte, wurde anders belastet als eine Leine, mit der das Segel verstellt wurde. Manche Taue mussten möglichst wenig nachgeben. Andere profitierten von einer gewissen Elastizität.

Die Besatzung musste diese Materialien kennen.

Sie musste hören und fühlen, wenn ein Tau unter ungewöhnlicher Spannung stand. Sie musste Verschleiß erkennen, bevor das Material riss.

Beim Setzen des Segels waren mehrere Menschen erforderlich.

Die schwere Rah musste angehoben, das Segel entfaltet und die Leinen mussten in der richtigen Reihenfolge bedient werden. Bei starkem Wind wurde diese Arbeit gefährlich. Eine lose schlagende Segelfläche konnte Menschen treffen oder Taue zerreißen.

Während der Fahrt musste das Segel fortlaufend angepasst werden.

Änderte sich der Wind, wurden die unteren Ecken des Segels neu eingestellt. Beim Wenden oder Kreuzen mussten Rah und Segel auf die andere Seite gebracht werden. Dabei durfte das Schiff nicht lange ohne kontrollierten Antrieb in ungünstiger Lage zu den Wellen treiben.

Die Ruder ergänzten das Segel.

Auf Kriegsschiffen konnte ein großer Teil der Besatzung gleichzeitig rudern. Bei kleineren Handels- und Fischerbooten waren wesentlich weniger Riemen vorhanden. Große Frachtschiffe besaßen nur einige Ruder zum Manövrieren im Hafen, bei Windstille oder auf kurzen Strecken.

Die Riemen lagen entweder in Öffnungen der Bordwand oder wurden an aufgesetzten Ruderdollen geführt. Eine Schlaufe konnte verhindern, dass der Riemen beim Zurückholen aus seiner Position sprang. Auch bei diesen kleinen Bauteilen achteten die Schiffbauer darauf, dass die Holzfasern der Belastungsrichtung folgten.

Rudern verlangte Gleichmäßigkeit.

Wenn sechzig Menschen ohne gemeinsamen Takt arbeiteten, behinderten sich die Riemen gegenseitig. Die Mannschaft brauchte klare Befehle, Übung und Ausdauer.

Ein Ruderer musste nicht nur kräftig ziehen.

Er musste wissen, wann er den Schlag verkürzen, rückwärts rudern oder den Riemen vollständig einholen sollte.

Beim Anlegen, bei einer engen Wende oder in einer starken Strömung konnte ein falscher Schlag das Schiff gegen ein Hindernis drücken.

Gesteuert wurde nicht mit einem modernen mittig am Heck befestigten Ruder.

Das Seitenruder lag auf der rechten Seite des Hecks. Aus dieser Steuerseite entwickelte sich die Bezeichnung Steuerbord. Das breite Ruderblatt wurde mit einer flexiblen Befestigung am Rumpf gehalten und über eine Pinne bewegt.

Das Seitenruder war nahezu so wirksam wie spätere Heckruder, verlangte jedoch eine genau abgestimmte Befestigung.

Bei den Versuchsschiffen stellte sich heraus, dass gewöhnliche Hanftaue unter der ständigen Nässe und Belastung nicht immer ausreichten. Geflochtene oder gedrehte Birkenruten erwiesen sich als geeigneter. Solche Ruten sind auch archäologisch belegt.

Der Steuermann musste das Schiff nicht nur in eine Richtung zwingen.

Er musste die Wirkung von Segel, Rumpf, Wind und Wellen miteinander ausgleichen. Ein gut abgestimmtes Schiff ließ sich mit verhältnismäßig kleinen Bewegungen steuern. Ein falsch beladenes oder schlecht getrimmtes Schiff zog dagegen ständig zu einer Seite.

Bei langen Fahrten wechselten sich Menschen am Ruder ab.

Konzentration ließ nach, Hände wurden kalt, und Müdigkeit verfälschte die Wahrnehmung. Der neue Steuermann musste wissen, welchen Kurs sein Vorgänger gehalten hatte und welche Abweichungen bereits entstanden waren.

Ein Schiff wurde deshalb nicht von einem einzelnen großen Helden über das Meer geführt.

Es wurde von einer eingespielten Mannschaft gesegelt.

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Die Wikinger besaßen keine modernen Seekarten, keinen Magnetkompass und keine Satellitennavigation.

Trotzdem fanden sie über weite Entfernungen ihr Ziel.

Das bedeutet nicht, dass sie über eine geheimnisvolle verlorene Technik verfügten, mit der jede Position jederzeit exakt bestimmt werden konnte.

Ihre Navigation war wahrscheinlich weniger genau, aber wesentlich umfassender mit der Beobachtung der Umwelt verbunden.

In Küstengewässern orientierten sich Seefahrer an Bergen, Inseln, Flussmündungen, auffälligen Felsen und der Form der Küstenlinie. Solche Landmarken mussten erkannt und im Gedächtnis behalten werden.

Ein erfahrener Seemann kannte nicht nur einen einzelnen Berg.

Er wusste, wie zwei Berge zueinander standen, wenn das Schiff eine bestimmte Fahrrinne erreicht hatte. Er kannte die Farbe einer Klippe, die Lage einer Insel vor dem Festland und die Stelle, an der ein unscheinbarer Vorsprung einen sicheren Hafen verdeckte.

Der Ausguck im Bug hatte daher eine verantwortungsvolle Aufgabe.

Er musste Hindernisse, Untiefen, andere Schiffe und bekannte Landmarken früh erkennen. Spätere nordische Quellen beschreiben besondere Wachen für Bug, Segel, Ruder und Ankertaue. Sie zeigen, dass die Arbeit auf einem Schiff klar verteilt und Tag und Nacht fortgesetzt werden musste.

In unbekannten Gewässern konnte ein ortskundiger Lotse an Bord genommen werden.

Spätere norwegische Rechtstexte erwähnen, dass ein Schiffsführer bei fehlender Ortskenntnis einen Mann bezahlte, der die Fahrrinnen und Gefahren kannte. Diese Texte wurden erst nach der eigentlichen Wikingerzeit niedergeschrieben, geben aber Einblick in eine naheliegende und wahrscheinlich ältere Praxis.

Die Wassertiefe konnte mit einer Stange oder einem Lot gemessen werden.

Bleigewichte aus wikingerzeitlichen Hafengebieten und eine Darstellung der Tiefenmessung auf dem Teppich von Bayeux zeigen, dass solche einfachen Verfahren bekannt waren. Ob jedes Schiff ein besonderes Lot mitführte und wie systematisch es eingesetzt wurde, ist nicht sicher.

Auch die Beschaffenheit des Meeresbodens konnte Hinweise geben.

Ein Lot, an dessen Unterseite Fett oder ein anderer haftender Stoff angebracht war, konnte Sand, Schlamm oder kleine Muschelteile aufnehmen. Solche Verfahren sind aus späteren Zeiten gut bekannt. Für ihre konkrete Anwendung durch Wikingerbesatzungen fehlen jedoch eindeutige Nachweise. Deshalb sollte diese Möglichkeit nicht als gesicherte Standardtechnik dargestellt werden.

Auf dem offenen Meer verschwanden die Landmarken.

Dann wurden Sonne, Sterne, Wind, Wellen, Strömungen und die Erfahrung der Besatzung wichtiger.

Die Position der Sonne zeigte die Himmelsrichtung an. Ihre Höhe veränderte sich mit Tageszeit, Jahreszeit und geografischer Breite. Ein sehr erfahrener Seefahrer konnte daraus nicht seine exakten Koordinaten berechnen, aber erkennen, ob das Schiff seinen üblichen Kurs ungefähr hielt.

Auch nachts konnten Sterne Orientierung bieten.

Der Polarstern zeigt annähernd nach Norden. In den hellen nordischen Sommernächten war der Himmel jedoch oft nicht dunkel genug, um ihn und andere Sterne gut zu erkennen. Gerade in der Hauptreisezeit war die Sternnavigation deshalb weniger zuverlässig, als moderne Darstellungen vermuten lassen.

Windrichtung und Wellen lieferten weitere Hinweise.

Ein Steuermann fühlte, aus welcher Richtung der Wind kam. Er beobachtete die Stellung des Segels und den Druck auf das Seitenruder. Auch wenn der Wind sich veränderte, konnte die länger anhaltende Dünung noch anzeigen, aus welcher Richtung ein größeres Wettersystem zuvor gewirkt hatte.

Versuchsfahrten mit rekonstruierten Schiffen zeigen, dass erfahrene Menschen einen Kurs erstaunlich gut allein anhand von Sonne, Wind, Wellen und dem Verhalten des Schiffes halten können. Solche Experimente beweisen nicht, dass historische Seefahrer jede Reise auf dieselbe Weise unternahmen. Sie zeigen jedoch, dass eine brauchbare Navigation ohne moderne Instrumente grundsätzlich möglich ist.

Auch Vögel konnten auf die Nähe von Land hinweisen.

Bestimmte Seevögel entfernen sich während der Brutzeit nur begrenzt von ihren Nistplätzen. Die Richtung, in die sie am Morgen hinausflogen oder am Abend zurückkehrten, konnte daher Hinweise geben.

Dasselbe galt in begrenztem Umfang für Wale, treibende Pflanzen, Holz und Veränderungen des Wassers. Süßwasser, das aus einem großen Fluss ins Meer strömte, konnte sich durch Farbe, Geschmack oder Strömung bemerkbar machen. Rauchgeruch oder der Klang von Vögeln konnten Land anzeigen, bevor es deutlich sichtbar wurde.

Keines dieser Zeichen war für sich allein zuverlässig.

Ein Vogel konnte weit vom Land entfernt sein.

Treibholz konnte lange unterwegs gewesen sein.

Nebel konnte einen Berg verbergen, obwohl das Schiff bereits nahe an der Küste lag.

Erfahrung bestand daher darin, mehrere Hinweise miteinander zu verbinden.

Die Besatzung musste außerdem ihre Geschwindigkeit und die vergangene Zeit einschätzen.

Ohne genaue Uhr konnte niemand einfach berechnen, wie viele Seemeilen das Schiff seit der letzten bekannten Position zurückgelegt hatte. Der Schiffsführer konnte jedoch beobachten, wie schnell das Wasser am Rumpf vorbeilief, wie stark der Wind war und wie lange ein bestimmter Kurs gehalten worden war.

Dabei entstanden zwangsläufig Fehler.

Strömungen versetzten das Schiff.

Ein Steuermann wich unbewusst nach links oder rechts ab.

Die Windrichtung änderte sich.

Deshalb funktionierte die Navigation über den Nordatlantik nicht wie das Ziehen einer geraden Linie auf einer modernen Karte.

Die Besatzung steuerte einen ungefähren Kurs auf ein großes Zielgebiet. Erreichte sie eine Insel an einer anderen Stelle als geplant, konnte sie anschließend entlang der Küste zum gewünschten Hafen segeln.

Genau dafür mussten Ziele wie Island oder Grönland groß genug sein, dass eine begrenzte Kursabweichung nicht zwangsläufig ins offene Meer führte.

Über mögliche Navigationsinstrumente wird viel diskutiert.

In Grönland wurde ein hölzernes Scheibenfragment gefunden, das als Teil eines Sonnenkompasses gedeutet worden ist. Kristalle könnten theoretisch dazu dienen, bei bedecktem Himmel die Richtung des polarisierten Sonnenlichts zu erkennen. Solche Möglichkeiten wurden in Experimenten untersucht.

Der entscheidende Punkt ist jedoch:

Es gibt nur sehr wenige sichere Belege dafür, dass Wikinger standardmäßig solche Instrumente verwendeten.

Das Wikingerschiffsmuseum betont ausdrücklich, dass nicht bekannt ist, ob sich die Seefahrer auf einfache Instrumente stützten oder hauptsächlich ihre Sinne und Erfahrungen nutzten.

Der sogenannte Sonnenstein sollte deshalb nicht als bewiesenes nordisches Navigationsgerät dargestellt werden.

Er ist eine interessante Möglichkeit.

Die gesicherte Grundlage der Seefahrt bleibt dagegen wesentlich unspektakulärer und zugleich beeindruckender:

Menschen beobachteten den Himmel, das Wasser, den Wind, Tiere und Küsten.

Sie merkten sich Wege.

Sie gaben Erfahrungen weiter.

Und sie wussten, dass ein guter Kurs nichts nützte, wenn das Wetter eine Weiterfahrt nicht erlaubte.

Wetterbeobachtung war daher ein Teil der Navigation.

Veränderte Wolkenformen, fallender Luftdruck, zunehmende Dünung oder ein plötzlich drehender Wind konnten vor schlechtem Wetter warnen. Die Menschen verfügten nicht über moderne meteorologische Erklärungen. Sie kannten jedoch wiederkehrende Zusammenhänge.

Diese Beobachtungen waren regional geprägt.

Ein Fischer kannte die Wetterzeichen seines Fjordes.

Ein Nordatlantikfahrer musste lernen, welche Veränderungen auf offenem Meer bevorstanden.

Ein Mensch konnte in seiner Heimat ein hervorragender Seemann und in einer fremden Küstenlandschaft trotzdem auf einen ortskundigen Lotsen angewiesen sein.

Navigation war daher kein einzelnes Wissen.

Sie bestand aus Erfahrung, Erinnerung, Beobachtung und Vorsicht.

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Trinkwasser, Lebensmittel und Vorräte an Bord

Eine Besatzung konnte ein hervorragend gebautes Schiff besitzen und trotzdem scheitern, wenn ihre Vorräte nicht reichten.

Wasser war dabei wichtiger als jede andere Ladung.

Ein Mensch kann längere Zeit mit wenig Nahrung auskommen. Ohne ausreichend Flüssigkeit verliert er innerhalb kurzer Zeit seine Leistungsfähigkeit. Auf einem offenen Schiff mussten die Menschen rudern, Segel bedienen, Wasser ausschöpfen und sich bei Kälte warmhalten. Körperliche Arbeit erhöhte den Bedarf.

Wasser wurde in Fässern, Bottichen und anderen großen Holzbehältern mitgeführt.

In den Schiffsgräbern von Oseberg und Gokstad wurden große Tröge mit einem Fassungsvermögen von mehreren Hundert Litern gefunden. Ein kleineres Fass aus Oseberg konnte etwa 125 Liter aufnehmen. Kleinere Fässer ließen sich auf einem schmalen Schiff leichter verteilen und bewegen als ein einziger sehr großer Behälter.

Wie viel Wasser eine historische Besatzung tatsächlich pro Tag erhielt, lässt sich nicht für jede Reise sicher bestimmen.

Spätere norwegische Quellen nennen Mindestmengen von mehreren Litern pro Person. Moderne Versuchsmannschaften verbrauchten unter kühlen Bedingungen ungefähr drei Liter täglich. Diese Angaben bieten eine Größenordnung, dürfen aber nicht als unveränderliche Ration für alle Schiffe und Fahrten behandelt werden.

Der Bedarf hing von Temperatur, körperlicher Arbeit und Ernährung ab.

Stark gesalzener Fisch erhöhte den Durst.

Rudern bei warmem Wetter erforderte mehr Wasser als ruhiges Segeln an einem kalten Tag.

Krankheiten wie Durchfall konnten den Bedarf gefährlich steigern.

Das Wasser blieb zudem nicht unbegrenzt frisch.

Ein Holzfass war kein steriler moderner Tank. Geschmack und Geruch konnten sich verändern. Organische Verunreinigungen oder schlecht gereinigte Behälter konnten die Qualität verschlechtern.

Deshalb nutzten Besatzungen jede Gelegenheit, ihre Vorräte an sicheren Wasserstellen zu ergänzen.

Küstenfahrten erlaubten häufige Landungen. Auf einer offenen Atlantikstrecke war dies nicht möglich. Dort musste die Menge von Beginn an reichen und zusätzlich eine Reserve für ungünstigen Wind oder eine Kursabweichung enthalten.

Regenwasser konnte aufgefangen werden.

Ein Segel oder eine Plane bot eine große Fläche, von der Wasser in einen Behälter geleitet werden konnte. Wie systematisch dies in der Wikingerzeit geschah, ist nicht genau belegt. Bei längerem Regen lag es jedoch nahe, die Gelegenheit zu nutzen.

Lebensmittel mussten möglichst haltbar, energiereich und platzsparend sein.

Getrockneter Fisch, Mehl, Brot, Butter und andere konservierte Vorräte eigneten sich wesentlich besser als frisches Fleisch. Spätere nordische Texte nennen Brei, Mehl, Butter, getrockneten Heilbutt, Trockenfisch und Brot als Schiffsnahrung.

Diese Quellen wurden nach der Wikingerzeit niedergeschrieben. Die genannten Lebensmittel passen jedoch zu den archäologisch und wirtschaftlich bekannten Möglichkeiten der nordischen Gesellschaften.

Die Konservierung wurde bereits im vorhergehenden Hauptpunkt behandelt.

An Bord stellte sich eine andere Frage:

Wie konnten die Vorräte trocken, sicher und erreichbar gelagert werden?

Getreide und Mehl mussten vor Spritzwasser geschützt werden.

Getrockneter Fisch durfte nicht ständig nass werden.

Butter brauchte einen geeigneten Behälter.

Fässer mit Wasser oder Bier mussten so gesichert werden, dass sie bei Seegang nicht durch den Rumpf rollten.

Der Frachtraum eines Handelsschiffes bot mehr Platz, lag aber offen oder nur teilweise geschützt im mittleren Bereich. Ladung konnte mit Planen, Fellen oder losen Decksplanken abgedeckt werden.

Auf einem Kriegsschiff war der Stauraum noch begrenzter.

Persönliche Gegenstände, Kleidung und Waffen konnten in Truhen liegen. Isländische Quellen berichten, dass sich mehrere Männer eines Schiffsabschnittes eine Truhe teilten. Diese Truhen konnten zugleich als Sitzplätze dienen.

Ein Gegenstand erfüllte damit mehrere Aufgaben.

Die Truhe lagerte Kleidung.

Sie schützte kleinere Vorräte.

Und sie ersetzte eine feste Bank.

Kochen war auf einem offenen Holzschiff schwierig.

Ein offenes Feuer gefährdete Segel, Taue und Rumpf. Auf Kriegsschiffen gab es wahrscheinlich keine dauerhaft nutzbare Feuerstelle. Spätere Rechtstexte beschreiben deshalb, dass der Koch mehrfach täglich an Land ging, um Wasser zu holen und Mahlzeiten zuzubereiten. Solche häufigen Landungen waren auf küstennahen Fahrten möglich.

Auf einer längeren offenen Seestrecke musste die Besatzung stärker auf kalte oder vorbereitete Nahrung zurückgreifen.

Ob auf einzelnen Frachtschiffen unter günstigen Bedingungen in einem gesicherten Behälter gekocht wurde, lässt sich nicht vollständig ausschließen. Für eine gewöhnliche, jederzeit nutzbare Bordküche gibt es jedoch keinen Beleg.

Auch die Verteilung der Nahrung musste geregelt sein.

Wenn alle Menschen nach Belieben zugriffen, konnte die Besatzung ihre Reichweite nicht einschätzen. Der Schiffsführer war nach späteren Rechtstexten dafür verantwortlich, nicht weiterzufahren, als es die vorhandenen Vorräte erlaubten.

Diese Verantwortung war erheblich.

Zu großzügige Rationen schwächten die Reserve.

Zu knappe Rationen schwächten die Besatzung.

Ein Mensch, der schwere Ruderarbeit leisten sollte, brauchte ausreichend Energie.

Bei einer Flotte konnten besondere Versorgungsschiffe mitgeführt werden. Mehrere Kriegsschiffe konnten Vorräte gemeinsam nutzen. Schriftliche Überlieferungen berichten von großen Flotten, die neben den eigentlichen Kriegsschiffen auch Transport- und Versorgungsschiffe umfassten.

Das erklärt, wie größere Unternehmungen über längere Zeit möglich wurden.

Ein einzelnes schmales Langschiff konnte nicht gleichzeitig viele Krieger, umfangreiche Waffen und monatelange Vorräte transportieren.

Die Logistik musste auf mehrere Schiffe verteilt werden.

Auch beim Handel konnte unterwegs Nahrung ergänzt werden. Eine Besatzung kaufte, tauschte oder erhielt Lebensmittel an besuchten Orten. Bei Raubzügen wurden Vorräte gewaltsam genommen.

Auf einer Siedlungsfahrt war die Planung noch schwieriger.

Die Menschen mussten nicht nur bis zur nächsten Küste gelangen. Sie brauchten Reserven für die Zeit nach der Ankunft. Saatgut durfte nicht vollständig gegessen werden. Tiere mussten gefüttert werden. Werkzeuge und Haushaltsgüter beanspruchten zusätzlichen Raum.

Jede zusätzliche Person bedeutete mehr Wasserverbrauch.

Jedes zusätzliche Fass verdrängte andere Ladung.

Die Reichweite einer Reise war deshalb nicht allein eine Frage der Geschwindigkeit.

Sie war eine Rechnung aus Raum, Gewicht, Menschen, Wetter und Zeit.

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Schlafplätze, Wachen und Arbeiten auf dem Schiff

Auf einem Wikingerschiff gab es normalerweise keine Kajüten.

Kein Besatzungsmitglied schloss am Abend eine Tür hinter sich und legte sich in ein festes Bett.

Auf einem Kriegsschiff lagen die Menschen zwischen den Querbalken und Ruderbänken. Sie nutzten ihre Truhen, lose Bretter, Riemen oder andere freie Flächen. Spätere isländische Quellen erwähnen einen großen Schlafsack aus zusammengenähten Häuten, in dem zwei Menschen Platz fanden.

Dieser sogenannte Húðfat ist durch Schriftquellen überliefert, nicht als vollständig erhaltenes wikingerzeitliches Fundstück.

Er zeigt dennoch, dass die Menschen versuchten, sich mit Fellen oder Häuten gegen Kälte und Nässe zu schützen.

Eine moderne Versuchsmannschaft schläft auf einem Langschiff zwischen den Ruderbänken, auf dem Deck oder auf verstauten Riemen. Während der Fahrt werden häufig nur Wolldecken verwendet, weil ein eng geschlossener Schlafsack im Notfall gefährlich sein kann. Wer plötzlich an ein Tau, ein Ruder oder eine Pumpe gerufen wird, muss schnell aufstehen können.

Moderne Sicherheitsregeln dürfen nicht einfach auf die Wikingerzeit übertragen werden.

Die Erfahrung verdeutlicht jedoch das Grundproblem:

Ein Schlafplatz durfte die Arbeit des Schiffes nicht blockieren.

Die Menschen schliefen dort, wo tagsüber gearbeitet wurde.

Sie lagen zwischen Gepäck und Ausrüstung, während andere an ihnen vorbeigingen.

Privatsphäre gab es kaum.

Eine kleine Plane oder ein Fell konnte Wind und Regen abhalten und zumindest den Eindruck eines persönlichen Bereichs schaffen. Auf einem dicht belegten Schiff blieb dieser Bereich jedoch kaum größer als der Körper selbst.

Nässe war wahrscheinlich eines der größten Probleme.

Regen fiel von oben.

Gischt kam über die Bordwand.

Wasser sammelte sich im Rumpf.

Nasse Kleidung und Decken ließen sich auf einem vollen Schiff nur schwer trocknen.

Wolle hielt auch feucht noch vergleichsweise warm, wurde aber schwer. Fell konnte Schutz bieten, verlor durchnässt jedoch ebenfalls an Nutzen.

Die Besatzung musste daher jede trockene Gelegenheit nutzen.

Bei Landungen konnten Kleidung, Decken und Felle ausgebreitet werden. Ein Feuer erlaubte das Trocknen. Unterwegs war dies nur begrenzt möglich.

Schlaf erfolgte in Schichten.

Das Schiff musste auch nachts gesteuert und beobachtet werden. Segel, Ruder, Festmacher und Ankerleine benötigten Wachen. Wasser musste ausgeschöpft werden. Der Ausguck durfte nicht einfach einschlafen, weil die übrigen Männer ruhten.

Spätere Rechtstexte nennen verschiedene Wachaufgaben: bei den Riemen, am Segel, an den Festmachern und an der Ankerleine. Der Steuermann und der Ausguck hatten besondere Verantwortung.

Wie lang eine Wache in der Wikingerzeit dauerte, ist nicht für alle Schiffe bekannt.

Entscheidend war, dass nie die gesamte Mannschaft gleichzeitig schlief.

Bei ruhigem Wetter und gleichmäßigem Wind konnte ein Teil der Besatzung ruhen, während wenige Menschen das Schiff führten.

Bei einem Sturm oder einer schwierigen Küstenpassage brauchte man fast alle.

Dann fiel der Schlaf aus.

Müdigkeit war nicht nur unangenehm.

Sie war gefährlich.

Ein erschöpfter Steuermann bemerkte eine Kursabweichung später.

Ein müder Ruderer verlor den Takt.

Ein unaufmerksamer Mann übersah ein scheuerndes Tau.

Versuchsfahrten zeigen, dass Schlafmangel und Seekrankheit die Mannschaft erheblich belasten. Eine geübte Besatzung musste trotzdem in der Lage sein, ihre Aufgaben auszuführen.

Seekrankheit dürfte auch in der Wikingerzeit existiert haben.

Erfahrung konnte ihre Wirkung verringern, aber nicht jeder Mensch war von Natur aus seefest. Auf einem offenen Schiff gab es keinen geschützten Raum, in den sich ein Erkrankter zurückziehen konnte.

Er lag oder saß zwischen den anderen.

Er verlor Flüssigkeit.

Und seine Aufgaben mussten von jemand anderem übernommen werden.

Zu den regelmäßigen Arbeiten gehörte das Lenzen.

Selbst ein unbeschädigtes Holzschiff nahm Wasser auf. Regen und Gischt kamen hinzu. Die Besatzung musste das Wasser mit Schöpfgefäßen entfernen.

Auch das Segel benötigte Pflege.

Risse mussten genäht werden. Lose Nähte, abgenutzte Kanten und beschädigte Befestigungen durften nicht warten, bis das Schiff wieder im Heimathafen lag.

Taue scheuerten an Holz und aneinander.

Sie mussten kontrolliert, neu befestigt oder ausgetauscht werden.

Die Riemen wurden überprüft und bei Bedarf repariert.

Das Seitenruder und seine Befestigung standen unter hoher Belastung.

Auf einem Frachtschiff musste die Ladung kontrolliert werden. Fässer konnten sich lockern, Abdeckungen verrutschen und Tiere unruhig werden.

Auf einem Kriegsschiff kamen Waffen und Schilde hinzu. Sie mussten so gelagert sein, dass sie schnell erreichbar waren, ohne bei jeder Welle durch das Schiff zu rutschen.

Beim Ankern begann eine andere Arbeit.

Das Schiff musste einen geeigneten Platz finden. Die Ankerleine durfte nicht an scharfen Kanten scheuern. Die Wache musste erkennen, ob das Schiff zu treiben begann.

Beim Anlanden mussten Riemen, Segel und Leinen zusammenwirken.

Ein Schiff konnte nicht einfach mit voller Fahrt auf einen Strand gesetzt werden. Die Besatzung musste Geschwindigkeit verringern, Wassertiefe beobachten und den Rumpf möglichst kontrolliert auflaufen lassen.

An Land wurde Wasser geholt.

Mahlzeiten wurden gekocht.

Kleidung und Ausrüstung trockneten.

Kleinere Schäden wurden repariert.

Menschen konnten schlafen, ohne bei jeder Bewegung des Schiffes gegen eine Planke oder einen Nebenmann zu stoßen.

Wann immer es möglich und sicher war, dürfte ein Lager an Land wesentlich angenehmer gewesen sein als eine Nacht auf dem offenen Schiff.

Die Besatzung verbrachte ihre freie Zeit jedoch nicht ausschließlich schlafend und arbeitend.

Spielbretter und Spielsteine aus Schiffsgräbern und anderen Fundzusammenhängen zeigen, dass Spiele bekannt waren. Geschichten, Gespräche und gemeinsames Singen konnten ebenfalls zur Unterhaltung dienen. Wie häufig dies auf einer konkreten Fahrt möglich war, hing von Wetter, Aufgabe und Erschöpfung ab.

Ein ruhiger Tag mit günstigem Wind ließ Raum für Gespräche.

Ein schwerer Seegang ließ Raum für sehr wenig anderes als Festhalten und Arbeiten.

Auch Streit gehörte wahrscheinlich zum engen Zusammenleben.

Dutzende Menschen teilten einen begrenzten Raum. Sie waren nass, müde und möglicherweise hungrig. Persönliche Gegenstände gingen verloren oder wurden beschädigt. Ein Mensch arbeitete nach Ansicht eines anderen zu wenig. Ein Befehl erschien ungerecht.

Deshalb brauchte das Schiff eine klare Ordnung.

Der Schiffsführer trug Verantwortung für Fahrt, Besatzung und Disziplin. Auf größeren Kriegsschiffen konnten weitere erfahrene Männer zwischen ihm und der Mannschaft stehen. Befehle mussten weitergegeben und verstanden werden.

In einer Gefahrensituation blieb keine Zeit für eine längere Diskussion.

Das bedeutet nicht, dass der Schiffsführer allein entschied. Spätere Rechtstexte erwähnen Beratungen über größere Kursänderungen und Disziplinarmaßnahmen. Die genaue Organisation unterschied sich wahrscheinlich nach Schiff, Auftrag und gesellschaftlicher Zusammensetzung der Besatzung.

Auf einer Handelsfahrt konnten die Beteiligten gemeinsame Eigentümer des Schiffes oder der Ladung sein.

Auf einem königlichen Kriegsschiff war die Hierarchie möglicherweise strenger.

Auf einer Siedlungsfahrt reisten Familien, Tiere und Haushaltsgüter mit. Dort war das Leben an Bord anders organisiert als auf einem Schiff voller bewaffneter junger Männer.

Auch Frauen und Kinder befanden sich auf Schiffen, wenn Menschen dauerhaft nach Island, Grönland oder in andere Siedlungsräume übersiedelten.

Die Aussage, Frauen seien grundsätzlich nicht auf Wikingerschiffen gefahren, wäre daher falsch.

Sie gehörten wahrscheinlich seltener zur gewöhnlichen Besatzung eines Kriegsschiffes. Als Siedlerinnen, Reisende, Gefangene oder Angehörige hochrangiger Familien konnten sie aber sehr wohl an Bord sein. Die Anforderungen einer Siedlungsfahrt lassen sich ohne Frauen und Kinder überhaupt nicht erklären.

Ein voll beladenes Auswandererschiff war kein Langschiff auf Beutezug.

Es war ein beweglicher Haushalt.

Zwischen Fässern, Werkzeugen, Tieren und Menschen musste der Alltag weitergehen.

Kinder mussten beaufsichtigt werden.

Kranke Menschen brauchten Hilfe.

Tiere mussten gefüttert und ihre Ausscheidungen entfernt werden.

Ein Sturm war unter solchen Bedingungen noch gefährlicher als für eine geübte reine Schiffsbesatzung.

Das Leben an Bord verlangte deshalb mehr als seemännisches Können.

Es verlangte Geduld, Ordnung und die Bereitschaft, den eigenen Komfort der gemeinsamen Aufgabe unterzuordnen.

Das Schiff ließ einem Menschen kaum die Möglichkeit, sich aus der Gemeinschaft zurückzuziehen.

Wer an Bord nicht mitarbeitete, wurde für alle anderen zur Belastung.

Wer ein Tau nicht prüfte, gefährdete nicht nur sich selbst.

Wer Wasser verschwendete, nahm es der gesamten Besatzung.

Wer bei seiner Wache einschlief, konnte ein ganzes Schiff verlieren.

Die Wikingerschiffe waren weder primitive Boote noch schwimmende Paläste.

Sie waren leichte, spezialisierte Arbeitsfahrzeuge, deren Fähigkeiten aus dem Zusammenspiel von Material, Bauform und Besatzung entstanden.

Ein Kriegsschiff konnte viele Menschen schnell befördern, aber nur begrenzt Vorräte mitnehmen.

Ein Frachtschiff konnte große Lasten über den Nordatlantik tragen, war aber weniger beweglich unter Rudern.

Ein Fischerboot konnte in engen Gewässern arbeiten und später zu einem kleinen Transportfahrzeug umgebaut werden.

Die Klinkerbauweise machte die Rümpfe stark und flexibel. Geteerte Fasern dichteten die Planken ab. Segel nutzten den Wind, Riemen halfen beim Manövrieren, und das Seitenruder hielt den Kurs.

Doch kein einzelnes Bauteil erklärte die Reichweite der nordischen Seefahrt.

Die eigentliche Leistung lag darin, dass Menschen wussten, wie all diese Dinge zusammenwirkten.

Sie kannten ihre Schiffe.

Sie beobachteten Wind, Himmel und Wasser.

Sie warteten auf günstige Bedingungen.

Sie reparierten Schäden unterwegs.

Sie teilten Vorräte ein und schliefen zwischen Ruderbänken, Truhen und nassen Decken.

Die Fahrt nach Vinland begann deshalb nicht mit einem geheimnisvollen Navigationsgerät und nicht mit einem einzigen besonders mutigen Mann.

Sie begann mit einer über Jahrhunderte entwickelten Schiffbautradition – und mit Besatzungen, die gelernt hatten, auf einem offenen Holzschiff gemeinsam zu leben.

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7. Fahrten, Handel und Expansion

Nicht jedes Schiff, das Skandinavien verließ, war auf dem Weg zu einem Überfall.

Manche Besatzungen wollten handeln. Andere suchten Land, Arbeit oder politische Verbündete. Einige dienten einem fremden Herrscher als Krieger. Wieder andere fuhren mit der klaren Absicht los, Beute zu machen, Menschen zu verschleppen oder ein Gebiet zu erobern.

Diese Ziele ließen sich nicht immer sauber voneinander trennen.

Ein Händler musste bewaffnet sein, weil eine wertvolle Ladung Begehrlichkeiten weckte. Ein Krieger konnte nach einem erfolgreichen Feldzug mit Silber und Waren nach Hause zurückkehren und diese dort verkaufen. Aus einem zunächst nur für den Winter angelegten Lager konnte ein dauerhafter Handelsplatz entstehen. Und eine Gruppe, die an einer fremden Küste Land eroberte, musste irgendwann aufhören, nur Krieger zu sein, wenn sie dort dauerhaft leben wollte.

Die Fahrten der Wikingerzeit bildeten deshalb keine Sammlung voneinander unabhängiger Tätigkeiten. Handel, Raub, Krieg, Entdeckung und Besiedlung gingen häufig ineinander über.

Gerade dadurch wurde die nordische Welt so groß.

Die Schiffe verbanden Skandinavien mit den Britischen Inseln, dem Frankenreich, dem Ostseeraum, Osteuropa, Byzanz, den islamischen Handelsgebieten, den Inseln des Nordatlantiks und schließlich Nordamerika. Um das Jahr 1000 reichten die Reise- und Handelsverbindungen nordischer Menschen damit erheblich weiter als ihre eigentlichen Siedlungsgebiete. Das Schwedische Historische Museum beschreibt eine Welt, deren Kontakte sich von Grönland und Nordamerika im Westen bis in den Raum des heutigen Iran im Osten sowie bis zum Mittelmeer und nach Nordafrika im Süden erstreckten.

Eine solche Ausdehnung entstand jedoch nicht nach einem einheitlichen Plan.

Kein Herrscher saß in Skandinavien über einer Karte und beschloss, nun Schritt für Schritt Europa, Asien und den Nordatlantik zu erschließen.

Die Expansion entstand aus vielen einzelnen Entscheidungen: aus Handelsmöglichkeiten, politischen Konflikten, familiären Verbindungen, Beutezügen, Verbannungen, Landknappheit, Neugier, Ehrgeiz und manchmal vermutlich auch aus dem einfachen Wunsch, anderswo ein besseres Leben zu beginnen.

Gründe für das Aufbrechen aus den Herkunftsgebieten

Warum verließen Menschen ihre Höfe und begaben sich auf eine gefährliche Reise?

Eine einzige Antwort gibt es darauf nicht.

Ältere Erklärungen führten die Wikingerfahrten häufig fast ausschließlich auf Bevölkerungswachstum und Landknappheit zurück. Danach hätten zu viele Menschen in Skandinavien auf zu wenig nutzbarem Boden gelebt und seien deshalb gezwungen gewesen, anderswo Land zu suchen.

Dieses Modell erklärt einen Teil der Entwicklung, reicht allein aber nicht aus.

In einigen Regionen waren gute Ackerflächen tatsächlich knapp. Besonders in den gebirgigen Landschaften Norwegens lagen landwirtschaftlich nutzbare Gebiete häufig weit voneinander entfernt. Wenn ein Hof unter mehreren Erben geteilt wurde, konnten die einzelnen Anteile irgendwann zu klein werden, um eine Familie ausreichend zu versorgen.

Daraus folgt jedoch nicht, dass jeder jüngere Sohn automatisch in ein Schiff stieg und ein anderes Land suchte.

Menschen konnten in einen anderen Haushalt einheiraten, als Gefolgsleute eines wohlhabenden Mannes arbeiten, in ein benachbartes Gebiet ziehen oder sich an Handel und Handwerk beteiligen. Landknappheit war ein möglicher Antrieb, aber kein überall gleicher Zwang.

Auch Bevölkerungswachstum lässt sich nicht für alle Regionen und Zeiten gleichermaßen nachweisen. Die Wikingerfahrten begannen nicht, weil ganz Skandinavien plötzlich überfüllt war. Vielmehr trafen unterschiedliche Entwicklungen zusammen.

Eine entscheidende Voraussetzung war der verbesserte Schiffbau.

Hochseetaugliche Segelschiffe machten Reisen möglich, die zuvor erheblich schwieriger gewesen waren. Küsten und Flüsse wurden zu Verkehrswegen, über die Menschen, Tiere und Waren vergleichsweise schnell transportiert werden konnten. Das Wikingerschiffsmuseum bezeichnet die Fähigkeit, leistungsfähige Segelschiffe zu bauen und auf offener See zu führen, als eine wesentliche Grundlage für die zunehmende Seefahrt, den Handel, die Piraterie und die Entdeckungsreisen seit dem 8. Jahrhundert.

Doch auch das beste Schiff fährt nicht von selbst los.

Es brauchte einen Anlass.

Ein besonders starker Antrieb war die Aussicht auf Reichtum.

In Skandinavien bestand eine große Nachfrage nach Silber, Schmuck, Glas, kostbaren Stoffen, Waffen, Wein und anderen Waren. Manche dieser Güter konnten nur durch Fernhandel, Tributzahlungen, Geschenke oder Beute erworben werden.

Silber war von besonderer Bedeutung. Es wurde nicht nur als Schmuck verarbeitet, sondern zunehmend als Zahlungsmittel genutzt. Münzen konnten nach Gewicht bewertet und bei Bedarf zerteilt werden. Kleine Waagen und Gewichte ermöglichten es, den Silberwert unabhängig davon zu bestimmen, welcher Herrscher eine Münze geprägt hatte. Mit der Zeit gewann neben dem abgewogenen Silber auch die Verwendung von Münzen als gezählte Zahlungsmittel an Bedeutung.

Wer an einer erfolgreichen Fahrt teilnahm, konnte mit einem Anteil an Beute, Handelsgewinn oder Sold zurückkehren.

Dieser Gewinn veränderte seine Stellung zu Hause.

Silber erlaubte den Erwerb von Land, Tieren, Waffen und Gefolgschaft. Ein kostbares Schwert oder ein reich verziertes Kleidungsstück zeigte, dass sein Besitzer Verbindungen und wirtschaftliche Möglichkeiten besaß.

Die Fahrt war deshalb nicht nur eine Möglichkeit, Nahrung zu beschaffen.

Sie konnte ein Weg zu gesellschaftlichem Aufstieg sein.

Für junge freie Männer, die zu Hause nur geringe Aussicht auf Land oder Einfluss hatten, war eine Expedition möglicherweise besonders attraktiv. Sie konnten sich einem erfahrenen Schiffsführer oder mächtigen Herrscher anschließen und hoffen, durch Mut, Können und Glück Ansehen zu gewinnen.

Manche kehrten reich zurück.

Manche kehrten mit wenig zurück.

Und manche kehrten überhaupt nicht zurück.

Auch politische Konkurrenz trieb Menschen auf das Meer.

In Skandinavien kämpften regionale Herrscher und einflussreiche Familien um Land, Abgaben und Gefolgschaft. Ein Anführer musste seine Anhänger belohnen können. Dafür brauchte er Silber, Waffen, Lebensmittel und andere wertvolle Güter.

Ein erfolgreicher Feldzug im Ausland stärkte daher nicht nur den persönlichen Reichtum der Teilnehmer. Er konnte einem Herrscher ermöglichen, seine Macht in der Heimat auszubauen.

Geschenke waren ein wichtiger Bestandteil politischer Beziehungen. Ein Herrscher, der kostbare Waffen, Ringe oder Silber verteilte, zeigte Großzügigkeit und band Menschen an sich. Ohne einen regelmäßigen Zufluss wertvoller Güter war es schwieriger, eine größere Gefolgschaft zusammenzuhalten.

Beutezüge und Tribute konnten diesen Zufluss sichern.

Gerade größere militärische Unternehmungen des 9., 10. und frühen 11. Jahrhunderts standen häufig in enger Verbindung mit der Entstehung stärkerer Königsherrschaften. Aus kleinen Gruppen, die überraschend an einer Küste angriffen, entwickelten sich zeitweise große Flotten, die ganze Königreiche bedrohten oder eroberten. Das dänische Nationalmuseum beschreibt, wie aus frühen schnellen Überfällen mit wenigen Schiffen im Verlauf des 9. Jahrhunderts wesentlich größere und organisierte Invasionsverbände wurden.

Nicht alle Menschen verließen Skandinavien freiwillig.

Politische Niederlagen konnten Verbannung oder Flucht bedeuten. Ein Mann, der mit einem mächtigen Gegner in Konflikt geraten war, musste möglicherweise seine Heimat verlassen. Sagas berichten mehrfach von Menschen, die nach Streitigkeiten, Tötungen oder politischen Auseinandersetzungen nach Island oder in andere Gebiete gingen.

Solche Erzählungen wurden später niedergeschrieben und dürfen nicht für jede Einzelheit als unmittelbare Tatsachenberichte gelesen werden. Sie spiegeln aber eine Gesellschaft wider, in der persönliche Konflikte, Familienfehden und Machtkämpfe Wanderungen auslösen konnten.

Auch familiäre Netzwerke erleichterten die Ausreise.

Wenn bereits Verwandte oder Bekannte in Island, Dublin, York oder einem osteuropäischen Handelszentrum lebten, wurde eine Reise weniger ungewiss. Neuankömmlinge konnten Informationen, Unterkunft und Unterstützung erhalten.

Eine erste Gruppe machte damit den Weg für weitere Menschen frei.

So entstanden Wanderungsbewegungen, die sich über Jahre und Generationen verstärkten. Nicht jeder Auswanderer musste die gesamte Strecke selbst erkunden. Er konnte einer bereits bekannten Route folgen.

Handel war ein weiterer wichtiger Grund.

Ein Hof erzeugte möglicherweise mehr Wolle, Eisen, Felle, Speckstein, Bernstein oder andere Waren, als er selbst benötigte. Diese Überschüsse konnten in nahe gelegenen Märkten oder über größere Entfernungen verkauft und getauscht werden.

Anfangs mussten nicht alle Händler selbst bis in die entferntesten Regionen fahren. Waren konnten von Händler zu Händler weitergegeben werden. Eine arabische Münze in Schweden beweist daher nicht automatisch, dass ihr letzter Besitzer persönlich bis in das Kalifat gereist war.

Trotzdem unternahmen nordische Händler sehr weite Fahrten. Tausende islamische Silbermünzen in skandinavischen Funden belegen die enorme Bedeutung der östlichen Handelsverbindungen. Das dänische Nationalmuseum verweist auf Münzen aus dem Kalifat, die unter anderem in den Regionen der heutigen Städte Samarkand und Taschkent geprägt worden waren.

Auch die Nachfrage aus anderen Regionen zog Händler an.

Der Norden lieferte Pelze, Walrosselfenbein, Bernstein, Eisen und versklavte Menschen. Im Gegenzug gelangten Silber, Glas, Wein, Gewürze, Seide, Schmuck und andere Güter nach Skandinavien.

Manche Fahrten waren von Neugier und der Suche nach neuen Möglichkeiten geprägt.

Ein Seefahrer hörte von einem Land im Westen, von reichen Märkten im Osten oder von einem Herrscher, der gut bezahlte Krieger suchte. Solche Nachrichten konnten über Handelsplätze, Familien und zurückkehrende Besatzungen verbreitet werden.

Nicht jede Geschichte war exakt.

Doch selbst eine übertriebene Erzählung konnte einen Menschen dazu bewegen, selbst nachzusehen.

Die Gründe für das Aufbrechen reichten daher vom nackten wirtschaftlichen Zwang bis zum politischen Ehrgeiz.

Manche suchten Land.

Manche suchten Silber.

Manche suchten Ruhm.

Und einige wollten vermutlich vor allem fort, weil ihnen das Leben zu Hause keine Zukunft versprach.

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Handels-, Raub-, Eroberungs- und Entdeckungsfahrten

In modernen Darstellungen werden die Fahrten häufig in klare Kategorien eingeteilt:

Handelsfahrt.

Raubzug.

Eroberungsfahrt.

Entdeckungsfahrt.

Diese Einteilung ist hilfreich, solange man nicht vergisst, dass die historischen Besatzungen ihre Unternehmungen vermutlich weniger ordentlich sortierten.

Ein Schiff konnte mit Handelswaren auslaufen und unterwegs eine günstige Gelegenheit zur Plünderung nutzen.

Eine bewaffnete Gruppe konnte nach einem Feldzug auf einem Markt Handel treiben.

Ein militärisch erzwungener Stützpunkt konnte sich später zu einem Handelsplatz entwickeln.

Die Rollen Händler, Krieger und Siedler waren daher nicht zwingend auf verschiedene Menschen verteilt. Dieselbe Person konnte zu unterschiedlichen Zeiten alle drei Rollen übernehmen.

Eine Handelsfahrt verfolgte zunächst den Austausch von Waren.

Händler brachten Überschüsse aus ihrer Heimat an Orte, an denen sie höhere Preise erzielten oder begehrte Güter erwerben konnten. Auf Märkten wurden lebensnotwendige Dinge wie Werkzeuge, Tiere, Salz oder Kleidung ebenso gehandelt wie Schmuck, Glas, Seide und andere Luxuswaren. Zunächst spielte direkter Tausch eine große Rolle; Silber gewann im Verlauf der Wikingerzeit zunehmend Bedeutung als universell bewertbares Zahlungsmittel.

Handel benötigte Vertrauen, aber nicht zwingend Friedfertigkeit.

Ein Händler musste damit rechnen, beraubt zu werden. Er konnte deshalb Waffen tragen und mit einer bewaffneten Besatzung reisen. Ein bedeutender Markt brauchte Schutz, Regeln und eine politische Macht, die zumindest zeitweise für Ordnung sorgte.

Wer einen Handelsplatz kontrollierte, konnte Abgaben erheben und vom Warenverkehr profitieren. Herrscher hatten daher ein Interesse daran, Märkte zu schützen – und zugleich ihren eigenen Anteil zu verlangen.

Der Handel veränderte die skandinavischen Gesellschaften.

Ausländische Waren gelangten nicht nur zu Königen und besonders reichen Familien. Funde aus Dörfern in der Umgebung größerer Handelsplätze zeigen, dass importierte Gegenstände auch in die ländliche Bevölkerung weitergegeben wurden. Hedeby war während der Wikingerzeit eines der wichtigsten Handelszentren im dänischen Machtbereich und verband Nordsee, Ostsee und das europäische Festland.

Raubzüge folgten einer anderen Logik.

Die Besatzung wollte Güter nicht durch einen vereinbarten Austausch erwerben, sondern sie gewaltsam nehmen.

Ein früher Raubzug konnte mit wenigen Schiffen durchgeführt werden. Das Ziel musste reich, erreichbar und möglichst unzureichend geschützt sein.

Klöster erfüllten diese Bedingungen häufig.

Sie besaßen liturgische Gefäße, Schmuck, Bücher, Lebensmittel und Vieh. Gleichzeitig waren sie vielerorts nicht wie militärische Festungen gesichert. Der Angriff auf Lindisfarne im Jahr 793 wurde deshalb zu einem besonders bekannten Symbol für den Beginn der Wikingerzeit im Westen. Er war jedoch weder der erste Kontakt zwischen Skandinavien und Westeuropa noch der Beginn der nordischen Seefahrt.

Ein Überfall musste schnell erfolgen.

Die Besatzung landete, nahm bewegliche Güter, fing möglicherweise Menschen und verschwand, bevor eine größere bewaffnete Gegenwehr organisiert werden konnte.

Das Schiff war dafür ideal.

Es brachte die Angreifer überraschend an die Küste und diente zugleich als Fluchtweg. Der geringe Tiefgang erlaubte Landungen außerhalb größerer Häfen.

Bei solchen Überfällen wurden nicht nur Silber und Gegenstände geraubt.

Menschen gehörten zu den wertvollsten und zugleich grausamsten Formen der Beute.

Gefangene konnten als unfreie Arbeitskräfte im eigenen Haushalt eingesetzt oder auf Sklavenmärkten verkauft werden. Das Schwedische Historische Museum weist darauf hin, dass Menschen sowohl auf westlichen als auch auf östlichen Fahrten gefangen und in Skandinavien, Europa und Byzanz gehandelt wurden.

Die Sklaverei war kein nebensächlicher Begleitumstand der Wikingerexpansion.

Sie war ein bedeutender Bestandteil ihrer Wirtschaft. Das dänische Nationalmuseum nennt versklavte Menschen neben Pelzen als besonders wichtige Exportgüter und beschreibt Gefangene aus Osteuropa und von den Britischen Inseln als zentrale Handelsware.

Manche Überfälle blieben einzelne Ereignisse.

Andere wurden wiederholt.

Wenn eine Region regelmäßig angegriffen wurde, lernten die Besatzungen ihre Küsten, Flüsse, Wege und politischen Verhältnisse kennen. Sie wussten, wo Widerstand zu erwarten war und welche Gebiete besonders reich waren.

Dadurch konnten aus schnellen Raubzügen größere militärische Unternehmungen entstehen.

Eine Eroberungsfahrt hatte nicht nur das Ziel, bewegliche Beute mitzunehmen.

Sie sollte Land, Städte oder politische Macht gewinnen.

Dafür reichten wenige Schiffe und ein überraschender Angriff meistens nicht aus. Größere Heere mussten über längere Zeit versorgt werden. Sie benötigten Winterlager, Nachschub und politische Verbündete.

Im 9. Jahrhundert traten in England große skandinavische Heere auf, die nicht nach wenigen Tagen wieder verschwanden. Sie überwinterten, kämpften gegen verschiedene Königreiche und brachten große Gebiete unter ihre Kontrolle. Aus Plünderern wurden Besatzungstruppen, Herrscher und schließlich Siedler.

Solche Eroberungen verliefen nicht immer geradlinig.

Eine Armee konnte eine Schlacht gewinnen und im folgenden Jahr eine Region wieder verlieren. Ein lokaler Herrscher konnte Tribute zahlen, um einen Angriff abzuwenden, und später erneut Widerstand leisten.

Auch Tributzahlungen gehörten zur Expansion.

Englische Herrscher zahlten große Mengen Silber, damit skandinavische Flotten abzogen oder ihre Angriffe einstellten. Diese Zahlungen werden als Danegeld bezeichnet. Sie konnten kurzfristig Frieden schaffen, zeigten aber zugleich, wie profitabel die Drohung mit Gewalt geworden war. Das dänische Nationalmuseum verweist auf solche Zahlungen bereits im 9. Jahrhundert und auf die spätere Herrschaft dänischer Könige über England und zeitweise Norwegen.

Ein besonders erfolgreicher Herrscher konnte mehrere Reiche unter seiner Kontrolle vereinen.

Knut der Große regierte im frühen 11. Jahrhundert England und Dänemark sowie zeitweise Norwegen und Teile des schwedischen Raumes. Dieses Herrschaftsgebiet war beeindruckend, aber nicht mit einem modernen zentral verwalteten Staat vergleichbar. Es beruhte auf persönlicher Königsmacht, Gefolgschaft, militärischer Stärke und regionalen Eliten.

Entdeckungsfahrten unterschieden sich wiederum von Handel und Eroberung.

Ihr Ziel war ein Gebiet, dessen Lage, Ressourcen und Gefahren noch nicht vollständig bekannt waren.

Auch solche Fahrten begannen selten vollkommen ohne Vorwissen.

Ein Land konnte zufällig gesehen worden sein, weil ein Schiff vom Kurs abkam. Fischer und Händler konnten von Inseln oder Küsten berichten. Treibholz, Vögel und Meeresströmungen konnten Hinweise geben.

Eine spätere Besatzung fuhr dann möglicherweise gezielt los, um diese Hinweise zu überprüfen.

Entdeckung bedeutete dabei nicht, dass ein Land zuvor von keinem Menschen gekannt oder bewohnt gewesen war.

Wenn nordische Seefahrer eine Insel oder eine Küste „entdeckten“, bedeutete dies zunächst, dass sie dieses Gebiet für ihre eigene Welt fanden und in ihre Reisewege einordneten.

Besonders bei Nordamerika ist diese Unterscheidung unverzichtbar.

Dort lebten seit Jahrtausenden indigene Bevölkerungen. Die nordischen Fahrten waren aus europäischer und skandinavischer Sicht Entdeckungsreisen, nicht die erstmalige Entdeckung eines menschenleeren Kontinents.

Auch eine Entdeckungsfahrt konnte wirtschaftliche Ziele besitzen.

Die Besatzung suchte nach Holz, Jagdgebieten, Weideland, Fischgründen oder anderen Ressourcen. Sie prüfte, ob sich ein Stützpunkt oder eine dauerhafte Siedlung lohnen könnte.

Damit konnte aus Entdeckung Besiedlung werden.

Oder die Gruppe stellte fest, dass Entfernung, Klima, Widerstand oder Versorgung eine dauerhafte Niederlassung zu schwierig machten.

Nicht jede erkundete Küste wurde zur neuen Heimat.

Genau diese Entwicklung wird später beim Weg nach Vinland genauer betrachtet.

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Fahrtrouten nach Westen, Osten und Süden

Die häufige Einteilung in westliche, östliche und südliche Fahrtrouten bietet einen guten Überblick.

Sie darf jedoch nicht so verstanden werden, als hätten Norweger, Dänen und Schweden ihre Fahrtrichtungen untereinander aufgeteilt.

Die geografische Lage beeinflusste, welche Routen besonders leicht erreichbar waren. Menschen aus westnorwegischen Regionen orientierten sich häufig über die Nordsee und in den Nordatlantik. Dänische Gruppen waren besonders stark in England und im Frankenreich aktiv. Menschen aus den östlichen Teilen Skandinaviens nutzten häufiger die Ostsee und die großen Flüsse Osteuropas.

Doch Besatzungen konnten gemischt sein, Herrscher wechselten ihre Ziele, und Waren bewegten sich weit über regionale Grenzen hinweg.

Die westlichen Fahrtrouten führten zunächst über die Nordsee.

Von Dänemark und Norwegen konnten Schiffe die Küsten Englands, Schottlands, Irlands und des Frankenreiches erreichen. Die Nordsee war keine unüberwindliche Trennlinie, sondern ein großer Verkehrsraum.

Zu den früh bekannten Zielen gehörten Klöster und Küstensiedlungen. Später drangen Flotten über Flüsse tiefer ins Land ein.

Die Themse führte nach London.

Die Seine führte nach Paris und in das Gebiet der späteren Normandie.

Über Loire, Garonne und weitere Flüsse konnten nordische Gruppen weit in das Frankenreich vordringen.

Flüsse waren besonders attraktive Verkehrswege.

Ein Schiff transportierte Menschen und Ausrüstung schneller als ein Marsch über schlechte Straßen. Gleichzeitig konnten Flusssiedlungen, Klöster und Städte erreicht werden, die weit von der offenen Küste entfernt lagen.

Nicht jeder Fluss war für jedes Schiff über seine gesamte Länge befahrbar. Untiefen, Brücken, Befestigungen und jahreszeitlich wechselnde Wasserstände setzten Grenzen.

Trotzdem machten die leichten Schiffe aus dem Küstenangriff eine Gefahr für das Binnenland.

Im Nordatlantik führte die westliche Route über Inselgruppen.

Von Norwegen gelangten Menschen zu den Shetland- und Orkneyinseln, auf die Hebriden, zu den Färöern und nach Island. Von Island aus wurde später Grönland erreicht.

Diese Route bestand nicht aus einer einzigen gewaltigen Fahrt von Norwegen bis Grönland.

Sie entwickelte sich schrittweise. Bekannte Inseln wurden zu neuen Ausgangspunkten. Siedlungen boten Häfen, Vorräte und Informationen für die nächste Etappe.

Dadurch verschob sich der westliche Rand der nordischen Welt immer weiter.

Von Grönland aus lagen schließlich die Küsten Nordamerikas innerhalb der Reichweite nordischer Schiffe. Die genaue Entwicklung dieser Fahrten gehört zum folgenden Vinland-Abschnitt und wird hier nicht vorweggenommen.

Andere westliche Routen führten entlang der Atlantikküste nach Süden.

Nordische Flotten erreichten die Iberische Halbinsel. Sie griffen Küstenregionen im Gebiet des heutigen Spaniens und Portugals an und fuhren durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer.

In der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts unternahmen mehrere Flotten solche Fahrten. Sie trafen dort auf christliche und islamische Herrschaftsgebiete, die militärisch und politisch anders organisiert waren als viele der frühen Ziele an den nordwestlichen Küsten Europas. Das Schwedische Historische Museum beschreibt Fahrten entlang der Iberischen Halbinsel, ins Mittelmeer und bis nach Nordafrika.

Manche Unternehmungen brachten Beute.

Andere endeten mit Niederlagen.

Die nordischen Schiffe waren beweglich, doch sie machten ihre Besatzungen nicht unbesiegbar. Befestigte Städte, organisierte Flotten und erfahrene Armeen konnten ihnen erheblichen Widerstand leisten.

Die östlichen Fahrtrouten begannen in der Ostsee.

Von den Küsten Schwedens und Gotlands fuhren Händler und Krieger zu den baltischen Küsten, nach Finnland und in den Raum des heutigen nordwestlichen Russlands.

Dort nutzten sie Seen und Flüsse.

Über die Newa und den Ladogasee gelangten sie zum Wolchow und weiter in das Gebiet von Staraja Ladoga und Nowgorod. Von dort führten verschiedene Routen über Flüsse und Landverbindungen nach Süden.

Die Flusssysteme waren jedoch nicht durchgehend bequem miteinander verbunden.

Zwischen einzelnen Wasserwegen mussten Schiffe oder Ladungen über Land transportiert werden. Solche Portagen verlangten viel Arbeit. Ein leichtes Schiff konnte über Rollen oder andere Hilfskonstruktionen bewegt werden. Bei einem schweren Frachtschiff mussten möglicherweise Waren umgeladen und andere Fahrzeuge verwendet werden.

Eine wichtige Route führte über den Dnepr zum Schwarzen Meer und weiter nach Konstantinopel.

Eine andere verlief über die Wolga zum Kaspischen Meer und in die Handelsgebiete des islamischen Kalifats.

Diese Wege verbanden den Norden mit einigen der reichsten Wirtschaftsräume der damaligen Welt.

In Konstantinopel trafen nordische Reisende auf die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches – eine Stadt, deren Größe, Steinbauten, Kirchen und Märkte alles übertraf, was sie aus Skandinavien kannten.

Nordische Krieger traten dort als Söldner und später als Mitglieder der Warägergarde in den Dienst des Kaisers. Runeninschriften und andere Spuren belegen die Anwesenheit skandinavischer Reisender in der byzantinischen Welt. Das dänische Nationalmuseum verweist unter anderem auf nordische Runeninschriften in Athen und auf die Beschäftigung nordischer Männer als Leibwächter des byzantinischen Kaisers.

Im islamischen Raum waren Silbermünzen und hochwertige Waren besonders begehrt.

Die große Menge arabischer Dirhams in skandinavischen Schatzfunden zeigt die Stärke dieser Verbindung. Die Münzen gelangten durch Handel, Sold, Geschenke und möglicherweise auch Raub nach Norden.

Was wurde nach Osten gebracht?

Pelze waren besonders wertvoll. Aus den nördlichen Wäldern kamen Fuchs-, Marder-, Zobel- und andere Felle.

Auch Wachs, Honig, Bernstein, Eisen und Schwerter konnten gehandelt werden.

Und erneut gehörten versklavte Menschen zu den Waren.

Gefangene aus slawischen, baltischen, finnischen oder anderen Bevölkerungsgruppen wurden über die östlichen Handelswege verkauft. Die Verbindungen waren daher nicht nur ein friedlicher Austausch schöner Gegenstände. Sie beruhten auch auf Gewalt und menschlichem Leid.

Auf den östlichen Wegen entstanden gemischte Gemeinschaften.

Skandinavische Händler und Krieger lebten neben slawischen, baltischen, finno-ugrischen und anderen Bevölkerungsgruppen. Sie heirateten, passten sich an und wurden Teil der politischen Entwicklung der Rus.

Der Begriff „Waräger“ wurde in östlichen Quellen für nordische beziehungsweise skandinavisch geprägte Gruppen verwendet. Ihre genaue Rolle bei der Entstehung der Rus wurde lange und politisch kontrovers diskutiert.

Heute gilt eine skandinavische Beteiligung als archäologisch gut belegt. Ebenso klar ist, dass die entstehenden Herrschaftsgebiete keine einfachen skandinavischen Kolonien waren. Sie entwickelten sich in einem vielsprachigen Raum und wurden von verschiedenen Bevölkerungen geprägt. Das Schwedische Historische Museum verweist auf skandinavische Bestattungen im Gebiet der heutigen Ukraine sowie auf Handel, Raub und Krieg als Motive der östlichen Fahrten.

Die südlichen Fahrten waren teilweise Fortsetzungen der westlichen oder östlichen Routen.

Von der Atlantikküste gelangten Schiffe durch Gibraltar ins westliche Mittelmeer.

Über die osteuropäischen Flüsse gelangten Reisende zum Schwarzen Meer und nach Byzanz.

Andere Menschen aus Skandinavien reisten später über Land- und Seewege weiter nach Süden und traten in fremde Dienste.

„Nach Süden“ bezeichnet deshalb keine einzige festgelegte Strecke.

Es bezeichnet mehrere Verbindungen in die mediterrane und islamische Welt.

Die Entfernungen waren gewaltig.

Ein Mensch aus Schweden konnte über die Ostsee und osteuropäische Flüsse nach Konstantinopel gelangen.

Ein anderer konnte von Dänemark entlang der Atlantikküste und durch Gibraltar ins Mittelmeer fahren.

Beide erreichten den Süden, aber auf völlig unterschiedlichen Wegen.

Die Fahrtrouten bildeten daher kein geordnetes Straßennetz mit festen Linien.

Sie waren ein Geflecht aus Küsten, Flüssen, Inseln, Landpassagen und bekannten Zwischenstationen.

Ein Weg blieb nur so lange brauchbar, wie politische Verhältnisse, Wasserstände, Handelspartner und Sicherheit ihn zuließen.

Änderte sich einer dieser Faktoren, musste auch die Route verändert werden.

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Handelsplätze und zeitweilige Stützpunkte

Eine lange Reise benötigte Orte, an denen Schiffe anlegen, Vorräte ergänzen und Waren austauschen konnten.

Manche dieser Orte waren große Handelszentren.

Andere bestanden nur für eine Saison oder einige Winter.

Wieder andere begannen als militärische Lager und entwickelten sich später zu Städten.

Die frühen Handelsplätze Skandinaviens lagen häufig an natürlichen Häfen, Fjorden oder geschützten Wasserwegen. Dort konnten Waren aus dem Umland gesammelt, verarbeitet und weitertransportiert werden. Händler und Handwerker ließen sich zeitweilig oder dauerhaft nieder.

Ribe im heutigen Dänemark entstand bereits vor dem eigentlichen Beginn der Wikingerzeit als Markt- und Handwerksplatz.

Hedeby lag besonders günstig am schmalen Übergang zwischen Nordsee- und Ostseeraum. Waren konnten über Land zwischen Schlei und den westlich gelegenen Flüssen beziehungsweise Küsten transportiert werden. Dadurch ließ sich die lange und gefährliche Umfahrt um Jütland vermeiden.

Hedeby besaß Straßen, Häuser, Werkstätten, einen Hafen und Befestigungen. Händler aus verschiedenen Regionen trafen dort aufeinander. UNESCO bezeichnet die Verbindung von Hedeby und dem Danevirke als eine besonders bedeutende archäologische Quelle für die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklungen der Wikingerzeit.

Birka lag auf einer Insel im Mälarsee im heutigen Schweden.

Der Ort verband das schwedische Binnenland mit der Ostsee und den östlichen Handelswegen. Gräber, Werkstätten, Gewichte, Münzen und importierte Waren zeigen die weitreichenden Verbindungen der Bewohner. UNESCO beschreibt Birka als Teil eines komplexen europäischen Handelsnetzes der Wikingerzeit.

Kaupang im heutigen Norwegen lag ebenfalls günstig an einem geschützten Wasserweg. Dort wurden Handwerk und Handel betrieben, und Waren aus Norwegen trafen auf Importe aus anderen Teilen Europas.

Solche Plätze waren keine Großstädte nach modernem Maßstab.

Im Vergleich zu verstreuten ländlichen Höfen wirkten sie jedoch ungewöhnlich dicht, vielfältig und international.

Ein Besucher konnte dort Sprachen hören, die er nicht verstand.

Er sah fremde Kleidung, Münzen, Glasgefäße und Waffen.

Er traf Menschen aus Gebieten, die er nur aus Erzählungen kannte.

Handelsplätze waren deshalb nicht nur Orte, an denen Gegenstände den Besitzer wechselten.

Sie waren Umschlagplätze für Nachrichten, Gerüchte, politische Informationen und neue Ideen.

Auch das Christentum verbreitete sich über solche Verbindungen. Kaufleute, Missionare und Reisende brachten religiöse Vorstellungen in den Norden. In Hedeby und Ribe bestanden frühe christliche Gemeinden und Kirchen neben älteren nordischen Glaubensformen.

Außerhalb Skandinaviens entstanden vergleichbare Zentren.

York, das nordische Jórvík, entwickelte sich zu einem bedeutenden Handels- und Handwerksplatz in England. Ausgrabungen in der Coppergate-Siedlung brachten Waren und Rohstoffe aus Skandinavien, Irland, dem Ostseeraum, Byzanz, dem Nahen Osten und weiteren Regionen zutage.

Dublin wurde zu einem der wichtigsten Handelszentren der westlichen nordischen Welt.

Der Ort begann jedoch nicht als friedliche Handelsstadt.

Im Jahr 841 errichteten nordische Gruppen dort ein Longphort – einen befestigten Schiffs- und Winterstützpunkt. Von dort konnten sie Überfälle durchführen, ihre Schiffe sichern und den Winter überstehen. Später entwickelte sich daraus eine dauerhafte Siedlung und schließlich eine bedeutende Stadt.

Dieser Übergang zeigt besonders anschaulich, wie unterschiedlich ein Ort im Laufe seiner Geschichte genutzt werden konnte.

Zuerst war er ein militärischer Stützpunkt.

Dann wurde er ein dauerhafter Wohn- und Handelsplatz.

Schließlich war er Teil der irischen politischen Landschaft.

Ein zeitweiliges Lager musste nicht zwangsläufig wachsen.

Viele Stützpunkte verschwanden wieder, sobald eine Besatzung weiterzog oder militärisch vertrieben wurde.

Ein Winterlager war zunächst eine praktische Antwort auf die Jahreszeit.

Eine Flotte konnte nicht beliebig lange auf offener See bleiben. Wenn das Wetter schlechter wurde, brauchte sie einen geschützten Platz. Dort wurden Schiffe repariert, Vorräte gesammelt und weitere Unternehmungen geplant.

Ein guter Winterstützpunkt lag möglichst an einem Fluss oder geschützten Hafen.

Die Schiffe mussten erreichbar und verteidigbar bleiben.

Das Umland musste Nahrung, Wasser, Brennholz und möglicherweise Futter liefern.

Von dort aus konnten im folgenden Frühjahr neue Fahrten beginnen.

Für die örtliche Bevölkerung bedeutete ein solches Lager eine erhebliche Belastung.

Hunderte oder sogar Tausende fremde Krieger mussten versorgt werden. Nahrung konnte gekauft, durch Abgaben erzwungen oder geraubt werden.

Die Anwesenheit einer großen bewaffneten Gruppe veränderte die politische Lage der gesamten Region.

Auch kleinere Handelsstützpunkte konnten nur zeitweise genutzt werden.

Händler trafen sich zu bestimmten Jahreszeiten an einem Strand, Flussübergang oder Hafen. Sie errichteten Zelte, leichte Hütten oder einfache Lager und reisten nach Abschluss des Marktes wieder ab.

Archäologisch sind solche Orte schwerer zu erkennen als eine dauerhaft bewohnte Stadt.

Leichte Gebäude verschwanden.

Gegenstände wurden wieder mitgenommen.

Zurück blieben vielleicht Feuerstellen, einzelne Münzen, Gewichte, Abfälle und Spuren kurzer handwerklicher Tätigkeiten.

Ein Stützpunkt konnte auch entlang einer langen Route als Verbindung zwischen zwei größeren Märkten dienen.

Besatzungen brauchten Orte, an denen sie Schiffe über Land ziehen, Ladung umladen oder auf andere Fahrzeuge verteilen konnten. An solchen Knotenpunkten entstanden Dienstleistungen, Werkstätten und schließlich möglicherweise Siedlungen.

Doch nicht jeder häufig besuchte Ort wurde nordisch besiedelt.

Eine Gruppe konnte jahrelang denselben Hafen anlaufen, ohne dort eine eigenständige Gemeinschaft zu bilden. Sie nutzte den Ort, blieb aber Gast, Handelspartner oder militärische Macht auf Zeit.

Der Unterschied lag nicht allein in der Dauer eines einzelnen Aufenthalts.

Entscheidend war, ob Familien, Häuser und eine dauerhafte örtliche Wirtschaft entstanden.

Ein Winterlager für fünfhundert Krieger konnte größer sein als ein kleines Dorf.

Trotzdem war das Dorf die dauerhaftere Siedlung.

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Eroberte und politisch beeinflusste Gebiete

Eine militärische Eroberung bedeutete nicht automatisch, dass die gesamte Bevölkerung eines Gebietes durch skandinavische Siedler ersetzt wurde.

Meist übernahm eine neue Führungsschicht die Kontrolle über bereits bewohnte Landschaften.

Sie verlangte Abgaben, setzte eigene Herrscher ein oder schloss Vereinbarungen mit einheimischen Eliten. Die vorhandenen Bauern, Handwerker und Händler blieben jedoch vielfach an ihrem Ort.

Die politische Herrschaft konnte sich daher schneller verändern als die Bevölkerung.

England bietet dafür besonders deutliche Beispiele.

Im 9. Jahrhundert eroberten skandinavische Heere große Teile der englischen Königreiche. Nach Kämpfen und Verträgen entstand in Nord- und Ostengland ein Gebiet, das später als Danelaw bezeichnet wurde.

Der Name bezieht sich auf Regionen, in denen dänisch beziehungsweise nordisch geprägte Rechts- und Herrschaftsformen starken Einfluss gewannen.

Das Danelaw war kein vollkommen einheitlicher nordischer Staat.

Es umfasste unterschiedliche Königreiche, Städte und ländliche Gebiete. Manche standen direkt unter skandinavischen Herrschern, andere waren durch Verträge, Tribute oder lokale Machthaber verbunden.

York wurde zu einem wichtigen politischen Zentrum. Der letzte nordische König von York wurde 954 getötet, doch die skandinavisch geprägte Bevölkerung des Umlandes verschwand dadurch nicht. Viele Menschen lebten weiter auf ihren Höfen und in den Städten, selbst als die politische Herrschaft erneut wechselte.

Gerade daran zeigt sich der Unterschied zwischen Herrschaft und Besiedlung.

Ein König konnte innerhalb eines Tages gestürzt werden.

Eine Bevölkerung, die seit mehreren Generationen in einer Region lebte, verschwand nicht ebenso schnell.

Im frühen 11. Jahrhundert brachte Knut der Große England unter seine Herrschaft. Sein Machtbereich verband zeitweise England, Dänemark und Norwegen.

Diese politische Verbindung wird manchmal als Nordseereich bezeichnet.

Sie beruhte jedoch stark auf Knuts persönlicher Autorität und seinen Beziehungen zu regionalen Machthabern. Nach seinem Tod zerfiel sie innerhalb weniger Jahre.

Ein politisches Großreich konnte daher kürzer bestehen als manche kleine Siedlung.

Auch die Normandie entstand aus einer Verbindung von militärischem Druck und politischer Vereinbarung.

Nordische Gruppen hatten über Jahrzehnte das Frankenreich angegriffen. Im Jahr 911 übertrug der westfränkische König dem Anführer Rollo ein Gebiet an der unteren Seine. Rollo sollte im Gegenzug den König anerkennen, sich taufen lassen und die Region gegen weitere Angriffe schützen.

Aus diesem Herrschaftsraum entwickelte sich die Normandie.

Die nordischen Einwanderer übernahmen im Laufe weniger Generationen die französische Sprache, das Christentum und viele gesellschaftliche Strukturen ihrer Umgebung. Aus den Nordmännern wurden Normannen.

Ihre Herkunft blieb Teil ihrer politischen Identität, doch ihre Kultur war bald nicht mehr einfach eine unveränderte Fortsetzung Skandinaviens.

Im Jahr 1066 eroberte Wilhelm der Eroberer England.

Er war ein Nachfahre Rollos, aber kein Wikingerfürst, der noch nach altnordischen Traditionen lebte. Er war ein französischsprachiger christlicher Herzog aus einer Gesellschaft, die sich seit der Ansiedlung ihrer nordischen Vorfahren stark verändert hatte. Das Wikingerschiffsmuseum ordnet Wilhelm als Urururenkel Rollos ein und zeigt damit die langfristige Entwicklung von der nordischen Landnahme zur normannischen Herrschaft.

In Irland entstanden nordisch beherrschte Städte, doch die politische Landschaft blieb von zahlreichen irischen Königreichen geprägt.

Dublin, Waterford, Limerick, Wexford und Cork wurden mit nordischen Siedlungs- und Handelsaktivitäten verbunden. Ihre Herrscher kämpften gegeneinander, verbündeten sich mit irischen Königen und wurden selbst Teil irischer Machtkämpfe.

Die einfache Vorstellung „Wikinger gegen Iren“ beschreibt diese Verhältnisse nur unzureichend.

Nordische Herrscher konnten irische Verbündete haben.

Irische Könige konnten nordische Truppen anwerben.

Eine Schlacht konnte auf beiden Seiten Menschen unterschiedlicher Herkunft umfassen.

Politische Interessen waren häufig wichtiger als eine klare kulturelle Trennung.

Auch im Osten entwickelten sich Herrschaftsgebiete mit skandinavischer Beteiligung.

Nordische Händler und Krieger waren an den frühen politischen Strukturen der Rus beteiligt. Sie kontrollierten oder nutzten wichtige Handelswege und traten als Herrscher und Gefolgsleute auf.

Doch auch dort lebte die große Mehrheit der Bevölkerung nicht skandinavisch.

Die entstehenden Reiche wurden von slawischen, finno-ugrischen, baltischen und weiteren Gruppen geprägt. Sprache und Kultur der skandinavischen Führungsschichten veränderten sich mit der Zeit.

Politischer Einfluss konnte zudem bestehen, ohne dass ein Gebiet vollständig erobert wurde.

Ein Herrscher konnte Tribute zahlen, um Angriffe zu vermeiden.

Ein anderer konnte nordische Söldner beschäftigen.

Ein Hafen konnte wirtschaftlich von skandinavischen Händlern abhängig werden.

Eine regionale Familie konnte durch Heirat mit einer nordischen Herrscherfamilie verbunden sein.

All dies veränderte Politik und Wirtschaft, ohne dass daraus zwingend eine großflächige Besiedlung entstand.

Auch Angst war eine Form des Einflusses.

Wenn Küstengemeinden Kirchen befestigten, Wachen aufstellten oder ihre wertvollsten Gegenstände versteckten, weil sie einen Angriff erwarteten, veränderten nordische Flotten das Leben bereits, bevor sie überhaupt erschienen.

Klöster wurden verlegt oder geschützt.

Herrscher bauten Flotten und Befestigungen aus.

Steuern wurden erhoben, um Verteidigung oder Tributzahlungen zu finanzieren.

Die Wikingerexpansion wirkte daher auch dort, wo keine dauerhafte nordische Herrschaft entstand.

Umgekehrt veränderten die bereisten und eroberten Regionen Skandinavien.

Zurückkehrende Menschen brachten nicht nur Silber und Waren mit.

Sie brachten neue religiöse Vorstellungen, politische Modelle, Handwerkstechniken und Erfahrungen mit Städten und Königreichen.

Skandinavische Herrscher lernten aus den Organisationsformen ihrer Gegner und Handelspartner.

Die Expansion verlief damit in beide Richtungen.

Nordische Menschen beeinflussten andere Regionen.

Und die Begegnung mit diesen Regionen veränderte die nordische Welt.

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Dauerhafte Siedlungen außerhalb Skandinaviens

Die einzelnen Siedlungsgebiete wurden bereits im zweiten Hauptpunkt ausführlich beschrieben.

Hier geht es deshalb nicht erneut darum, alle Orte aufzuzählen.

Entscheidend ist vielmehr die Frage:

Wann wurde aus einer Fahrt eine dauerhafte Besiedlung?

Eine Besatzung konnte an einer Küste landen und nach wenigen Tagen weiterfahren.

Sie konnte dort überwintern.

Sie konnte mehrere Jahre lang denselben Stützpunkt nutzen.

Noch immer musste daraus keine dauerhafte Siedlung entstehen.

Besiedlung begann dort, wo Menschen nicht nur für einen Feldzug oder eine Handelszeit blieben, sondern ihren Alltag dauerhaft an den neuen Ort verlegten.

Sie errichteten Häuser.

Sie legten Felder und Weiden an.

Sie brachten oder gründeten Familien.

Kinder wurden geboren, die das Herkunftsland ihrer Eltern möglicherweise nie sahen.

Tote wurden vor Ort bestattet.

Besitz, politische Rechte und familiäre Beziehungen wurden über Generationen weitergegeben.

Diese Kriterien unterscheiden eine Siedlung von einem Lager.

Besonders deutlich zeigt sich dies auf Island.

Die Menschen kamen mit der Absicht, Höfe zu gründen. Sie brachten Tiere, Werkzeuge und Haushaltsmitglieder mit und errichteten eine dauerhaft bestehende Gesellschaft.

Die Fahrt war dort kein jährlicher militärischer Einsatz.

Sie war eine Auswanderung.

Auch die nordischen Siedlungen auf Grönland waren dauerhaft angelegt. Familien lebten dort über mehrere Jahrhunderte. Sie bauten Höfe und Kirchen und passten ihre Wirtschaft an die arktischen Bedingungen an.

Auf den Britischen Inseln verlief der Übergang anders.

Zunächst kamen häufig Krieger und Händler. Nach militärischen Erfolgen folgten weitere Menschen. Land wurde verteilt, Höfe wurden übernommen oder neu gegründet, und nordische Siedler verbanden sich mit der ansässigen Bevölkerung.

Die neue Gesellschaft war deshalb nicht einfach ein Stück Skandinavien auf fremdem Boden.

Sie entstand aus beiden Seiten.

Ortsnamen, Sprache, Rechtsbegriffe und archäologische Funde zeigen nordische Einflüsse. Gleichzeitig übernahmen die Einwanderer das Christentum, örtliche Sprachen und viele Gewohnheiten ihrer neuen Umgebung.

Dublin verdeutlicht einen weiteren Weg.

Aus einem befestigten Winterlager entwickelte sich ein dauerhafter Handels- und Wohnort. Handwerker bauten Häuser, Straßen entstanden, und der Hafen verband Irland mit einem internationalen Handelsnetz. Das National Museum of Ireland beschreibt Dublin später als den wichtigsten Handelsort der westlichen Wikingerwelt.

Die dauerhaftesten Siedlungen waren daher nicht zwangsläufig diejenigen, die am friedlichsten begannen.

Ein militärischer Stützpunkt konnte wachsen.

Ein erobertes Gebiet konnte durch Familien und Landwirtschaft stabilisiert werden.

Eine Handelskolonie konnte sich mit der örtlichen Bevölkerung verbinden.

Umgekehrt konnte eine planmäßig angelegte Siedlung scheitern.

Entfernung, Klima, Konflikte, fehlender Nachschub oder wirtschaftliche Veränderungen konnten dazu führen, dass Menschen einen Ort wieder verließen.

Dauerhafte Besiedlung bedeutete also nicht zwingend, dass eine Siedlung bis in die Gegenwart bestehen musste.

Sie bedeutete, dass sie über eine vorübergehende Nutzung hinausging und eine Gemeinschaft entstand, die sich selbst fortsetzen sollte.

Auch die Anzahl der Siedler ist dabei wichtig.

Eine kleine Gruppe von Händlern in einer fremden Stadt konnte über Generationen dort leben, ohne die Region insgesamt nordisch zu prägen.

Umgekehrt konnten Tausende Menschen in einem eroberten Gebiet siedeln und Sprache, Ortsnamen und Rechtsformen langfristig verändern.

„Nordische Siedlung“ bezeichnet daher sehr unterschiedliche Größenordnungen:

einen einzelnen Hof,

ein Stadtviertel,

eine Handelskolonie,

eine Inselgesellschaft

oder eine weitläufige ländliche Region.

Nicht überall lässt sich genau bestimmen, wie viele Menschen tatsächlich aus Skandinavien kamen.

Archäologische Gegenstände allein reichen dafür nicht aus. Ein einheimischer Mensch konnte nordischen Schmuck tragen. Ein nordischer Einwanderer konnte nach wenigen Jahren örtliche Kleidung und Keramik verwenden.

Moderne Isotopen- und DNA-Untersuchungen können zusätzliche Hinweise auf Herkunft und Mobilität liefern. Auch sie müssen jedoch im Zusammenhang mit Bestattung, materieller Kultur und historischen Quellen bewertet werden.

Kultur lässt sich nicht einfach aus einem einzelnen Gegenstand oder einem einzelnen genetischen Merkmal ablesen.

Die dauerhafte Expansion der Wikingerzeit bestand deshalb nicht nur darin, dass skandinavische Menschen neue Gebiete besetzten.

Sie bestand ebenso darin, dass neue gemischte Gesellschaften entstanden.

Nach einigen Generationen war die Frage „Sind diese Menschen Wikinger oder Einheimische?“ möglicherweise nicht mehr sinnvoll zu beantworten.

Sie waren beides – und zugleich bereits etwas Neues.

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Abgrenzung zwischen Reise, Handel, Eroberung, Einfluss und Besiedlung

Bei der großen geografischen Ausdehnung der nordischen Welt entsteht leicht ein falsches Kartenbild.

Man färbt sämtliche Gebiete ein, die von Wikingern erreicht wurden, und erhält eine gewaltige Fläche von Nordamerika bis Asien.

Diese Karte sieht beeindruckend aus.

Historisch ist sie jedoch missverständlich.

Eine Küste zu erreichen bedeutete nicht, sie zu beherrschen.

Einen Markt zu besuchen bedeutete nicht, dort zu siedeln.

Eine Stadt zu plündern bedeutete nicht, das umliegende Land zu kontrollieren.

Und selbst eine militärische Eroberung bedeutete nicht zwangsläufig, dass dort viele skandinavische Menschen lebten.

Deshalb müssen mehrere Ebenen unterschieden werden.

Eine Reise liegt bereits dann vor, wenn Menschen ein Gebiet erreichten oder durchquerten.

Sie konnten dort nur wenige Stunden bleiben, Wasser aufnehmen oder an einer Küste Schutz suchen.

Eine einzelne Münze, Runeninschrift oder ein verlorener Gegenstand kann eine solche Anwesenheit belegen.

Daraus folgt noch keine regelmäßige Verbindung.

Handel setzt einen Austausch von Waren oder Dienstleistungen voraus.

Er konnte bei einem einzigen Treffen stattfinden oder über Generationen bestehen. Händler mussten nicht dauerhaft an einem Ort wohnen. Sie konnten regelmäßig zurückkehren oder ihre Waren über mehrere Zwischenhändler weitergeben.

Ein weit entferntes Objekt beweist daher eine Handelsverbindung, aber nicht unbedingt eine direkte Reise seines letzten Besitzers.

Raub und militärischer Angriff bedeuten eine gewaltsame Anwesenheit.

Die Angreifer versuchten, Beute, Gefangene oder politische Vorteile zu gewinnen.

Wenn sie anschließend abzogen, blieb das Gebiet trotz der Zerstörung kein nordisches Herrschaftsgebiet.

Eine Eroberung geht weiter.

Dabei übernimmt eine Gruppe die politische oder militärische Kontrolle über einen Ort oder eine Region. Sie kann Abgaben erheben, Herrscher einsetzen und Gesetze beeinflussen.

Wie lange diese Kontrolle besteht, ist eine andere Frage.

Ein Gebiet kann für wenige Monate oder über mehrere Generationen erobert sein.

Politischer Einfluss ist noch weiter gefasst.

Er kann ohne direkte Eroberung entstehen.

Tribute, Handelsabhängigkeit, Söldnerdienste, Heiratsverbindungen und militärische Drohungen können Entscheidungen eines Herrschers verändern.

Eine Region kann daher stark von nordischen Gruppen beeinflusst sein, ohne formell von ihnen regiert zu werden.

Ein zeitweiliger Stützpunkt ist ein Ort, den eine Besatzung für einen begrenzten Zweck nutzt.

Dort werden Schiffe repariert, Vorräte gesammelt, Waren gelagert oder weitere Angriffe vorbereitet.

Ein solcher Platz kann mehrfach genutzt werden und trotzdem verschwinden, sobald sich die Route oder politische Lage verändert.

Besiedlung beginnt dort, wo eine Gemeinschaft dauerhaft leben will.

Sie benötigt Wohnhäuser, Nahrungserzeugung oder eine regelmäßige Versorgung, familiäre Strukturen und eine Form örtlicher Ordnung.

Einzelne Händler oder Soldaten können in einer fremden Stadt wohnen, ohne dass die ganze Region zu einem nordischen Siedlungsgebiet wird.

Erst eine größere und länger bestehende Bevölkerung hinterlässt deutliche Spuren in Sprache, Ortsnamen, Landwirtschaft und Gesellschaft.

Diese Kategorien können nacheinander auftreten:

Zuerst kommt ein Schiff auf Entdeckungsfahrt.

Später folgen Händler.

Dann wird ein Winterlager angelegt.

Eine bewaffnete Gruppe übernimmt die Kontrolle.

Schließlich kommen Familien und gründen Höfe.

Doch die Entwicklung kann ebenso an jeder Stelle enden.

Eine Handelsverbindung bleibt Handel.

Ein Lager wird aufgegeben.

Eine Eroberung scheitert.

Eine Siedlung verschwindet nach wenigen Generationen.

Auch die umgekehrte Entwicklung ist möglich.

Eine dauerhafte Siedlung verliert ihre politische Verbindung zu Skandinavien, bleibt aber bestehen. Ihre Bewohner übernehmen eine neue Sprache und Kultur.

Dann endet der nordische Herrschaftseinfluss, obwohl die Nachfahren der Siedler weiterhin dort leben.

Der Begriff „Expansion“ muss deshalb vorsichtig verwendet werden.

Er beschreibt die zunehmende Reichweite nordischer Menschen und ihrer Verbindungen.

Er bedeutet nicht, dass ganz Europa und große Teile Asiens zu einem Wikingerreich wurden.

Die nordische Welt war kein geschlossenes Gebiet.

Sie war ein Netz.

Einige Knoten dieses Netzes waren große Handelsstädte.

Andere waren kleine Höfe auf abgelegenen Inseln.

Manche Verbindungen bestanden über Jahrhunderte.

Andere hielten nur einen Sommer.

Schiffe bewegten sich zwischen diesen Orten und transportierten Menschen, Silber, Waren, Nachrichten und Gewalt.

Gerade diese Mischung erklärt, warum die Wikingerzeit so unterschiedliche Spuren hinterlassen hat.

In einer Region erinnern Ortsnamen an bäuerliche Siedler.

In einer anderen liegen arabische Münzen in einem Schatzfund.

Anderswo berichten Chroniken von verbrannten Klöstern.

Und an einem weiteren Ort entstand aus einem Winterlager eine Stadt.

Wer diese Spuren gemeinsam betrachtet, erkennt keine einzige Form der Expansion.

Er erkennt viele verschiedene Wege, auf denen Menschen ihre vertraute Welt verließen und Beziehungen zu anderen Landschaften und Gesellschaften aufbauten.

Einige dieser Beziehungen waren friedlich.

Andere waren gewaltsam.

Die meisten enthielten wahrscheinlich beides.

Die Fahrten der Wikingerzeit begannen in Skandinavien, blieben aber nicht auf Skandinavien beschränkt.

Sie verbanden die Höfe des Nordens mit den Märkten Europas und Asiens. Sie brachten Silber und Seide nach Norden und Felle, Bernstein und Menschen in die Gegenrichtung. Sie führten zu Überfällen, Tributzahlungen, Eroberungen und neuen Königreichen.

Aus einzelnen Lagern entstanden Städte.

Aus Kriegern wurden Herrscher.

Aus Siedlern wurden nach wenigen Generationen Iren, Engländer, Normannen, Isländer oder Angehörige der Rus – ohne dass ihre nordische Herkunft vollständig bedeutungslos wurde.

Doch selbst auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung blieb der größte Teil der von nordischen Menschen bereisten Welt außerhalb ihrer dauerhaften Kontrolle.

Sie konnten sehr weit fahren.

Sie konnten Handel treiben, plündern und zeitweise herrschen.

Aber sie konnten nicht jeden erreichten Ort besitzen.

Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, wenn wir nun weiter nach Westen gehen.

Denn auch die Fahrt nach Vinland war zunächst eine Reise in ein bekannt gewordenes, aber noch nicht in die nordische Siedlungswelt eingebundenes Gebiet.

Dort musste sich erneut zeigen, ob aus Entdeckung Handel, ein Stützpunkt oder eine dauerhafte Besiedlung werden konnte.

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8. Der Weg nach Vinland

Die Fahrt nach Vinland war kein einzelner Sprung aus Skandinavien über einen unbekannten Ozean.

Zwischen den Herkunftsgebieten der nordischen Seefahrer und den Küsten Nordamerikas lagen mehrere Generationen der Ausbreitung. Zunächst waren die Färöer und Island besiedelt worden. Von Island aus erreichten nordische Seefahrer im späten 10. Jahrhundert Grönland. Erst die dort entstandenen Siedlungen machten weitere Erkundungen nach Westen praktisch möglich.

Die Menschen auf Grönland lebten bereits am äußersten Rand der europäischen Siedlungswelt. Von ihren Höfen aus blickten sie nicht auf einen vertrauten Kontinent, sondern auf Fjorde, Berge, Eis und den offenen Nordatlantik.

Doch westlich von ihnen lag weiteres Land.

Vielleicht wurde es zufällig gesehen, nachdem ein Schiff vom Kurs abgekommen war. Vielleicht hatten Fischer und Reisende bereits Hinweise auf Küsten jenseits des Meeres mitgebracht. Die späteren Sagas erzählen unterschiedliche Geschichten darüber, wer dieses Land zuerst sichtete und wer es anschließend erkundete.

Sicher ist heute:

Nordische Seefahrer verließen Grönland, überquerten die Gewässer zwischen Grönland und Nordamerika und erreichten im frühen 11. Jahrhundert die nordamerikanische Küste.

Die archäologische Fundstätte L’Anse aux Meadows auf Neufundland beweist diese Anwesenheit. Im Jahr 1021 wurde dort Holz mit Metallwerkzeugen bearbeitet. Damit existiert erstmals ein auf ein einzelnes Kalenderjahr bestimmbarer Nachweis europäischer Tätigkeit in Amerika vor den Reisen des Kolumbus.

Die Fahrten nach Westen waren deshalb weder reine Legende noch ein einzelner glücklicher Zufall.

Sie waren das Ergebnis einer nordatlantischen Entwicklung, die lange vor der ersten Landung in Nordamerika begonnen hatte.

Grönland als Ausgangspunkt der Westfahrten

Die nordischen Siedlungen auf Grönland entstanden im späten 10. Jahrhundert.

Ihre Bewohner kamen überwiegend aus Island. Sie gründeten Höfe an geschützten Fjorden im Südwesten der Insel, wo Viehhaltung und in begrenztem Umfang Landwirtschaft möglich waren.

Die Bezeichnungen Ostsiedlung und Westsiedlung können dabei verwirren. Beide lagen an der Westseite Grönlands. Die sogenannte Ostsiedlung befand sich lediglich weiter südlich und östlich als die kleinere Westsiedlung.

Diese grönländischen Gemeinschaften bestanden nicht aus wenigen Abenteurern in einem vorübergehenden Lager. Familien errichteten Höfe, hielten Tiere, gewannen Heu und bauten Kirchen. Die Siedlungen blieben über mehrere Jahrhunderte bestehen. UNESCO beschreibt die dortige nordische Kultur als eine Verbindung von Landwirtschaft, Weidewirtschaft und der Nutzung arktischer Tierbestände.

Für die Fahrt nach Vinland war besonders die Lage Grönlands entscheidend.

Von Norwegen aus wäre Nordamerika ein sehr weit entferntes Ziel gewesen. Von Island aus lag es bereits näher. Von den grönländischen Siedlungen aus waren die nächsten nordamerikanischen Küsten dagegen Teil einer erreichbaren westlichen Welt.

Das bedeutet nicht, dass die Strecke ungefährlich oder leicht zu bewältigen war.

Die Schiffe mussten Gewässer durchqueren, in denen Eisberge, Treibeis, Nebel, Stürme und kaltes Wasser eine ständige Gefahr darstellten. Ein Mensch, der dort über Bord ging, hatte selbst im Sommer nur geringe Überlebenschancen.

Doch die Entfernung lag innerhalb dessen, was nordische Frachtschiffe und ihre Besatzungen grundsätzlich bewältigen konnten.

Die Menschen auf Grönland verfügten bereits über Erfahrungen mit langen Seereisen. Ihre eigenen Siedlungen waren auf regelmäßige Verbindungen zu Island und Europa angewiesen. Eisen, Bauholz und andere Waren mussten eingeführt werden. Im Gegenzug konnten unter anderem Walrosselfenbein, Häute und Felle ausgeführt werden.

Die Bewohner Grönlands lebten daher nicht isoliert vom Meer.

Das Meer war ihre Verbindung zu anderen Siedlungen, zu Handelspartnern und zu Nachrichten aus der nordischen Welt.

Ein Schiff, das von Island nach Grönland gelangte, musste die offene See überqueren und anschließend eine geeignete Einfahrt zu den Fjorden finden. Die Besatzungen kannten daher bereits die Schwierigkeiten des Nordatlantiks, bevor sie weiter nach Westen fuhren.

Grönland bot außerdem einen Ort, an dem eine Erkundungsfahrt vorbereitet werden konnte.

Dort konnten Menschen zusammengebracht, Schiffe ausgerüstet und Vorräte gesammelt werden. Informationen über gesichtetes Land konnten zwischen den Höfen und ankommenden Besatzungen weitergegeben werden.

Eine Fahrt nach Westen begann deshalb wahrscheinlich nicht mit einer großen feierlichen Erklärung.

Vielleicht begann sie mit einem Gespräch.

Ein Seefahrer berichtete von einer Küste, die er im Westen gesehen hatte.

Ein anderer kannte die ungefähre Richtung.

Ein wohlhabender Mann stellte ein Schiff zur Verfügung.

Menschen überlegten, ob dort Holz, Weideland oder andere begehrte Ressourcen zu finden waren.

Aus einer Erzählung wurde ein Plan.

Grönland war dabei mehr als eine letzte Zwischenstation. Die dortigen Siedlungen waren die eigentliche Ausgangsbasis der nordischen Fahrten nach Nordamerika.

Die Sagas verbinden diese Fahrten mit Familien, Händlern und Seeleuten aus der grönländischen Gesellschaft. Ihre Berichte unterscheiden sich im Einzelnen, setzen aber beide voraus, dass die Reisen von einer bereits bestehenden nordischen Gemeinschaft auf Grönland ausgingen. Parks Canada beschreibt L’Anse aux Meadows ebenfalls als ein von Grönland aus erreichtes Lager und als Ausgangspunkt weiterer Erkundungen in Vinland.

Damit verschob sich die Grenze der bekannten nordischen Welt erneut.

Island hatte einst westlich von Norwegen gelegen.

Grönland lag westlich von Island.

Und von Grönland aus führte der nächste Weg zu den Küsten Nordamerikas.

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Gründe und Ziele der Fahrten nach Nordamerika

Warum fuhren nordische Seefahrer weiter nach Westen?

Die einfache Antwort lautet:

Weil dort Land lag.

Doch niemand rüstet ein Schiff allein deshalb aus, weil sich irgendwo hinter dem Horizont möglicherweise eine weitere Küste befindet.

Eine solche Fahrt benötigte Menschen, Vorräte, Ausrüstung und einen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Grund. Auch Neugier konnte eine Rolle spielen, aber Neugier allein ernährte keine Besatzung und reparierte kein beschädigtes Schiff.

Für die grönländischen Siedlungen war Holz besonders wichtig.

An den geschützten Fjorden Südwestgrönlands wuchsen Sträucher und kleinere Gehölze. Größere Wälder, aus denen sich ohne Weiteres Schiffsplanken, Balken und umfangreiches Bauholz gewinnen ließen, standen jedoch nicht zur Verfügung.

Treibholz konnte an den Küsten gesammelt werden. Seine Menge, Größe und Qualität waren aber nicht zuverlässig planbar.

Größere Holzmengen mussten daher eingeführt oder an anderen Küsten beschafft werden.

Die nordamerikanischen Küsten boten genau diesen Rohstoff.

Labrador und Neufundland besaßen ausgedehnte Waldgebiete. Für Menschen aus dem vergleichsweise holzarmen Grönland musste eine bewaldete Küste einen erheblichen wirtschaftlichen Wert besitzen.

Holz wurde für Häuser, Schiffe, Boote, Werkzeuge, Möbel, Fässer und Brennmaterial benötigt. Besonders bei Schiffsreparaturen war geeignetes Holz unverzichtbar.

Die Funde von L’Anse aux Meadows zeigen, dass die dortige nordische Gruppe Holz bearbeitete und Schiffe reparierte. Parks Canada deutet das Lager als Ausgangspunkt für Erkundungen und die Gewinnung von Ressourcen.

Auch Nahrung konnte eine Rolle spielen.

Fischreiche Gewässer, Seevögel, Wildtiere, Beeren und andere Pflanzen boten Möglichkeiten, die Vorräte zu ergänzen. Gute Weideflächen konnten für mitgebrachte Tiere interessant sein.

Die Sagas beschreiben Landschaften, die im Vergleich zu Grönland ungewöhnlich einladend wirkten. Sie berichten von Wäldern, milden Wintern, guten Weideflächen, Fischen und wild wachsenden Nahrungsmitteln.

Diese Beschreibungen dürfen nicht wie ein moderner geografischer Bericht gelesen werden.

Sie wurden lange nach den Fahrten niedergeschrieben und verbinden historische Erinnerungen mit Erzählkunst. Dennoch passen mehrere ihrer grundlegenden Beobachtungen zu den Landschaften der nordamerikanischen Atlantikküste.

Die berühmteste Angabe betrifft Weintrauben.

Nach der Grönländer-Saga soll ein Mitglied von Leifs Besatzung wild wachsende Trauben gefunden haben. Daraus wird in der Erzählung der Name Vinland erklärt – das Land des Weines oder der Weinreben.

An der Nordspitze Neufundlands wachsen keine wilden Weinreben.

Weiter südlich, besonders im Gebiet des Sankt-Lorenz-Golfs und in Teilen des heutigen New Brunswick und Nova Scotia, kamen sie dagegen vor. Das könnte bedeuten, dass nordische Erkundungsfahrten deutlich weiter nach Süden gelangten als L’Anse aux Meadows.

Die archäologischen Funde unterstützen zumindest die Annahme solcher südlicher Fahrten. In L’Anse aux Meadows wurden Butternüsse und Butternussholz entdeckt. Diese Baumart wuchs nicht im nördlichen Neufundland, sondern weiter südlich. Wer die Nüsse und das Holz zum Lager brachte, musste sie selbst oder über andere Kontakte aus einem südlicheren Gebiet erhalten haben.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die in den Sagas beschriebenen Trauben an genau demselben Ort gefunden wurden.

Eine Expedition konnte verschiedene Landschaften besuchen und ihre Eindrücke später unter einem gemeinsamen Namen zusammenfassen.

Auch andere Rohstoffe waren interessant.

Felle, Häute, Walrosselfenbein und weitere tierische Erzeugnisse besaßen Handelswert. Die Sagas berichten davon, dass Expeditionen Waren sammelten, die in Grönland oder Europa verkauft werden konnten. Parks Canada fasst eine der überlieferten Fahrten als ein Unternehmen zusammen, bei dem Holz, Pelze und andere verkäufliche Güter gewonnen werden sollten.

Eine Fahrt nach Nordamerika konnte daher mehrere Ziele gleichzeitig verfolgen:

Das Land sollte erkundet werden.

Rohstoffe sollten gesammelt werden.

Das Schiff benötigte möglicherweise Reparaturen.

Die Besatzung wollte prüfen, ob ein dauerhafter Aufenthalt möglich war.

Manche Expeditionen könnten von Anfang an als reine Erkundungs- und Beschaffungsfahrten geplant gewesen sein.

Andere scheinen nach den Sagas ausdrücklich die Gründung einer Siedlung versucht zu haben. Dafür wurden nicht nur bewaffnete Männer, sondern auch Frauen, Tiere und umfangreiche Vorräte mitgeführt.

Eine solche Gruppe wollte nicht nach wenigen Tagen zurückkehren.

Sie wollte herausfinden, ob aus einem neuen Land eine neue Lebensgrundlage werden konnte.

Warum wurde diese Möglichkeit überhaupt erwogen?

Die nordischen Gesellschaften hatten bereits Erfahrung mit der Besiedlung entfernter Inseln.

Island war erfolgreich dauerhaft besiedelt worden.

Auch Grönland hatte sich trotz seiner schwierigen Bedingungen über Generationen gehalten.

Für Menschen, deren Eltern oder Großeltern bereits über den Atlantik ausgewandert waren, erschien eine weitere Fahrt nach Westen möglicherweise weniger unvorstellbar als für jemanden, der sein Heimatdorf nie verlassen hatte.

Der Weg nach Vinland war damit zugleich Fortsetzung und Risiko.

Die Siedler übertrugen ein bereits bekanntes Muster:

Ein neues Land wurde gesichtet.

Eine Erkundungsfahrt folgte.

Vorräte und Menschen wurden zusammengebracht.

Häuser wurden errichtet.

Dann musste sich zeigen, ob die neue Gemeinschaft überleben konnte.

Doch Nordamerika unterschied sich in einem entscheidenden Punkt von Island und von den grönländischen Siedlungsgebieten.

Das Land war nicht unbewohnt.

Dort lebten Menschen, die ihre eigenen Territorien, Handelswege und Kenntnisse besaßen.

Aus einer möglichen Siedlungsfahrt wurde deshalb auch eine Begegnung zwischen zwei bis dahin weitgehend getrennten Welten.

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Klima, Umweltbedingungen und Meeresspiegel um das Jahr 1000

Die nordischen Fahrten nach Westen fanden in einer Zeit statt, die häufig als Mittelalterliche Warmzeit oder Mittelalterliche Klimaanomalie bezeichnet wird.

Diese Bezeichnungen können den Eindruck erwecken, der gesamte Nordatlantik sei damals über Jahrhunderte gleichmäßig warm und angenehm gewesen.

So einfach war es nicht.

Die klimatischen Bedingungen unterschieden sich von Region zu Region und veränderten sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Bestimmte Gebiete des Nordatlantiks erlebten vergleichsweise günstige Phasen. Gleichzeitig blieben Stürme, Meereis, kalte Sommer und harte Winter möglich.

Auch die ersten grönländischen Siedler lebten nicht in einer gemütlichen, grünen Landschaft ohne Eis.

Der Name Grönland bezog sich auf die bewohnbaren Fjordgebiete und war nach den Sagas möglicherweise zugleich eine geschickte Werbung für das neue Land. Der größte Teil der Insel war auch um das Jahr 1000 vom Eisschild bedeckt.

In den südwestlichen Fjorden konnten jedoch Gras und andere Pflanzen wachsen. Dort ließen sich Tiere halten und Heu gewinnen. Günstigere klimatische Bedingungen erleichterten die Besiedlung, beseitigten die Grenzen der Landwirtschaft aber nicht.

Die Menschen blieben auf kurze Vegetationszeiten, geeignete Weideflächen und sorgfältige Wintervorräte angewiesen. Forschungen zur grönländischen Siedlung betonen deshalb, dass selbst in vergleichsweise milden Phasen schwierige Winter und trockene Sommer auftreten konnten.

Auch die Fahrt nach Nordamerika wurde nicht einfach dadurch leicht, dass das Klima zeitweise günstiger war.

Treibeis konnte die Route blockieren.

Nebel erschwerte die Navigation.

Stürme konnten Schiffe weit vom geplanten Kurs abbringen.

Das Wetter auf dem Nordatlantik wechselte schnell, und ein offenes Holzschiff bot nur begrenzten Schutz.

Eine etwas höhere Durchschnittstemperatur sagt wenig darüber aus, was eine einzelne Besatzung während einer bestimmten Woche erlebte.

Sie konnte in einem vergleichsweise milden Jahrhundert auslaufen und trotzdem in einen tödlichen Sturm geraten.

Die Umweltbedingungen veränderten sich entlang der Route erheblich.

An der westlichen Küste Grönlands bestimmten Fjorde, Berge, Gletscher und teilweise Meereis die Landschaft.

Die Küsten der kanadischen Arktis waren steinig, karg und über lange Zeit von Eis geprägt.

Weiter südlich in Labrador erschienen ausgedehnte Wälder.

Neufundland bot Küsten, Moore, Flüsse, Wälder und Graslandschaften.

Noch weiter südlich wurden die Sommer länger und die Pflanzenwelt vielfältiger.

Eine Besatzung konnte deshalb während einer einzigen längeren Reise Landschaften erleben, die sich deutlich voneinander unterschieden.

Diese Unterschiede spiegeln sich in den überlieferten Namen Helluland, Markland und Vinland wider.

Sie lassen erkennen, dass die nordischen Reisenden die Küsten nicht als ein einziges gleichförmiges Land wahrnahmen. Sie unterschieden steinige, bewaldete und fruchtbarer wirkende Gebiete.

Auch der Meeresspiegel war um das Jahr 1000 nicht an jeder Küste exakt derselbe wie heute.

Dabei reicht es nicht, einfach einen weltweit einheitlichen Wert abzuziehen.

Entscheidend ist der relative Meeresspiegel: das Verhältnis zwischen Wasseroberfläche und örtlichem Land.

Nach dem Ende der Eiszeit hoben sich manche zuvor vom Eis belasteten Landflächen weiter an. Andere Küsten sanken relativ zum Meer oder wurden durch steigendes Wasser, Strömungen, Sedimentablagerungen und Erosion verändert.

Untersuchungen für Neufundland zeigen, dass sich der relative Meeresspiegel in den vergangenen Jahrtausenden regional unterschiedlich entwickelte. An untersuchten Orten im Süden und Osten der Insel lag er um das Jahr 1000 teilweise niedriger als heute; die genaue Veränderung war jedoch nicht überall gleich.

Für die Rekonstruktion einer historischen Küste bedeutet das:

Eine heutige Bucht kann damals etwas anders ausgesehen haben.

Ein heutiger Strand kann weiter draußen oder weiter landeinwärts gelegen haben.

Flussmündungen, Moore und flache Uferbereiche können sich verändert haben.

Hinzu kommen Stürme, Küstenerosion und die Ablagerung von Sand und Kies.

Man darf daher nicht erwarten, dass eine moderne Luftaufnahme die Küste exakt so zeigt, wie eine nordische Besatzung sie vor tausend Jahren sah.

Die groben geografischen Formen blieben jedoch erkennbar.

Meeresengen, große Halbinseln, Inseln, Gebirge und Fjorde waren auch damals wichtige Landmarken. Parks Canada weist darauf hin, dass die Küstenlandschaft am Sankt-Lorenz-Golf, die vorgelagerten Inseln und die sichtbare Labrador-Küste für nordische Seefahrer wertvolle Orientierungspunkte boten.

Das Klima beeinflusste nicht nur die Seefahrt.

Es entschied auch darüber, ob eine Siedlung wirtschaftlich sinnvoll war.

Eine Erkundungsgruppe konnte einen Sommer mit gutem Wetter erleben und daraus schließen, das Land sei besonders mild. Ein späterer Winter konnte dieses Urteil korrigieren.

Die Sagas heben günstige Bedingungen hervor. Sie berichten von Gras, Fisch, Wäldern und einem vergleichsweise milden Klima.

Solche Beschreibungen waren möglicherweise echte Erinnerungen. Sie konnten zugleich erzählerisch verstärkt worden sein, weil ein fernes, fruchtbares Land einen besonderen Reiz besaß.

Auch Grönland war in den Sagas mit einem vorteilhaften Namen versehen worden.

Ein Name konnte informieren.

Er konnte aber ebenso Erwartungen wecken.

Die nordischen Seefahrer verfügten nicht über langfristige Klimadaten. Sie konnten das Wetter beobachten, Einheimische befragen, falls Verständigung möglich war, und ihre eigenen Erfahrungen sammeln.

Für eine dauerhafte Siedlung reichten ein oder zwei angenehme Sommer jedoch nicht aus.

Die Menschen mussten wissen:

Wie lang war der Winter?

Wie zuverlässig kehrten Fische und Tiere zurück?

Welche Pflanzen waren essbar?

Wie häufig bedrohten Stürme die Küste?

Konnten Tiere ausreichend Futter finden?

Blieben die Schifffahrtswege im nächsten Jahr offen?

Genau darin lag das Risiko der Vinlandfahrten.

Das Land konnte anziehend wirken und dennoch zu weit entfernt, zu unbekannt oder politisch zu unsicher für eine dauerhafte Besiedlung sein.

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Die überlieferten Fahrten nach Westen

Unser Wissen über die einzelnen Vinlandfahrten stammt vor allem aus zwei isländischen Sagas:

der Grænlendinga saga, der Saga der Grönländer,

und der Eiríks saga rauða, der Saga von Erik dem Roten.

Beide Texte wurden erst im 13. Jahrhundert niedergeschrieben, also ungefähr zwei Jahrhunderte nach den beschriebenen Ereignissen.

Zwischen den Fahrten und ihrer schriftlichen Überlieferung lagen mehrere Generationen.

Geschichten wurden erzählt, erinnert, verändert und an neue Interessen angepasst. Einzelne Familien konnten ihre Vorfahren besonders hervorheben. Christliche Vorstellungen der späteren Zeit konnten in die Darstellung einer älteren Epoche einfließen.

Deshalb sind die Sagas keine unmittelbaren Reiseberichte.

Sie sind aber auch keine beliebig erfundenen Geschichten.

Die archäologische Entdeckung von L’Anse aux Meadows hat gezeigt, dass ihre grundlegende Aussage stimmt:

Nordische Menschen fuhren von Grönland nach Nordamerika und errichteten dort zumindest zeitweise Gebäude und einen Stützpunkt. UNESCO sieht zwischen der Fundstätte und den in den Vinland-Sagas beschriebenen Fahrten einen deutlichen Zusammenhang.

Die beiden Sagas erzählen jedoch nicht dieselbe Geschichte.

In der Grönländer-Saga erscheint zunächst Bjarni Herjólfsson.

Er soll auf einer Reise nach Grönland vom Kurs abgekommen sein und mehrere unbekannte Küsten im Westen gesehen haben. Er ging dort nach der Erzählung nicht an Land, berichtete aber später von seinen Beobachtungen.

Leif Eriksson kaufte anschließend Bjarnis Schiff und unternahm eine gezielte Erkundungsfahrt.

Die Saga beschreibt mehrere Landschaften, die Leif Helluland, Markland und Vinland nannte. In Vinland errichtete seine Gruppe Gebäude und überwinterte.

Später folgten weitere Expeditionen.

Leifs Bruder Thorvald soll das Gebiet erkundet und dort bei einer Auseinandersetzung mit indigenen Bewohnern getötet worden sein.

Eine weitere Fahrt unter Thorstein scheiterte nach der Überlieferung bereits auf dem Weg.

Schließlich führte der isländische Händler Thorfinn Karlsefni eine größere Gruppe mit Frauen und Nutztieren nach Vinland. Diese Fahrt erscheint als ernsthafter Versuch, eine dauerhafte Siedlung zu gründen.

Die Saga von Erik dem Roten ordnet dieselben oder ähnliche Personen und Ereignisse anders.

Bjarni spielt dort nicht dieselbe Rolle.

Leif erreicht Vinland nach einer anderen Abfolge von Ereignissen, und die große Siedlungsfahrt unter Karlsefni steht stärker im Mittelpunkt.

Auch die Namen der Lagerplätze, die Reihenfolge der Reisen und einzelne Begegnungen unterscheiden sich.

Diese Widersprüche lassen sich nicht vollständig auflösen.

Man könnte versuchen, aus beiden Texten eine einzige lückenlose Reisechronologie zu bauen. Dabei würde jedoch leicht eine Sicherheit entstehen, die die Quellen selbst nicht bieten.

Historisch sinnvoller ist es, gemeinsame Kernaussagen festzuhalten:

Nordische Seefahrer erfuhren von Land westlich Grönlands.

Mehrere Fahrten wurden unternommen.

Die Reisenden unterschieden verschiedene Küstenlandschaften.

Sie errichteten Gebäude und überwinterten.

Sie erkundeten weitere Gebiete und sammelten Rohstoffe.

Mindestens eine größere Gruppe versuchte offenbar, sich längerfristig niederzulassen.

Es kam zu Begegnungen und Konflikten mit der indigenen Bevölkerung.

Die nordischen Gruppen gaben ihre Versuche schließlich auf und kehrten nach Grönland zurück.

Diese Gemeinsamkeiten sind bedeutsamer als die Frage, ob jedes Gespräch und jede einzelne Reihenfolge der Sagas wörtlich stimmt.

Auch die Anzahl der Fahrten bleibt unklar.

Die Sagas berichten von mehreren Expeditionen. Archäologisch ist bisher nur ein nordischer Standort zweifelsfrei nachgewiesen.

Das bedeutet nicht, dass alle anderen Reisen erfunden waren.

Ein kurz genutzter Lagerplatz kann nahezu spurlos verschwinden. Holzgebäude verfallen, leichte Zelte hinterlassen wenig und Gegenstände werden wieder mitgenommen. Eine Gruppe, die nur für einige Tage an einer Küste lagerte, muss keinen eindeutig identifizierbaren archäologischen Fundplatz hinterlassen haben.

Gleichzeitig darf nicht jede ungewöhnliche Vertiefung im Boden oder jedes europäisch wirkende Objekt automatisch als Wikingerfund erklärt werden.

Die eindeutige Bestätigung verlangt mehrere zusammenpassende Belege:

eine sichere Datierung,

nordische Bauweisen oder Gegenstände,

einen nachvollziehbaren Fundzusammenhang

und möglichst naturwissenschaftliche Untersuchungen.

L’Anse aux Meadows erfüllt diese Anforderungen.

Viele andere vorgeschlagene Fundorte tun es bisher nicht.

Auch die Länge der nordischen Nutzung Nordamerikas bleibt unsicher.

Die Sagas vermitteln den Eindruck mehrerer Fahrten innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraums. Parks Canada geht davon aus, dass das Lager von L’Anse aux Meadows nur wenige Jahre genutzt wurde und als Basis für sommerliche Erkundungen diente.

Die exakte Datierung von bearbeitetem Holz auf das Jahr 1021 zeigt, dass in diesem Jahr nordische Menschen dort tätig waren.

Sie verrät jedoch nicht, wann die erste Besatzung ankam oder wann die letzte abreiste.

Möglicherweise fanden einzelne Fahrten bereits einige Jahre zuvor statt.

Möglicherweise kehrten kleinere Gruppen später noch einmal zurück.

Auch ein gelegentlicher Handel mit Holz oder anderen Rohstoffen ist denkbar.

Dafür fehlen bisher eindeutige Nachweise.

Die überlieferten Fahrten nach Westen liegen deshalb in einem Zwischenbereich.

Sie sind mehr als Legende.

Aber sie lassen sich nicht zu einem vollständig gesicherten Reiseplan zusammensetzen.

Wir kennen den historischen Kern.

Die Einzelheiten bleiben zum Teil im Nebel des Nordatlantiks.

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Helluland, Markland und Vinland

Die Sagas beschreiben auf dem Weg nach Süden drei benannte Landschaften:

Helluland,

Markland

und Vinland.

Diese Namen sind keine modernen Staats- oder Regionsbezeichnungen. Sie beschreiben auffällige Eigenschaften der jeweiligen Gebiete.

Helluland lässt sich ungefähr als Land der flachen Steine oder Steinplatten übersetzen.

Die Sagas schildern eine karge, steinige Landschaft mit wenig nutzbarem Land.

Viele Forscher ordnen Helluland deshalb der Baffininsel oder angrenzenden Gebieten der kanadischen Arktis zu.

Diese Zuordnung ist geografisch plausibel.

Wer von der Westküste Grönlands nach Westen fuhr, konnte die arktischen Inseln oder die nordöstliche Küste Kanadas erreichen. Die felsige, baumarme Landschaft passt grundsätzlich zur Beschreibung.

Archäologisch ist die Gleichsetzung jedoch nicht endgültig bewiesen.

An mehreren arktischen Fundorten wurden Gegenstände entdeckt, die Kontakte mit nordischen Menschen möglich erscheinen lassen. Manche Funde können durch direkten Kontakt, Handel über Zwischenstationen oder spätere Vermischung erklärt werden. Keine dieser Fundstätten besitzt bisher denselben eindeutigen Nachweischarakter wie L’Anse aux Meadows.

Helluland bleibt deshalb eine sehr wahrscheinliche geografische Zuordnung, keine exakt auf einer modernen Karte vermessene Region.

Markland bedeutet Waldland.

Die Sagas beschreiben eine bewaldete Küste, die südlich von Helluland lag.

Labrador gilt deshalb als wahrscheinlichste Entsprechung.

Diese Einordnung ist besonders überzeugend, weil die Landschaft tatsächlich einen deutlichen Gegensatz zur baumarmen Arktis und zum holzarmen Grönland bildete.

Für die nordischen Grönländer war Markland möglicherweise wirtschaftlich wichtiger, als seine kurze Rolle in den Sagas vermuten lässt.

Holz musste nicht unbedingt aus einem weit südlich gelegenen Vinland beschafft werden. Die Wälder Labradors lagen näher an Grönland und konnten sich für gelegentliche Fahrten anbieten.

Spätere isländische Quellen erwähnen noch Jahrhunderte nach den ersten Vinlandreisen Fahrten nach Markland. Ob diese Berichte regelmäßige Holzb eschaffung, einzelne Reisen oder nur die Erinnerung an ältere Unternehmungen widerspiegeln, ist nicht sicher.

Markland könnte daher weniger ein einmal entdecktes Land als vielmehr eine den Grönländern bekannte Rohstoffregion gewesen sein.

Ein dauerhafter nordischer Siedlungsplatz ist dort bislang nicht eindeutig nachgewiesen.

Vinland ist der bekannteste und zugleich schwierigste Name.

Die Sagas verbinden ihn mit einem milderen Klima, guten Ressourcen und in einer Überlieferung mit wild wachsenden Weintrauben.

Doch Vinland bezeichnete möglicherweise keine einzelne kleine Bucht.

Es könnte eine größere Küstenregion umfasst haben, die von einem nördlichen Stützpunkt aus erkundet wurde.

L’Anse aux Meadows lag am nördlichen Ende Neufundlands und bot einen strategisch günstigen Zugang zum Sankt-Lorenz-Golf. Parks Canada bezeichnet die Fundstätte als Tor beziehungsweise Eingang zu den südlicher gelegenen Gebieten Vinlands.

Damit lässt sich ein scheinbarer Widerspruch lösen.

An der Fundstätte selbst gab es keine Weintrauben und keine Butternussbäume.

Die dort lebenden Menschen konnten aber weiter nach Süden fahren, Waren und Pflanzen sammeln und anschließend zum Lager zurückkehren.

Die gefundenen Butternüsse zeigen, dass genau solche südlichen Kontakte oder Reisen stattfanden.

Vinland könnte daher ein größerer Raum gewesen sein, dessen nördlicher Stützpunkt auf Neufundland lag, während andere beschriebene Landschaften weiter südlich zu suchen sind.

Wo begann und endete dieser Raum?

Das wissen wir nicht.

Mögliche Zuordnungen reichen vom nördlichen Neufundland über den Sankt-Lorenz-Golf bis nach New Brunswick, Nova Scotia und möglicherweise noch weiter südlich.

Nicht jede vorgeschlagene Region ist gleich wahrscheinlich.

Die Entfernung zu Grönland, die beschriebenen Tagesreisen, Küstenformen, Pflanzen, Strömungen und archäologischen Funde müssen miteinander vereinbar sein.

Doch die Sagas verwenden keine modernen Maße.

Ein „Tag auf See“ konnte je nach Wind, Schiff und Route sehr unterschiedliche Entfernungen bedeuten.

Auch die Himmelsrichtungen und Landschaftsbeschreibungen lassen sich nicht immer eindeutig übersetzen.

Hinzu kommt, dass die Texte mehrere Fahrten und vielleicht mehrere Lagerplätze miteinander verbinden.

Ein Reisender konnte den Namen Vinland zunächst für einen bestimmten Ort verwenden.

Später konnte er auf eine größere Region ausgedehnt werden.

Oder die schriftliche Überlieferung fasste unterschiedliche Landschaften unter einem bekannten Namen zusammen.

Auch die Bedeutung des Namens wurde diskutiert.

Die traditionelle Erklärung versteht Vinland als Weinland und verbindet den Namen mit den in der Saga erwähnten Trauben.

Daneben wurde vorgeschlagen, der erste Bestandteil könne sich auf Weideland oder Wiesen beziehen.

Die sprachwissenschaftliche Diskussion ist komplex und nicht vollständig abgeschlossen. Die Saga selbst erklärt den Namen jedoch ausdrücklich durch Weintrauben, und wild wachsende Reben waren in südlicheren Teilen der möglichen Region vorhanden.

Für die Webseite ist deshalb eine vorsichtige Formulierung sinnvoll:

Vinland war die nordische Bezeichnung für ein Gebiet an der nordamerikanischen Atlantikküste.

L’Anse aux Meadows war ein nachgewiesener nordischer Stützpunkt innerhalb oder am nördlichen Zugang dieses Gebietes.

Die genaue geografische Ausdehnung Vinlands ist unbekannt.

Helluland, Markland und Vinland waren wahrscheinlich keine drei Länder mit klar gezogenen Grenzen.

Sie waren Landschaftsräume, die nordische Seefahrer nach auffälligen Eigenschaften benannten:

Steinland.

Waldland.

Und ein südlicheres Gebiet, das ihnen besonders reich und einladend erschien.

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Begegnungen mit den indigenen Bewohnern

Nordamerika war bei der Ankunft der nordischen Seefahrer seit Jahrtausenden besiedelt.

Die Menschen, denen die nordischen Gruppen begegneten, waren daher keine zufällig anwesenden kleinen Gemeinschaften in einem ansonsten leeren Land.

Sie gehörten zu Kulturen, die ihre Umwelt kannten, Jagd- und Handelsgebiete nutzten und über eigene gesellschaftliche Traditionen verfügten.

Dieser Punkt ist wichtig, weil ältere europäische Darstellungen die Vinlandfahrten häufig ausschließlich als Entdeckungsgeschichte erzählten.

Aus nordischer Sicht wurde ein neues Land erreicht.

Aus Sicht der dort lebenden Menschen erschienen dagegen fremde Schiffe und unbekannte Besucher an ihren Küsten.

Die Sagas bezeichnen die indigenen Bewohner mit dem altnordischen Wort skrælingar.

Die genaue ursprüngliche Bedeutung des Begriffs ist nicht sicher. In späteren Zusammenhängen wurde er abwertend verwendet.

Auf einer modernen Webseite sollte er deshalb nicht als neutrale Bezeichnung für die indigenen Menschen übernommen werden.

Er gehört zur Erklärung der Quellen, nicht zu unserer eigenen Benennung der damaligen Bevölkerung.

Welche indigene Gruppe den nordischen Reisenden begegnete, lässt sich nicht eindeutig feststellen.

Die möglichen Begegnungsgebiete erstreckten sich über große Teile der kanadischen Atlantikküste.

Im nördlichen Labrador lebten um das Jahr 1000 Menschen der späten Dorset-Kultur.

Weiter südlich bestanden Gemeinschaften, deren Nachfahren oder kulturelle Verbindungen mit späteren Innu-, Beothuk-, Mi’kmaq- und anderen indigenen Bevölkerungen diskutiert werden.

Die Sagas liefern jedoch keine Beschreibung, mit der sich die Begegnenden zweifelsfrei einer heutigen oder archäologisch definierten Gruppe zuordnen lassen.

Auch die nordischen Reisenden selbst dürften diese Unterschiede kaum verstanden haben.

Sie trafen möglicherweise auf verschiedene Gemeinschaften und bezeichneten sie alle mit demselben nordischen Ausdruck.

Die beiden Sagas berichten sowohl von Handel als auch von Gewalt.

Zunächst sollen Waren ausgetauscht worden sein.

Die nordischen Gruppen boten nach den Erzählungen unter anderem rote Stoffe und Milchprodukte an. Die indigenen Bewohner brachten Felle und andere Waren.

Ein solcher Handel ist grundsätzlich plausibel.

Beide Seiten verfügten über Dinge, die für die jeweils andere Gruppe ungewöhnlich oder wertvoll waren.

Die nordischen Besucher besaßen Metallwerkzeuge, Textilien und andere europäische Erzeugnisse.

Die indigenen Gemeinschaften verfügten über Felle, Nahrung, örtliche Kenntnisse und weitreichende Erfahrungen mit der Landschaft.

Doch Verständigung war schwierig.

Die Gruppen sprachen keine gemeinsame Sprache.

Gesten konnten missverstanden werden.

Unterschiedliche Vorstellungen von Besitz, Tausch und Gastrecht konnten Konflikte auslösen.

Hinzu kam die Unsicherheit beider Seiten.

Die indigenen Bewohner wussten nicht, ob die fremden Menschen nur handeln oder dauerhaft Land beanspruchen wollten.

Die nordischen Gruppen wussten nicht, wie groß die örtliche Bevölkerung war und welche Verbündeten sie besaß.

Nach den Sagas führten Missverständnisse und Gewalt schließlich zu offenen Auseinandersetzungen.

In einer Erzählung wird ein indigener Mensch von nordischen Männern getötet, woraufhin eine größere Gruppe zurückkehrt.

In einer anderen eskaliert ein Handelstreffen, nachdem ein Tier die Besucher erschreckt.

Die Einzelheiten können literarisch gestaltet oder verändert worden sein.

Der grundlegende Zusammenhang ist dennoch glaubwürdig:

Eine kleine nordische Gruppe versuchte, sich in einem bereits genutzten Gebiet festzusetzen.

Die örtliche Bevölkerung war ihr zahlenmäßig überlegen.

Ein dauerhafter Konflikt hätte für die nordischen Siedler kaum gewonnen werden können.

Parks Canada fasst die Sagas dahingehend zusammen, dass es in Vinland zu Kontakten und Auseinandersetzungen kam und die nordischen Gruppen schließlich nach Grönland zurückkehrten.

Archäologisch lässt sich eine bestimmte Sagaauseinandersetzung bisher nicht nachweisen.

An L’Anse aux Meadows wurden Spuren indigener Nutzung aus verschiedenen Zeiträumen gefunden. Sie zeigen, dass der Ort lange vor und nach der nordischen Anwesenheit von indigenen Menschen genutzt wurde.

Es ist jedoch nicht sicher belegt, dass nordische und indigene Gruppen gleichzeitig direkt an der Fundstätte lebten oder dort gegeneinander kämpften.

Die Begegnungen können an anderen Orten stattgefunden haben.

L’Anse aux Meadows war wahrscheinlich nur der nordische Ausgangspunkt für weitere Fahrten.

Die tatsächlichen Kontakte könnten nördlich oder weit südlich des Lagers erfolgt sein. Parks Canada weist ausdrücklich darauf hin, dass Begegnungen sowohl in anderen Teilen Vinlands als auch nördlich der Fundstätte stattgefunden haben können.

Auch ein geringer archäologischer Fundbestand bedeutet nicht, dass die Begegnungen unbedeutend waren.

Die Gruppen trafen wahrscheinlich nur über kurze Zeit aufeinander.

Gegenstände aus organischem Material sind vergangen.

Metall wurde möglicherweise zurückgenommen, weiterverwendet oder umgearbeitet.

Ein einzelner Tausch hinterlässt nicht zwangsläufig einen Fundplatz, der tausend Jahre später eindeutig erkannt wird.

Der Kontakt war dennoch ein weltgeschichtlich bedeutendes Ereignis.

Menschen, deren Vorfahren Europa über viele Jahrtausende hinweg besiedelt hatten, begegneten Menschen, deren Vorfahren Amerika auf anderen Wanderungswegen erreicht hatten.

Die Menschheit hatte sich nach ihrer Ausbreitung über verschiedene Kontinente gewissermaßen wieder getroffen.

Diese Bedeutung darf jedoch nicht dazu führen, die Begegnung romantisch zu verklären.

Für die indigenen Menschen bedeuteten die nordischen Besucher nicht automatisch Fortschritt oder eine gewünschte Verbindung zur europäischen Welt.

Sie waren zunächst Fremde, die in ihrem Gebiet auftauchten, Ressourcen sammelten und möglicherweise dauerhaft bleiben wollten.

Für die nordischen Siedler waren die indigenen Gemeinschaften kein nebensächliches Hindernis.

Sie waren Menschen mit Ortskenntnis, zahlenmäßiger Stärke und eigenen Interessen.

Genau darin unterschied sich Vinland grundlegend von Island.

Auf Island konnten nordische Siedler ihre Höfe errichten, ohne auf eine größere dauerhaft ansässige Bevölkerung zu treffen.

In Vinland mussten sie mit Menschen umgehen, die bereits dort lebten.

Die Sagas legen nahe, dass ihnen dies nicht dauerhaft gelang.

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Bekannte und weiterhin ungeklärte Aspekte der Lage Vinlands

Was wissen wir heute sicher?

Nordische Seefahrer erreichten Nordamerika.

Sie kamen von Grönland.

Sie errichteten im frühen 11. Jahrhundert einen Stützpunkt an der Nordspitze Neufundlands.

Sie bauten dort Gebäude in nordischer Tradition, bearbeiteten Holz und erzeugten Eisen.

Mindestens im Jahr 1021 waren sie an diesem Ort tätig.

Von dort aus unternahmen sie Fahrten in andere Gebiete Nordamerikas.

Die Butternussfunde zeigen, dass sie oder ihre Handelspartner Regionen erreichten, die deutlich weiter südlich lagen.

Damit ist der historische Kern der Vinlandüberlieferung bestätigt.

Was wissen wir nicht?

Wir wissen nicht sicher, wer als erster nordischer Seefahrer die nordamerikanische Küste sichtete.

Wir wissen nicht, ob Bjarni Herjólfsson eine historische Person war und seine Reise genau so verlief, wie die Grönländer-Saga berichtet.

Wir wissen nicht, welche der beiden Sagas die Reihenfolge der Fahrten zuverlässiger bewahrt hat.

Wir wissen nicht, ob Leif Eriksson persönlich in L’Anse aux Meadows lebte.

Wir wissen nicht, wie viele nordische Expeditionen Nordamerika erreichten.

Wir wissen nicht, wie viele Lagerplätze errichtet wurden.

Wir wissen nicht, wie lange die nordischen Fahrten insgesamt fortgesetzt wurden.

Und wir wissen nicht, welche genaue Fläche die Menschen mit dem Namen Vinland bezeichneten.

L’Anse aux Meadows ist ein sicherer Punkt auf der Karte.

Vinland ist ein größerer, unscharfer Raum.

Die Fundstätte kann mit einem der in den Sagas genannten Lager verbunden gewesen sein. Ob sie Leifsbúðir, Straumfjörð oder einen anderen überlieferten Ort darstellt, lässt sich nicht beweisen.

Verschiedene Versuche wurden unternommen, Beschreibungen der Sagas mit der Landschaft Neufundlands und des Sankt-Lorenz-Golfs zu verbinden.

Dabei werden Küstenformen, Strömungen, Reisedauern, Sonnenstände und Pflanzenvorkommen miteinander verglichen.

Solche Untersuchungen können Möglichkeiten eingrenzen.

Sie können jedoch keine verlorene Ortsangabe ersetzen.

Die Sagas wurden nicht als Navigationshandbuch geschrieben.

Ihre Verfasser mussten keine Koordinaten angeben. Sie schrieben für ein Publikum, das an Personen, Familiengeschichten und außergewöhnlichen Ereignissen interessiert war.

Zudem hat sich die Landschaft verändert.

Küstenlinien verschoben sich.

Flussmündungen verlandeten.

Stürme trugen Land ab.

Vegetation und Tierbestände änderten sich.

Ein Ort, der um das Jahr 1000 einen guten natürlichen Hafen bot, kann heute anders aussehen.

Auch die nordischen Bezeichnungen müssen nicht dauerhaft an demselben geografischen Umfang festgehalten worden sein.

Ein Name konnte zunächst einen einzelnen Fundort bezeichnen und später auf eine größere Region übertragen werden.

Oder verschiedene Besatzungen verwendeten ihn unterschiedlich.

Das heutige Bedürfnis, Vinland mit einer klar umrandeten Fläche auf einer Karte zu versehen, stammt aus einer Welt moderner Grenzen und Staaten.

Die nordischen Reisenden dachten wahrscheinlich eher in Küsten, Fahrtstrecken, Landmarken und nutzbaren Gebieten.

Sie mussten wissen:

Wo gibt es Wasser?

Wo können wir landen?

Wo finden wir Holz?

Welche Strecke liegt zwischen zwei bekannten Punkten?

Wo leben andere Menschen?

Das waren für sie wichtigere Fragen als eine exakte Grenzlinie zwischen Markland und Vinland.

Auch die südlichste Reichweite ihrer Fahrten bleibt offen.

Die Butternüsse weisen mindestens in Regionen südlich des nördlichen Neufundlands. Sie beweisen aber nicht, dass ein nordisches Schiff jeden denkbaren Küstenabschnitt bis New England befuhr.

Einzelne angebliche Wikingerfunde aus weiter südlich gelegenen Gebieten wurden immer wieder bekannt.

Viele erwiesen sich als falsch datiert, aus ihrem Zusammenhang entfernt oder bewusst gefälscht.

Daher muss jeder neue Fund besonders kritisch geprüft werden.

Außerhalb L’Anse aux Meadows existiert bisher kein zweiter allgemein anerkannter nordischer Siedlungsplatz in Nordamerika.

Das bedeutet nicht, dass es keinen gab.

Die Sagas und die Funktion des bekannten Stützpunktes sprechen dafür, dass weitere Lager und Aufenthaltsorte möglich waren.

Doch möglich ist nicht dasselbe wie bewiesen.

Auch die Gründe für das Ende der Fahrten sind nicht abschließend geklärt.

Konflikte mit der indigenen Bevölkerung waren wahrscheinlich ein wichtiger Faktor.

Die nordischen Gruppen waren klein und weit von Grönland entfernt. Jede verlorene Person, jedes beschädigte Schiff und jeder verbrauchte Vorrat wog schwer.

Der wirtschaftliche Gewinn könnte außerdem geringer gewesen sein als der Aufwand.

Holz war wertvoll, konnte aber möglicherweise auch aus dem näher gelegenen Labrador beschafft werden.

Eine dauerhafte Siedlung in einem bereits bewohnten Gebiet benötigte wesentlich mehr Menschen und Unterstützung, als die relativ kleine grönländische Bevölkerung aufbringen konnte.

Auch politische und wirtschaftliche Veränderungen innerhalb der nordischen Welt spielten möglicherweise eine Rolle.

Wer nach Vinland fuhr, fehlte auf einem grönländischen Hof.

Ein Schiff, das für eine unsichere Westfahrt verwendet wurde, stand nicht für den Handel mit Island und Europa zur Verfügung.

Die Menschen mussten daher abwägen:

Lohnte sich der Gewinn?

War das Risiko vertretbar?

Konnte die Gruppe im Notfall unterstützt werden?

Offenbar fiel die Antwort langfristig gegen eine dauerhafte Kolonie aus.

Die nordischen Siedler verschwanden jedoch nicht sofort aus der Geschichte Nordamerikas.

Die Erinnerung an Vinland blieb in Island und Grönland erhalten. Die Sagas bewahrten Namen, Personen und Landschaftsbeschreibungen über Generationen.

Einzelne Reisen nach Markland oder in westliche Gebiete könnten noch später stattgefunden haben.

Doch eine dauerhafte Verbindung, die Nordamerika in die europäische Handels- und Siedlungswelt eingebunden hätte, entstand nicht.

Darin unterscheidet sich Vinland von Island und Grönland.

Island wurde dauerhaft Teil der nordischen Welt.

Grönland blieb es mehrere Jahrhunderte lang.

Vinland blieb ein entfernter Raum, der erreicht, erkundet und wieder verlassen wurde.

Der Weg nach Vinland war eine außergewöhnliche Leistung.

Doch er war kein unerklärliches Wunder.

Er begann mit jahrhundertelanger Erfahrung im Schiffbau.

Er führte über die Besiedlung der Färöer und Islands nach Grönland.

Von dort aus lagen die nordamerikanischen Küsten in der Reichweite nordischer Schiffe.

Die Reisenden suchten Holz, Nahrung, Handelsgüter und vielleicht neues Siedlungsland. Sie fanden steinige Küsten, ausgedehnte Wälder und südlichere Landschaften, die ihnen besonders fruchtbar erschienen.

Sie trafen auf Menschen, deren Heimat dieses Land bereits war.

Sie errichteten einen Stützpunkt, reparierten ihre Schiffe und erkundeten die Küsten.

Doch sie gründeten keine dauerhaft bestehende Kolonie.

Vinland wurde dadurch weder zu einem bloßen Mythos noch zu einem nordischen Land in Nordamerika.

Es blieb etwas dazwischen:

ein wirklich erreichter Ort,

eine in den Sagas bewahrte Erinnerung,

ein archäologisch bestätigter Kontakt zwischen Kontinenten

und eine Landschaft, deren genaue Grenzen bis heute unbekannt sind.

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9. L’Anse aux Meadows

L’Anse aux Meadows ist der Ort, an dem aus einer über Jahrhunderte mündlich weitergegebenen Geschichte ein archäologisch nachweisbares Ereignis wurde.

Die Vinland-Sagas berichten von nordischen Fahrten nach Nordamerika. Lange ließ sich jedoch nicht beweisen, ob diese Erzählungen einen historischen Kern besaßen oder ob Vinland nur zu den fernen Ländern der nordischen Überlieferung gehörte.

Das änderte sich im Jahr 1960.

An der Nordspitze der kanadischen Insel Neufundland wurden die Überreste von Gebäuden entdeckt, deren Bauweise mit den nordischen Häusern Islands und Grönlands übereinstimmte. Weitere Ausgrabungen brachten Werkzeuge, Metallreste, Boots­nieten und persönliche Gegenstände ans Licht.

Heute gilt L’Anse aux Meadows als der erste und bislang einzige zweifelsfrei nachgewiesene nordische Stützpunkt in Nordamerika. UNESCO bezeichnet die Fundstätte als den frühesten bekannten Nachweis europäischer Anwesenheit auf dem amerikanischen Kontinent.

Damit beweist der Ort nicht jede einzelne Erzählung der Sagas.

Er beweist aber ihre wichtigste Aussage:

Nordische Seefahrer überquerten den Atlantik und erreichten Nordamerika ungefähr um das Jahr 1000.

Die Entdeckung der Fundstätte

Die niedrigen Erhebungen im Gelände von L’Anse aux Meadows waren der örtlichen Bevölkerung lange bekannt.

Sie sahen jedoch nicht wie die Ruinen einer großen Stadt oder einer steinernen Festung aus. Es handelte sich lediglich um grasbewachsene Wälle, flache Vertiefungen und unscheinbare Unebenheiten in einer Landschaft aus Moor, Grasflächen und niedriger Vegetation.

Wer nicht gezielt nach Gebäudespuren suchte, konnte leicht an ihnen vorbeigehen.

Der norwegische Forscher und Schriftsteller Helge Ingstad suchte seit längerer Zeit nach einem möglichen nordischen Siedlungsplatz in Nordamerika. Dabei folgte er nicht einfach einer einzelnen Ortsangabe aus den Sagas. Er untersuchte verschiedene Küstenregionen zwischen Neuengland und dem Norden Neufundlands und fragte örtliche Bewohner nach auffälligen Geländespuren.

Im Jahr 1960 führte ihn George Decker, ein Bewohner von L’Anse aux Meadows, zu den überwachsenen Erhebungen. Decker hielt sie für Reste einer älteren indigenen Siedlung. Helge Ingstad erkannte, dass Form und Anordnung der Wälle auch zu verfallenen nordischen Torfhäusern passen konnten.

Eine Vermutung war damit gefunden.

Ein Beweis war sie noch lange nicht.

Grasbewachsene Hausreste konnten aus sehr unterschiedlichen Zeiten und Kulturen stammen. Selbst wenn die Form an Gebäude aus Island oder Grönland erinnerte, musste erst durch systematische Ausgrabungen geklärt werden, wer dort gelebt hatte.

Helge Ingstads Ehefrau Anne Stine Ingstad war ausgebildete Archäologin. Unter ihrer fachlichen Leitung begann 1961 eine internationale Forschungsgruppe mit der Untersuchung des Geländes. In den folgenden Jahren arbeiteten Archäologen aus mehreren Ländern an der Freilegung und Dokumentation der Gebäudereste. Die erste große Ausgrabungsphase dauerte bis 1968; später setzte Parks Canada die Untersuchungen fort.

Die Arbeit war mühsam.

Die ursprünglichen Holzkonstruktionen waren weitgehend vergangen. Von den Wänden blieben vor allem die unteren Torfschichten und Verfärbungen im Boden erhalten. Feuerstellen, Pfostenlöcher, Ascheschichten und kleine Gegenstände mussten sorgfältig freigelegt und miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Ein einzelner Fund hätte die nordische Herkunft kaum zweifelsfrei bewiesen.

Ein Metallstück konnte von einem späteren Besucher stammen.

Ein Steinwerkzeug konnte zu einer indigenen Nutzung des Ortes gehören.

Eine Feuerstelle konnte Jahrhunderte älter oder jünger als die Häuser sein.

Entscheidend war das Gesamtbild.

Die Bauweise der Häuser entsprach nordischen Gebäuden in Island und Grönland. Die Grundrisse, inneren Feuerstellen und Raumaufteilungen folgten bekannten nordischen Mustern. Hinzu kamen Gegenstände, die sich eindeutig in die Wikingerzeit einordnen ließen.

Besonders bekannt ist eine bronzene Ringkopfnadel.

Solche Nadeln wurden in der nordischen Welt verwendet, um Kleidung oder einen Umhang zu befestigen. Ihre Form war so charakteristisch, dass sie den Forschern einen starken Hinweis auf die Herkunft der Bewohner lieferte.

Daneben wurden eine steinerne Öllampe, ein Spinnwirtel, ein kleiner Schleifstein und das Bruchstück einer Knochennadel gefunden. Spinnwirtel und Nadel zeigen, dass zumindest einige Frauen zur Gruppe gehörten. Der Stützpunkt war also nicht ausschließlich von bewaffneten Männern bewohnt.

Noch überzeugender waren die Spuren der Eisenverarbeitung.

Die Ausgräber fanden Schlacke, einen kleinen Schmelzofen, eine Schmiedestelle und zahlreiche eiserne Boots­nieten beziehungsweise deren Bruchstücke. Die Verbindung aus nordischer Bauweise, persönlichen Gegenständen und Metallverarbeitung ließ schließlich keinen ernsthaften Zweifel mehr daran, dass hier Menschen aus der nordischen Welt gelebt und gearbeitet hatten.

Die Entdeckung beendete eine lange Diskussion.

Bis dahin gab es zahlreiche angebliche Wikingerfunde in Nordamerika. Manche waren missverstanden, andere falsch datiert und einige sogar gefälscht worden.

L’Anse aux Meadows unterschied sich grundlegend von solchen Einzelstücken.

Hier lag kein zufällig gefundener Gegenstand ohne sicheren Zusammenhang vor. Es gab eine vollständige archäologische Anlage mit Gebäuden, Werkstätten, Feuerstellen, Abfällen und Gegenständen, die gemeinsam ein nordisches Lager des frühen 11. Jahrhunderts erkennen ließen.

Im Jahr 1978 wurde L’Anse aux Meadows in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Es gehörte damit zu den ersten Kulturstätten, die diese internationale Anerkennung erhielten.

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Lage, Gebäude und Aufbau des Stützpunktes

L’Anse aux Meadows liegt an der Nordspitze der Great Northern Peninsula auf Neufundland.

Von dort blickt man über die Belle-Isle-Straße in Richtung Labrador. Vorgelagerte Inseln, die Labrador-Küste und markante Küstenformen boten Seefahrern weithin sichtbare Orientierungspunkte. Der Standort lag damit an einem strategisch günstigen Zugang zu den weiter südlich gelegenen Gewässern des Sankt-Lorenz-Golfs.

Die Siedlung lag nicht unmittelbar am offenen Strand.

Die Gebäude wurden auf einer trockeneren, leicht erhöhten Terrasse angelegt. In der Nähe befanden sich ein Bach, ein Moor und die Küste. Trinkwasser, Torf, Fischgründe, Holz und ein geeigneter Landeplatz waren damit erreichbar.

Die nordischen Seefahrer wählten den Ort offenbar nicht wegen guter Ackerflächen.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass sie dort große Felder anlegten oder eine langfristige landwirtschaftliche Siedlung nach dem Vorbild Islands oder Grönlands gründeten.

Der Ort eignete sich vielmehr als geschütztes Lager, Werkstatt und Ausgangspunkt weiterer Fahrten.

Die Ausgrabungen brachten die Reste von acht Gebäuden ans Licht. UNESCO ordnet sie drei Wohngebäuden, einer Schmiede und vier weiteren Werkstattgebäuden zu. Sie standen in drei voneinander unterscheidbaren Gebäudegruppen auf der schmalen Terrasse.

Die Häuser bestanden aus einem tragenden Holzgerüst, das mit dicken Torfschichten umgeben und überdeckt wurde.

Diese Bauweise war nordischen Siedlern vertraut. Auch in Island und Grönland errichteten sie Gebäude aus Holz und Torf, weil Torf guten Schutz gegen Wind und Kälte bot und großes Bauholz nicht überall ausreichend verfügbar war.

Die Torfstücke wurden aus dem Moor geschnitten und ähnlich wie große Ziegel aufgeschichtet. Auf den Dächern konnten Gras und andere Pflanzen weiterwachsen. Ein solches Haus wirkte nach einigen Jahren beinahe wie ein Teil der Landschaft.

Das bedeutete jedoch nicht, dass der Bau einfach war.

Torf musste geschnitten, transportiert und sorgfältig geschichtet werden. Das Holzgerüst musste das erhebliche Gewicht von Wänden und Dach tragen. Gleichzeitig durfte keine Feuchtigkeit in das Gebäude eindringen oder die tragenden Teile zu schnell verrotten lassen.

Im Inneren befanden sich längliche Feuerstellen.

Sie lieferten Wärme, Licht und die Möglichkeit, Nahrung zuzubereiten. Der Rauch zog durch Öffnungen im Dach oder andere Abzüge ab, blieb aber teilweise im Raum. Die Bewohner lebten deshalb in einer Umgebung, die warm, rauchig und eng gewesen sein dürfte.

Die drei größeren Wohnkomplexe waren nicht identisch.

Das größte Gebäude wird von Parks Canada als Halle des Anführers gedeutet. Seine Größe entsprach einer Häuptlingshalle in Island und übertraf sogar das bekannte Wohnhaus Eriks des Roten in Grönland. Es enthielt einen abgetrennten Raum für die Führung, einen großen Gemeinschaftsraum, Vorratsräume und einen seitlichen Arbeitsbereich, der wahrscheinlich für Bootsreparaturen genutzt wurde.

Diese Raumaufteilung weist auf eine erkennbare soziale Ordnung hin.

Der Leiter der Expedition lebte nicht unbedingt unter exakt denselben Bedingungen wie jedes andere Besatzungsmitglied. Er verfügte vermutlich über einen eigenen Bereich, während ein großer Teil der Mannschaft gemeinsam in länglichen Räumen schlief, arbeitete und aß.

Kleinere Gebäude dienten wahrscheinlich Menschen mit niedrigerem gesellschaftlichem Rang oder wurden gleichzeitig als Werkstätten und Unterkünfte genutzt.

Ein Spinnwirtel, eine Knochennadel und ein kleiner Schleifstein zeigen, dass auch Textilarbeiten ausgeführt wurden. Kleidung musste repariert, Fäden mussten hergestellt und beschädigte Ausrüstung instand gesetzt werden. Ein entfernter Stützpunkt konnte nicht jedes zerrissene Kleidungsstück nach Grönland zurückschicken.

Die Gebäude waren groß genug, um eine beträchtliche Gruppe aufzunehmen.

Parks Canada schätzt, dass der gesamte Stützpunkt Platz für bis zu etwa neunzig Menschen bot. Das bedeutet nicht zwingend, dass zu jedem Zeitpunkt tatsächlich neunzig Personen dort lebten. Es zeigt jedoch, dass L’Anse aux Meadows nicht nur ein kleines Lager für fünf oder sechs zufällig gestrandete Seeleute war.

Die Anlage war wahrscheinlich für mehrere Schiffsbesatzungen geeignet.

Ein großes nordisches Frachtschiff benötigte nur eine vergleichsweise kleine seemännische Besatzung, konnte aber viele Menschen, Tiere und Waren transportieren. Mehrere Schiffe konnten gemeinsam eine Expedition bilden und den Stützpunkt nacheinander oder gleichzeitig nutzen.

Auffällig ist, was fehlt.

Es wurden keine großen Stallanlagen, keine umfangreichen landwirtschaftlichen Einrichtungen und keine dauerhaften Bestattungsplätze gefunden. Auch eine stark ausgebaute Verteidigungsanlage ist nicht nachgewiesen.

Die heute für Besucher sichtbaren rekonstruierten Torfhäuser dürfen nicht mit den originalen Gebäuden verwechselt werden.

Die echten archäologischen Reste liegen geschützt im Boden. Nach den Ausgrabungen wurden empfindliche Bereiche wieder bedeckt, damit Witterung, Pflanzenwuchs und Besucher sie nicht weiter beschädigen. Die Rekonstruktionen stehen in der Nähe und zeigen auf Grundlage der Forschung, wie solche Gebäude ausgesehen haben könnten.

Wer heute ein rekonstruiertes Langhaus betritt, erlebt also keine tausend Jahre alte, vollständig erhaltene Wikingerwohnung.

Er betritt eine wissenschaftlich begründete Nachbildung.

Die eigentliche Fundstätte besteht aus den unscheinbaren Erhebungen und Bodenspuren daneben.

Gerade darin liegt ihre Besonderheit.

Die Geschichte zeigt sich nicht in einer mächtigen Ruine.

Sie zeigt sich in dem, was Archäologen aus flachen Wällen, verbrannter Erde und kleinen Gegenständen lesen konnten.

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Eisengewinnung, Schmiedearbeiten und Schiffsreparaturen

Der vielleicht überraschendste Fund von L’Anse aux Meadows war kein Schwert und kein kostbarer Schmuck.

Es war Eisenschlacke.

Sie beweist, dass die nordischen Bewohner an diesem Ort tatsächlich Eisen aus einem örtlichen Rohstoff gewannen.

In den Mooren der Region bildete sich sogenanntes Raseneisenerz oder Sumpfeisenerz. Eisenverbindungen lagerten sich in feuchten Böden ab und konnten als feste Klumpen gesammelt werden.

Das Material sah nicht wie ein fertiger Metallbarren aus.

Es musste zunächst vorbereitet, geröstet und anschließend in einem Ofen unter hoher Temperatur mit Holzkohle reduziert werden. Dabei entstand keine flüssige Eisenmenge, die einfach in eine Form gegossen werden konnte. Das Ergebnis war eine poröse, mit Schlacke vermischte Eisenluppe, die weiter ausgeschmiedet werden musste.

Die nordischen Bewohner verfügten über dieses Wissen bereits aus Europa und Grönland.

In L’Anse aux Meadows errichteten sie eine kleine, abseits der Wohngebäude gelegene Schmelzhütte. Dort standen ein einfacher Ofen und in der Nähe ein Meiler zur Herstellung von Holzkohle.

Die Entfernung zu den Wohnhäusern war sinnvoll.

Eisenverhüttung erzeugte starke Hitze, Rauch und Funken. Ein Schmelzofen stellte in einer Siedlung aus Holz, Torf und trockenen Pflanzen eine erhebliche Brandgefahr dar.

Die gefundene Schlackenmenge deutet darauf hin, dass wahrscheinlich nur ein einzelner Schmelzvorgang durchgeführt wurde. Die dabei erzeugte Eisenmenge war klein und hätte ungefähr für einhundert bis zweihundert Nägel oder Nieten ausgereicht.

Das klingt nach wenig.

Für eine Schiffsbesatzung konnte diese geringe Menge jedoch entscheidend sein.

Ein nordisches Schiff bestand überwiegend aus Holz, doch seine überlappenden Planken wurden mit zahlreichen eisernen Nieten verbunden. Bei einer langen Atlantikfahrt wirkten Wellen, Wind und Ladung ständig auf den Rumpf. Nieten konnten sich lockern, beschädigt werden oder beim Austausch einer Planke verloren gehen.

Ein einzelner fehlender Nagel brachte das Schiff nicht sofort zum Sinken.

Viele beschädigte Verbindungen konnten jedoch gefährlich werden.

Die Besatzung musste deshalb in der Lage sein, alte Nieten zu entfernen, neue Löcher zu bohren, Ersatzteile herzustellen und die Planken erneut miteinander zu verbinden.

In den Werkstattbereichen wurden zerbrochene oder verbogene Boots­nieten, Holzabfälle und Spuren intensiver Holzbearbeitung gefunden. Parks Canada deutet diese Verbindung als klaren Hinweis auf Schiffsreparaturen.

Dabei wurde nicht zwangsläufig ein vollständiges neues Schiff gebaut.

Dafür wären erheblich mehr Holz, Eisen, Arbeitszeit und vorbereitete Bauteile erforderlich gewesen. Wahrscheinlicher ist, dass beschädigte Schiffe ausgebessert, einzelne Planken ersetzt und lose Verbindungen erneuert wurden.

Der Standort eignete sich gut dafür.

In den umliegenden Regionen wuchs geeignetes Holz, das den Grönländern in ihrer Heimat nur begrenzt zur Verfügung stand. Ein Schiff konnte anlanden, entladen und bei Bedarf auf eine geeignete Uferfläche gezogen werden.

Im seitlichen Anbau des größten Gebäudes befand sich wahrscheinlich ein geschützter Arbeitsbereich für Bootsreparaturen. Dort konnten Werkzeuge, Holz und Beschläge aufbewahrt werden.

Die Herstellung der Nieten erforderte einen Schmied.

Das aus der Luppe gewonnene Eisen musste erhitzt und durch wiederholtes Hämmern von Schlackeresten befreit werden. Anschließend konnte der Schmied daraus längliche Nägel oder andere kleine Ersatzteile formen.

Das war keine Arbeit für einen Menschen, der zum ersten Mal einen Hammer in der Hand hielt.

Die Expedition musste entweder einen erfahrenen Schmied mitgebracht haben oder jemanden, der zumindest ausreichende Kenntnisse für einfache Reparaturarbeiten besaß.

Werkzeuge mussten ebenfalls gepflegt werden.

Äxte, Bohrer, Messer und Meißel wurden stumpf oder beschädigt. Der gefundene Schleifstein konnte bei der Pflege kleinerer Metallgegenstände helfen. Eine Schmiedestelle erlaubte es außerdem, verbogene Werkzeuge zu richten und kleine Ersatzteile herzustellen.

Die Eisenverarbeitung von L’Anse aux Meadows gilt als der früheste bekannte Nachweis der Eisengewinnung in Nordamerika.

Indigene Kulturen Nordamerikas kannten und nutzten unterschiedliche Metalle, darunter natürlich vorkommendes Kupfer. Die Verhüttung von Raseneisenerz nach nordischer Technik war jedoch etwas Neues.

Dieser technische Unterschied darf nicht als Beweis einer allgemeinen kulturellen Überlegenheit verstanden werden.

Die indigenen Bewohner verfügten über hoch entwickelte Kenntnisse ihrer eigenen Landschaft, Materialien, Jagdtechniken und Verkehrswege. Die nordischen Besucher brachten lediglich eine bestimmte metallurgische Tradition mit, die für ihre Schiffe und Werkzeuge besonders wichtig war.

Die Schmiede zeigt damit nicht, dass L’Anse aux Meadows ein großes Industriezentrum war.

Sie zeigt etwas viel Praktischeres:

Die Menschen wollten in der Lage sein, ihre Schiffe selbst zu reparieren.

Wer viele Tagesreisen von Grönland entfernt war, konnte nicht auf ein Ersatzteil aus der Heimat warten.

Er musste es vor Ort herstellen.

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Versorgung und Vorbereitung weiterer Fahrten

L’Anse aux Meadows lag nicht in der Region, in der alle in den Sagas beschriebenen Rohstoffe vorkamen.

An der Nordspitze Neufundlands wuchsen keine wilden Weintrauben und keine Butternussbäume. Trotzdem wurden an der Fundstätte Butternüsse und ein Stück Butternussholz entdeckt.

Das natürliche Verbreitungsgebiet dieser Baumart lag weiter südlich, besonders im Gebiet des heutigen New Brunswick und Nova Scotia. Die Gegenstände müssen daher aus einer südlicheren Region nach L’Anse aux Meadows gebracht worden sein.

Dieser Fund verändert die Bedeutung des Ortes.

L’Anse aux Meadows war offenbar nicht das endgültige südlichste Ziel der nordischen Reisen. Es war ein Ausgangspunkt, von dem aus Besatzungen weitere Teile der Küste und des Sankt-Lorenz-Golfs erkundeten.

Die Lage war dafür hervorragend geeignet.

Von der Belle-Isle-Straße aus konnte ein Schiff nach Süden entlang der Westküste Neufundlands oder in Richtung Labrador fahren. Inseln und Küstenlinien boten Orientierung. Gleichzeitig blieb das Lager relativ gut mit Grönland erreichbar.

Parks Canada beschreibt den Ort daher als Basislager und Tor zu den weiter südlich gelegenen Gebieten Vinlands.

Ein Basislager erfüllte andere Aufgaben als eine dauerhafte Bauern­siedlung.

Dort konnten Vorräte gesammelt und neu verteilt werden.

Menschen konnten sich von einer Reise erholen.

Schiffe wurden repariert.

Holz wurde zugeschnitten.

Erkundungsgruppen konnten aufbrechen und später zum bekannten Lager zurückkehren.

Ein solches System verringerte das Risiko.

Die gesamte Expedition musste nicht bei jeder Fahrt alle Menschen, Werkzeuge und Vorräte mitnehmen. Ein Teil der Gruppe blieb im Lager, während kleinere Besatzungen andere Küsten untersuchten.

Wer zurückkehrte, fand Feuerstellen, Gebäude, Nahrung und möglicherweise ein repariertes Schiff vor.

Die nordischen Bewohner nutzten die örtlichen Ressourcen.

Holz war dabei vermutlich besonders wichtig. Die Wälder Nordamerikas boten Bau- und Reparaturmaterial, das in Grönland knapp war. Stämme konnten gefällt, zu Balken oder Planken verarbeitet und für die Rückfahrt vorbereitet werden.

Auch kleinere Holzstücke waren wertvoll.

Aus ihnen konnten Werkzeugstiele, Schalen, Behälter und andere Gebrauchsgegenstände entstehen. Ein Schiff musste nicht nur große Balken transportieren, damit sich die Fahrt lohnte.

Fisch, Vögel, Eier, Beeren und möglicherweise Wild ergänzten die mitgebrachten Vorräte.

Archäologisch ist nicht jede Mahlzeit rekonstruierbar. Organische Reste vergehen, und ein nur wenige Jahre genutztes Lager hinterlässt wesentlich weniger Abfall als eine über Jahrhunderte bewohnte Siedlung.

Die Lage an Küste, Bach und Moor bot jedoch verschiedene Versorgungsmöglichkeiten.

Die Gruppe musste dennoch einen erheblichen Teil ihrer Nahrung mitbringen.

Eine unbekannte Landschaft lieferte nicht automatisch vom ersten Tag an ausreichend Nahrung. Die Menschen mussten zunächst lernen, wo Fische gefangen werden konnten, welche Pflanzen essbar waren und wann Tiere in der Region vorkamen.

Das galt besonders für eine Ankunft außerhalb der günstigsten Jahreszeit.

Ein Schiff, das spät im Sommer eintraf, konnte nicht darauf vertrauen, noch rechtzeitig große Vorräte für den Winter aufzubauen.

Deshalb gehörten getrockneter Fisch, Mehl, Butter und andere haltbare Lebensmittel wahrscheinlich zur Grundausstattung der Expedition.

In den Gebäuden befanden sich größere Lagerräume. Das spricht dafür, dass beträchtliche Mengen an Nahrung, Werkzeugen und gesammelten Rohstoffen untergebracht werden konnten.

Auch Kleidung und Segel mussten instand gehalten werden.

Der Spinnwirtel und die Knochennadel weisen auf Textilarbeiten hin. Frauen konnten Fäden herstellen, Kleidung nähen oder beschädigte Stoffe reparieren. Diese Tätigkeiten waren keineswegs nebensächlich.

Ein zerrissenes Segel konnte ein Schiff bewegungsunfähig machen.

Eine beschädigte Wolltunika oder ein undichter Schuh konnte in kaltem, nassem Wetter zur Gefahr werden.

Das Lager war daher nicht nur eine Werkstatt für Holz und Eisen.

Es war ein Ort, an dem die gesamte Ausrüstung einer Expedition erhalten wurde.

Die Anwesenheit von Frauen zeigt außerdem, dass zumindest ein Teil der Fahrten über eine reine militärische Erkundung hinausging.

Die Sagas berichten von größeren Expeditionen, zu denen Frauen und Tiere gehörten. Archäologisch lässt sich nicht beweisen, welche konkrete Sagaexpedition L’Anse aux Meadows nutzte. Die Textilwerkzeuge passen jedoch zu einer Gruppe, die sich auf einen längeren Aufenthalt vorbereitete.

Viehhaltung in größerem Umfang ist für die Fundstätte nicht nachgewiesen.

Einzelne Tiere könnten dennoch mitgeführt worden sein. Sie lieferten während der Reise Milch, Fleisch oder andere Rohstoffe und konnten bei einem geplanten Siedlungsversuch benötigt werden.

Die begrenzte Zahl an Gebäuden und das Fehlen großer Stallanlagen sprechen jedoch dagegen, dass L’Anse aux Meadows zu einem dauerhaft betriebenen Viehhof ausgebaut wurde.

Der Ort blieb auf Seefahrt und Versorgung ausgerichtet.

Hier wurde nicht versucht, eine neue nordische Landschaft vollständig nachzubauen.

Hier wurde eine Expedition arbeitsfähig gehalten.

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Der Nachweis nordischer Anwesenheit im Jahr 1021

Die ursprünglichen Ausgrabungen konnten L’Anse aux Meadows in das frühe 11. Jahrhundert einordnen.

Radiokarbondatierungen, Bauweise und Fundstücke passten ungefähr in die Zeit um das Jahr 1000. Eine exakte Jahreszahl ließ sich daraus zunächst nicht gewinnen.

Radiokarbondaten besitzen gewöhnlich einen Unsicherheitsbereich.

Ein Holzstück kann häufig auf mehrere Jahrzehnte oder sogar einen größeren Zeitraum eingegrenzt werden. Für eine historische Frage wie „In welchem genauen Jahr waren die nordischen Bewohner hier?“ reicht das nicht aus.

Im Jahr 2021 veröffentlichte ein internationales Forschungsteam jedoch eine Untersuchung, mit der erstmals ein bestimmtes Kalenderjahr nachgewiesen werden konnte.

Die Wissenschaftler untersuchten drei Holzstücke von L’Anse aux Meadows. Alle waren eindeutig mit Metallwerkzeugen bearbeitet worden. Solche glatten Schnittspuren passten nicht zu den damals in der Region verwendeten indigenen Steinwerkzeugen und standen im Zusammenhang mit der nordischen Nutzung des Ortes.

Entscheidend war ein außergewöhnliches Ereignis aus dem Jahr 993.

Damals traf ein starker Ausbruch kosmischer Strahlung die Erdatmosphäre. Dadurch veränderte sich weltweit der Anteil des radioaktiven Kohlenstoffisotops Kohlenstoff-14. Bäume nahmen dieses veränderte Signal während ihres Wachstums auf.

In ihren Jahresringen blieb damit eine Art weltweiter Zeitstempel erhalten.

Die Forscher fanden dieses Signal in den untersuchten Holzstücken. Anschließend zählten sie die Jahresringe von diesem markierten Ring bis zur äußersten erhaltenen Baumkante.

Es waren achtundzwanzig weitere Jahresringe.

Damit stand fest, dass die Bäume im Jahr 1021 gefällt worden waren.

Die äußerste Baumkante war für diesen Nachweis besonders wichtig.

Wäre nur ein inneres Stück des Stammes erhalten gewesen, hätte der Baum noch viele Jahre nach dem letzten vorhandenen Ring weiterleben können. Bei den untersuchten Stücken war jedoch die natürliche Außenkante erhalten. Der letzte Ring entsprach damit tatsächlich dem Jahr der Fällung.

Auch die Möglichkeit, es könne sich um lange im Meer treibendes Holz handeln, wurde dadurch sehr unwahrscheinlich.

Die empfindliche Außenkante wäre bei längerem Transport im Wasser gewöhnlich beschädigt oder abgerieben worden. Die Bearbeitungsspuren zeigen außerdem, dass das Holz vor Ort oder zumindest im unmittelbaren Zusammenhang mit der nordischen Tätigkeit verarbeitet wurde.

Das Jahr 1021 bezeichnet nicht zwangsläufig das Gründungsjahr der Siedlung.

Die Menschen könnten bereits zuvor angekommen sein.

Sie könnten auch nach 1021 noch einige Zeit dort geblieben sein.

Die Datierung beweist zunächst nur, dass in diesem Jahr nordische Menschen an der Fundstätte Bäume fällten und Holz mit Metallwerkzeugen bearbeiteten.

Doch gerade diese begrenzte Aussage ist historisch außergewöhnlich.

Sie bildet die bislang einzige sichere Kalenderjahresangabe für europäische Tätigkeit in Amerika vor den Reisen des Kolumbus.

Im Jahr 1021 war die Wikingerzeit bereits weit fortgeschritten.

Island war seit mehr als einem Jahrhundert besiedelt.

Die nordischen Siedlungen Grönlands bestanden seit mehreren Jahrzehnten.

Das Christentum breitete sich in der nordischen Welt aus.

Und an der Nordspitze Neufundlands bearbeitete eine kleine Gruppe Holz, reparierte Schiffe und bereitete weitere Reisen vor.

Zwischen diesen Menschen und uns liegen heute mehr als tausend Jahre.

Die Jahresringe eines Baumes haben eines davon genau festgehalten.

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Funktion, Dauer und Umfang der Nutzung

L’Anse aux Meadows wird häufig als Wikingersiedlung bezeichnet.

Das ist nicht grundsätzlich falsch, kann aber einen unzutreffenden Eindruck erwecken.

Der Ort war keine große Stadt.

Er war keine über viele Generationen betriebene Bauernkolonie.

Und er war wahrscheinlich auch nicht das gesamte Vinland der Sagas.

Die archäologischen Spuren sprechen am ehesten für ein zeitweilig genutztes Basislager.

Von dort aus konnten nordische Gruppen weiter nach Süden reisen, Rohstoffe sammeln, Schiffe reparieren und sich auf die Rückfahrt nach Grönland vorbereiten. Parks Canada beschreibt die Fundstätte ausdrücklich als Ausgangspunkt für Erkundungen und Ressourcengewinnung in Vinland.

Die Größe der Gebäude zeigt, dass der Aufenthalt ernsthaft vorbereitet war.

Die Menschen errichteten nicht nur einige Zelte oder einfache Windschirme. Sie bauten große Torfhäuser, Werkstätten, Lagerräume und eine Schmiede.

Dafür mussten sie beträchtliche Arbeitskraft einsetzen.

Holz wurde gefällt und zugeschnitten.

Torf wurde aus dem Moor gestochen.

Wände und Dächer wurden errichtet.

Feuerstellen, Werkstätten und Lagerräume wurden eingerichtet.

Eine Gruppe hätte diesen Aufwand kaum betrieben, wenn sie nur zwei oder drei Nächte bleiben wollte.

Parks Canada geht davon aus, dass der Stützpunkt Platz für bis zu etwa neunzig Personen bot und wahrscheinlich nur wenige Jahre genutzt wurde. Die Erkundungsfahrten fanden vermutlich vor allem während der Sommermonate statt.

Die Zahl von neunzig Menschen beschreibt die mögliche Kapazität der Gebäude.

Sie beweist nicht, dass immer neunzig Bewohner gleichzeitig dort waren.

Vielleicht trafen mehrere Schiffsbesatzungen nur zeitweise zusammen.

Vielleicht blieb eine kleinere Gruppe zurück, während andere Menschen auf Erkundungsfahrt waren.

Vielleicht wurde der Ort während verschiedener Jahre von wechselnden Expeditionen genutzt.

Auch die genaue Zahl der Überwinterungen ist unbekannt.

Die Gebäude konnten mehrmals bewohnt worden sein. Ihre Lebensdauer wäre grundsätzlich länger gewesen als ein einzelner Sommer. Gleichzeitig hinterließ die Nutzung keine großen Abfallberge, ausgedehnten Friedhöfe oder umfangreichen Umbauphasen.

Das spricht für einen relativ kurzen Aufenthalt.

Parks Canada formuliert deshalb vorsichtig, die Menschen hätten möglicherweise nur einige Jahre dort gelebt.

Ob die Gebäude durchgehend bewohnt waren, ist ebenfalls offen.

Der Stützpunkt konnte in einem Jahr vollständig besetzt und im folgenden Jahr nur von einer kleineren Gruppe genutzt worden sein.

Er konnte zwischen einzelnen Expeditionen leer stehen.

Ein verlassenes Torfhaus zerfiel nicht sofort. Eine spätere Besatzung hätte es reparieren und erneut beziehen können.

Die unterschiedlichen Gebäudegruppen könnten auf mehrere Schiffsbesatzungen hinweisen.

Jede Gruppe verfügte möglicherweise über einen eigenen Wohnbereich, während bestimmte Werkstätten gemeinsam genutzt wurden. Das größte Gebäude war wahrscheinlich der Führung einer Expedition vorbehalten.

Diese Deutung passt zu den nordischen Gesellschaftsstrukturen, lässt sich jedoch nicht bis zu jedem einzelnen Bewohner beweisen.

Auch die Frage, ob L’Anse aux Meadows mit einem bestimmten Ort aus den Sagas gleichgesetzt werden kann, bleibt offen.

Vorgeschlagen wurden unter anderem Leifsbúðir, also Leifs Häuser, und Straumfjörð, der Stromfjord. Keine dieser Zuordnungen lässt sich zweifelsfrei nachweisen.

Die Fundstätte passt grundsätzlich zu einem nordischen Lager in Vinland.

Die Sagas enthalten jedoch keine genauen Koordinaten, und ihre Landschaftsbeschreibungen wurden lange nach den Ereignissen niedergeschrieben.

Wir können daher nicht sicher sagen:

Dieses Haus gehörte Leif Eriksson.

In diesem Raum lebte Thorfinn Karlsefni.

An diesem Feuer saß eine bestimmte Sagafigur.

Solche Aussagen wären anschaulich, aber historisch nicht belegt.

Auch die Bezeichnung „Leif Erikssons Siedlung“ sollte deshalb nur mit Vorsicht verwendet werden.

Leif Eriksson könnte den Ort genutzt haben.

Vielleicht wurde er von einer späteren Expedition errichtet.

Vielleicht nutzten mehrere Gruppen denselben Platz.

Die Archäologie bestätigt die nordischen Fahrten, identifiziert aber nicht die Namen der Bewohner.

Die Funktion als Stützpunkt ist wesentlich sicherer als die Verbindung zu einer einzelnen Person.

Dort wurden Schiffe repariert.

Dort wurde Eisen hergestellt.

Dort wurden Vorräte und Rohstoffe gelagert.

Von dort aus reisten Menschen weiter nach Süden.

Und von dort kehrten sie wahrscheinlich nach Grönland zurück.

L’Anse aux Meadows war damit klein, aber nicht unbedeutend.

Es war die westlichste nachgewiesene Station eines Verkehrs- und Siedlungsnetzes, das in Skandinavien begann und sich über Island und Grönland bis nach Nordamerika erstreckte.

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Mögliche Gründe für die Aufgabe des Stützpunktes

Die Gebäude von L’Anse aux Meadows wurden nicht durch eine große Katastrophe zerstört.

Es gibt keine eindeutigen Spuren eines verheerenden Feuers, einer Schlacht oder eines plötzlichen gewaltsamen Endes.

Die Bewohner scheinen den Ort geordnet verlassen zu haben.

Wertvolle Werkzeuge und brauchbare Ausrüstung wurden weitgehend mitgenommen. Zurück blieben vor allem beschädigte, verlorene oder zu kleine Gegenstände, um sie noch einzusammeln.

Die Gebäude verfielen anschließend.

Die Holzteile verrotteten.

Die Torfwände sackten zusammen.

Gras und andere Pflanzen überwucherten die Reste.

Warum die Menschen nicht dauerhaft zurückkehrten, lässt sich nicht mit einem einzigen Beweis erklären.

Mehrere Faktoren dürften zusammengewirkt haben.

Der erste war die Entfernung.

L’Anse aux Meadows lag viele Tagesreisen von den grönländischen Siedlungen entfernt. Jede Reise erforderte ein seetüchtiges Schiff, eine erfahrene Besatzung und erhebliche Vorräte.

Ein Sturm konnte die Fahrt verlängern oder ein Schiff zerstören.

Ein verlorenes Schiff bedeutete für die kleine grönländische Bevölkerung einen schweren wirtschaftlichen und menschlichen Verlust.

Auch die Entfernung zu Europa spielte eine Rolle.

Grönland selbst lag bereits am äußersten Rand der nordischen Handelswelt. Eine weitere dauerhafte Siedlung in Nordamerika hätte regelmäßig Menschen, Eisen, Werkzeuge und andere Güter benötigt.

Jedes Versorgungsschiff hätte zunächst Island und Grönland erreichen und anschließend noch weiter nach Westen fahren müssen.

Der zweite Faktor war die geringe Bevölkerungszahl Grönlands.

Die nordischen Siedlungen konnten nur eine begrenzte Zahl zusätzlicher Menschen, Schiffe und Vorräte bereitstellen. Wer nach Vinland ging, fehlte auf den Höfen Grönlands.

Eine dauerhafte Kolonie hätte Familien, Handwerker, Tiere und eine politische Führung benötigt.

Ein paar Dutzend Menschen konnten einen Stützpunkt betreiben.

Sie konnten aber kein riesiges und bereits bewohntes Gebiet kontrollieren.

Der dritte Faktor waren die indigenen Bewohner Nordamerikas.

Die Sagas berichten von Handel, Missverständnissen und schließlich gewaltsamen Auseinandersetzungen. Die einzelnen Szenen können literarisch gestaltet sein, doch der grundlegende Konflikt ist plausibel.

Die nordischen Besucher befanden sich in einem Land, das bereits von anderen Menschen genutzt wurde.

Sie waren zahlenmäßig weit unterlegen.

Jede Auseinandersetzung gefährdete die gesamte Expedition.

Die Nordleute konnten eine kleine Gruppe in einem einzelnen Gefecht besiegen. Gegen größere und ortskundige Gemeinschaften hätten sie jedoch auf Dauer kaum bestehen können.

Die archäologische Fundstätte liefert keinen direkten Beweis für eine Schlacht in L’Anse aux Meadows.

Mögliche Konflikte können andernorts stattgefunden haben. Der Ort war schließlich ein Ausgangspunkt für Fahrten und nicht zwangsläufig der Schauplatz jeder in den Sagas beschriebenen Begegnung.

Der vierte Faktor war der wirtschaftliche Nutzen.

Nordamerika bot wertvolles Holz, Felle und andere Rohstoffe.

Doch diese Güter mussten gefällt, bearbeitet, zum Schiff transportiert und über eine gefährliche Strecke nach Grönland gebracht werden.

Holz konnte möglicherweise auch im näher gelegenen Markland, wahrscheinlich Labrador, beschafft werden. Dafür musste eine Expedition nicht unbedingt einen dauerhaft bewohnten Stützpunkt weiter südlich unterhalten.

Der Aufwand konnte daher größer gewesen sein als der zusätzliche Gewinn.

Auch Butternüsse, Weintrauben und andere südliche Ressourcen waren interessant, aber nicht zwangsläufig wertvoll genug, um eine dauerhafte Kolonie zu rechtfertigen.

Der fünfte Faktor war die politische Organisation.

Die Vinlandfahrten scheinen nicht Teil eines langfristigen staatlichen Kolonisationsprogramms gewesen zu sein. Sie wurden wahrscheinlich von einzelnen wohlhabenden Familien, Händlern und Schiffsführern organisiert.

Starb ein Anführer, verlor er sein Vermögen oder änderten sich seine Interessen, konnte eine Fahrt einfach nicht wiederholt werden.

Es gab keine große nordische Verwaltung, die unabhängig von einzelnen Menschen jedes Jahr neue Siedler und Versorgungsschiffe entsandte.

Der sechste Faktor war das Risiko eines Winters.

Die Landschaft Neufundlands bot mehr Holz als Grönland und wirkte in manchen Bereichen fruchtbar. Trotzdem waren die Winter kalt, stürmisch und lang.

Eine Gruppe, die ihre Vorräte falsch einschätzte oder von der Rückfahrt abgeschnitten wurde, geriet schnell in Gefahr.

Ein einzelner erfolgreicher Winter bewies nicht, dass eine Siedlung langfristig bestehen konnte.

Wahrscheinlich entstand die Aufgabe des Stützpunktes daher nicht aus einem einzigen dramatischen Ereignis.

Die Menschen rechneten.

Sie betrachteten Entfernung, Gewinn, Gefahr und verfügbare Arbeitskraft.

Und irgendwann fiel die Entscheidung:

Es lohnte sich nicht, dauerhaft zu bleiben.

Das bedeutet nicht, dass danach niemals wieder ein nordisches Schiff eine nordamerikanische Küste erreichte.

Vereinzelte spätere Fahrten nach Markland oder in andere westliche Gebiete sind möglich und werden in mittelalterlichen Quellen angedeutet.

Archäologisch nachgewiesen ist eine regelmäßige dauerhafte Verbindung bisher jedoch nicht.

L’Anse aux Meadows wurde verlassen.

Vinland blieb erreichbar, wurde aber kein stabiler Teil der nordischen Siedlungswelt.

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Gesicherte Erkenntnisse und offene Fragen

L’Anse aux Meadows gehört zu den historischen Orten, an denen ungewöhnlich klar zwischen gesicherten Erkenntnissen und offenen Fragen unterschieden werden kann.

Gesichert ist:

Nordische Seefahrer erreichten Nordamerika.

Sie errichteten an der Nordspitze Neufundlands acht Gebäude in der Bauweise Islands und Grönlands.

Sie lebten und arbeiteten dort im frühen 11. Jahrhundert.

Sie gewannen Eisen aus örtlichem Raseneisenerz.

Sie schmiedeten Nägel und reparierten Schiffe.

Frauen gehörten zumindest zeitweise zur Gruppe.

Die Bewohner oder andere Mitglieder ihrer Expedition reisten weiter nach Süden.

Und im Jahr 1021 wurde an der Fundstätte Holz mit Metallwerkzeugen bearbeitet.

Sehr wahrscheinlich ist:

Der Ort diente als Basislager für die Erkundung Vinlands.

Er wurde nur wenige Jahre genutzt.

Mehrere Schiffsbesatzungen konnten dort untergebracht werden.

Die Gruppe sammelte Holz und andere Rohstoffe für Grönland.

Die Gebäude wurden wahrscheinlich mehrfach und möglicherweise saisonal genutzt.

Offen bleibt:

Wer den Ort gründete.

Ob Leif Eriksson persönlich dort lebte.

Welchem in den Sagas genannten Lager L’Anse aux Meadows entspricht.

Wie viele Menschen sich tatsächlich gleichzeitig dort aufhielten.

Wie viele Winter sie dort verbrachten.

Wie häufig weitere Fahrten nach Süden stattfanden.

Wo genau die Begegnungen mit den indigenen Bewohnern erfolgten.

Und ob irgendwo in Nordamerika noch weitere nordische Lagerplätze auf ihre eindeutige Identifizierung warten.

Auch die Bedeutung des Fundes muss genau formuliert werden.

L’Anse aux Meadows beweist nicht, dass die Wikinger ganz Nordamerika erkundeten.

Es beweist keine dauerhafte nordische Kolonie über viele Generationen.

Es beweist nicht jede Geschichte über Leif Eriksson.

Und es bedeutet nicht, dass nordische Menschen einen unbewohnten Kontinent entdeckten.

Indigene Gemeinschaften lebten bereits seit Jahrtausenden in der Region. Parks Canada weist auf menschliche Nutzung des Gebietes mindestens viertausend Jahre vor der nordischen Ankunft hin.

Was der Fund beweist, ist trotzdem außergewöhnlich genug:

Menschen aus der nordischen Welt überquerten den Atlantik.

Sie erreichten Nordamerika ungefähr fünf Jahrhunderte vor Kolumbus.

Sie bauten Häuser, verhütteten Eisen und reparierten ihre Schiffe.

Sie fanden den Weg weiter nach Süden und kehrten wieder zurück.

Die Entdeckung von L’Anse aux Meadows veränderte deshalb nicht nur das Wissen über die Wikinger.

Sie veränderte auch das Verständnis der Geschichte des Atlantiks.

Der Ozean war bereits um das Jahr 1000 kein unüberwindlicher Rand der bekannten Welt.

Er war eine Strecke, die Menschen mit offenen Holzschiffen, Segeln, Erfahrung und beträchtlichem Mut tatsächlich überquerten.

L’Anse aux Meadows war dabei kein großes Reich und keine glanzvolle Hauptstadt.

Es war ein kleiner Stützpunkt aus Torf und Holz.

Gerade deshalb wirkt der Ort so unmittelbar.

Hier standen Menschen in einer Werkstatt und schmiedeten einen Nagel.

Hier wurde nasse Kleidung am Feuer getrocknet.

Hier plante eine Besatzung die nächste Fahrt.

Hier warteten andere darauf, ob ein Schiff zurückkehrte.

Und hier wurde irgendwann entschieden, die Gebäude zu verlassen und nach Grönland zurückzufahren.

Die Häuser verschwanden beinahe vollständig in der Landschaft.

Die Geschichte blieb.

Und fast tausend Jahre später reichten einige flache Wälle, verrostete Nieten und die Jahresringe dreier Bäume aus, um sie wieder sichtbar zu machen.

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10. Leif Eriksson

Leif Eriksson gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Wikingerzeit.

Sein Name ist heute eng mit der Fahrt nach Vinland verbunden. Häufig wird er als der erste Europäer bezeichnet, der Nordamerika erreichte – fast fünf Jahrhunderte vor Christoph Kolumbus.

Diese kurze Aussage klingt eindeutig.

Die historischen Quellen sind es nicht.

Dass nordische Seefahrer Nordamerika um das Jahr 1000 erreichten, ist durch L’Anse aux Meadows zweifelsfrei bewiesen. Ob Leif Eriksson persönlich an genau diesem Ort lebte, lässt sich dagegen nicht archäologisch nachweisen.

Unser Wissen über ihn stammt vor allem aus den beiden Vinland-Sagas. Diese wurden erst ungefähr zwei Jahrhunderte nach den beschriebenen Ereignissen niedergeschrieben. Sie beruhen auf älteren mündlichen Überlieferungen, erzählen seine Reise aber unterschiedlich.

Leif Eriksson gilt dennoch allgemein als historische Persönlichkeit. Er gehörte wahrscheinlich zu einer der einflussreichsten Familien der nordischen Siedlungen auf Grönland. Sein Vater war Erik der Rote, der entscheidend an der Gründung dieser Siedlungen beteiligt war.

Wie Leif nach Vinland gelangte, welche Rolle er bei der Fahrt spielte und ob er das Land wirklich als erster nordischer Seefahrer betrat, bleibt jedoch offen.

Leif Eriksson steht damit an einer besonderen Stelle zwischen Geschichte und Überlieferung.

Er war sehr wahrscheinlich ein wirklicher Mensch.

Die Welt, in der er lebte, ist archäologisch gut belegt.

Die Fahrt nach Nordamerika fand tatsächlich statt.

Doch die Einzelheiten seiner Biografie erreichen uns durch Geschichten, die über Generationen erzählt wurden, bevor jemand sie aufschrieb.

Herkunft, Familie und Leben auf Grönland

Leif Eriksson wurde wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts geboren.

Ein genaues Geburtsjahr ist nicht bekannt. Häufig wird ein Zeitraum um 970 angenommen. Diese Datierung ergibt sich aus den überlieferten Ereignissen seines Lebens und aus der zeitlichen Einordnung der grönländischen Besiedlung. Eine zeitgenössische Urkunde, in der sein Geburtsdatum festgehalten wurde, existiert nicht.

Sein Name bedeutet Leif, Sohn Eriks.

Die Schreibweise Eriksson folgt dem altnordischen Namenssystem. Ein solcher Name war ursprünglich kein Familienname, der unverändert an alle Nachkommen weitergegeben wurde. Er erklärte, wer der Vater eines Menschen war.

Leif war der Sohn Eriks des Roten.

Erik hieß selbst eigentlich Erik Thorvaldsson, also Erik, Sohn Thorvalds. Den Beinamen „der Rote“ erhielt er möglicherweise wegen seiner roten Haare, seines rötlichen Bartes oder seines auffälligen Erscheinungsbildes. Auch dies ist überliefert, aber nicht unabhängig belegt.

Erik der Rote stammte aus Norwegen und lebte später auf Island. Nach den Sagas musste er Island infolge schwerer Auseinandersetzungen und Tötungsdelikte verlassen.

Während seiner Verbannung erkundete er die Küsten Grönlands. Nach seiner Rückkehr warb er in Island für eine Besiedlung des Landes. Die Saga überliefert, dass er ihm bewusst den einladenden Namen Grönland gegeben habe, weil Menschen eher bereit seien, dorthin zu ziehen, wenn das Land einen guten Namen trage.

Ob Erik dabei tatsächlich bereits eine frühe Form erfolgreicher Werbung betrieb oder ob diese Erklärung später erzählerisch zugespitzt wurde, ist nicht sicher.

Fest steht, dass im späten 10. Jahrhundert nordische Siedler von Island nach Grönland zogen und dort dauerhafte Höfe errichteten.

Leif wuchs damit in einer Familie auf, die selbst Teil einer außergewöhnlichen Wanderungsbewegung war.

Seine Familie lebte nicht seit vielen Generationen an demselben Ort. Sein Vater hatte Island verlassen und gehörte zu den Begründern einer neuen nordischen Gesellschaft am Rand der bekannten Welt.

Die wichtigsten Höfe lagen an geschützten Fjorden im Südwesten Grönlands.

Der Hof Eriks des Roten wird in den Sagas Brattahlíð genannt. Er lag in der sogenannten Ostsiedlung, wahrscheinlich im Gebiet des heutigen Qassiarsuk.

Die Bezeichnung Ostsiedlung ist dabei missverständlich. Sie befand sich nicht an der vereisten Ostküste Grönlands, sondern im südlichen Teil der Westküste. Sie lag lediglich weiter östlich und südlich als die kleinere Westsiedlung.

Brattahlíð war vermutlich einer der bedeutendsten Höfe der frühen grönländischen Gemeinschaft.

Dort wurden Tiere gehalten, Heu für den Winter gewonnen und Gäste aufgenommen. Ein wohlhabender Hof war zugleich ein wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Mittelpunkt.

Leif wuchs daher wahrscheinlich nicht als gewöhnlicher Sohn einer armen Bauernfamilie auf.

Sein Vater besaß Einfluss. Die Familie verfügte über Land, Tiere, Arbeitskräfte und Verbindungen zu anderen bedeutenden Haushalten.

Dieser Hintergrund war wichtig für Leifs spätere Fahrten.

Ein hochseetaugliches Schiff war teuer.

Vorräte mussten bereitgestellt werden.

Eine Besatzung musste gewonnen und versorgt werden.

Ein Mensch ohne Besitz, Familie oder gesellschaftliche Beziehungen konnte nicht ohne Weiteres eine Entdeckungsfahrt ausrüsten.

Leifs Mutter wird in den Sagas Þjóðhildr genannt. In deutscher Schreibweise erscheint ihr Name häufig als Thjodhild oder Tjodhild.

Sie soll später das Christentum angenommen und in der Nähe von Brattahlíð eine Kirche errichten lassen haben. Die sogenannte Kirche der Thjodhild wird in den Überlieferungen als frühes Zeichen des christlichen Glaubens in Grönland dargestellt.

Archäologisch wurden in Qassiarsuk die Reste einer kleinen Kirche aus der frühen nordischen Siedlungszeit gefunden. Sie wird häufig mit der überlieferten Kirche Thjodhilds verbunden.

Eine vollständige Sicherheit besteht jedoch nicht.

Die archäologische Kirche beweist frühes Christentum in der grönländischen Siedlung. Sie trägt aber keine erhaltene Inschrift, die ihren Bau ausdrücklich Thjodhild zuschreibt.

Leif hatte nach den Sagas mehrere Geschwister.

Genannt werden die Brüder Thorvald und Thorstein sowie eine Schwester oder Halbschwester namens Freydis.

Alle drei spielen in den Vinland-Sagas eine Rolle.

Thorvald soll nach Leifs Rückkehr eine weitere Fahrt nach Vinland unternommen und dort bei einer Auseinandersetzung mit indigenen Bewohnern den Tod gefunden haben.

Thorstein soll versucht haben, den Leichnam seines Bruders zurückzuholen, sein Ziel jedoch nicht erreicht haben.

Freydis erscheint in den beiden Sagas in stark voneinander abweichenden Rollen. In einer Erzählung handelt sie mutig während eines Angriffs. In der anderen wird sie als treibende Kraft hinter einem brutalen Konflikt innerhalb einer Expedition dargestellt.

Diese Unterschiede zeigen, wie vorsichtig Familiengeschichten aus den Sagas gelesen werden müssen.

Die Texte bewahren Namen und Verwandtschaftsverhältnisse. Gleichzeitig formen sie ihre Personen nach den erzählerischen und moralischen Absichten der jeweiligen Überlieferung.

Auch über Leifs eigene Familie ist nur wenig bekannt.

Die Sagas berichten von einem Sohn namens Thorgils, der während eines Aufenthalts auf den Hebriden gezeugt worden sein soll. Später erscheint außerdem ein Sohn namens Thorkell, der Leifs Stellung auf Grönland übernommen haben könnte.

Wie zuverlässig diese Angaben sind, lässt sich nicht unabhängig überprüfen.

Es ist wahrscheinlich, dass ein wohlhabender Mann wie Leif Nachkommen besaß und seine gesellschaftliche Stellung innerhalb der Familie weitergab. Die genauen Umstände seines privaten Lebens bleiben jedoch weitgehend unbekannt.

Auch seine Jugend lässt sich nicht ausführlich rekonstruieren.

Leif dürfte auf einem Hof Fähigkeiten gelernt haben, die für das Leben in Grönland notwendig waren.

Er musste mit Tieren umgehen, Wetter und Landschaft beobachten und die Organisation eines großen Haushalts verstehen.

Als Angehöriger einer einflussreichen Familie dürfte er außerdem früh mit politischen Entscheidungen, Gastfreundschaft, Handel und der Führung anderer Menschen in Berührung gekommen sein.

Besonders wichtig war die Seefahrt.

Grönland war nur über das Meer mit Island und Europa verbunden. Ein Mensch, der dort lebte, konnte nicht vollständig auf Schiffe verzichten.

Eisen, Holz und bestimmte Waren mussten eingeführt werden.

Walrosselfenbein, Häute und andere Produkte wurden ausgeführt.

Nachrichten, Priester, Händler und neue Siedler kamen mit Schiffen.

Ein Sohn Eriks des Roten dürfte daher schon früh erlebt haben, wie Schiffe ausgerüstet, beladen und geführt wurden.

Ob Leif selbst als Schiffbauer arbeitete, wissen wir nicht.

Als späterer Schiffsführer musste er jedoch zumindest beurteilen können, ob ein Schiff für eine Reise geeignet war, welche Besatzung benötigt wurde und wie viele Vorräte mitgeführt werden mussten.

Die Sagas schildern Leif als entschlossenen, angesehenen und vergleichsweise besonnenen Mann.

Dieses Bild kann auf einer historischen Erinnerung beruhen. Es kann ebenso aus der späteren literarischen Gestaltung entstanden sein.

In der Grönländer-Saga erscheint er als derjenige, der aus einem Bericht über unbekannte Küsten eine geplante Erkundungsfahrt macht.

Er kauft das Schiff Bjarnis, stellt eine Mannschaft zusammen und folgt den beschriebenen Hinweisen nach Westen.

Damit verkörpert er in der Erzählung nicht den zufälligen Entdecker.

Er ist derjenige, der aus einer zufälligen Sichtung eine gezielte Unternehmung macht.

Auch sein Beiname „der Glückliche“ oder „der vom Glück Begünstigte“ stammt aus den Sagas.

Leif soll auf der Rückreise von Vinland Schiffbrüchige gerettet und deren Ladung geborgen haben. Dadurch habe er großen Reichtum und seinen Beinamen Leif der Glückliche erhalten.

Ob dieser Beiname bereits zu seinen Lebzeiten verwendet wurde, ist nicht bekannt.

Er passt jedoch gut zu der literarischen Darstellung eines Mannes, der eine gefährliche Reise erfolgreich beendet, andere Menschen rettet und mit wertvollen Gütern zurückkehrt.

Über Leifs späteres Leben auf Grönland berichten die Quellen nur wenig.

Nach dem Tod Eriks des Roten dürfte er eine führende Stellung innerhalb seiner Familie und möglicherweise innerhalb der gesamten Ostsiedlung übernommen haben.

Ein bedeutender Hofbesitzer hatte wirtschaftliche und politische Verantwortung.

Er musste Arbeitskräfte organisieren, Streitigkeiten vermitteln, Gäste bewirten und Beziehungen zu anderen einflussreichen Familien pflegen.

Leif war damit wahrscheinlich nicht nur Seefahrer.

Den größten Teil seines Lebens verbrachte er vermutlich auf Grönland – als Hofbesitzer, Familienoberhaupt und regional bedeutender Mann.

Gerade das entspricht dem allgemeinen Bild der Wikingerzeit.

Auch ein berühmter Entdeckungsfahrer lebte nicht ständig auf einem Schiff.

Nach der Fahrt warteten Tiere, Vorräte, Familie und ein Hof.

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Die unterschiedlichen Berichte über seine Vinlandfahrt

Die beiden wichtigsten Berichte über Leifs Reise nach Vinland stehen in der Grönländer-Saga und in der Saga von Erik dem Roten.

Beide Texte verbinden seinen Namen mit Nordamerika.

Sie erzählen jedoch unterschiedliche Versionen davon, wie er dorthin gelangte.

Nach der Grönländer-Saga war Leif nicht der erste nordische Seefahrer, der nordamerikanisches Land sah.

Diese Rolle fällt Bjarni Herjólfsson zu.

Bjarni soll von Island nach Grönland gesegelt sein, um dort seinen Vater zu besuchen. Während der Reise geriet sein Schiff vom geplanten Kurs ab. Die Besatzung sah nacheinander mehrere unbekannte Küsten.

Bjarni ging jedoch nicht an Land.

Er wollte nach Grönland und setzte seine Fahrt fort, bis er schließlich die dortigen Siedlungen erreichte.

Später berichtete er von den gesehenen Landschaften.

In der Saga wird Bjarni dafür kritisiert, dass er nicht wenigstens eine der Küsten genauer untersucht habe.

Für Leif wird dieser Bericht zum Ausgangspunkt seiner eigenen Fahrt.

Er kauft Bjarnis Schiff, stellt eine Besatzung von fünfunddreißig Männern zusammen und folgt der vermuteten Route nach Westen.

Die erste erreichte Landschaft beschreibt die Saga als steinig, karg und wenig einladend.

Leif nennt sie Helluland, das Land der flachen Steine.

Danach erreicht die Gruppe eine bewaldete Küste mit flachen Stränden. Sie erhält den Namen Markland, Waldland.

Schließlich gelangt die Besatzung in ein südlicheres Gebiet, in dem sie Häuser errichtet und überwintert.

Dieser Ort wird mit Vinland verbunden.

Die Saga berichtet von milden Bedingungen, reichen Fischbeständen und wild wachsenden Pflanzen.

Besonders bekannt ist die Erzählung über Tyrkir, einen Angehörigen von Leifs Haushalt oder Besatzung.

Tyrkir wird als Mann beschrieben, der aus einem südlicheren europäischen Gebiet stammte und deshalb Weintrauben kannte.

Nachdem er sich zeitweise von der Gruppe entfernt hatte, soll er aufgeregt zurückgekehrt sein und berichtet haben, wilde Reben und Trauben gefunden zu haben.

Leif habe daraufhin die Umgebung erkunden und Trauben sammeln lassen.

Diese Episode erklärt innerhalb der Saga den Namen Vinland als Weinland.

Ob sie eine genaue Erinnerung an einen bestimmten Pflanzenfund bewahrt, ist offen.

An der Nordspitze Neufundlands wachsen keine wilden Weinreben. Weiter südlich an der nordamerikanischen Atlantikküste kommen sie jedoch vor.

Die in L’Anse aux Meadows gefundenen Butternüsse zeigen, dass die nordischen Bewohner des Stützpunktes oder Mitglieder ihrer Expedition tatsächlich weiter südlich gelegene Regionen erreichten.

Die Saga kann daher Erinnerungen an mehrere Landschaften miteinander verbunden haben.

Leif und seine Männer verbringen nach der Grönländer-Saga einen Winter in Vinland.

Im folgenden Jahr kehren sie mit Holz, Trauben oder anderen gesammelten Gütern nach Grönland zurück.

Auf der Rückfahrt entdeckt Leif Schiffbrüchige, rettet sie und birgt einen Teil ihrer Ladung.

Dadurch erhält er nach der Erzählung den Beinamen Leif der Glückliche.

Diese Version stellt Leif als planenden Entdecker dar.

Er hört von einem unbekannten Land.

Er organisiert eine gezielte Reise.

Er untersucht mehrere Landschaften.

Er baut einen Stützpunkt.

Und er kehrt erfolgreich zurück.

Die Saga von Erik dem Roten erzählt die Entdeckung anders.

Dort steht nicht Bjarnis zufällige Sichtung am Anfang.

Leif reist zunächst von Grönland nach Norwegen.

Am Hof König Olaf Tryggvasons nimmt er das Christentum an. Der König beauftragt ihn anschließend, den neuen Glauben nach Grönland zu bringen.

Auf dem Rückweg gerät Leifs Schiff vom Kurs ab.

Dabei erreicht er ein bisher unbekanntes Land, in dem wildes Getreide, Weinreben und andere auffällige Ressourcen vorkommen.

Leif entdeckt Vinland in dieser Version also nicht durch eine bewusst geplante Expedition.

Er findet es, weil er auf seiner Rückreise nach Grönland abgetrieben wird.

Auch hier rettet er Schiffbrüchige und erhält seinen Beinamen.

Der Unterschied ist erheblich.

In der Grönländer-Saga kauft Leif ein Schiff und sucht gezielt nach dem Land, das Bjarni gesehen hat.

In der Saga von Erik dem Roten befindet er sich auf einer christlichen Mission und erreicht Vinland zufällig.

Beide Fassungen können nicht in allen Einzelheiten gleichzeitig stimmen.

Man könnte versuchen, sie miteinander zu verbinden: Vielleicht hatte Leif von westlichem Land gehört, geriet später vom Kurs ab und nutzte seine Kenntnisse zur Orientierung.

Eine solche Kombination ist möglich, steht aber in keiner der beiden Quellen.

Sie würde aus zwei widersprüchlichen Erzählungen eine neue dritte Geschichte herstellen.

Historisch sauberer ist es, den Widerspruch bestehen zu lassen.

Beide Sagas stimmen darin überein, dass Leif Eriksson mit der Entdeckung Vinlands verbunden war.

Sie stimmen außerdem darin überein, dass er nach Grönland zurückkehrte, Schiffbrüchige rettete und dort als erfolgreicher Mann galt.

Sie unterscheiden sich in der Frage, ob seine Fahrt geplant oder zufällig war.

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Warum erzählen die Sagas unterschiedlich?

Ein Grund kann in ihren jeweiligen Schwerpunkten liegen.

Die Grönländer-Saga hebt die aufeinanderfolgenden Expeditionen verschiedener Mitglieder der grönländischen Gemeinschaft hervor. Bjarni entdeckt die Küste, Leif erkundet sie, seine Geschwister und später Thorfinn Karlsefni unternehmen weitere Fahrten.

Die Saga von Erik dem Roten konzentriert sich stärker auf Karlsefni und auf die Verbindung der grönländischen Geschichte mit der Christianisierung.

Leifs Fahrt wird dort enger mit König Olaf Tryggvason und dem christlichen Missionsauftrag verbunden.

Die Texte können außerdem auf unterschiedliche mündliche Familientraditionen zurückgehen.

Familien bewahrten Erinnerungen an ihre Vorfahren. Dabei war es nicht gleichgültig, wessen Verwandter ein Land entdeckt, eine Siedlung gegründet oder eine bedeutende Tat vollbracht hatte.

Ein Ereignis konnte in verschiedenen Familien unterschiedlich erzählt werden.

Über zwei Jahrhunderte hinweg veränderten sich außerdem Sprache, Religion und politische Interessen.

Als die Sagas niedergeschrieben wurden, war Island längst christlich.

Die Autoren blickten auf eine heidnische oder sich gerade christianisierende Vergangenheit zurück. Sie konnten Ereignisse so ordnen, dass die Ausbreitung des Christentums als wichtiger Teil der Geschichte erschien.

Leifs Begegnung mit König Olaf eignet sich dafür besonders gut.

Olaf Tryggvason war eng mit der Christianisierung Norwegens und der nordatlantischen Siedlungen verbunden. Indem Leif seinen Auftrag von diesem König erhält, wird die Bekehrung Grönlands in eine größere christliche Entwicklung eingeordnet.

Trotz der Unterschiede enthalten beide Erzählungen geografische und gesellschaftliche Details, die zu den tatsächlichen Bedingungen der Zeit passen.

Grönland war der Ausgangspunkt.

Westlich lagen verschiedene Küstenlandschaften.

Holz und andere Rohstoffe waren begehrt.

Nordische Gruppen bauten Häuser und überwinterten.

Später folgten weitere Expeditionen.

Und eine dauerhafte Kolonie entstand nicht.

Die Entdeckung von L’Anse aux Meadows hat gezeigt, dass diese grundlegende Überlieferung einen historischen Kern besitzt.

Sie hat jedoch nicht entschieden, welche Saga Leifs persönlichen Reiseweg richtiger erzählt.

An der Fundstätte wurde kein Gegenstand mit seinem Namen gefunden.

Kein Runenstein erklärt, dass Leif Eriksson dieses Haus erbaut habe.

Kein Grab lässt sich ihm zuordnen.

Wir wissen daher nicht, ob er persönlich in L’Anse aux Meadows lebte.

Der Ort passt grundsätzlich zu einem der in den Sagas beschriebenen nordischen Lager. Er könnte von Leif, von einer späteren Expedition oder von mehreren aufeinanderfolgenden Gruppen genutzt worden sein.

Ebenso offen bleibt, ob Leif tatsächlich der erste Europäer war, der Nordamerika betrat.

Nach der Grönländer-Saga sah Bjarni die Küsten vor ihm, ging aber nicht an Land.

Andere nordische Fischer oder Reisende könnten ebenfalls zufällig westliches Land erreicht haben, ohne dass ihre Namen überliefert wurden.

Der Ausdruck „erster Europäer in Nordamerika“ ist daher schwer zu beweisen.

Leif ist der erste namentlich überlieferte nordische Seefahrer, der mit einer Landung und Erkundung Vinlands verbunden wird.

Das ist eine präzisere Aussage.

Auch sie beruht auf späteren Quellen.

Archäologisch gesichert ist nicht Leifs persönlicher Vorrang, sondern die Anwesenheit nordischer Menschen.

Seine historische Bedeutung wird dadurch nicht klein.

Selbst wenn ein anderer Seefahrer eine Küste vorher gesehen oder betreten hatte, steht Leif in der Überlieferung für den Übergang von einer zufälligen Beobachtung zu einer bewussten Erkundung.

Er verkörpert den Moment, in dem das westliche Land Teil des nordischen Wissens wurde.

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Seine Rolle bei der Verbreitung des Christentums

Leif Erikssons Leben fällt in eine Zeit tiefgreifender religiöser Veränderungen.

Zu Beginn der Wikingerzeit verehrten die Menschen in Skandinavien und den nordischen Siedlungsgebieten verschiedene Götter und Wesen. Odin, Thor, Freyja, Freyr und andere gehörten zu einer vielgestaltigen religiösen Welt.

Religiöse Handlungen fanden auf Höfen, an besonderen Plätzen und bei gemeinschaftlichen Festen statt.

Es gab keine einzige zentral organisierte nordische Kirche und keine überall einheitliche Glaubenspraxis.

Während der Wikingerzeit breitete sich das Christentum immer stärker aus.

Missionare reisten nach Skandinavien.

Händler und Krieger begegneten christlichen Gesellschaften.

Herrscher ließen sich taufen und versuchten teilweise, ihre Untertanen ebenfalls zum neuen Glauben zu bewegen.

Die Christianisierung war kein einzelner Augenblick.

Alte und neue Vorstellungen bestanden über längere Zeit nebeneinander.

Ein Mensch konnte getauft sein und dennoch an älteren Bräuchen festhalten.

Ein anderer nahm den neuen Glauben aus persönlicher Überzeugung an.

Ein Herrscher konnte im Christentum zugleich eine Möglichkeit erkennen, seine Macht zu stärken und engere Beziehungen zu europäischen Königreichen aufzubauen.

Leif Eriksson wird in den Sagas eng mit dieser Entwicklung verbunden.

Nach der Saga von Erik dem Roten reiste er nach Norwegen und kam an den Hof König Olaf Tryggvasons.

Olaf regierte Norwegen ungefähr von 995 bis 1000 und betrieb die Christianisierung seines Herrschaftsbereichs mit großem Nachdruck.

Leif soll am Hof des Königs getauft worden sein.

Anschließend habe Olaf ihn beauftragt, nach Grönland zurückzukehren und dort das Christentum zu verkünden.

Diese Überlieferung ist historisch plausibel.

Zwischen Grönland, Island und Norwegen bestanden regelmäßige Verbindungen. Ein Angehöriger der bedeutenden Familie Eriks des Roten konnte den norwegischen Königshof besuchen.

Olaf Tryggvason versuchte tatsächlich, den christlichen Glauben in den nordatlantischen Siedlungsgebieten durchzusetzen. Auch die Christianisierung Islands wird mit seinem politischen Druck in Verbindung gebracht.

Ob Leif jedoch genau in der beschriebenen Weise einen persönlichen Missionsauftrag erhielt, kann nicht unabhängig bewiesen werden.

Die Grönländer-Saga ordnet die Ereignisse etwas anders.

Auch dort bringt Leif das Christentum nach Grönland. Seine Vinlandfahrt ist jedoch nicht Teil der Heimreise von einer königlichen Mission, sondern eine eigene geplante Expedition.

In beiden Sagas bleibt die grundlegende Aussage ähnlich:

Leif nahm das Christentum an und spielte bei seiner Verbreitung in Grönland eine wichtige Rolle.

Die Reaktion seiner Familie wird in den Überlieferungen anschaulich dargestellt.

Seine Mutter Thjodhild nahm den neuen Glauben an und ließ eine Kirche errichten.

Sein Vater Erik der Rote soll dagegen an den älteren religiösen Vorstellungen festgehalten haben.

Die Saga erzählt sogar, Thjodhild habe nach ihrer Bekehrung nicht mehr mit Erik zusammenleben wollen.

Diese persönliche Zuspitzung kann literarisch gestaltet sein. Sie verdeutlicht jedoch, dass der religiöse Wandel nicht nur zwischen Staaten und Herrschern stattfand.

Er konnte innerhalb einer Familie zu Spannungen führen.

Ein Sohn brachte einen neuen Glauben mit.

Die Mutter schloss sich ihm an.

Der Vater lehnte ihn ab.

Am Ende lebten Menschen mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen auf demselben Hof.

Wie weit Leifs missionarische Tätigkeit tatsächlich reichte, ist unbekannt.

Er war kein Priester im späteren kirchlichen Sinn.

Er konnte die neue Religion bekannt machen, christliche Geistliche unterstützen und durch seine gesellschaftliche Stellung andere Menschen beeinflussen.

Für eine dauerhafte christliche Gemeinschaft wurden jedoch Priester, Gottesdienste, Taufen, Bestattungsplätze und kirchliche Verbindungen benötigt.

Leif allein konnte keine vollständige kirchliche Organisation schaffen.

Sein Einfluss lag wahrscheinlich vor allem darin, dass ein bedeutender Mann den neuen Glauben öffentlich annahm.

Wenn der Sohn Eriks des Roten und spätere Leiter eines großen Hofes Christ war, hatte dies eine andere Wirkung als die Bekehrung eines einzelnen fremden Händlers.

Menschen beobachteten, welche Religion ein einflussreicher Hofbesitzer unterstützte.

Sie sahen, wo er seine Angehörigen bestatten ließ, welche Feste er feierte und welche Geistlichen er aufnahm.

Religiöse Veränderung war daher eng mit gesellschaftlicher Macht verbunden.

Archäologisch ist belegt, dass das Christentum in den nordischen Siedlungen Grönlands früh Fuß fasste.

Kirchen, Kirchhöfe, christliche Bestattungen und spätere schriftliche Nachrichten zeigen, dass Grönland über mehrere Jahrhunderte Teil der westlichen Christenheit war.

In der Ostsiedlung entstanden zahlreiche Kirchen.

Ein Bischofssitz wurde in Garðar eingerichtet.

Grönländische Kirchen standen in Verbindung mit Island, Norwegen und schließlich der kirchlichen Organisation Europas.

Diese Entwicklung ging weit über Leifs Lebenszeit hinaus.

Sie bestätigt jedoch, dass der religiöse Wandel, den die Sagas mit ihm verbinden, tatsächlich in dieser Zeit stattfand.

Die kleine Kirche bei Brattahlíð wird traditionell Thjodhild zugeschrieben.

Ihre Überreste zeigen, dass die frühen Christen zunächst in einem sehr kleinen Gebäude zusammenkamen.

Spätere Kirchen wurden größer und aufwendiger errichtet.

Daran lässt sich erkennen, wie aus den ersten christlichen Haushalten allmählich eine organisierte Religionsgemeinschaft entstand.

Leifs Rolle darf dabei weder überhöht noch unterschätzt werden.

Er war wahrscheinlich nicht der einzige Mensch, der das Christentum nach Grönland brachte.

Händler, Reisende, Siedler und Geistliche hatten Kontakt zu christlichen Regionen. Einzelne Bewohner Grönlands könnten bereits zuvor getauft gewesen sein.

Es wäre daher zu stark zu sagen, ohne Leif hätte es auf Grönland kein Christentum gegeben.

Seine gesellschaftliche Stellung kann den Wandel jedoch erheblich beschleunigt haben.

Ein angesehener Mann konnte Schutz für Priester bieten.

Er konnte Land für eine Kirche zur Verfügung stellen.

Er konnte seine Familie taufen lassen.

Und er konnte zeigen, dass die Annahme des Christentums nicht bedeutete, die Zugehörigkeit zur grönländischen Gemeinschaft zu verlieren.

Die Verbindung von Vinlandfahrt und Christianisierung macht Leif in den Sagas zu einer besonders bedeutenden Figur.

Er bringt zwei neue Welten nach Grönland:

die Nachricht von einem Land im Westen

und den Glauben, der sich aus Europa über die nordische Welt ausbreitete.

Ob diese beiden Entwicklungen in seinem wirklichen Leben tatsächlich so eng miteinander verbunden waren, wissen wir nicht.

In der Überlieferung stehen sie jedoch nebeneinander.

Leif wird dadurch nicht nur zum Entdeckungsfahrer.

Er wird zu einer Figur des Übergangs.

Sein Vater verkörpert die Gründung der heidnisch geprägten grönländischen Siedlung.

Leif gehört bereits zu einer Generation, die christlich wird und zugleich noch weiter nach Westen fährt.

In seiner Familie treffen damit drei Entwicklungen der Wikingerzeit unmittelbar aufeinander:

Besiedlung,

Entdeckung

und religiöser Wandel.

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Gesicherte, überlieferte und unbekannte Teile seiner Biografie

Bei Leif Eriksson müssen drei Ebenen sorgfältig voneinander getrennt werden:

Was ist historisch und archäologisch gesichert?

Was wird durch mehrere Überlieferungen glaubwürdig gestützt?

Und was bleibt unbekannt?

Gesichert ist zunächst die Welt, in der Leif gelebt haben soll.

Nordische Siedler gründeten im späten 10. Jahrhundert dauerhafte Höfe auf Grönland.

Erik der Rote steht in mehreren Überlieferungen im Zusammenhang mit dieser Besiedlung.

Brattahlíð war ein bedeutender Hof der Ostsiedlung.

Die nordischen Bewohner Grönlands verfügten über hochseetaugliche Schiffe und hielten Verbindungen zu Island und Norwegen aufrecht.

Auch die Ausbreitung des Christentums auf Grönland um das Jahr 1000 ist archäologisch und historisch belegt.

Vor allem aber ist gesichert, dass nordische Seefahrer Nordamerika erreichten.

L’Anse aux Meadows beweist ihre Anwesenheit auf Neufundland.

Die Gebäude, Werkstätten, Eisenschlacke und Boots­nieten zeigen, dass dort eine organisierte nordische Gruppe lebte und arbeitete.

Im Jahr 1021 wurde an der Fundstätte Holz mit Metallwerkzeugen bearbeitet.

Damit ist der grundlegende historische Rahmen der Leif-Erzählungen bestätigt.

Was nicht gesichert ist, ist seine persönliche Anwesenheit an diesem Ort.

Archäologische Gegenstände tragen keinen Namen.

Ein Hausgrundriss verrät nicht, wer darin schlief.

Ein eiserner Niet lässt sich keinem bestimmten Schiffsführer zuordnen.

L’Anse aux Meadows bestätigt daher Vinlandfahrten, aber nicht jede einzelne Handlung Leifs.

Als historisch wahrscheinlich gilt, dass Leif Eriksson tatsächlich lebte.

Er erscheint in mehreren nordischen Überlieferungen als Sohn Eriks des Roten und als bedeutender Mann auf Grönland.

Seine Familie lässt sich innerhalb der genealogischen Tradition der Sagas einordnen.

Solche Familienangaben wurden häufig sorgfältig bewahrt, weil sie für Besitz, Erbe und gesellschaftliche Stellung wichtig waren.

Trotzdem fehlt eine zeitgenössische Urkunde, die Leif selbst nennt.

Wir besitzen keinen Brief von ihm.

Keinen Vertrag mit seiner Unterschrift.

Keine Runeninschrift, die eindeutig zu seinen Lebzeiten angefertigt wurde und seine Taten bestätigt.

Sein historisches Profil entsteht aus späteren Erzählungen.

Es ist wahrscheinlich, aber nicht in jeder Einzelheit beweisbar.

Gut begründet ist außerdem, dass er zu einer wohlhabenden und einflussreichen Familie gehörte.

Nur ein solcher Hintergrund erklärt glaubwürdig, wie er ein Schiff erwerben, eine Besatzung führen und eine große Fahrt organisieren konnte.

Ob er das Schiff tatsächlich von Bjarni Herjólfsson kaufte, wissen wir nur aus der Grönländer-Saga.

Ebenso überliefert, aber nicht unabhängig bestätigt ist seine Reise an den Hof Olaf Tryggvasons.

Die Begegnung ist zeitlich und politisch plausibel.

Sie passt zur Christianisierungspolitik des Königs.

Ein unmittelbarer Beweis fehlt jedoch.

Dass Leif bei der Verbreitung des Christentums auf Grönland mitwirkte, wird von beiden Vinland-Sagas in unterschiedlicher Form unterstützt.

Der Erfolg des Christentums in der grönländischen Gesellschaft ist archäologisch belegt.

Wie groß Leifs persönlicher Anteil daran war, bleibt offen.

Ebenso ungewiss ist die genaue Abfolge seiner Vinlandfahrt.

Wir wissen nicht, ob er gezielt nach Bjarnis Ländern suchte.

Wir wissen nicht, ob er auf der Rückfahrt aus Norwegen vom Kurs abkam.

Wir wissen nicht, ob beide Erzählungen Teile verschiedener wirklicher Reisen bewahren.

Wir wissen auch nicht, wie viele Fahrten Leif selbst unternahm.

Die Sagas konzentrieren sich auf eine bedeutende Reise. Ein erfahrener Schiffsführer aus Grönland dürfte jedoch mehrfach zwischen Siedlungen und Handelsgebieten unterwegs gewesen sein.

Vielleicht fuhr er öfter nach Island oder Norwegen.

Vielleicht kehrte er ein weiteres Mal in westliche Gebiete zurück.

Keine Quelle berichtet zuverlässig darüber.

Auch der genaue Ort seines Vinlandlagers ist unbekannt.

L’Anse aux Meadows ist die naheliegendste archäologische Verbindung.

Die Fundstätte könnte Leifsbúðir, also Leifs Häuser, gewesen sein.

Sie könnte aber ebenso zu einer späteren Expedition gehört haben.

Parks Canada und UNESCO stellen die Verbindung zu den Vinland-Sagas her, vermeiden jedoch eine eindeutige Zuordnung zu einer bestimmten Sagafigur.

Diese Zurückhaltung ist historisch richtig.

Was weiterhin unbekannt bleibt, sind Leifs Aussehen und Persönlichkeit.

Wir wissen nicht, wie groß er war.

Welche Haarfarbe er hatte.

Ob er ruhig oder aufbrausend sprach.

Ob er ein besonders geschickter Steuermann war.

Ob seine Besatzung ihm aus Zuneigung, Respekt, wirtschaftlicher Abhängigkeit oder familiärer Verpflichtung folgte.

Die Sagas zeichnen ein positives Bild.

Leif erscheint klug, entschlossen, erfolgreich und großzügig.

Andere Mitglieder seiner Familie werden stärker mit Konflikten und Gewalt verbunden.

Dieses Bild kann eine echte Erinnerung an seinen Ruf bewahren.

Es kann aber auch der literarischen Funktion seiner Figur dienen.

Ebenso unbekannt ist, wie Leif selbst seine Fahrt verstand.

Hielt er sie für die bedeutendste Leistung seines Lebens?

Oder war sie für ihn eine von mehreren Unternehmungen, deren spätere Berühmtheit er nicht voraussehen konnte?

Vielleicht war für ihn die Führung des Familienhofes wichtiger.

Vielleicht betrachtete er die Einführung des Christentums als seine größte Aufgabe.

Vielleicht dachte er vor allem an das Holz, das Schiff und die wirtschaftlichen Möglichkeiten der westlichen Küsten.

Die Menschen der Vergangenheit wussten nicht, welche ihrer Handlungen tausend Jahre später in Geschichtsbüchern stehen würden.

Auch Leifs Todesjahr ist unbekannt.

Er muss irgendwann nach der Vinlandfahrt eine führende Stellung auf Grönland übernommen haben. Spätere Überlieferungen lassen erkennen, dass sein Sohn oder ein anderer Angehöriger der Familie diese Stellung weiterführte.

Wann Leif starb und wo er bestattet wurde, wissen wir nicht.

Kein Grab konnte ihm sicher zugeordnet werden.

Falls er als Christ starb, wurde er wahrscheinlich auf einem christlichen Friedhof bestattet. Doch auch dies lässt sich für seine Person nicht beweisen.

Die Unsicherheiten machen Leif Eriksson nicht zu einer unwichtigen oder erfundenen Figur.

Sie zeigen lediglich, wie historische Forschung arbeitet.

Eine bekannte Geschichte wird nicht vollständig verworfen, nur weil sie spät aufgeschrieben wurde.

Sie wird aber auch nicht in jedem Detail als Tatsache übernommen.

Die Quellen werden miteinander verglichen.

Archäologische Funde werden geprüft.

Naturwissenschaftliche Datierungen werden hinzugezogen.

Gemeinsame Aussagen erhalten ein größeres Gewicht als Einzelheiten, die nur in einer Überlieferung vorkommen.

Auf dieser Grundlage ergibt sich ein vorsichtiges, aber deutliches Bild:

Leif Eriksson war sehr wahrscheinlich der Sohn Eriks des Roten und Angehöriger einer führenden Familie der grönländischen Siedlungen.

Er lebte um das Jahr 1000.

Er nahm wahrscheinlich das Christentum an und unterstützte dessen Verbreitung auf Grönland.

Sein Name wurde mit einer nordischen Fahrt nach Vinland verbunden.

Nordische Fahrten nach Nordamerika fanden tatsächlich statt.

Ob Leif persönlich den ersten europäischen Fuß auf den Kontinent setzte, ob er L’Anse aux Meadows gründete und welche Version seiner Reise die zuverlässigere ist, lässt sich nicht entscheiden.

Seine Bedeutung liegt deshalb nicht darin, dass jede Einzelheit seiner Geschichte beweisbar wäre.

Sie liegt darin, dass sich in seiner Person eine historisch wirkliche Entwicklung bündelt.

Die nordische Welt hatte sich von Skandinavien über Island bis nach Grönland ausgedehnt.

Ihre Schiffe waren in der Lage, den Nordatlantik zu überqueren.

Ihre Bewohner suchten neue Rohstoffe und neue Länder.

Das Christentum veränderte ihre Gesellschaften.

Und schließlich erreichten sie Nordamerika.

Leif Eriksson wurde zum Namen, mit dem sich diese Entwicklung bis heute verbindet.

Vielleicht leitete er die entscheidende Fahrt.

Vielleicht bewahrte die Überlieferung seinen Anteil größer als den anderer Menschen.

Vielleicht gab es Seeleute, deren Namen verloren gingen, obwohl sie dieselben Küsten vor ihm gesehen hatten.

Doch Geschichte erinnert sich selten an alle Beteiligten gleichermaßen.

Manche Menschen verschwinden vollständig aus den Quellen.

Andere werden zu Symbolfiguren einer ganzen Epoche.

Leif Eriksson wurde zu einer solchen Symbolfigur.

Hinter seinem Namen steht nicht nur die Geschichte eines einzelnen Mannes.

Hinter ihm stehen die grönländischen Höfe, die Schiffbauer, die Besatzungen, die Frauen und Männer der Expeditionen und all jene Menschen, deren Wissen die Fahrt überhaupt möglich machte.

Er erreichte Vinland nicht allein.

Aber sein Name blieb.

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11. Historische Quellen

Woher wissen wir eigentlich, wie die Menschen der Wikingerzeit lebten?

Diese Frage klingt zunächst einfach. Man könnte erwarten, dass es Bücher, Reiseberichte oder Tagebücher gibt, in denen die Wikinger selbst ihr Leben beschrieben. Doch solche ausführlichen zeitgenössischen Aufzeichnungen besitzen wir nicht.

Die Menschen der Wikingerzeit verwendeten Runen. Sie hinterließen Namen, Gedenkinschriften und kurze Mitteilungen auf Steinen, Holz, Knochen und anderen Gegenständen. Sie schrieben jedoch keine umfangreichen Geschichtswerke, in denen sie ihre Reisen, ihren Alltag und ihre Gesellschaft aus eigener Sicht erklärten.

Vieles, was wir über sie wissen, stammt deshalb aus anderen Arten von Quellen:

aus ausgegrabenen Häusern, Gräbern, Schiffen und Gegenständen,

aus Runeninschriften,

aus Berichten ausländischer Chronisten,

aus den später niedergeschriebenen isländischen Sagas,

aus naturwissenschaftlichen Untersuchungen

und aus Versuchen, alte Schiffe, Häuser oder Werkzeuge nachzubauen und praktisch zu erproben.

Keine dieser Quellen liefert für sich allein ein vollständiges Bild.

Ein Schiffsfund zeigt, wie ein Rumpf gebaut wurde. Er verrät jedoch nicht automatisch, wohin das Schiff fuhr oder was die Besatzung während einer Nacht auf See miteinander besprach.

Eine Saga erzählt von Personen, Fahrten und Konflikten. Sie wurde jedoch lange nach den beschriebenen Ereignissen niedergeschrieben und kann historische Erinnerungen mit literarischer Gestaltung verbinden.

Eine Chronik berichtet von einem Wikingerangriff. Sie wurde möglicherweise von einem Mönch verfasst, dessen Kloster selbst bedroht oder geplündert worden war. Sein Bericht ist deshalb wertvoll, aber nicht neutral.

Naturwissenschaftliche Verfahren können einen Baumstamm auf ein bestimmtes Jahr datieren. Sie erklären jedoch nicht, wer ihn fällte und welche Gedanken dieser Mensch dabei hatte.

Historische Forschung besteht deshalb nicht darin, eine Quelle auszuwählen und ihr alles zu glauben.

Sie besteht darin, unterschiedliche Quellen miteinander zu vergleichen.

Wo bestätigen sie einander?

Wo widersprechen sie sich?

Welche Aussage ist zeitnah belegt?

Welche ist wahrscheinlich?

Und welche bleibt trotz aller Forschung offen?

Erst aus diesem Zusammenspiel entsteht die Welt der Wikingerzeit, wie wir sie heute rekonstruieren können.

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Archäologische Funde und Fundstätten

Die Archäologie untersucht die materiellen Spuren vergangener Menschen.

Dazu gehören nicht nur kostbare Schwerter, Schmuckstücke und vollständig erhaltene Schiffe. Oft sind unscheinbare Dinge wesentlich aussagekräftiger:

ein Pfostenloch,

eine Abfallgrube,

ein verkohltes Getreidekorn,

Fischknochen,

Eisenschlacke,

eine abgenutzte Spindel

oder eine Verfärbung im Boden, die den Verlauf einer längst vergangenen Hauswand erkennen lässt.

Ein einzelner Gegenstand erzählt nur einen kleinen Teil der Geschichte.

Sein Fundzusammenhang ist mindestens ebenso wichtig wie der Gegenstand selbst.

Ein Schwert in einem Grab besitzt eine andere Bedeutung als ein Schwert, das in einem Fluss gefunden wurde. Ein Messer in einer Werkstatt kann ein Werkzeug gewesen sein. Dasselbe Messer neben einem menschlichen Skelett kann zu einem gewaltsamen Ereignis gehören – muss es aber nicht.

Archäologen dokumentieren deshalb genau, wo ein Fund lag, welche Bodenschicht ihn umgab und welche anderen Spuren sich in seiner Nähe befanden.

Die Reihenfolge der Bodenschichten wird als Stratigrafie bezeichnet.

Im einfachsten Fall liegen jüngere Schichten über älteren. In der Wirklichkeit kann der Boden jedoch durch spätere Gruben, Bauarbeiten, Tiere, Baumwurzeln oder Erosion gestört worden sein. Eine Münze aus dem 11. Jahrhundert kann deshalb in einer jüngeren Schicht liegen, wenn sie später verlagert wurde.

Der Fundort muss immer als Ganzes verstanden werden.

L’Anse aux Meadows ist dafür ein besonders gutes Beispiel.

Die nordische Herkunft des Ortes wurde nicht durch einen einzigen spektakulären Gegenstand bewiesen. Entscheidend war die Verbindung aus torfgedeckten Gebäuden in nordischer Bauweise, einer Ringkopfnadel, Textilwerkzeugen, Eisenschlacke, einer Schmiedestelle und Boots­nieten.

Zusammen ergaben diese Spuren ein eindeutiges Bild.

Ohne die Gebäude hätte die Nadel auch von einem einzelnen Reisenden stammen können.

Ohne die nordischen Gegenstände hätten die Hauswälle zu einer anderen Bevölkerung gehören können.

Erst das Zusammentreffen verschiedener Belege machte die Zuordnung sicher. UNESCO erkennt L’Anse aux Meadows als den ersten und bislang einzigen zweifelsfrei nachgewiesenen nordischen Standort in Nordamerika an.

Andere Fundstätten beantworten andere Fragen.

Die Schiffe von Skuldelev zeigen, dass während derselben Zeit sehr unterschiedliche Schiffstypen existierten. Kriegsschiffe, Frachtschiffe, Küstentransporter und kleinere Boote besaßen jeweils eigene Bauformen und Aufgaben.

Oseberg, Gokstad und Tune geben Einblick in Schiffe, Bestattungsbräuche und die Ausstattung besonders wohlhabender Menschen.

Hedeby, Ribe, Birka und Kaupang zeigen Handel, Handwerk und das Leben an frühen städtischen Plätzen.

Trelleborg und andere Ringburgen lassen erkennen, dass dänische Herrscher gegen Ende des 10. Jahrhunderts in der Lage waren, große und planmäßig angelegte Anlagen zu errichten.

Ausgegrabene Höfe in Island und Grönland zeigen, wie nordische Siedler Häuser bauten, Tiere hielten und ihre Lebensweise an neue Landschaften anpassten.

Keiner dieser Orte steht stellvertretend für die gesamte Wikingerzeit.

Ein reiches Schiffsgrab zeigt das Leben einer gesellschaftlichen Elite, nicht den durchschnittlichen Besitz jedes Bauern.

Ein Handelsplatz enthält mehr importierte Waren als ein abgelegener Hof.

Eine militärische Anlage verrät mehr über Organisation und Herrschaft als über das gewöhnliche Familienleben.

Auch die Erhaltung der Gegenstände beeinflusst unser Bild.

Metall, Stein, Keramik und Knochen können unter günstigen Bedingungen Jahrhunderte überdauern. Holz, Leder, Wolle, Leinen, Seile und Lebensmittel vergehen wesentlich häufiger.

Dadurch entsteht leicht der Eindruck, die Wikingerzeit habe hauptsächlich aus Eisenwaffen, Schmuck und Steinen bestanden.

In Wirklichkeit war ihre Welt zu einem großen Teil aus organischen Materialien aufgebaut.

Häuser bestanden aus Holz, Torf und Pflanzenfasern.

Kleidung bestand aus Wolle, Leinen, Fell und Leder.

Schiffe benötigten Segel und Taue.

Nahrung wurde in Säcken, Körben, Fässern und Holzgefäßen gelagert.

Von all diesen Dingen bleibt im Boden häufig wesentlich weniger erhalten.

Was Archäologen finden, ist daher nicht automatisch das, was damals am häufigsten vorhanden war.

Es ist zunächst das, was die Zeit überstanden hat.

Auch Gräber können das Bild verzerren.

Waffen und Schmuck wurden nicht deshalb besonders häufig gefunden, weil jeder Mensch viele davon besaß. Sie wurden teilweise bewusst als Grabbeigaben niedergelegt. Andere Gegenstände wurden dagegen weiterverwendet, vererbt, repariert oder eingeschmolzen.

Ein Kettenhemd war so wertvoll, dass es wahrscheinlich nur selten dauerhaft im Boden verschwand.

Seine geringe Fundzahl kann deshalb sowohl mit seiner tatsächlichen Seltenheit als auch mit der Wiederverwendung des Materials zusammenhängen.

Archäologie kann zudem zeigen, was Menschen taten, aber nicht immer, wie sie darüber dachten.

Eine verbrannte Siedlung beweist einen Brand.

Sie beweist nicht automatisch einen feindlichen Angriff. Das Feuer kann durch einen Unfall, einen technischen Fehler oder eine bewusste Aufgabe des Gebäudes entstanden sein.

Ein kostbarer Gegenstand in einem Grab kann den Besitz des Verstorbenen zeigen. Er kann ebenso eine Aussage der Hinterbliebenen darüber sein, wie dieser Mensch erinnert werden sollte.

Auch die Abwesenheit eines Fundes muss vorsichtig behandelt werden.

Wenn kein Schwert gefunden wurde, bedeutet das nicht zwingend, dass an einem Ort niemals ein Schwert vorhanden war.

Es kann mitgenommen, eingeschmolzen, geraubt oder vollständig zerstört worden sein.

Wenn jedoch über viele gründlich untersuchte Fundstätten hinweg bestimmte Gegenstände fast nie auftauchen, wird ihre allgemeine Verbreitung unwahrscheinlicher.

Archäologische Forschung arbeitet deshalb mit Wahrscheinlichkeiten und Zusammenhängen.

Ein einzelner Fund kann eine Frage aufwerfen.

Mehrere übereinstimmende Funde können eine Annahme stützen.

Eine ganze Fundstätte kann eine historische Entwicklung beweisen.

Doch auch dann spricht der Boden nicht von allein.

Er muss gelesen werden – und bei jeder neuen Entdeckung kann sich die bisherige Interpretation verändern.

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Die Grænlendinga saga

Die Grænlendinga saga wird gewöhnlich als Saga der Grönländer bezeichnet.

Sie gehört gemeinsam mit der Saga von Erik dem Roten zu den sogenannten Vinland-Sagas. Beide erzählen von der Besiedlung Grönlands und den nordischen Fahrten nach Nordamerika.

Die Saga der Grönländer wurde wahrscheinlich im 13. Jahrhundert in Island niedergeschrieben oder in ihre bekannte schriftliche Form gebracht.

Die überlieferten Ereignisse spielen jedoch hauptsächlich um das Jahr 1000.

Zwischen den beschriebenen Fahrten und der erhaltenen Handschrift liegen damit mehrere Jahrhunderte.

Die Saga ist in der Flateyjarbók erhalten, einer großen isländischen Handschrift, die in den Jahren 1387 bis 1394 angefertigt wurde. Das heute erhaltene Manuskript ist also noch einmal jünger als die wahrscheinliche Entstehung des Sagatextes selbst.

Das bedeutet nicht, dass die Geschichte erst im späten 14. Jahrhundert erfunden wurde.

Der Schreiber der Flateyjarbók benutzte ältere schriftliche und mündliche Vorlagen, die heute teilweise verloren sind.

Wir wissen jedoch nicht, wie diese früheren Fassungen genau aussahen.

Vielleicht enthielten sie zusätzliche Abschnitte.

Vielleicht unterschieden sich Namen, Reihenfolgen oder Formulierungen.

Vielleicht wurden mehrere ältere Erzählungen zu einem gemeinsamen Text verbunden.

Die erhaltene Saga ist damit das Ende einer langen Überlieferungskette, deren frühere Stufen nur teilweise sichtbar sind.

In der Saga beginnt die Geschichte der Westfahrten mit Bjarni Herjólfsson.

Er soll auf dem Weg von Island nach Grönland vom Kurs abgekommen sein und unbekannte Küsten gesehen haben. Er ging nach der Erzählung nicht an Land, berichtete später jedoch von seinen Beobachtungen.

Leif Eriksson kauft daraufhin Bjarnis Schiff und unternimmt eine gezielte Erkundungsreise.

Er erreicht Helluland, Markland und schließlich Vinland.

Nach seiner Rückkehr folgen weitere Fahrten durch seine Brüder und später durch Thorfinn Karlsefni.

Die Saga erzählt außerdem von Freydis, Leifs Schwester oder Halbschwester, und von einer weiteren Expedition, die durch Verrat und Gewalt innerhalb der nordischen Gruppe endet.

Diese Abfolge verleiht der Erzählung eine klare Entwicklung:

Zuerst wird Land gesehen.

Dann wird es gezielt erkundet.

Weitere Gruppen folgen.

Schließlich wird versucht, sich dauerhaft niederzulassen.

Die Saga liefert zahlreiche Einzelheiten über Schiffe, Mannschaften, Landschaften, Lagerplätze, Rohstoffe und Begegnungen mit den indigenen Bewohnern.

Gerade deshalb wirkt sie häufig wie ein Reisebericht.

Doch sie ist kein während der Fahrt geführtes Tagebuch.

Die Verfasser kannten die Ereignisse nur durch ältere Erzählungen und möglicherweise durch inzwischen verlorene Texte.

Sie gestalteten daraus eine zusammenhängende Geschichte.

Dabei spielten Familienbeziehungen eine große Rolle.

Die Sagas der Isländer interessierten sich stark dafür, wer mit wem verwandt war, aus welcher Familie ein Mensch stammte und welche Nachfahren aus einer Verbindung hervorgingen.

Das war nicht bloß erzählerischer Schmuck.

Abstammung konnte Besitzansprüche, gesellschaftliches Ansehen und politische Beziehungen begründen.

Die Vinlandgeschichte ist deshalb zugleich eine Familiengeschichte.

Thorfinn Karlsefni und Gudrid werden mit bedeutenden isländischen Familien und späteren kirchlichen Persönlichkeiten verbunden. Ihre Reise erhält dadurch für die Nachkommen eine besondere Bedeutung.

Das kann die Überlieferung gestärkt haben.

Es kann aber auch dazu geführt haben, dass bestimmte Personen hervorgehoben und andere vergessen wurden.

Die Saga besitzt trotzdem einen nachweisbaren historischen Kern.

Als sie wissenschaftlich intensiver untersucht wurde, war noch kein nordischer Standort in Nordamerika archäologisch bewiesen.

Die Entdeckung von L’Anse aux Meadows zeigte später, dass die grundlegende Aussage der Überlieferung richtig war:

Nordische Gruppen fuhren von Grönland nach Nordamerika, errichteten Gebäude, überwinterten und nutzten das Gebiet als Ausgangspunkt weiterer Unternehmungen.

Auch die Unterscheidung zwischen einem steinigen nördlichen Land, einem Waldland und einem südlicheren Gebiet passt grundsätzlich zu den Küstenlandschaften zwischen der kanadischen Arktis, Labrador und dem Sankt-Lorenz-Golf.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Einzelheit der Saga bestätigt wurde.

Bjarni Herjólfsson ist archäologisch nicht nachweisbar.

Wir wissen nicht, ob Leif genau fünfunddreißig Männer mitnahm.

Wir wissen nicht, ob jede Reise in der angegebenen Reihenfolge stattfand.

Auch die dramatischen Gespräche und einzelnen Konfliktszenen können nicht wie wörtliche Protokolle behandelt werden.

Eine Saga bewahrt nicht nur Informationen.

Sie erzählt.

Menschen werden charakterisiert.

Entscheidungen erhalten eine moralische Bedeutung.

Erfolg, Feigheit, Verrat und Mut werden einander gegenübergestellt.

Die Erzählung über Freydis wirkt beispielsweise stark wie eine moralische Geschichte über Gier, Täuschung und die Folgen eines Verbrechens.

Darin kann sich eine historische Auseinandersetzung spiegeln.

Die konkrete Ausgestaltung folgt jedoch den Regeln einer literarischen Erzählung.

Die Saga der Grönländer ist deshalb weder ein modernes Sachbuch noch eine wertlose Legende.

Sie ist eine historische Quelle eigener Art.

Sie kann Erinnerungen, Namen und geografische Kenntnisse bewahren.

Sie kann zugleich verkürzen, ordnen und dramatisieren.

Ihr Wert wird am größten, wenn ihre Aussagen mit Archäologie, Naturwissenschaften und anderen Texten verglichen werden.

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Die Eiríks saga rauða

Die Eiríks saga rauða wird auf Deutsch als Saga von Erik dem Roten bezeichnet.

Der Titel kann etwas irreführen.

Erik der Rote spielt zwar eine wichtige Rolle bei der Besiedlung Grönlands. Ein großer Teil der Saga beschäftigt sich jedoch mit Thorfinn Karlsefni, Gudrid und der großen Fahrt nach Vinland.

Auch diese Saga wurde wahrscheinlich im 13. Jahrhundert in Island schriftlich gestaltet.

Erhalten ist sie in zwei mittelalterlichen Fassungen.

Eine steht in der Hauksbók, die im frühen 14. Jahrhundert, wahrscheinlich zwischen 1302 und 1310, zusammengestellt wurde.

Eine weitere Fassung ist in der Skálholtsbók aus dem 15. Jahrhundert überliefert.

Die beiden Handschriften zeigen, dass selbst derselbe Sagatext nicht in einer völlig unveränderten Form weitergegeben wurde. Abschreiber konnten kürzen, ergänzen, sprachlich verändern oder aus unterschiedlichen Vorlagen arbeiten.

Die Saga beginnt mit Erik dem Roten, seiner Familie und der Besiedlung Grönlands.

Sie erzählt anschließend von Gudrid, ihren Ehen und ihrer Verbindung zu Thorfinn Karlsefni.

Die Vinlandfahrt wird hier stärker mit Karlsefnis großem Siedlungsversuch verbunden.

Leif Eriksson spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, doch seine Reise wird anders dargestellt als in der Saga der Grönländer.

In der Saga von Erik dem Roten fährt Leif nach Norwegen und kommt an den Hof König Olaf Tryggvasons.

Dort nimmt er das Christentum an und erhält den Auftrag, den neuen Glauben nach Grönland zu bringen.

Auf der Rückreise wird sein Schiff vom Kurs abgetrieben. Leif erreicht dabei ein unbekanntes Land mit Weinreben, wild wachsendem Getreide und großen Bäumen.

Er entdeckt Vinland in dieser Fassung also zufällig.

Die Saga der Grönländer erzählt dagegen, Leif habe nach Bjarnis Bericht bewusst ein Schiff gekauft und gezielt nach Westen gesegelt.

Dieser Widerspruch lässt sich nicht einfach beseitigen.

Man könnte aus beiden Fassungen eine neue gemeinsame Geschichte bilden. Dafür müsste man jedoch Einzelheiten hinzufügen, die in keiner der Quellen stehen.

Historisch ehrlicher ist es, beide Versionen nebeneinanderzustellen.

Sie stimmen im Grundsatz überein:

Leif Eriksson war mit Vinland verbunden.

Er brachte das Christentum nach Grönland.

Weitere Expeditionen folgten.

Thorfinn Karlsefni und Gudrid versuchten, mit einer größeren Gruppe länger in Vinland zu bleiben.

Es kam zu Begegnungen und Konflikten mit der indigenen Bevölkerung.

Die Siedlungsversuche wurden schließlich aufgegeben.

Die Unterschiede liegen vor allem in der Reihenfolge, in einzelnen Personen und in der Gewichtung der Ereignisse.

Auch der Ton der beiden Sagas unterscheidet sich.

Die Saga von Erik dem Roten verbindet die Geschichte stärker mit Christianisierung, göttlicher Fügung und der späteren Bedeutung von Gudrids Nachkommen.

Gudrid wird zu einer zentralen Figur.

Sie reist von Island nach Grönland und Vinland, kehrt später nach Island zurück und soll schließlich als Pilgerin bis nach Rom gelangt sein.

Ihr in Vinland geborener Sohn Snorri wird als Vorfahr bedeutender isländischer Kirchenmänner dargestellt.

Dadurch erhält die Fahrt rückblickend einen Platz in einer christlichen Familiengeschichte.

Ein besonders auffälliger Abschnitt schildert eine heidnische Seherin, die während einer Hungersnot in Grönland ein Ritual durchführt.

Gudrid kennt ein altes Lied, möchte es als Christin zunächst jedoch nicht singen. Schließlich hilft sie der Seherin, und diese sagt Gudrids Zukunft voraus.

Diese Szene vermittelt möglicherweise Erinnerungen an ältere religiöse Praktiken.

Sie wurde aber von einem christlichen Autor für ein christliches Publikum geschrieben.

Der Text zeigt deshalb nicht einfach unverändert, wie ein heidnisches Ritual um das Jahr 1000 tatsächlich ablief.

Er zeigt ebenso, wie Menschen des 13. Jahrhunderts auf die religiöse Vergangenheit ihrer Vorfahren blickten.

Gerade solche Abschnitte machen die Saga wertvoll und schwierig zugleich.

Sie kann Einzelheiten bewahren, die aus keiner anderen Quelle bekannt sind.

Doch wir können nicht genau feststellen, welche Einzelheit auf einer alten Erinnerung und welche auf späterer literarischer Gestaltung beruht.

Die Saga von Erik dem Roten enthält außerdem ungewöhnliche oder fantastische Elemente.

Dazu gehört die Begegnung mit einem einbeinigen Wesen, das einen nordischen Mann mit einem Pfeil tötet.

Solche Episoden erinnern an mittelalterliche Erzählungen über ferne Länder und sonderbare Völker.

Sie müssen nicht aus einer tatsächlichen Beobachtung in Nordamerika entstanden sein.

Mittelalterliche Autoren und Leser kannten geografische Werke, Reiseerzählungen und religiöse Literatur, in denen unbekannte Regionen mit außergewöhnlichen Wesen verbunden wurden.

Die Aufnahme einer solchen Szene macht nicht die gesamte Saga wertlos.

Sie zeigt aber, dass der Text nicht ausschließlich aus nüchternen historischen Erinnerungen besteht.

Auch hier muss jede Aussage für sich geprüft werden.

Die Saga der Grönländer und die Saga von Erik dem Roten können sich gegenseitig bestätigen, wenn sie unabhängig dieselbe grundlegende Entwicklung schildern.

Wenn sie sich widersprechen, lässt sich häufig nicht entscheiden, welche Fassung näher am tatsächlichen Ereignis liegt.

Und wenn nur eine Saga eine besonders dramatische Einzelheit berichtet, bleibt diese entsprechend unsicher.

Beide Vinland-Sagas gemeinsam sind stärker als jede von ihnen allein.

Doch auch gemeinsam ersetzen sie keine zeitgenössische Dokumentation.

Sie bewahren eine nordische Erinnerung an Nordamerika.

Die Archäologie hat gezeigt, dass diese Erinnerung auf einer wirklichen Reisegeschichte beruht.

Wie viel von ihrer erzählerischen Oberfläche ebenfalls historisch ist, muss für jeden Abschnitt neu beurteilt werden.

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Weitere mittelalterliche Texte und Chroniken

Die Vinland-Sagas sind nicht die einzigen schriftlichen Quellen zur Wikingerzeit.

Viele wichtige Berichte wurden außerhalb Skandinaviens verfasst.

Mönche, königliche Schreiber, Missionare, Diplomaten und Reisende beschrieben nordische Angriffe, Handelskontakte und politische Beziehungen.

Diese Texte entstanden teilweise während der Wikingerzeit und sind damit zeitlich wesentlich näher an den Ereignissen als die isländischen Sagas.

Nähe allein garantiert jedoch keine Neutralität.

Ein Klosterschreiber sah die Angreifer aus einer anderen Perspektive als ein nordischer Schiffsführer.

Ein königlicher Chronist schrieb möglicherweise im Interesse seines Herrschers.

Ein Missionar beurteilte eine heidnische Gesellschaft nach christlichen Vorstellungen.

Auch eine zeitgenössische Quelle muss deshalb kritisch gelesen werden.

Die Angelsächsische Chronik gehört zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte Englands während der Wikingerzeit.

Sie wurde wahrscheinlich seit der Regierungszeit Alfreds des Großen im späten 9. Jahrhundert zusammengestellt und später an verschiedenen Orten fortgeführt.

Mehrere Handschriften bewahren unterschiedliche Fassungen und regionale Ergänzungen.

Die Chronik berichtet von Angriffen, großen Heeren, Schlachten, Tributzahlungen, Herrscherwechseln und der dänischen Eroberung Englands.

Sie nennt Daten und Ereignisse, die durch Münzen, Archäologie und andere Texte ergänzt oder teilweise bestätigt werden können.

Doch auch sie ist keine neutrale Jahresliste.

Die verschiedenen Fassungen entstanden in englischen Klöstern und politischen Machtzentren. Sie schildern nordische Gruppen überwiegend aus Sicht der betroffenen englischen Gesellschaften.

Ein Überfall erscheint dort als Zerstörung.

Was die Angreifer selbst planten, wie ihre Flotten organisiert waren oder welche wirtschaftlichen Gründe sie hatten, wird nur selten erklärt.

Die fränkischen Reichsannalen berichten von Kontakten zwischen dem Frankenreich und dänischen Herrschern, von Gesandtschaften, Kriegen, Grenzkonflikten und Missionierung.

Sie wurden am Umfeld des karolingischen Hofes geführt und spiegeln entsprechend die Perspektive der fränkischen Herrschaft.

Das dänische Nationalmuseum nennt die Angelsächsische Chronik und die fränkischen Reichsannalen als besonders wichtige Quellen, weist aber zugleich darauf hin, dass diese Texte aus bestimmten politischen Blickwinkeln und häufig mit konkreten Absichten verfasst wurden.

Irische Annalen berichten von Angriffen, Schlachten und den nordischen Städten Irlands.

Fränkische und kirchliche Chroniken schildern Überfälle entlang von Seine, Loire und anderen Flüssen.

Byzantinische Texte erwähnen nordische beziehungsweise warägische Krieger und ihre Rolle im Osten.

Arabische Geografen und Reisende beschreiben Handelswege, Bevölkerungsgruppen und Begegnungen mit Menschen aus dem Gebiet der Rus.

Der Bericht Ahmad Ibn Fadlans ist besonders bekannt.

Er traf im 10. Jahrhundert an der Wolga auf eine Gruppe von Händlern oder Reisenden, die er als Rus bezeichnete.

Seine Beschreibung enthält Angaben zu Kleidung, Körperpflege, Handel, Religion und einer Schiffsbestattung.

Der Text ist wertvoll, weil Ibn Fadlan manche Vorgänge selbst beobachtete.

Trotzdem beschreibt er nicht alle Wikinger und nicht einmal alle Rus.

Er begegnete einer bestimmten Gruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt und bewertete sie nach seinen eigenen religiösen und kulturellen Vorstellungen.

Sein Bericht über Körperpflege wird beispielsweise häufig verkürzt wiedergegeben, um die Wikinger entweder als außergewöhnlich sauber oder als besonders schmutzig darzustellen.

Tatsächlich beschreibt er Praktiken, die ihm selbst fremd oder abstoßend erschienen.

Die Quelle sagt daher zugleich etwas über die beobachtete Gruppe und über den Beobachter aus.

Für Vinland besitzt Adam von Bremen besondere Bedeutung.

Adam schrieb im späten 11. Jahrhundert seine Geschichte des Erzbistums Hamburg-Bremen.

Darin erwähnt er ein Land namens Vinland, das westlich im Ozean liege und in dem Weinreben und wild wachsendes Getreide vorkämen.

Seine Nachricht entstand nur einige Jahrzehnte nach der wahrscheinlich wichtigsten Phase der Vinlandfahrten und damit wesentlich früher als die erhaltenen Saga-Handschriften.

Adam selbst war jedoch nicht in Vinland.

Er berief sich auf Informationen, die er am dänischen Königshof erhalten hatte. Sein Werk diente außerdem den kirchlichen und missionarischen Ansprüchen des Erzbistums Hamburg-Bremen.

Sein Bericht ist daher ein früher Beleg dafür, dass die Nachricht von Vinland im 11. Jahrhundert über Grönland und Island hinaus bekannt war. Er beweist aber nicht, dass jede geografische Angabe Adams aus eigener Prüfung stammt.

Gerade der zeitliche Abstand macht Adams Erwähnung wichtig.

Die Erinnerung an Vinland war offenbar nicht erst im 13. oder 14. Jahrhundert vorhanden.

Der Name und grundlegende Informationen über das Land zirkulierten bereits im 11. Jahrhundert in der nordischen und kirchlichen Welt.

Weitere Texte wie die Vita Anskarii, die Lebensbeschreibung des Missionars Ansgar, berichten über frühe christliche Missionen in Dänemark und Schweden.

Adam von Bremen beschreibt ebenfalls Religion, Politik und Geografie des Nordens.

Spätere Werke wie Saxo Grammaticus’ dänische Geschichte oder Snorri Sturlusons Königs- und Göttererzählungen enthalten viele Informationen über die nordische Vergangenheit.

Je weiter ein Text jedoch zeitlich von den geschilderten Ereignissen entfernt ist, desto sorgfältiger muss geprüft werden, welche älteren Quellen er verwendete und welche Vorstellungen seiner eigenen Zeit eingeflossen sind.

Auch mittelalterliche Gesetzestexte sind wichtige Quellen.

Sie beschreiben Besitz, Erbe, Schiffsbesatzungen, Waffenpflichten, Handel, Ehe, Totschlag und zahlreiche andere Bereiche.

Viele dieser Gesetze wurden erst nach dem Ende der eigentlichen Wikingerzeit aufgeschrieben.

Sie können ältere Regeln bewahren, müssen aber nicht unverändert die Verhältnisse des 9. oder 10. Jahrhunderts wiedergeben.

Ein Gesetz zeigt außerdem, was gelten sollte.

Es beweist nicht automatisch, dass sich jeder Mensch daran hielt.

Eine Vorschrift gegen Diebstahl beweist, dass Diebstahl ein Problem war.

Sie beweist nicht, dass niemand stahl.

Landnámabók, das isländische Landnahmebuch, enthält Namen, Herkunft und Siedlungsplätze der frühen isländischen Einwanderer.

Der Text ist für die Rekonstruktion von Familien und Höfen unverzichtbar.

Auch er wurde jedoch erst Jahrhunderte nach der Landnahme in seinen erhaltenen Fassungen niedergeschrieben und verfolgt genealogische sowie politische Interessen.

Schriftliche Quellen unterscheiden sich damit erheblich:

Manche sind nahezu zeitgenössisch, aber einseitig.

Manche sind später, bewahren aber ältere mündliche Überlieferungen.

Manche nennen genaue Daten, bleiben jedoch bei den Motiven der Menschen stumm.

Andere erzählen ausführliche Geschichten, deren einzelne Daten unsicher sind.

Keine Quelle sollte allein deshalb bevorzugt werden, weil sie besonders alt oder besonders anschaulich ist.

Entscheidend ist, welche Frage mit ihr beantwortet werden soll.

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Runeninschriften und andere zeitnahe Zeugnisse

Runen gehören zu den wenigen schriftlichen Zeugnissen, die nordische Menschen selbst während der Wikingerzeit hinterließen.

Die in dieser Zeit überwiegend verwendete Runenreihe bestand aus sechzehn Zeichen und wird als jüngeres Futhark bezeichnet.

Runen wurden in Stein, Holz, Knochen, Metall und andere Materialien geritzt.

Die meisten erhaltenen Inschriften sind kurz.

Sie nennen Namen, erinnern an Verstorbene, kennzeichnen Besitz oder halten eine knappe Mitteilung fest.

Ein Runenstein ist daher kein ausführlicher Lebensbericht.

Trotzdem bringt er uns einem bestimmten Menschen oft ungewöhnlich nahe.

Eine Inschrift kann nennen, wer den Stein errichten ließ, wem er gewidmet war, in welchem Verwandtschaftsverhältnis die Beteiligten standen und wo der Verstorbene starb.

Manche Steine berichten von Fahrten nach England, in den Osten, nach Griechenland oder auf anderen Unternehmungen.

Sie zeigen damit nicht nur abstrakte Handelswege.

Sie nennen Menschen, die tatsächlich unterwegs waren.

Das dänische Nationalmuseum kennt rund 250 Runensteine aus dem wikingerzeitlichen Dänemark; aus Schweden sind mehr als 3.000 Runeninschriften bekannt. Viele Steine wurden im Gedenken an Verstorbene errichtet und standen an Wegen oder Brücken, wo sie öffentlich sichtbar waren.

Auch Runensteine sind keine neutralen Texte.

Sie wurden meist von Familien oder gesellschaftlich einflussreichen Personen in Auftrag gegeben.

Ein Stein sollte einen Menschen ehren und seinen Namen bewahren.

Er berichtete daher eher von Tapferkeit, Besitz und bedeutenden Reisen als von Feigheit, Schulden oder einem gewöhnlichen Tod.

Der Verstorbene konnte als besonders ehrenhaft dargestellt werden, selbst wenn andere Menschen ihn anders erlebt hatten.

Runensteine zeigen also auch, welches Bild eine Familie öffentlich vermitteln wollte.

Der große Jellingstein ist dafür ein herausragendes Beispiel.

König Harald Blauzahn ließ dort verkünden, er habe Dänemark und Norwegen gewonnen und die Dänen zu Christen gemacht.

Die Inschrift ist ein zeitnahes Zeugnis königlicher Selbstdarstellung und des religiösen Wandels.

Sie beweist, dass Harald diesen Anspruch öffentlich erhob.

Sie beweist nicht automatisch, dass jeder Bewohner Dänemarks zu diesem Zeitpunkt bereits überzeugter Christ war oder dass Harald jedes genannte Gebiet lückenlos kontrollierte.

Archäologische Funde zeigen vielmehr, dass das Christentum schon vor Harald bekannt war und ältere religiöse Praktiken noch länger fortbestanden.

Auch im Ausland hinterließen nordische Reisende Runen.

In der Hagia Sophia in Konstantinopel ritzten Menschen nordische Namen in Stein.

Auf dem sogenannten Piräuslöwen wurden längere Runeninschriften angebracht.

Solche Spuren zeigen, dass nordische Menschen tatsächlich in der byzantinischen Welt anwesend waren.

Sie erklären jedoch nicht automatisch, ob der jeweilige Schreiber als Händler, Krieger, Pilger oder Angehöriger der Warägergarde dort war.

Eine Inschrift kann Anwesenheit beweisen.

Ihre genaue Geschichte muss möglicherweise offenbleiben.

Runen wurden auch auf kleinen Holzstäbchen und Alltagsgegenständen verwendet.

Unter günstigen Bodenbedingungen, besonders in feuchten städtischen Schichten, können solche Holzstücke erhalten bleiben.

Sie enthalten Handelsnotizen, Namen, Gebete, persönliche Botschaften oder manchmal Beschimpfungen.

Diese Inschriften zeigen, dass Runenschrift nicht nur für große Denkmäler und mächtige Familien verwendet wurde.

Allerdings ist ihre Erhaltung stark vom Boden abhängig.

Wo Holz verrottete, ist ein großer Teil dieser alltäglichen Schriftkultur vollständig verschwunden.

Auch Münzen sind schriftliche Zeugnisse.

Eine Münze trägt Namen, Titel, Symbole und häufig den Ort oder Herrscher ihrer Prägung.

Münzfunde können zeigen, welche Handelsverbindungen bestanden, wann bestimmte Orte genutzt wurden und wie sich politische Macht ausdrückte.

Eine arabische Silbermünze in einem schwedischen Schatzfund beweist eine Verbindung zum östlichen Handel.

Sie beweist jedoch nicht, dass der Besitzer persönlich im Gebiet ihrer Prägung gewesen war.

Die Münze kann durch viele Hände und über mehrere Märkte nach Skandinavien gelangt sein.

Auch Bleisiegel, Gewichte, beschriftete Schmuckstücke und christliche Kreuze können zeitnahe Informationen liefern.

Sie verbinden materielle und schriftliche Quellen.

Ein Siegel kann einen byzantinischen Beamten nennen.

Der Fundort des Siegels zeigt, dass das Objekt weit gereist ist.

Trotzdem bleibt offen, ob der Beamte selbst dort war, ob ein Vertreter es mitführte oder ob das Siegel später als Gegenstand weitergegeben wurde.

Skaldische Dichtung bildet eine weitere besondere Quellengruppe.

Skalden verfassten kunstvolle Gedichte über Herrscher, Schlachten, Reisen und andere Ereignisse.

Manche Verse könnten bereits während der Wikingerzeit entstanden sein und wurden aufgrund ihrer strengen Form über Generationen vergleichsweise stabil überliefert.

Rhythmus, Stabreim und komplizierte Bildsprache erschwerten größere Veränderungen, ohne dass das Gedicht seine Form verlor.

Die erhaltenen Texte wurden jedoch häufig erst später niedergeschrieben.

Wir können deshalb nicht immer sicher sein, ob jeder Vers tatsächlich aus der angegebenen Zeit stammt oder später einer historischen Person zugeschrieben wurde.

Zeitnahe Zeugnisse sind also nicht automatisch ausführlich.

Oft sind sie gerade deshalb zuverlässig, weil sie nur eine begrenzte Aussage machen:

Dieser Name wurde hier eingeritzt.

Dieser König erhob diesen Anspruch.

Diese Münze gelangte an diesen Ort.

Dieser Mensch wurde auf einer Reise erwähnt.

Die historische Forschung darf diese Aussage nicht künstlich vergrößern.

Ein kurzer Text bleibt ein kurzer Text.

Doch wenn viele solcher kleinen Zeugnisse zusammenkommen, entsteht aus ihnen ein erstaunlich weitreichendes Netz menschlicher Wege und Beziehungen.

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Naturwissenschaftliche Untersuchungs- und Datierungsmethoden

Die Archäologie arbeitet heute eng mit verschiedenen Naturwissenschaften zusammen.

Diese Methoden können Fragen beantworten, die sich allein durch die Form eines Gegenstandes oder durch einen schriftlichen Bericht nicht lösen lassen.

Eine der bekanntesten Methoden ist die Radiokarbondatierung.

Lebende Pflanzen und Tiere nehmen Kohlenstoff aus ihrer Umwelt auf. Ein kleiner Teil davon besteht aus dem radioaktiven Isotop Kohlenstoff-14.

Nach dem Tod eines Organismus wird kein neuer Kohlenstoff aufgenommen. Das vorhandene Kohlenstoff-14 zerfällt mit einer bekannten Geschwindigkeit.

Durch die Messung des verbliebenen Anteils kann bestimmt werden, wann das untersuchte Material ungefähr aufgehört hat, Teil eines lebenden Organismus zu sein.

Damit lassen sich Holz, Knochen, Textilien, Samen und andere organische Materialien datieren.

Das Ergebnis ist jedoch gewöhnlich kein einzelnes Kalenderjahr.

Es ergibt zunächst einen statistischen Zeitraum, der anschließend mithilfe von Kalibrationskurven angepasst wird.

Eine Angabe wie „zwischen 980 und 1030“ bedeutet nicht, dass die Forschenden das genaue Jahr kennen und nur vorsichtig formulieren.

Es bedeutet, dass die Methode innerhalb dieses Bereichs die höchste Wahrscheinlichkeit ergibt.

Auch die Probe muss richtig verstanden werden.

Wenn ein alter Balken in einem jüngeren Haus wiederverwendet wurde, datiert die Untersuchung den Baum beziehungsweise den untersuchten Jahresring – nicht automatisch den Bau des neuen Hauses.

Dieses Problem wird häufig als Altholzproblem bezeichnet.

Ein Stück Treibholz kann bereits viele Jahre alt gewesen sein, bevor es an einer Küste verbrannt oder verarbeitet wurde.

Die Datierung eines Materials und die Datierung eines menschlichen Ereignisses sind daher nicht immer identisch.

Die Dendrochronologie untersucht die Jahresringe von Bäumen.

Breite und schmale Ringe spiegeln die Wachstumsbedingungen verschiedener Jahre wider. Die Abfolge kann mit bereits bekannten regionalen Ringfolgen verglichen werden.

Wenn genügend Ringe vorhanden sind und die passende Vergleichsreihe existiert, lässt sich ein Holzstück sehr genau datieren.

Ist außerdem die äußerste Baumkante erhalten, kann möglicherweise sogar das Fälljahr bestimmt werden.

Ein eindrucksvolles Beispiel ist L’Anse aux Meadows.

Forschende nutzten dort ein ungewöhnlich starkes kosmisches Strahlungsereignis aus dem Jahr 993, das weltweit ein erkennbares Kohlenstoff-14-Signal in den Jahresringen hinterließ.

Von diesem markierten Ring aus zählten sie bis zur erhaltenen Baumkante weiter.

Dadurch ließ sich nachweisen, dass nordische Menschen im Jahr 1021 an der Fundstätte Holz fällten und mit Metallwerkzeugen bearbeiteten.

Diese Datierung ist außerordentlich genau.

Sie beweist jedoch nicht, dass der Stützpunkt genau 1021 gegründet und noch im selben Jahr aufgegeben wurde.

Die Gruppe kann bereits zuvor dort gewesen und später geblieben sein.

Die Methode beweist zunächst eine konkrete Tätigkeit in einem konkreten Jahr.

Auch Isotopenanalysen liefern wichtige Informationen.

Die chemische Zusammensetzung von Zähnen und Knochen kann Hinweise darauf geben, wo ein Mensch seine Kindheit verbrachte, welche Nahrung er zu sich nahm und ob sein Speiseplan überwiegend aus Land- oder Meerestieren bestand.

Zähne entstehen in bestimmten Lebensphasen und verändern ihre grundlegende Zusammensetzung später nur wenig.

Knochen werden dagegen im Laufe des Lebens umgebaut und spiegeln häufig spätere Jahre wider.

Der Vergleich kann deshalb Hinweise auf Wanderungen geben.

Auch hier sind die Ergebnisse nicht mit einer modernen Adresse vergleichbar.

Ähnliche geologische Bedingungen können in verschiedenen Regionen vorkommen.

Eine Isotopenanalyse kann zeigen, dass ein Mensch wahrscheinlich nicht am Ort seiner Bestattung aufwuchs. Sie kann jedoch möglicherweise nicht entscheiden, aus welchem von mehreren passenden Gebieten er genau kam.

Die Analyse alter DNA kann Verwandtschaft, biologische Herkunft und Bevölkerungsverbindungen untersuchen.

Sie hat gezeigt, dass die Menschen der Wikingerzeit genetisch vielfältiger und mobiler waren, als ältere Vorstellungen einer klar abgegrenzten einheitlichen Wikingerbevölkerung vermuten ließen.

Doch auch genetische Daten erklären keine Kultur von selbst.

Ein Mensch mit Vorfahren aus Skandinavien konnte in England aufgewachsen sein, Englisch sprechen und christlich leben.

Ein Mensch ohne überwiegend skandinavische Vorfahren konnte Teil einer nordischen Gemeinschaft werden, altnordisch sprechen und an einer Wikingerfahrt teilnehmen.

Biologische Abstammung und kulturelle Zugehörigkeit sind miteinander verbunden, aber nicht identisch.

Archäobotanik untersucht Pflanzenreste, Samen, Pollen und andere Spuren.

Verkohlte Getreidekörner können zeigen, welche Pflanzen angebaut oder gelagert wurden.

Pollen in Bodenproben können Veränderungen der Landschaft erkennen lassen.

Der Rückgang von Baumpollen und die Zunahme bestimmter Gräser können auf Rodung und Weidewirtschaft hinweisen.

Butternüsse in L’Anse aux Meadows zeigen, dass die nordischen Bewohner oder Mitglieder ihrer Expedition Gebiete erreichten, die südlich des natürlichen Vorkommens am Fundplatz lagen.

Zooarchäologie untersucht Tierknochen.

Die Tierart, das Schlachtalter, Schnittspuren und Verbrennungen können Hinweise auf Viehhaltung, Jagd, Ernährung und handwerkliche Nutzung geben.

Viele Knochen junger Tiere können auf eine bestimmte Form der Fleischproduktion hinweisen.

Ältere weibliche Rinder können zeigen, dass Tiere zunächst für Milch und Zucht gehalten wurden.

Fischknochen können verraten, welche Arten gefangen und möglicherweise über große Entfernungen transportiert wurden.

Metallurgische Untersuchungen analysieren Eisen, Schlacke und andere Produktionsreste.

Sie können feststellen, welche Temperaturen erreicht wurden, welche Rohstoffe verwendet wurden und ob ein Gegenstand repariert, verschweißt oder aus mehreren Metallarten zusammengesetzt wurde.

Die Schlacke von L’Anse aux Meadows beweist nicht nur, dass Eisen vorhanden war.

Ihre Zusammensetzung zeigt, dass dort örtliches Raseneisenerz verhüttet wurde.

Weitere Verfahren untersuchen Fasern, Farbstoffe, Speisereste in Keramik, Ablagerungen auf Zähnen und sogar Parasiten in alten Abfällen.

Damit können Fragen beantwortet werden, die den ursprünglichen Ausgräbern möglicherweise noch gar nicht bekannt waren.

Gerade deshalb werden Fundstücke heute möglichst sorgfältig aufbewahrt.

Eine Probe, die mit einer älteren Methode bereits untersucht wurde, kann Jahrzehnte später mit einer neuen Technik zusätzliche Informationen liefern.

Naturwissenschaftliche Ergebnisse besitzen dennoch Grenzen.

Eine Messung ist nur so gut wie die Probe, ihre Dokumentation und die angewandte Methode.

Verunreinigungen können ein Ergebnis beeinflussen.

Eine falsch zugeordnete Bodenschicht kann zu einer falschen historischen Interpretation führen.

Statistische Wahrscheinlichkeiten können in vereinfachten Darstellungen zu scheinbar sicheren Jahreszahlen werden.

Deshalb dürfen naturwissenschaftliche Daten nicht getrennt von der Archäologie ausgewertet werden.

Eine Datierung sagt, wie alt ein Material wahrscheinlich ist.

Der Fundzusammenhang erklärt, was dieses Material am Ort bedeuten kann.

Und die schriftlichen Quellen können möglicherweise einen historischen Rahmen liefern.

Erst gemeinsam entsteht eine belastbare Aussage.

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Experimentelle Archäologie und Schiffsrekonstruktionen

Manche Fragen lassen sich nicht beantworten, indem ein Gegenstand nur vermessen und in einer Vitrine ausgestellt wird.

Ein Schiff wurde gebaut, um zu schwimmen und zu segeln.

Eine Axt wurde hergestellt, um Holz zu bearbeiten.

Ein Haus sollte Menschen vor Wetter und Kälte schützen.

Wer verstehen möchte, wie gut diese Dinge funktionierten, muss versuchen, sie zu benutzen.

Hier setzt die experimentelle Archäologie an.

Forscher, Handwerker und Seeleute bauen Gegenstände, Gebäude oder Schiffe auf Grundlage archäologischer Funde nach. Dabei verwenden sie möglichst historische Materialien und Werkzeuge.

Anschließend wird untersucht, wie die Rekonstruktion hergestellt und eingesetzt werden kann.

Das Wikingerschiffsmuseum in Roskilde arbeitet seit Jahrzehnten mit dieser Methode. Die fünf Skuldelev-Schiffe wurden zwischen 1983 und 2004 in voller Größe rekonstruiert und bei Fahrten unter unterschiedlichen Bedingungen erprobt.

Bereits der Bau liefert Erkenntnisse.

Eine Zeichnung kann zeigen, welche Form eine Planke hatte.

Erst beim Versuch, sie aus einem Stamm zu spalten, wird deutlich, welche Bäume benötigt wurden, wie viel Material verloren ging und wie erfahren die Handwerker sein mussten.

Ein Werkzeugfund zeigt die Form einer Axt.

Beim praktischen Einsatz zeigt sich, welche Spuren sie im Holz hinterlässt und wie lange ein bestimmter Arbeitsschritt dauert.

Auch unvollständige Funde müssen ergänzt werden.

Bei einem Schiffswrack fehlen möglicherweise große Teile des Bugs, das Segel, die Taue und sämtliche beweglichen Gegenstände.

Die Rekonstruktion zwingt die Forschenden deshalb zu Entscheidungen.

Wie hoch war der Mast?

Wie groß war das Segel?

Wie verliefen die Taue?

Wie schwer durfte der Anker sein?

Diese Entscheidungen werden aus erhaltenen Spuren, Vergleichsfunden, späteren Texten und praktischen Versuchen abgeleitet.

Eine Rekonstruktion ist daher keine Zeitmaschine.

Sie ist eine wissenschaftlich begründete Möglichkeit.

Wenn das nachgebaute Schiff gut segelt, zeigt das, dass die gewählte Lösung funktionieren kann.

Es beweist nicht automatisch, dass die historische Besatzung exakt dieselbe Lösung verwendete.

Seefahrtsversuche können Geschwindigkeit, Wendigkeit, Tiefgang und Ladekapazität untersuchen.

Sie zeigen, wie viele Menschen zum Rudern benötigt werden, wie ein Schiff auf Wellen reagiert und wie stark die Besatzung ihre Position verändern muss.

Sie machen auch praktische Probleme sichtbar, die aus einem ausgegrabenen Rumpf allein kaum erkennbar wären:

Wo können Menschen schlafen?

Wie werden Fässer gesichert?

Wie nass wird die Besatzung?

Wie schnell verschleißen Taue und Ruderbefestigungen?

Wie schwer lässt sich ein Rahsegel bei starkem Wind handhaben?

Solche Erfahrungen haben viele Vorstellungen von den Wikingerschiffen verändert.

Die Schiffe erwiesen sich als leistungsfähig, aber nicht als mühelos zu bedienen.

Sie konnten den Nordatlantik überqueren, verlangten jedoch genaue Abstimmung, ständige Wartung und eine erfahrene Mannschaft.

Experimentelle Archäologie kann auch zeigen, wie lange bestimmte Arbeiten dauerten.

Wie viele Menschen benötigten mehrere Tage oder Wochen, um ein Haus aus Torf und Holz zu errichten?

Wie viel Wolle war für ein Segel erforderlich?

Wie lange dauerte es, aus Raseneisenerz eine kleine Menge brauchbaren Eisens zu gewinnen?

Wie viel Holz und Holzkohle verbrauchte der Vorgang?

Solche Versuche machen die wirtschaftliche Bedeutung eines Gegenstandes verständlicher.

Ein Segel ist dann nicht mehr nur ein Stoffstück an einem Mast.

Es wird zu dem Ergebnis monatelanger oder jahrelanger Arbeit vieler Menschen.

Auch die Grenzen der Methode müssen berücksichtigt werden.

Moderne Versuchsmannschaften kennen Sicherheitsregeln, Wettervorhersagen und die Ergebnisse früherer Fahrten.

Sie besitzen Funkgeräte, Rettungswesten und medizinische Versorgung, selbst wenn diese während des eigentlichen Experiments möglichst wenig eingesetzt werden.

Sie wissen außerdem, dass ihr Schiff bereits einmal in ähnlicher Form existierte und grundsätzlich funktionieren konnte.

Eine historische Besatzung besaß andere Erfahrungen, aber keine moderne Notfallhilfe.

Auch die verwendeten Materialien unterscheiden sich möglicherweise.

Heutige Bäume wuchsen unter anderen Bedingungen.

Moderne Schafe entsprechen nicht vollständig den Tieren der Wikingerzeit.

Ein Handwerker kann versuchen, historische Werkzeuge zu benutzen, bringt aber zugleich modernes Wissen über Material und Statik mit.

Wetter und einzelne Fahrtbedingungen lassen sich ebenfalls nicht exakt wiederholen.

Ein Schiff, das bei einer Versuchsfahrt zwölf Knoten erreicht, fuhr nicht zwangsläufig auf jeder historischen Reise mit dieser Geschwindigkeit.

Günstiger Wind kann eine besonders schnelle Fahrt ermöglichen.

Gegenwind, Flaute und Stürme können dieselbe Strecke erheblich verlängern.

Ein Experiment beantwortet daher meist eine begrenzte Frage:

Kann dieses Schiff mit dieser Besatzung und dieser Beladung unter diesen Bedingungen so segeln?

Es beantwortet nicht automatisch:

Wie verlief Leif Erikssons tatsächliche Reise?

Experimentalarchäologie beweist Möglichkeiten und Grenzen.

Sie ersetzt keine historische Quelle.

Doch sie verbindet archäologische Gegenstände wieder mit menschlicher Handlung.

Ein Schiff wird erneut zum Fahrzeug.

Eine Axt wird wieder zum Werkzeug.

Und eine theoretische Fahrtstrecke wird zu einer Erfahrung aus Wind, Wellen, Müdigkeit und Arbeit.

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Widersprüche zwischen den verschiedenen Quellen

Historische Quellen widersprechen sich häufig.

Das ist kein Zeichen dafür, dass die gesamte Forschung gescheitert ist.

Widersprüche zeigen vielmehr, dass verschiedene Menschen dieselben Ereignisse unterschiedlich erinnerten, deuteten oder darstellten.

Die beiden Vinland-Sagas liefern das bekannteste Beispiel.

Nach der Saga der Grönländer sieht Bjarni Herjólfsson als Erster die westlichen Küsten. Leif Eriksson sucht anschließend gezielt nach ihnen.

Nach der Saga von Erik dem Roten erreicht Leif Vinland zufällig, nachdem er auf der Rückfahrt aus Norwegen vom Kurs abgekommen ist.

Beide Geschichten können nicht in jeder Einzelheit gleichzeitig richtig sein.

Trotzdem stimmen sie darin überein, dass Leif mit Vinland verbunden war und dass von Grönland aus weitere Expeditionen folgten.

Der gemeinsame Kern ist daher stärker als die widersprüchliche Reiseabfolge.

Auch die Rollen einzelner Personen unterscheiden sich.

Freydis erscheint in einer Saga als mutige Frau, die während eines Angriffs nicht flieht.

In der anderen wird sie für den Tod mehrerer Mitglieder einer Expedition verantwortlich gemacht.

Vielleicht gehen beide Darstellungen auf verschiedene Ereignisse zurück.

Vielleicht entstand eine der Fassungen aus einer feindlichen Familientradition.

Vielleicht wurde eine historische Person im Laufe der Überlieferung zu einer literarischen Figur, an der Mut oder Grausamkeit dargestellt werden sollte.

Eine sichere Lösung gibt es nicht.

Schriftliche Quellen und Archäologie können ebenfalls unterschiedliche Bilder vermitteln.

Die Sagas berichten ausführlich über bestimmte Personen und Ereignisse.

L’Anse aux Meadows enthält dagegen keine Namen.

Die Archäologie beweist die nordische Anwesenheit, kann den Stützpunkt aber keiner Sagafigur zweifelsfrei zuordnen.

Hier widersprechen sich die Quellen nicht direkt.

Sie beantworten unterschiedliche Fragen.

Die Saga nennt Menschen ohne materiellen Beweis.

Die Fundstätte beweist Tätigkeiten ohne Namen.

Erst gemeinsam entsteht die vorsichtige Annahme, dass der Ort mit den überlieferten Vinlandfahrten zusammenhängt.

Manchmal korrigiert die Archäologie verbreitete Vorstellungen, die aus späteren Darstellungen stammen.

Helme mit Hörnern gehören zum modernen Wikingerbild. Archäologisch sind sie als gewöhnliche Kampfhelme nicht nachgewiesen.

Kettenhemden erscheinen in Erzählungen und modernen Bildern häufig. Die Fundlage zeigt jedoch, dass sie kostbar und wahrscheinlich nur einer Minderheit zugänglich waren.

Große Schwerter fallen in Museen auf. Speere, Äxte, Werkzeuge und Alltagsgegenstände waren für wesentlich mehr Menschen bedeutsam.

Auch ausländische Chroniken können ein verzerrtes Bild erzeugen.

Klösterliche und königliche Schreiber berichteten besonders über Überfälle, Kriege und politische Krisen.

Ein friedlicher Händler, der Waren verkaufte und wieder abreiste, hinterließ seltener einen dramatischen Chronikeintrag.

Dadurch erscheinen nordische Menschen in manchen Texten fast ausschließlich als Angreifer.

Archäologische Handelsplätze, Münzen, Gewichte und importierte Waren zeigen dagegen, wie wichtig friedlicher Austausch ebenfalls war.

Umgekehrt darf die Betonung von Handel und Handwerk die Gewalt nicht verdrängen.

Chroniken, Massengräber, zerstörte Orte und Sklavenhandel belegen, dass Raub, Krieg und Verschleppung reale Bestandteile der Expansion waren.

Ein ausgewogenes Bild entsteht nicht, indem eine unangenehme Quellengruppe gegen eine angenehmere ausgetauscht wird.

Beide Seiten müssen berücksichtigt werden.

Auch Datierungen können scheinbar widersprechen.

Eine schriftliche Quelle ordnet ein Ereignis einem bestimmten Jahr zu.

Eine Radiokarbondatierung ergibt einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten.

Das ist nicht zwangsläufig ein echter Konflikt.

Die naturwissenschaftliche Methode besitzt einen Unsicherheitsbereich. Der Text kann ein Ereignis später falsch datiert haben – oder die Probe gehört zu einem anderen Vorgang.

Erst der genaue Fundzusammenhang zeigt, ob beide Angaben tatsächlich dasselbe Ereignis betreffen.

Bei jedem Widerspruch stellen Forschende deshalb mehrere Fragen:

Wann entstand die Quelle?

Wie weit war ihr Verfasser vom Ereignis entfernt?

Woher konnte er seine Informationen haben?

Für welches Publikum schrieb er?

Welche politische, religiöse oder familiäre Absicht könnte bestanden haben?

Ist die Aussage auch in einer unabhängigen Quelle enthalten?

Passt sie zu den archäologischen Funden?

Gibt es eine naturwissenschaftliche Datierung?

Und welche alternative Erklärung ist möglich?

Eine zeitgenössische Quelle erhält bei einer konkreten Datumsangabe häufig größeres Gewicht als eine Jahrhunderte später niedergeschriebene Saga.

Doch auch die zeitgenössische Quelle kann parteiisch oder schlecht informiert sein.

Eine Saga kann in ihrer genauen Chronologie unsicher sein und trotzdem ältere geografische Kenntnisse zuverlässig bewahrt haben.

Archäologische Funde können eine Tätigkeit beweisen, aber den Namen der beteiligten Person offenlassen.

Widersprüche werden deshalb nicht einfach durch eine Rangliste gelöst, in der eine Quellengattung immer gewinnt.

Die Antwort hängt von der jeweiligen Frage ab.

Manchmal bleibt nur die Feststellung:

Wir wissen es nicht.

Das ist kein Versagen.

Es ist das Ergebnis einer sorgfältigen Prüfung, bei der die vorhandenen Quellen keine eindeutige Entscheidung erlauben.

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Gesicherte Erkenntnisse, begründete Annahmen und offene Fragen

Am Ende historischer Forschung steht selten eine Welt, in der jede Frage eindeutig beantwortet ist.

Stattdessen entstehen unterschiedliche Grade von Sicherheit.

Für diese Webseite werden deshalb drei Ebenen voneinander unterschieden:

gesicherte Erkenntnisse,

begründete Annahmen

und offene Fragen.

Eine Erkenntnis gilt als gesichert, wenn mehrere belastbare Belege übereinstimmen oder ein eindeutiger direkter Nachweis vorhanden ist.

Gesichert ist beispielsweise, dass nordische Menschen Nordamerika erreichten.

L’Anse aux Meadows enthält Gebäude, Werkstätten und Gegenstände nordischer Herkunft.

Die dortige Eisenverarbeitung und die Schiffsreparaturen passen zur Technik der nordischen Welt.

Naturwissenschaftlich ist nachgewiesen, dass im Jahr 1021 Holz mit Metallwerkzeugen bearbeitet wurde.

Gesichert ist außerdem, dass die Menschen der Wikingerzeit unterschiedliche Schiffstypen bauten.

Die ausgegrabenen Schiffe von Skuldelev, Oseberg, Gokstad und anderen Fundorten existieren materiell.

Ihre Planken, Nieten, Kiele und Spanten können vermessen werden.

Auch die Klinkerbauweise ist keine Vermutung, sondern unmittelbar an den Schiffsfunden erkennbar.

Gesichert ist, dass nordische Siedlungen auf Island und Grönland bestanden.

Höfe, Kirchen, Gräber, Werkzeuge und Tierknochen belegen ein Leben über viele Generationen.

Gesichert ist ebenfalls, dass nordische Menschen Handel bis nach Osteuropa, Byzanz und in den islamischen Raum betrieben und dort zeitweise lebten oder dienten.

Münzen, Runen, Gegenstände und schriftliche Berichte bestätigen diese Verbindungen.

Eine begründete Annahme geht über den unmittelbaren Beweis hinaus, wird aber durch mehrere Hinweise gestützt.

Sehr wahrscheinlich diente L’Anse aux Meadows als Basislager für weitere Erkundungs- und Beschaffungsfahrten.

Die Lage, Schiffsreparaturen, Lagerräume und die aus südlicheren Gebieten stammenden Butternüsse sprechen dafür.

Eine vollständig erhaltene Anweisung mit dem Text „Dieses Lager dient der Erkundung Vinlands“ wurde jedoch nicht gefunden.

Sehr wahrscheinlich entspricht Markland zumindest ungefähr den bewaldeten Küsten Labradors.

Die Lage südlich der arktischen Steinlandschaften, die Wälder und die Erreichbarkeit von Grönland passen zur Sagaüberlieferung.

Eine moderne Grenze Marklands ist jedoch nicht bekannt.

Wahrscheinlich war Vinland keine einzelne kleine Bucht, sondern eine größere von nordischen Expeditionen erkundete Region.

L’Anse aux Meadows kann am nördlichen Zugang oder innerhalb dieses Raumes gelegen haben.

Wie weit Vinland nach Süden reichte, bleibt offen.

Sehr wahrscheinlich war Leif Eriksson eine historische Person aus der Familie Eriks des Roten.

Mehrere Überlieferungen verbinden ihn mit Grönland, Vinland und der Christianisierung.

Seine persönliche Anwesenheit in L’Anse aux Meadows ist dagegen nicht bewiesen.

Auch manche Aussagen über den Alltag bleiben begründete Annahmen.

Wenn Jagdwaffen, Tierknochen und bekannte Umweltbedingungen zusammenpassen, lässt sich rekonstruieren, wie Menschen wahrscheinlich jagten und Tiere nutzten.

Wir besitzen jedoch keine vollständige Anleitung eines Jägers aus dem Jahr 1000.

Wenn ein offenes Schiff keine Kabinen besaß, ist klar, dass die Besatzung zwischen Ladung, Ruderplätzen und Ausrüstung schlafen musste.

Wie genau jeder Mensch seinen Schlafplatz einrichtete, kann je nach Schiff und Reise unterschiedlich gewesen sein.

Offene Fragen bleiben dort, wo die Quellen nicht ausreichen oder mehrere Erklärungen gleich gut möglich sind.

Offen ist die genaue Lage und Ausdehnung Vinlands.

Offen ist, wie viele nordische Fahrten Nordamerika erreichten.

Offen ist, wie viele Lagerplätze neben L’Anse aux Meadows bestanden.

Offen ist, ob Leif Eriksson selbst an der bekannten Fundstätte lebte.

Offen ist, welche konkrete indigene Gemeinschaft den nordischen Gruppen bei jeder einzelnen Begegnung gegenüberstand.

Offen ist, wie lange die Fahrten nach Markland oder Vinland nach dem ersten Siedlungsversuch fortgesetzt wurden.

Auch die genauen Gründe für die Aufgabe des nordamerikanischen Stützpunktes bleiben offen.

Entfernung, geringe Bevölkerungszahl Grönlands, wirtschaftlicher Aufwand und Konflikte mit der indigenen Bevölkerung sind überzeugende Faktoren.

Welcher davon am Ende den Ausschlag gab, wissen wir nicht.

Vielleicht gab es keine einzige endgültige Entscheidung.

Vielleicht wurde zunächst nur eine weitere Fahrt verschoben.

Dann fehlte ein Schiff.

Ein wichtiger Anführer starb.

Andere Handelswege wurden dringlicher.

Und aus einer unterbrochenen Verbindung wurde allmählich eine Erinnerung.

Auch bei bekannten Persönlichkeiten bleiben große Lücken.

Wir kennen Leif Erikssons Namen und die wichtigsten ihm zugeschriebenen Taten.

Wir wissen nicht, wie seine Stimme klang, wie er aussah oder welche Bedeutung er selbst seiner Westfahrt gab.

Wir kennen Erik den Roten aus den Sagas.

Wir besitzen keinen persönlichen Bericht von ihm.

Wir kennen Könige aus Runensteinen und Chroniken.

Die meisten gewöhnlichen Menschen blieben namenlos.

Geschichte darf diese Lücken nicht mit frei erfundenen Tatsachen füllen.

Ein Roman darf Figuren sprechen, denken und handeln lassen.

Eine historische Webseite muss kenntlich machen, wo die gesicherten Erkenntnisse enden und die erzählerische Gestaltung beginnt.

Das bedeutet nicht, dass historische Texte trocken oder vorsichtig bis zur Unverständlichkeit werden müssen.

Man kann eine Welt anschaulich beschreiben, wenn die Grundlagen bekannt sind.

Wir wissen, wie ein Langhaus aufgebaut war.

Wir wissen, dass Feuer, Rauch und Enge zum Leben darin gehörten.

Wir wissen, welche Arbeiten auf einem Hof anfielen.

Wir wissen, wie Schiffe konstruiert waren und welche Vorräte sie benötigten.

Daraus lässt sich eine glaubwürdige Umgebung beschreiben.

Was wir nicht als historische Tatsache ausgeben dürfen, ist ein bestimmtes Gespräch, für das keine Quelle existiert.

Gerade diese Trennung macht die Geschichte nicht ärmer.

Sie macht sichtbar, wie außergewöhnlich viel trotz der vergangenen tausend Jahre noch erkennbar ist.

Einige Holzteile, flache Hauswälle, verbrannte Körner und kurze Runensätze reichen aus, um ganze Handelswege und Lebensformen zu rekonstruieren.

Jahresringe können ein einzelnes Jahr festhalten.

Schiffsplanken zeigen die Entscheidungen eines längst verstorbenen Baumeisters.

Eine Saga kann eine Erinnerung bewahren, die später durch einen Fund auf einem anderen Kontinent ihren historischen Kern zurückerhält.

Die Geschichte der Wikinger ist deshalb kein fertiges Bild.

Sie ähnelt einem Mosaik.

Manche Teile sind deutlich erhalten.

Andere lassen sich aus den angrenzenden Stücken erschließen.

Und an einigen Stellen bleibt eine Lücke.

Eine verantwortungsvolle Darstellung versucht nicht, diese Lücke heimlich zu übermalen.

Sie zeigt, was wir wissen.

Sie erklärt, warum wir es wissen.

Und sie sagt ebenso offen, was weiterhin unbekannt ist.

Damit endet der historische Überblick über die Wikinger.

Die Menschen dieser Epoche hinterließen keine vollständige eigene Beschreibung ihrer Welt.

Trotzdem sind ihre Spuren überall vorhanden:

in Häusern und Gräbern,

in Schiffen und Werkzeugen,

in Münzen und Runen,

in fremden Chroniken,

in isländischen Sagas

und sogar in den Jahresringen eines Baumes auf Neufundland.

Jede Quelle zeigt nur einen Ausschnitt.

Zusammen erzählen sie von Bauern, Handwerkern, Händlern, Familien, Kriegern und Seefahrern.

Sie zeigen eine Gesellschaft, die in Skandinavien verwurzelt war und Verbindungen über mehrere Kontinente aufbaute.

Sie zeigen Menschen, die mit ihren Schiffen bis an die Küsten Nordamerikas gelangten.

Und sie zeigen zugleich die Grenzen unseres Wissens.

Zwischen gesicherter Geschichte und erzählerischer Freiheit liegt kein Widerspruch, solange beides voneinander unterscheidbar bleibt.

Die historischen Quellen bilden deshalb nicht nur den Abschluss dieses Abschnitts.

Sie bilden das Fundament, auf dem die gesamte historische Welt hinter „Zurück in Vinland“ steht.

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